Der Papst, der Professor, und die Welt da draußen

Sind drei Tage lang zusammen im Vatikan eingesperrt: zig Kardinäle und ein Psychoanalytiker. Den spielt Nanni Moretti selber.

Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Nanni Moretti. Deshalb bin ich auch in „Habemus Papam“ gegangen (in eine Preview, in die Kinos kommt der Film in Deutschland am 8. Dezember). Obwohl die Kritiken schlecht waren. Flache Komödie, schwülstig, nichts Besonderes, hieß es.

Natürlich kann man den Film so sehen. Man kann ihn lesen als eine müde Inszenierung alter Streitereien. Hier die Kirche, da die säkulare Welt. „Sie wissen ja, dass das Konzept der Seele mit dem des Unbewussten nicht zu vereinbaren ist“, belehrt zum Beispiel ein Kardinal den Psychoanalytiker (gespielt von Moretti selber). Dieser „Professor“, wie der Analytiker (jedenfalls in der italienischen Fassung) nur genannt wird, ist in den Vatikan gerufen worden, um den neu gewählten Papst zu therapieren. Denn derjenige, auf den die Wahl unerwartet fiel, behauptet, er könne die Last der Verantwortung nicht tragen. Er weigert sich, auf den Balkon des Petersdoms zu treten und sich den Gläubigen zu zeigen. Stattdessen haut er ab, raus, auf die Straßen Roms.

Genau das ist das Setting des Films: Die Papstwahl ist vollzogen, der weiße Rauch war zu sehen, und das „Habemus Papam“ ist verkündet. Aber die Öffentlichkeit weiß noch nicht, wer es ist. Dass der Papst verschwunden ist, wird geheim gehalten. Und im Vatikan weiß niemand, wie es weitergehen soll. So ein Fall ist im Protokoll nicht vorgesehen.

In den drei Tagen, die die Filmhandlung beschreibt, dürfen die Kardinäle und der Professor den Vatikan nicht verlassen. Das Konklave ist noch nicht beendet, also kein Kontakt zur Außenwelt. Zwei Männer-Kulturen begegnen sich hier, und das ist in vielen kleinen Details wunderschön inszeniert. Zum Beispiel in folgender Szene: Der Professor veranstaltet mit den versammelten Kardinälen ein Volleyballturier, um die Zeit zu vertreiben. Einer der alten Herren fragt, ob man denn nicht stattdessen Völkerball spielen könne. „Völkerball spielt man schon seit fünfzig Jahren nicht mehr!“ entgegnet der entgeisterte Professor. Ein winziger Satz, der gleichzeitig die Weltfremdheit der einen zeigt wie auch die Bedeutungslosigkeit der anderen, die sich allen Ernstes etwas darauf einbilden, dass sie Völkerball durch Volleyball ersetzt haben.

Wer in dem Film nur diese Begegnung zwischen einer alten und einer neuen Variante von „Patriarchat“ erkennt, mag ihn wirklich für belanglos halten. Doch das ist nur der Nebenschauplatz. An dem mir übrigens gut gefallen hat, dass die Welt der Kardinäle ohne Häme gezeigt wird, ohne Besserwisserei, ohne billige Anti-Kirchen-Polemik, ohne allzu viele erwartbare Klischees. Man mag die alten Männer irgendwie, man sieht ihre Menschlichkeit und ihr Bemühen, gut zu sein.

Der neu gewählte Papst sucht Zuflucht im richtigen Leben.

Doch das eigentliche Geschehen spielt sich anderswo ab, vor den Mauern der Kirche. Zwischen dem entflohenen Papst und der wirklichen Welt. Einer Welt, die von Frauen bevölkert ist. Frauen, die sich aufmerksam um den alten Mann kümmern, ohne ihn aber allzu wichtig zu nehmen. Sie wissen ja nicht, dass es der Papst ist, und deshalb können sie den Menschen sehen. Sie fragen ihn ganz normale Dinge: Wo denn seine Familie ist und seine Freunde, ob er schon mal mit jemandem über seine Probleme gesprochen hat, ob er ein Glas Wasser will. Sie leihen ihm ihr Handy. Sie sind nett zu ihm, aber sie brauchen nichts von ihm. Sie haben ihre eigenen Sachen zu tun.

Etwas Angst hatte ich vor dem Schluss des Films. In einer Besprechung hatte ich gelesen, der Papst würde am Ende eine große Rede halten, man verglich sie sogar mit der berühmten Rede am Ende von Chaplins „Der große Diktator“. Ich befürchtete, eine solche Rede würde den ganzen Film ruinieren.

Ein alter Mann, allein unter einer Milliarde Gläubigen.

Aber ich hätte eigentlich wissen können, dass Nanni Moretti mich nicht enttäuscht.

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