Grundeinkommen à la Straubhaar: Da fehlt doch was!

Morgen ist der 1. Mai, der Tag der unsichtbaren Arbeit, und passend dazu könnt Ihr das Interview in der aktuellen Ausgabe von Brandeins lesen, in dem Thomas Straubhaar sein Modell für ein Bedingungsloses Grundeinkommen vorstellt (ich weiß nicht, ob der Link bei euch funktioniert oder nur bei mir mit Digitalabo – wenn nicht, müsst Ihr noch etwas warten, die Brandeins schaltet Texte irgendwann nach und nach frei.)

Straubhaar ist ein etablierter Ökonom, der sich schon lange für ein Grundeinkommen einsetzt und dabei tapfer gegen den Mainstream seiner Kolleg_innen schwimmt, womit er sich natürlich auch ein bisschen interessant macht. Aber gut, jeder Mitstreiter ist willkommen – oder nicht?

Leider teilt Straubhaar mit dem Gros der männlichen Grundeinkommens-Befürworter die Blindheit für die Anforderungen von Care. Deshalb wird sein Modell nicht funktionieren und lässt sich von den Gegner_innen der Grundeinkommens-Idee entsprechend leicht auseinander nehmen.

Dabei sind einige Aspekte durchaus interessant. Anders als die Gruppe um Götz Werner, Daniel Häni und Enno Schmid möchte Straubhaar das Grundeinkommen nicht über höhere Mehrwertsteuern finanzieren (also die Steuern beim Konsum abschöpfen), sondern an der Stelle, wo Geld aus dem Produktionskreislauf herausgenommen und einzelnen Personen zum Konsum zur Verfügung gestellt wird. Konkret schlägt er eine Steuerquote von 50 Prozent auf alle Einkünfte vor, egal ob diese aus Erwerbsarbeit oder aus Kapitalerträgen stammen.

Das heißt: Alle Menschen bekommen 1000 Euro im Monat, also 12.000 Euro im Jahr bedingungslos und steuerfrei ausbezahlt. Alle zusätzlichen Einnahmen, woher auch immer sie stammen, müssen sie mit 50 Prozent versteuern. Die Steuerquote steigt also von 0 Prozent (bei allen, die nur das Grundeinkommen haben) auf nahezu 50 Prozent (bei denen, die so viel verdienen, dass die steuerfreien 12.000 nicht groß ins Gewicht fallen).

Unbezahlte und damit meist unsichtbare Arbeit bleibt auch in diesem Modell unbezahlt und unsichtbar. Wer auf Erwerbsarbeit verzichtet, um Kinder zu erziehen oder Alte zu pflegen, steht ökonomisch nicht anders da, als wer auf Erwerbsarbeit verzichtet, um für den nächsten Triathlon zu trainieren, sich durch die Deutsche Bibliothek zu lesen oder auch gar nichts zu tun.

Man könnte nun einwenden, dass das vielleicht nicht ideal, aber ja auch nicht schlimmer ist als heute. Das stimmt (abgesehen davon, dass das Ehegattensplitting bisher tatsächlich noch jedenfalls von der Idee her einen materiellen Ausgleich für Care-Arbeit sein soll). Aber es kommt im Straubhaar-Modell dann noch schlimmer. Er will nämlich auch alle Sozialversicherungen abschaffen, ob Rente, Erwerbsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit und so weiter – das ist alles entweder mit den 1000 Euro Grundeinkommen abgesichert oder muss zusätzlich privat versichert werden, was natürlich Leute, die von 1000 Euro im Monat leben, sich nicht leisten können. Auch die obligatorische Krankenversicherung soll nach Straubhaars Vorstellungen noch aus den 1000 Euro bezahlt werden.

Wenn die Leute aber kein Geld haben, um eine Sozialversicherung abzuschließen (aus der dann gegebenenfalls Care-Arbeit bezahlt werden könnte), wenn diese Sozialversicherungen, abgesehen von der Krankenversicherung, noch nicht einmal mehr wie heute automatisch mit „sozialversicherungspflichtigen“ Erwerbsarbeitsplätzen verknüpft sind, dann bedeutet das, dass der Bedarf an unbezahlter Care-Arbeit im Vergleich zu heute noch steigen wird. So wie er ja schon seit einiger Zeit kontinuierlich ansteigt, nicht nur weil der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung steigt (die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Care-Assistenz benötigen), sondern auch, weil die professionelle Care-Arbeit immer effizienz- und gewinnorientierter arbeiten muss: An Pflege wird gespart, aber jemand muss sich ja um die Leute kümmern, die noch blutend und hilflos aus den Krankenhäusern entlassen werden.

In Straubhaars eigenen Einkommensklassen lässt sich das natürlich bezahlt organisieren, durch Reinigungskräfte, Pflegedienste und andere Dienstleister. Aber von 1000 Euro Grundeinkommen ohne weitere soziale Absicherung eben nicht.

Unterm Strich ist Straubhaars Modell also nur denkbar, wenn es viele, viele Menschen gibt, die statt erwerbstätig zu sein, diese Arbeit unbezahlt machen. Einen dieser Fälle hat auch Straubhaar auf dem Schirm, nämlich Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern. Die erwähnt er ausdrücklich.

Nun sind Kinder aber auch tatsächlich derjenige Fall von Bedürftigkeit, in denen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit jemand da ist, der diese Care-Arbeit machen möchte: Kinder werden ja geboren, das heißt, es ist mindestens eine Schwangere vorhanden, die sich entschieden hat, dieses Kind zur Welt zu bringen. Höchstwahrscheinlich wird sie sich vorher überlegt haben, dass dann auch jemand für es sorgen muss. Und häufig gibt es auch noch einen Vater oder andere Menschen, die sich ebenfalls auf das Kind freuen und bereit sind, sich drum zu kümmern.

Aber es sind eben nicht nur kleine Kinder auf die Care-Arbeit anderer angewiesen. Auch Erwachsene werden krank, viele Menschen sind irgendwann mal hilfs- und pflegebedürftig, und je älter wir werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir nicht mehr alleine für uns sorgen können. Und dann ist es eben nicht selbstverständlich so, dass andere Menschen da sind, die freiwillig und ohne Bezahlung diese Arbeit für uns machen. Vielleicht gibt es einen Ehepartner, vielleicht Kinder oder Enkel, vielleicht Nachbarinnen – vielleicht aber auch nicht.

Doch genau das ist eine implizite Voraussetzung in Straubaars Modell: Dass sich auf jeden Fall jemand finden wird, der unbezahlt für Menschen sorgt, die darauf angewiesen sind. Und weil das aber total unrealistisch ist, funktioniert das Modell nicht. Es ignoriert die menschliche Bedürftigkeit und geht stattdessen vom autonomen erwachsenen, für sich selbst sorgenden Menschen als Modell aus. Es ist eine Illusion, die in der Realität wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen muss.

Wir brauchen ein ökonomisches Modell, das die Notwendigkeit von Care Arbeit anerkennt und eine Lösung hat auch für die Fälle, in denen die bedürftigen Personen nicht so reich sind, dass sie sich die Assistenz und Pflege zu einem marktüblichen Preis kaufen können. Und das angesichts der Progonose, dass die Preise für Pflege noch deutlich ansteigen werden im Vergleich zu heute, da die „billigen“ Pflegekräfte aus Osteuropa momentan nur aufgrund des Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und ihren Herkunftsländern so billig sind.

Und: Würde ein Grundeinkommen eingeführt, dann wären es die heute schlecht bezahlten professionellen Care-Berufe, die am ehesten einen Lohnanstieg zu erwarten hätten. Weil ja niemand mehr gezwungen wäre, zu diesen schlechten Arbeitsbedingungen zu arbeiten, jedenfalls nicht mehr so stark wie heute. Meiner Meinung nach wäre das einer der positiven Effekte eines Grundeinkommens.

Nur: Was ist mit den Menschen, um die sich dann halt niemand mehr kümmert?

Ein Grundeinkommen, das realistischerweise funktionieren soll, muss ein größerer Wurf sein als eine Steuerreform gepaart mit der Streichung von Sozialversicherungen. Leute, strengt euch doch mal ein bisschen mehr an mit euren Wirtschaftstheorien!

PS:  Diese Woche kommt auch ein neuer, nach dem Trailer zu urteilen aber leider ebenfalls vollkommen feminismusfreier und care-vergessener Grundeinkommensfilm ins Kino: „The Free Lunch Society“ von Christian Tod. Wer ihn gesehen hat, möge bitte in die Kommentare schreiben, ob sich das lohnt…

 

Debatten vor dem Facebook-Grab gerettet!

Das Schöne an diesem Blog ist ja, dass man auch nach Jahren noch nachlesen kann, was mal diskutiert worden ist. Allerdings gibt es auch anderswo schöne Sachen, zum Beispiel auf Facebook, wo man mal eben schnell was reinschreiben kann, was durch den Kopf geht, und manchmal gibt es dann direkt interessante Debatten mit vielerlei interessantem Input von unterschiedlichen Seiten. Das alles findet man aber nicht mehr wieder, weil Posts bei Facebook die Timeline runterrutschen und dann irgendwann weg sind.

Um das eine Schöne mit dem anderen Schönen zu verbinden, dachte ich mir, dass ich jetzt hier hin und wieder einfach ein paar Links zu solchen Sachen posten könnte. Make Facebook googlebar! (Es sind alles Posts, die auf Facebook öffentlich stehen, die man also auch lesen kann, wenn man dort keinen Account hat – glaube ich jedenfalls).

Bedingungsloses Grundeinkommen: Meine Kritik an Alexandra Borchardts Text gegen das Grundeinkommen, bei dem sie ganz zurecht auf wichtige Schwachpunkte der Pro-BGE-Argumentation hinweist, dabei aber nicht erwähnt (oder nicht weiß), dass das auch innerhalb der BGE-Bewegung schon lange diskutiert wird (Link)

Adblockerwarnung der SZ: Wenn man auf Seiten der SZ klickt, poppt neuerdings eine Aufforderung auf, den Adblocker auszuschalten. Bei mir funktioniert das nur abschreckend, offenbar bei anderen aus. Eine Diskussion, in deren Verlauf es auch zu praktischen Tipps kam, zum Beispiel bezüglich des Umgangs mit Adblockern oder dass Google schon dabei ist, was Besseres zu erfinden (später jammern die Verlage dann wieder, wenn Google das ganze Geld verdient). (Link)

Rente, Grundsicherung, Ausland: Seit 2017 kriegen Rentner_innen, die Grundsicherung beziehen, diese gekürzt, wenn sie sich länger als vier Wochen im Ausland aufhalten. Ich finde das spontan blöd, aber nicht alle und es ist letztlich auch noch gar nicht genau klar, wie das Ganze umgesetzt werden soll und wird. (Link)

Singles, Care, Gesundheit: Wer sorgt für Singles, wenn sie krank sind? Dort hatte ich einen Text „gepiqt“, der dann zu einer Debatte über die Bedeutung von Gesundheit führte. Ist es denn wirklich wahr, dass ohne Gesundheit alles nichts ist? (Link)

Warum ich nicht mehr über Care und Gender sprechen will

Wenn über Care gesprochen wird, werden fast immer im selben Atemzug seine geschlechtsspezifischen Aspekte betont: dass Frauen viel mehr unbezahlte und schlecht bezahlte Carearbeit leisten als Männer, dass sie dadurch auf dem Erwerbsarbeitsmarkt benachteiligt sind, dass sie verarmen und so weiter. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, die Beschäftigung mit Care sei vor allem ein „Frauenthema“, ein Problem der Frauen, das angegangen werden muss, um Frauen zu helfen und sie nicht länger zu diskriminieren. So tritt die Care-Thematik als ein partikulares Anliegen bestimmter Menschen ins Bewusstsein und bekommt den Charakter eines Teilproblems, das sich mit ein bisschen gutem Willen im Rahmen der gegebenen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen lösen lässt. Man muss eben nur die Erzieherinnen besser bezahlen oder die Hausarbeit gerechter zwischen den Geschlechtern verteilen. Die Care-Frage ist aber kein Unterkapitel der Gleichstellungs-Frage. Sie hat mit Emanzipation eigentlich gar nichts zu tun, jedenfalls nichts Wesentliches. Care-Aktivismus ist Handeln aus Verantwortung für die Welt, nicht aus Lobbyismus für Fraueninteressen. Care-Aktivismus weist darauf hin, dass die symbolischen Ordnungen, die Politik und Kultur derzeit prägen, unrealistisch, ungerecht, menschenfeindlich sind.

… Einen längeren Artikel dazu habe ich gestern in bzw-weiterdenken geschrieben.

Care-Krise gelöst: Wir sind alle psychisch krank

Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir heutzutage die eugenische Selektion von nicht erwünschten Föten praktizieren (über 90 Prozent der Wunsch-Kinder werden abgetrieben, wenn sie laut Pränataldiagnostik Trisomie21 haben), während man gleichzeitig so tut, als gäbe es keine eugenische Selektion (offiziell ist nicht die befürchtete Normabweichung der Föten der Grund für diese Abtreibungen, sondern die psychische Befindlichkeit der Schwangeren), kam mir heute eine Idee, wie man das eigentlich noch zugespitzter analysieren müsste.

Zunächst dachte ich, dass hier eine allgemeingesellschaftliche Heuchelei auf dem Rücken von Frauen betrieben wird: Einerseits wird ein moralischer Standard hochgehalten („Nein, bei uns gibt es keine eugenische Selektion!“), gleichzeitig kommt er faktisch aber nicht mal in jedem zehnten Fall zur Anwendung. Und anstatt das offen zuzugeben und als Gesellschaft zu den eigenen Prioritätensetzungen zu stehen („Kinder mit Behinderungen werden bei uns nur ausnahmsweise ausgetragen, sozusagen als Privathobby der beteiligen Eltern, normal finden wir das aber nicht“) werden Schwangere quasi per Default zu psychisch Kranken erklärt: Weil ja angeblich ihre psychische Befindlichkeit im Einzelfall der Grund für die Abtreibung ist, ist die Gesellschaft sozusagen fein raus. Verantwortung erfolgreich abgeschoben.

Aber dann fiel mir auf, dass das Thema größer ist. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass ein solches Sich-in-die-Tasche-Lügen bald auch so ähnlich in Bezug auf Sterbehilfe um sich greifen wird. Gerade ist ja ein Gesetz verabschiedet worden, das geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid verbietet. Gleichzeitig wünschen sich aber immer mehr Menschen eine legale und praktikable Möglichkeit, sich bei einem Suizid helfen zu lassen. Und auch da böte sich eine „psychische Krankheit“-Lösung an: Man könnte den moralischen Fake („Bei uns gibt es keine organisierte Sterbehilfe…“) aufrechterhalten, indem man psychisch bedingte Ausnahmen zulässt („… außer in den Fällen, wo die Betroffenen psychisch krank sind.“)

Und wenn man dann noch einen Schritt zurücktritt, ist das, worum es eigentlich geht, eine Care-Krise. Denn wäre Care, also Sorgearbeit, bei uns ein zentraler Wohlstandsindikator und würde entsprechend für wichtig erachtet, dann könnten diese Themen völlig anders diskutiert werden.

Dann kämen Eltern eines behinderten Kindes nicht in Versorgungs-Engpässe: Sie könnten, je nach Belieben, ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder gesellschaftliche Hilfen in Anspruch nehmen, oder beides. Ich glaube nicht, dass die eugenischen Abtreibungen dasselbe Ausmaß hätten, wenn die Schwangeren keine Angst haben müssten, und zwar vollkommen berechtigt, mit der Betreuungsaufgabe allein gelassen zu werden. Dasselbe gilt für den Wunsch, das eigene Leben im Fall von Pflegebedürftigkeit und Krankheit zu beenden: Gäbe es qualitativ hochwertige Pflege in Hülle und Fülle, wäre die Angst weniger groß. Und hätten wir eine Kultur mit einem inklusiven Menschenbild, wo nicht nur die Starken und Leistungsfähigen etwas gelten sondern alle, dann fänden wir es auch nicht so schwer erträglich, diesem Bild nicht zu entsprechen. Sicher, vermutlich gäbe es auch dann noch Schwangere, die partout kein behindertes Kind austragen wollen, und Menschen, die ihr Leben beenden möchten. Aber das wären dann tatsächlich freie Entscheidungen, und keine von den Umständen getriebenen.

Doch so ist es bekanntlich nicht. In Zeiten, wo alle Erwachsenen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen, haben Eltern ja schon kaum genug Zeit, ihre voll funktionstüchtigen und normentsprechenden Kinder zu versorgen, geschweige denn solche mit größerem Betreuungsbedarf. Und in Zeiten, wo Pflege sich betriebswirtschaftlich rechnen muss, ist es nun einmal unwirtschaftlich, alte Leute gut zu versorgen. Die in den Debatten viel beschworene Palliativversorgung, die das Leben auch bei Krankheit und großer Pflegebedürftigkeit lebenswert machen kann, die gibt es zwar tatsächlich. Aber nur in der Theorie. Ja, Reiche können sie sich kaufen. Aber die Krankenkassen finanzieren sie nur für schwer und unumkehrbar Todeskranke in ihren letzten zwei, drei Lebenswochen. Viele Suizidwillige haben aber gerade Angst vor langem Siechtum, zum Beispiel nach einem schweren Schlaganfall. Dann steht ihnen aber nur die bekanntlich schlechte 0-8-15-Pflege zu. Alle Menschen bei Bedarf ohne Wenn und Aber gut zu versorgen, das ist mit einer an materiellem Profit orientierten Wirtschaftsweise faktisch nicht vereinbar. Jedenfalls sind wir davon meilenweit entfernt.

Wer sich angesichts dieser Rahmenbedingungen für die Abtreibung eines voraussichtlich behinderten Kindes oder für einen Suizid entscheidet (und sich dafür Hilfe wünscht), handelt nicht unmoralisch und ist schon gar nicht psychisch labil. Sondern handelt angesichts der gegebenen Verhältnisse und den ihnen zugrunde liegenden Normen rational. Höchstens könnte man ihm oder ihr vorwerfen, die eigene Situation bloß individuell zu betrachten und nicht politisch zu skandalisieren. Aber dieser Vorwurf gilt ja uns allen, nicht nur den Betroffenen.

Weder Abtreibung noch organisierte Sterbehilfe sollten deshalb meiner Ansicht nach gesetzlich verboten sein, denn beides betrifft die körperliche Selbstbestimmung. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass eine Gesellschaft ethisch versagt, wenn in ihr die eugenische Selektion von Kindern oder Suizide am Lebensende gängige Praxis sind. Gesetze oder Pseudogesetze zu machen, die dazu dienen, diesen Fakt zu verschleiern, indem sie strukturelle Probleme zu psychischen Problemen Einzelner umdefinieren – das ist meiner Meinung nach schlimmer als offen zu dem zu stehen, was man tut. Der Kapitalismus soll, wenn er denn schon Hegemonie beansprucht, wenigstens seine hässlichen Auswirkungen in aller Deutlichkeit ausstellen und nicht hinter moralischen Nebelschwaden verstecken.

Die Care-Debatte in einem globalen Kontext

Es folgt ein weiterer Blogpost zur Konferenz der International Association for Feminist Economics in Berlin (vgl. die vorherigen Posts hier im Blog). Bei diesem Roundtable bei der IAFFE-Konferenz ging es um „Unpaid Work and the New Development Agenda“. Zunächst gab Valeria Esquivel (UN Research Institute for Social Development) einen Überblick über den Stand der Care-Debatte in einem globalen Kontext. Je nachdem kann der Kontext sehr unterschiedlich sein, und dabei besteht immer auch die Gefahr, aneinander vorbei zu reden.

Im Westen ist zum Beispiel manchmal von einem ein „Recht auf Care“ die Rede, und damit ist nicht nur das Recht gemeint, bei Hilfsbedürftigkeit versorgt zu werden, sondern auch das Recht darauf, Care-Arbeit an Freund_innen und Familienangehörigen zu leisten, ohne dass ein Zwang, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen und nach Bedarf Erwerbsarbeit zu leisten, das unmöglich macht. Dieses „Recht auf Care“ ist jedoch in Kontexten, wo von Frauen ganz selbstverständlich erwartet wird, dass sie die Care-Arbeit leisten, nicht unbedingt einsichtig, weil Care dort noch viel mehr eine Folge von „social obligations“ ist. Frauen haben gar nicht die Möglichkeit, diese Arbeit abzulehnen. In solchen Kontexten stünde daher eher das Recht, „not to care“ auf der Agenda.

Ein weiteres Problem ist, dass der Begriff Care sich zwar im feministisch-ökonomisch-aktivistischen Kontext inzwischen etabliert hat, aber noch nicht generell geläufig ist. Gleichzeitig ist es aber kein Fremdwort, sondern ein Wort aus der Alltagssprache, was für die Vermittlung der politischen Bedeutung dahinter gleichzeitig eine Stärke wie auch eine Schwäche ist. Viele Frauen, die Care-Arbeit leisten, würden das selbst nicht so bezeichnen, und sie würden sich auch in dem ökonomischen Konzept nicht unbedingt wiedererkennen. Gleichzeitig gibt es Arbeiten, die eindeutig von allen spontan als „Care“ erkannt werden – etwa die von Krankenschwestern –, aber dadurch entsteht dann wiederum ein recht enges Verständnis von dem, was das Konzept „Care“ umfasst. Allerdings ermöglicht der Begriff durchaus in den unterschiedlichsten Kontexten „cross-reference conversations“.

Für den internationalen Diskurs identifizierte Esquivel drei Aspekte: Recognition, Reduction und Redistribution. Es müsse dafür gesorgt werden, dass Care Arbeit als zentraler Bestandteil von Ökonomie zunächst einmal erkannt und anerkannt werde. Dann sei zu überlegen, wo diese Arbeit reduziert werden kann (In vielen Bereichen fehlt es dabei an Infrastruktur und Technologie, zum Beispiel wenn Wäsche mit der Hand gewaschen werden muss oder wenn es keine angemessene Ausstattung von Krankenbetten gibt usw.). Und schließlich gehe es um die Umverteilung, und zwar nicht nur von Frauen zu Männern, sondern auch zwischen privaten Haushalten und öffentlichen Einrichtungen und vor allem zwischen Arm und Reich.

Auch in diesem Panel war Corina Rodgriguez-Enriquez dabei (vgl. voriger Blogpost), die bei der FFD3-Konferenz in Addis Abeba für eine feministische entwicklungspolitische NGO Lobbyarbeit geleistet hatte. Leider sei in dem Abschlusspapier dort keinerlei Bezugnahme auf unbezahlte Care-Arbeit aufgenommen worden, in puncto „Recognition“ sei also nichts erreicht worden. Allerdings sei das Thema indirekt verhandelt worden, etwa wo es um die (zu steigernde) Erwerbsbeteiligung von Frauen ging. Es gebe jedoch einen Trend in der Entwicklungspolitik, Lösungen nicht mehr von Staaten, sondern von der Privatwirtschaft zu erwarten. Auch die „Frauenfrage“ werde heute nicht mehr unter „Menschenrechte“, sondern unter „smart Economics“ subsumiert, und das betreffe auch Care.

Genau das wiederum fand aber die dritte Panelistin, Xiao-Yuan Dong von der Universität Winnipeg, gar nicht schlecht. Sie verwies darauf, dass zum Beispiel bei der chinesischen Regierung alles, was unter dem Label „Menschenrechte“ läuft, aufgrund der dauernden Kritik des Westens von vorneherein auf Misstrauen stößt. Wenn hingegen die Förderung und Einbeziehung von Frauen und das ungelöste Problem der Care-Arbeit als ein Aspekt von „Smart Economics“ klassifiziert werden, erhöhe das die Wahrscheinlichkeit, bei maßgeblichen Akteuren in China auf offene Ohren zu stoßen.

Eine typisch westliche Gewohnheit sei es auch, Abschlussdokumente internationaler Gremien und Konferenzen immer sehr kritisch daraufhin abzuklopfen, was nicht darin steht, so Dong. Das liege wahrscheinlich auch daran, dass es in westlichen Demokratien sehr leicht ist, als NGO alles Mögliche zu fordern und die Regierungen scharf für ihre Versäumnisse zu kritisieren.

Unter den politischen Bedingungen einer Diktatur wie in China sehe politischer Aktivismus aber anders aus: Hier sei es wichtig, sich auf die in solchen Dokumenten festgehaltenen (und von der Regierung unterschriebenen) Passsagen zu beziehen, denn dann hat die eigene Intervention nicht die Form einer „Kritik an der Regierung“ (was in Diktaturen problematisch ist), sondern die Form eines Engagements, das die Regierung dabei unterstützt, ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Vom Kolonialismus zur Care-Migration – Keynote von Joan Tronto

Hier Teil 2 meiner Notizen zum IAFFE-Kongress in Berlin: Über die Keynote von Joan Tronto über die globalen Aspekte von Care. Tronto ist Professorin an der University of Minnesota und eine Pionierin der feministischen Forschung zum Thema Care. Dabei besonders interessant für mich, weil sie dabei ökonomische und politische  Fäden zusammenbringt (ihr jüngstes Buch heißt zum Beispiel „Caring Democracy“ und ich habe es unverzeihlicherweise noch nicht gelesen).

In ihrer Keynote stellte sie die Frage, die hier im Blog auch schon vorkam, nämlich: Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Dabei zog sie eine Linie von der Kolonialisierung zur heutigen Care-Arbeits-Migration. Erstmal in Zahlen: 300 Millionen „zählbare“ globale Care Workers gibt es weltweit, dabei sind aber noch nicht mitgezählt Flüchtlinge, die teilweise ebenfalls Care Arbeit leisten (aber eben nicht speziell zu diesem Zweck migriert sind), sowie inländische Care-Migrant_innen, wenn also zum Beispiel Care Workers aus ländlichen Bereichen Chinas in chinesische Städte gehen.

IMG_5382Zur Theorie: Tronto verfolgte die Wurzeln der heutigen Care Thematik zu den Anfängen der Moderne zurück, erstmal zu „Utopia“ von Thomas Morus. In seinem Entwurf für eine egalitäre, utopische Gesellschaft beantwortete er die Frage, wer denn dort die unbeliebten Arbeiten macht, mit: Sklaven. Aber die Sklaven kämen eben ja freiwillig nach Utopia, weil in ihren Herkunftsländern so schlechte Lebensbedingungen wären, dass es ihnen selbst als Sklaven in Utopia noch besser gehe als zuhause. Ring some bells!

Zweite Wurzel: Der westliche Diskurs über Arbeitsteilung. Die Kolonialisierung wurde häufig damit gerechtfertigt, dass der Westen den „Wilden“ die Zivilisation bringe. Gleichzeitig waren westliche Ökonomen der Ansicht, eine fortgeschrittene Arbeitsteilung sei ein Zeichen für Zivilisation (Adam Smith’s famous pin factory, vor allem aber vertrat Durkheim diese Auffassung). Und natürlich ist es eine tolle Arbeitsteilung, wenn die die einen Bücher schreiben und die anderen den Dreck wegputzen. „Zivilisatorischer Fortschritt“ und die Auslagerung von Care-Arbeit an „tieferstehende“ Menschen haben also eine logische gemeinsame Wurzel in einer verqueren westlichen Vorstellung von Ökonomie. Somit ist die Versklavung anderer Menschen auch eigentlich keine Verirrung der europäischen Moderne, sondern hängt mit ihr logisch zusammen.

Die heute übliche Rede von den „Globalen Care Ketten“ kritisierte Tronto ein bisschen, weil dabei oft die Vorstellung mitschwinge, dass der „richtige“ Platz einer Mutter bei ihren Kindern sei – das ist natürlich auch das Argument, mit dem sich am Mainstreamdiskurs am besten anschließen lässt. Aber der entscheidende Punkt ist natürlich nicht die Frage, wo der „richtige“ Ort einer Frau ist, sondern wo der Ort ist, an dem sie selbst sein möchte. Ein Kriterium, so Tronto, sei es, zu untersuchen, ob Menschen freiwillig und in Kenntnis aller Umstände migrieren, oder ob sie dazu gezwungen sind. Und zwar nicht nur gezwungen durch Armut und politische Umstände, sondern es müsste auch untersucht werden, wer in den betreffenden Familien eigentlich die Entscheidung trifft, ob eine Frau ins Ausland geht (zum Beispiel eine Tochter).

Und, wie eine Teilnehmerin aus Uganda anfügte, ob die Vermittlungsagenturen mit offenen Karten spielen. Viele junge Leute würden aus Afrika mit falschen Versprechungen abgeworben, aber wenn ihnen dann klar wird, dass sie in Europa nicht das vorfinden, was sie erhofft hatten, könnten sie oft nicht mehr zurück, weil sie all ihren Besitz verkauft und Beziehungen abgebrochen hätten.

Aber auch für die „Importeure“ von Care-Arbeit in Europa und USA sieht Tronto Gefahr: „Was wird aus Kindern, die in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie ein Recht darauf haben, von anderen versorgt zu haben?“ Sie gewöhnen sich daran, dass es eine „minderwertige“ Sorte von Menschen gibt, die nur teilweise politische und soziale Rechte haben, was die demokratische Grundbasis zerstört.

Neben der Antwort „Sklaven“ hat die westliche Philosophie freilich noch zwei andere Antworten auf die Frage gegeben, wer denn die unbeliebten Arbeiten tun soll, nämlich „Technologie“ (John Stuart Mill) oder „Vergesellschaften und Industrialisieren“ (Engels, aber auch z.B. Angela Davis). Beide Antworten erfreuen sich bis heute unter Linken recht großer Beliebtheit. Joan Tronto fragt was anderes: Ist Effizienz wirklich der richtige Maßstab, um Care Arbeit zu organisieren?

Sie fordert stattdessen eine demokratische Care-Politik, was bedeutet: Zuständigkeiten für Care-Arbeit zuweisen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Menschen diesen Verantwortlichkeiten auch nachkommen können. Sie meine damit nicht eine vollständige Gleichverteilung (sondern? Ich vermute: Eine sinnvolle, da könnte ich mit leben). Kurzfristige politische Ziele könnten sein: Arbeitsrechte für Care-Arbeiterinnen installieren, keine Formen von „teilweiser“ Citizenship dulden, neue Arten entwickeln, um ökonomischen Gewinn und Wohlstand zu definieren.

Ich fand den Vortrag sehr gut, würde allerdings anmerken, dass das System der „Abwälzung“ der Care Arbeit auf „Andere“ deutlich älter ist als der Kolonialismus. Sklaverei gab es ja auch schon in der Antike, und auch im Mittelalter haben nicht alle Leute ihre Dreck selber weggeputzt. Just saying…