Warum ich nicht mehr über Care und Gender sprechen will

Wenn über Care gesprochen wird, werden fast immer im selben Atemzug seine geschlechtsspezifischen Aspekte betont: dass Frauen viel mehr unbezahlte und schlecht bezahlte Carearbeit leisten als Männer, dass sie dadurch auf dem Erwerbsarbeitsmarkt benachteiligt sind, dass sie verarmen und so weiter. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, die Beschäftigung mit Care sei vor allem ein „Frauenthema“, ein Problem der Frauen, das angegangen werden muss, um Frauen zu helfen und sie nicht länger zu diskriminieren. So tritt die Care-Thematik als ein partikulares Anliegen bestimmter Menschen ins Bewusstsein und bekommt den Charakter eines Teilproblems, das sich mit ein bisschen gutem Willen im Rahmen der gegebenen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen lösen lässt. Man muss eben nur die Erzieherinnen besser bezahlen oder die Hausarbeit gerechter zwischen den Geschlechtern verteilen. Die Care-Frage ist aber kein Unterkapitel der Gleichstellungs-Frage. Sie hat mit Emanzipation eigentlich gar nichts zu tun, jedenfalls nichts Wesentliches. Care-Aktivismus ist Handeln aus Verantwortung für die Welt, nicht aus Lobbyismus für Fraueninteressen. Care-Aktivismus weist darauf hin, dass die symbolischen Ordnungen, die Politik und Kultur derzeit prägen, unrealistisch, ungerecht, menschenfeindlich sind.

… Einen längeren Artikel dazu habe ich gestern in bzw-weiterdenken geschrieben.

9 Gedanken zu „Warum ich nicht mehr über Care und Gender sprechen will

  1. Im Prinzip gebe ich Dir recht, dass Care-Arbeit ein ökonomisches Problem und kein Gender-Thema ist. Aber wenn man das konsequent so handhaben will, dann muss man entweder bei der Suche nach Lösungen für die mangelnde Honorierung von Care-Arbeit berücksichtigen, dass ein Mann, der einer Frau die Türe aufhält, anbietet den schweren Koffer zu heben oder ihr die Welt erklärt, ein Care-Arbeiter ist, für den dieselben (abstrakten) Lösungen anwendbar sein müssen.
    Oder Du musst erklären, warum ein solcher „wohlwollender Chauvinist“ kein Care-Arbeiter ist und zwar ohne dabei in irgendeiner Weise auf Sexismustheorien zurückzugreifen.

  2. Ich habe eine interessierte Frage zum Thema „Care-Arbeit“. Können Sie mir einen Tipp geben, wo ich eine griffige Definition finde, was alles unter „Care“ fällt? Oder können Sie das selbst kurz umreißen?

  3. Und ja, Care ist kein Frauen bezogenes Unterkapitel:
    “ ist Care aber nicht ein weiteres Unterkapitel von Wirtschaft, sondern eher ist Wirtschaft ein Unterkapitel von Care. Care ins Zentrum zu stellen bedeutet mehr, als hier oder da an einem Schräubchen zu drehen.“

    Nur so, wie du das begründetst (mit einer Behauptung), ist das ungenügend.
    „Care“ ist bereits evolutionär biologisch in Mensch angelegt, das andere treffendere Wort dafür ist der Mutualismus, die Kooperation zum gegenseitigen Nutzen auf allen Bereichen, oder anders: das ORGANISCHE Ganzheitsstreben einer jeden biologischen wie sozialen Entität.
    Dabei geht es nicht um Nutzen als Profit, sondern um den benötigten Nutzen zur Selbsterhaltung und Entfaltung des eigenen Organismus wie zugleich der gesamten ART.

    In der menschlichen Evolution (und nicht nur dort) setzte sich bekanntlich das durch, was „the fittest“ war (Darwin).
    Nur was war „the fittest“?
    Das, was der Ganzheit jeweils am angepassten „dienen“ konnte, der eigenen und der Ganzheit der Art den höchsten Ganzheitseffekt (Emergenz) verschaffen konnte, der nur durch komplexe organisch verflochtene auf dieses GANZE gerichtetes (systemische) Wirken den heftigsten und nachhaltigsten Nutzen erwerben und sicher liess: KOOPERATION, ganzheitlich (systemisch) strukturierte.
    (s.a. L-V.Bertalanffy/ die „Allgemeine Systemtheorie“).

    Das ist das Geheimnis, das Mensch zum Menschen werden liess: Unterschiede im Inneren wie nach aussen systemisch erfassen und zum ganzheitlichen (!) Vorteil verarbeiten.
    Prof. Joh. Bauer bezeichnet den biologischen Hintergrund dafür als „Kooperative Gene“ (im Gegensatz zu R. Dawkin mit seinem evolutionsbiologischem Fake der „egoistischen Gene“).

    Was sagt uns das in diesem Zusammenhang?
    Mensch hat sich ausschliesslich aufgrund seiner Notwendigkeit und Fähigkeit zur sozialen mutualistischen Kooperation bereits als biologisches Funktionsmuster entwickelt und durchgesetzt – DAS ist sein UR-Wesen, und damit auch wichtigster Teil seines Sozial-Codes.
    Wir können es auch als CARE bezeichnen, denn sämtliche Aktivität und Koordination menschlichen Daseins hat nur ein (ganzheitliches) Ziel: Die Erhaltung und Entwicklung der (gesamten, ganzheitlichen) ART, Care eben.
    So ergibt sich, dass jegliche Wirtschaft und Tätigkeit menschlicher Gesellschaft auf DIESES Ziel sich konzentrieren muss – oder die Gesellschaft erlischt als Ganzheit, als Art.
    Care, Sozialität, ist also nicht per order de mufti Zentrum unseres Lebens, oder aus irgendeiner ideologischen Betrachtungsweise heraus, sondern sowohl biologisch wie sozial bestimmendes Wesensmerkmal von Mensch, daher allem Anderen voran zu stellen und über zu ordnen.

    Allein so funktionierende Organismen sind in der Lage, ganzheitlich jedem Teil Teilhabe und Teilnahme zu ermöglichen, Mutualität als solidarisches Wesensmerkmal.
    Die Wohlstandsfrage ist also nur sekundär eine Verteilungsfrage, sie ist primär eine Systemfrage der Teilhabe aller für jedes betroffene Ganze und deren Ganzes, da andere Exaltierungen die Vernichtung der sozialen und damit biologischen Ganzheit der Art in ihrer Umwelt als WesensIDENTITÄT zerstören.
    Care ist zentrales Ziel allen Handelns, und nicht Ergebnis zufällig daran werkelnder Teile des Ganzen, und „hat nichts mit dem esoterisch oder konstruktivistisch betriebenen Gender zu tun.
    Und ja, nicht zuletzt ist diese Art über CARE zu denken und zu reden nichts anderes, als eine „Widerentdeckung des SELBSVERSTÄNDLICHEN“, eigentlich …

  4. Für sehr zentral halte ich Antjes Aussage:
    “Care-Aktivismus ist Handeln aus Verantwortung für die Welt, nicht aus Lobbyismus für Fraueninteressen. Care-Aktivismus weist darauf hin, dass die symbolischen Ordnungen, die Politik und Kultur derzeit prägen, unrealistisch, ungerecht, menschenfeindlich sind.”

    So kann es auch keine ‘richtige Entlohnung im falschen (Wirtschafts)System geben’ (frei nach Adorno ;-)) Für notwendig erachte ich, dass dies bei Arbeitskämpfen um bessere Löhne mit bedacht und ausgesprochen gehört um nicht in einer Selbstbefriedigungs / Konkurrenzfalle hängen zu bleiben.
    Anstatt sich vor allem um ein Stück des systemisch vergifteten Jetztzeit-Kuchen zu streiten, wäre die Besinnung auf einen Slogan der Frauenbewegung aus den 70er Jahren von Nöten:
    „Wir wollen nicht die Hälfte vom Kuchen, wir wollen einen anderen Kuchen“.
    Nun ist das hier zwar kein Rezept-Blog, aber doch ein Blog in dem *Zutaten für einen anderen (Welt)Kuchen* gesammelt werden können, die DAS GUTE LEBEN FÜR ALLE ermöglichte. 🙂

    Dass Kuchenbacken keine Frage des Geschlechts ist, wissen wir ja nun schon etwas länger . So bleibe ich mal penetrant zuversichtlich, dass in der öffentlichen Care-Ökonomie-Debatte Care nicht weiter als Unterkapitel der Gleichstellungsfrage diskutiert wird, sondern als eine Frage, die deutlich macht: *Es geht um’s Ganze*.

  5. Warum hat es dich dann neulich gestört, dass der Erzieherinnenstreik ein ganz normaler Arbeitskampf war? Dadurch wurde doch immerhin ein Aspekt des Themas angepackt und auch nicht explizit als Gender-Frage.

  6. @irene_muc – weil man das Problem, auf das „Care-Ökonomie“ hinweisen will, nicht mit klassischem Arbeitskampf lösen kann. Nichts gegen mehr Geld für Erzieherinnen, aber nicht unter dem Label Care-Revolution.

  7. Ute, du schriebst:

    Für notwendig erachte ich, dass dies bei Arbeitskämpfen um bessere Löhne mit bedacht und ausgesprochen gehört um nicht in einer Selbstbefriedigungs / Konkurrenzfalle hängen zu bleiben.

    Die Gewerkschaften treiben die Leute bestimmt nicht ins Konkurrenzdenken, das passiert eher dort, wo man alleine da steht. Dann neiden Leute in Leiharbeit den Arbeitslosen das Hartz-IV-Geld oder die Hartz-IV-Empfänger beargwöhnen andere Hartz-IV-Empfänger, die nicht in exakt derselben Situation oder aus demselben Milieu sind. Deshalb gibt es da auch wenig Solidarität, aber viel Warten auf den Messias (aka Götz Werner).

  8. Irene (@irene_muc) – Den Faktor Neid betrachte ich als eine menschliche Grundkonstante, die je nach gesellschaftlichen Verhältnissen ‚kultiviert‘ wird. Somit auch nicht verwunderlich, wenn
    sich benachteiligt fühlende Menschen eine Projektionsfläche für ihr
    Neidgefühl suchen. Diese Emotion wird allerdings auch vom vorherrschenden profitgetriebenen Wirtschaftssystem gefördert bis ausgebeutet, bis dahin, dass die Ausgebeuteten gegeneinander konkurrieren.
    Auch heutige Gewerkschaften spielen innerhalb dieses Systems mit, wenn ihre Arbeitskämpfe sich vor allem um ein paar Prozent Lohnerhöhung drehen, wobei schon absurd ist, dass
    fast immer diejenigen, die eh schon gut und mehr verdienen, nochmal die berühmte Schippe drauf gelegt bekommen.

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