Grundeinkommen à la Straubhaar: Da fehlt doch was!

Morgen ist der 1. Mai, der Tag der unsichtbaren Arbeit, und passend dazu könnt Ihr das Interview in der aktuellen Ausgabe von Brandeins lesen, in dem Thomas Straubhaar sein Modell für ein Bedingungsloses Grundeinkommen vorstellt (ich weiß nicht, ob der Link bei euch funktioniert oder nur bei mir mit Digitalabo – wenn nicht, müsst Ihr noch etwas warten, die Brandeins schaltet Texte irgendwann nach und nach frei.)

Straubhaar ist ein etablierter Ökonom, der sich schon lange für ein Grundeinkommen einsetzt und dabei tapfer gegen den Mainstream seiner Kolleg_innen schwimmt, womit er sich natürlich auch ein bisschen interessant macht. Aber gut, jeder Mitstreiter ist willkommen – oder nicht?

Leider teilt Straubhaar mit dem Gros der männlichen Grundeinkommens-Befürworter die Blindheit für die Anforderungen von Care. Deshalb wird sein Modell nicht funktionieren und lässt sich von den Gegner_innen der Grundeinkommens-Idee entsprechend leicht auseinander nehmen.

Dabei sind einige Aspekte durchaus interessant. Anders als die Gruppe um Götz Werner, Daniel Häni und Enno Schmid möchte Straubhaar das Grundeinkommen nicht über höhere Mehrwertsteuern finanzieren (also die Steuern beim Konsum abschöpfen), sondern an der Stelle, wo Geld aus dem Produktionskreislauf herausgenommen und einzelnen Personen zum Konsum zur Verfügung gestellt wird. Konkret schlägt er eine Steuerquote von 50 Prozent auf alle Einkünfte vor, egal ob diese aus Erwerbsarbeit oder aus Kapitalerträgen stammen.

Das heißt: Alle Menschen bekommen 1000 Euro im Monat, also 12.000 Euro im Jahr bedingungslos und steuerfrei ausbezahlt. Alle zusätzlichen Einnahmen, woher auch immer sie stammen, müssen sie mit 50 Prozent versteuern. Die Steuerquote steigt also von 0 Prozent (bei allen, die nur das Grundeinkommen haben) auf nahezu 50 Prozent (bei denen, die so viel verdienen, dass die steuerfreien 12.000 nicht groß ins Gewicht fallen).

Unbezahlte und damit meist unsichtbare Arbeit bleibt auch in diesem Modell unbezahlt und unsichtbar. Wer auf Erwerbsarbeit verzichtet, um Kinder zu erziehen oder Alte zu pflegen, steht ökonomisch nicht anders da, als wer auf Erwerbsarbeit verzichtet, um für den nächsten Triathlon zu trainieren, sich durch die Deutsche Bibliothek zu lesen oder auch gar nichts zu tun.

Man könnte nun einwenden, dass das vielleicht nicht ideal, aber ja auch nicht schlimmer ist als heute. Das stimmt (abgesehen davon, dass das Ehegattensplitting bisher tatsächlich noch jedenfalls von der Idee her einen materiellen Ausgleich für Care-Arbeit sein soll). Aber es kommt im Straubhaar-Modell dann noch schlimmer. Er will nämlich auch alle Sozialversicherungen abschaffen, ob Rente, Erwerbsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit und so weiter – das ist alles entweder mit den 1000 Euro Grundeinkommen abgesichert oder muss zusätzlich privat versichert werden, was natürlich Leute, die von 1000 Euro im Monat leben, sich nicht leisten können. Auch die obligatorische Krankenversicherung soll nach Straubhaars Vorstellungen noch aus den 1000 Euro bezahlt werden.

Wenn die Leute aber kein Geld haben, um eine Sozialversicherung abzuschließen (aus der dann gegebenenfalls Care-Arbeit bezahlt werden könnte), wenn diese Sozialversicherungen, abgesehen von der Krankenversicherung, noch nicht einmal mehr wie heute automatisch mit „sozialversicherungspflichtigen“ Erwerbsarbeitsplätzen verknüpft sind, dann bedeutet das, dass der Bedarf an unbezahlter Care-Arbeit im Vergleich zu heute noch steigen wird. So wie er ja schon seit einiger Zeit kontinuierlich ansteigt, nicht nur weil der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung steigt (die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Care-Assistenz benötigen), sondern auch, weil die professionelle Care-Arbeit immer effizienz- und gewinnorientierter arbeiten muss: An Pflege wird gespart, aber jemand muss sich ja um die Leute kümmern, die noch blutend und hilflos aus den Krankenhäusern entlassen werden.

In Straubhaars eigenen Einkommensklassen lässt sich das natürlich bezahlt organisieren, durch Reinigungskräfte, Pflegedienste und andere Dienstleister. Aber von 1000 Euro Grundeinkommen ohne weitere soziale Absicherung eben nicht.

Unterm Strich ist Straubhaars Modell also nur denkbar, wenn es viele, viele Menschen gibt, die statt erwerbstätig zu sein, diese Arbeit unbezahlt machen. Einen dieser Fälle hat auch Straubhaar auf dem Schirm, nämlich Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern. Die erwähnt er ausdrücklich.

Nun sind Kinder aber auch tatsächlich derjenige Fall von Bedürftigkeit, in denen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit jemand da ist, der diese Care-Arbeit machen möchte: Kinder werden ja geboren, das heißt, es ist mindestens eine Schwangere vorhanden, die sich entschieden hat, dieses Kind zur Welt zu bringen. Höchstwahrscheinlich wird sie sich vorher überlegt haben, dass dann auch jemand für es sorgen muss. Und häufig gibt es auch noch einen Vater oder andere Menschen, die sich ebenfalls auf das Kind freuen und bereit sind, sich drum zu kümmern.

Aber es sind eben nicht nur kleine Kinder auf die Care-Arbeit anderer angewiesen. Auch Erwachsene werden krank, viele Menschen sind irgendwann mal hilfs- und pflegebedürftig, und je älter wir werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir nicht mehr alleine für uns sorgen können. Und dann ist es eben nicht selbstverständlich so, dass andere Menschen da sind, die freiwillig und ohne Bezahlung diese Arbeit für uns machen. Vielleicht gibt es einen Ehepartner, vielleicht Kinder oder Enkel, vielleicht Nachbarinnen – vielleicht aber auch nicht.

Doch genau das ist eine implizite Voraussetzung in Straubaars Modell: Dass sich auf jeden Fall jemand finden wird, der unbezahlt für Menschen sorgt, die darauf angewiesen sind. Und weil das aber total unrealistisch ist, funktioniert das Modell nicht. Es ignoriert die menschliche Bedürftigkeit und geht stattdessen vom autonomen erwachsenen, für sich selbst sorgenden Menschen als Modell aus. Es ist eine Illusion, die in der Realität wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen muss.

Wir brauchen ein ökonomisches Modell, das die Notwendigkeit von Care Arbeit anerkennt und eine Lösung hat auch für die Fälle, in denen die bedürftigen Personen nicht so reich sind, dass sie sich die Assistenz und Pflege zu einem marktüblichen Preis kaufen können. Und das angesichts der Progonose, dass die Preise für Pflege noch deutlich ansteigen werden im Vergleich zu heute, da die „billigen“ Pflegekräfte aus Osteuropa momentan nur aufgrund des Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und ihren Herkunftsländern so billig sind.

Und: Würde ein Grundeinkommen eingeführt, dann wären es die heute schlecht bezahlten professionellen Care-Berufe, die am ehesten einen Lohnanstieg zu erwarten hätten. Weil ja niemand mehr gezwungen wäre, zu diesen schlechten Arbeitsbedingungen zu arbeiten, jedenfalls nicht mehr so stark wie heute. Meiner Meinung nach wäre das einer der positiven Effekte eines Grundeinkommens.

Nur: Was ist mit den Menschen, um die sich dann halt niemand mehr kümmert?

Ein Grundeinkommen, das realistischerweise funktionieren soll, muss ein größerer Wurf sein als eine Steuerreform gepaart mit der Streichung von Sozialversicherungen. Leute, strengt euch doch mal ein bisschen mehr an mit euren Wirtschaftstheorien!

PS:  Diese Woche kommt auch ein neuer, nach dem Trailer zu urteilen aber leider ebenfalls vollkommen feminismusfreier und care-vergessener Grundeinkommensfilm ins Kino: „The Free Lunch Society“ von Christian Tod. Wer ihn gesehen hat, möge bitte in die Kommentare schreiben, ob sich das lohnt…

 

15 Gedanken zu „Grundeinkommen à la Straubhaar: Da fehlt doch was!

  1. Ja, das ist mal wieder eine Theorie!
    Vielleicht probiert der „Empfehler“ diese Theorie erst mal an sich selbst aus über sagen wir – 12 Monate.
    Wer heute noch Kinder bekommt, dem müsste man den Arsch versohlen
    Die Kindererziehung wird doch immer noch der Frau angelastet.
    Ja und wenn der Mann Leine zieht, sowieso.
    Also Frauen, seid auf der Hut!

  2. Hm, kannst du etwas genauer formulieren, was du nicht verstehst? Ökonomie hat doch den Sinn, die materielle Bedürfnisbefriedigung der Menschen zu organisieren, oder? Das gelingt diesem Modell nicht, weil es unausgesprochen Ressourcen voraussetzt (unbezahlte Care-Arbeit), die nicht vorhanden sind.

  3. Da fehlt doch was … genau … Das Wörtchen „bedingungslos“. Ansonsten wird keine marx’che Entfremdung mitigiert und nichts wird gerechter, nichts einfacherer.

  4. „Wir brauchen ein ökonomisches Modell, das die Notwendigkeit von Care Arbeit anerkennt und eine Lösung hat auch für die Fälle, in denen die bedürftigen Personen nicht so reich sind, dass sie sich die Assistenz und Pflege zu einem marktüblichen Preis kaufen können. Und das angesichts der Progonose, dass die Preise für Pflege noch deutlich ansteigen werden im Vergleich zu heute, da die „billigen“ Pflegekräfte aus Osteuropa momentan nur aufgrund des Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und ihren Herkunftsländern so billig sind.“

    Das verdeutlicht mir wieder, dass die Grundeinkommens-Idee über
    nationale Grenzen hinaus gedacht und entwickelt gehört, da ein europäisches BGE sich der Konkurrenz nach den billigsten Arbeitskräften in den Weg stellen könnte.

    Immerhin zeigt die EU-Kommission schon mal Interesse an einem BGE: https://www.euractiv.de/section/finanzen-und-wirtschaft/news/eu-kommission-interessiert-sich-fuer-bedingungsloses-grundeinkommen/

  5. „Ein Grundeinkommen, das realistischerweise funktionieren soll, muss ein größerer Wurf sein als eine Steuerreform gepaart mit der Streichung von Sozialversicherungen. Leute, strengt euch doch mal ein bisschen mehr an mit euren Wirtschaftstheorien!“

    Sehe ich auch so. Deshalb, liebe Antje, habe ich deinen wichtigen Beitrag an Herrn Straubhaar weitergeleitet um ihn auf das Fehlende
    aufmerksam zu machen. 😉

  6. Ich denke, mit ein Grund für den Denkfehler ist immer noch derselbe wie bei dem Marx’schen Verständnis von Reproduktionskosten, das darin nämlich nur die notwendigen Ausgaben (Essen, Kleidung, Wohnung etc.) mitgedacht sind, aber nicht die Arbeit, die dort noch hineingesteckt wird (Putzen, Waschen, Kochen usw.). Deshalb sind diese Rechnungen sowieso schon schief. Der Subsistenzanteil (also die Eigenarbeit) schwankt ja sehr erheblich, je nachdem, ob man z.B. selber putzt oder eine Reinigungskraft beschäftigt, selber kocht oder essen geht usw. Das ist zwischen geringen und hohen Einkommen schon sehr unterschiedlich, weil die einen Geld haben, um die notwendige Arbeit andere machen zu lassen, die anderen aber nicht. Es ergibt auch einen „Puffer“, der die Effekte von Einkommensunterschieden abfedert: Armut kann durch mehr Anstrengungen bei der Eigenarbeit etwas abgemildert werden (billige Einkaufsmöglichkeiten suchen, z.B. , eine Ökonomin hat das mal „Konsumtionsarbeit“ genannt). Besonders krass wird das dann halt bei denen, die diese Eigenarbeit selbst nicht leisten können, aber auch nicht genug Geld haben, andere dafür zu bezahlen. Die haben einen stark erhöhten Geldbedarf, für sie ist das „anderere kochen, putzen etc. lassen“ eben kein Reichen-Luxus, sondern überlebensnotwendig. Diese unterschiedlichen Aspekte müssen bei Grundeinkommensmodellen eben mitgedacht werden, man kann daraus nicht eine „Betrag X für alle“-Soße machen…

  7. Lebt alle einmal, die hier alle so schön redet, mit 1000,00 monatlich.
    Danach meldet Euch wieder.
    Steuerreform sollte doch auch auf einen Bierdeckel passen, meinte Friedrich Merz. Danach hat Merkel ihn sofort ausquartiert.
    Also schön immer in der Herde bleiben, sonst fliegt man raus.

  8. @corvusalbusberlin – „Lebt alle einmal, die hier alle so schön redet, mit 1000,00 monatlich“.
    Verstehe nicht ob das ein Vorwurf ist und an wen sich sicher dieser richtet?
    Antjes Beitrag zielt doch gerade darauf ab, auf das Defizit im Straubhaaar-Modell hinzuweisen, dass ein BGE mit der Abschaffung aller weiteren Sozialleistungen ein Ding der Unmöglichkeit ist.

  9. Hier ein Beitrag http://taz.de/Wenig-Betreuer-fuer-Altenheime/!5403732/ (aufmerksam geworden durch die NachDenkSeiten),
    der sich wieder mal mit den, alles andere als wohlfühlenden, Zuständen in Altenheimen beschäftigt:
    Herr Straubhaar sollte darin mal ein paar Nächte verbringen, dann
    dürfte ihm rascher aufgehen, was an seinem BGE-Modell noch fehlt:

  10. „Update für den Sozialstaat: Warum wir das Bedingungslose Grundeinkommen brauchen“ –
    http://berlinergazette.de/update-sozialstaat-grundeinkommen/
    Zitiere aus diesem lesenswerten Artikel:
    „Ähnlich wie die Verteilung von Erwerbsarbeit ist auch die Frage nach flankierenden Sozialleistungen eine Sache politischer Verhandlungen. Wenn wir uns einig sind, dass wir uns als Menschen in dieser Gesellschaft gegenseitig unterstützen möchten und weiterhin anstreben, dass alle die gleichen Chancen haben sollen, können wir das möglich machen. Dafür muss das Grundeinkommen hoch genug sein, damit jedeR Einzelne davon gut leben kann. Und es muss von anderen sozialpolitischen Reformen begleitet werden.“

  11. Auch wenn man keine Pflege oder Hilfe braucht – es reicht, kein weiteres Einkommen zu haben, um mit einem BGE in der Höhe einer Münchner Warmmiete unter die Räder zu kommen.

    Ein BGE ohne zusätzliches Wohngeld wäre aus Münchner Sicht grober Unfug, egal ob man 1000 oder 1300 Euro fordert.

  12. Irene (@irene_muc) – mit einem BGE würden sich die Verhältnisse
    in mancher Hinsicht ändern, auch Wohnverhältnisse, da ein BGE
    den jetzigen Druck rausnähme um jeden Preis der bezahlten Arbeit nachziehen zu müssen. Die jetzige Wohnungsnot rührt ja mit
    daher, dass Menschen gezwungen sind, der Erwerbsarbeit wegen
    in die Ballungszentren zu ziehen, was die Immobilienpreise
    in schwindelerregende Höhen treibt.
    Mit einem BGE besteht die Chance, dass die Landflucht aufgehalten werden kann und öde Ortschaften sich revitalisieren.

    Eine bedingungslose Existenzsicherung ist ja keine eierlegende Wollmilchsau und natürlich muss es von weiteren sozialpolitischen
    Reformen begleitet werden: Stichwort: sozialer Wohnungsbau!

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