Die aufregende Kritik am Geschlechterblödsinn

Gestern Abend ging beim Zeit-Blog 10 nach 8 ein Kommentar von mir zu Gendermarketing online (Anlass war die Verleihung des Goldenen Zaunpfahls, eines Negativpreises für geschlecherbescheuertes Marketing, das zu Recht an den Klettverlag ging für seine getrennten Lesebücher für Jungen und Mädchen). Wie ich auch schon hier im Blog bemerkt habe, gehen die Klickzahlen und Kommentare bei diesem Thema durch die Decke. Das Überraschungsei und die Frauenbratwurst sind hier im Blog mit großem Abstand die meist geklickten Blogposts – zehnmal so viele Zugriffe wie normale Artikel. Irgendwie meine ich, dass da noch was anderes dahinter stecken muss. Warum können sich Leute über Kritik an Gendermarketing so aufregen? Aber lest selbst…

…..

Außerdem habe ich für den Blog Last Interview ein paar Fragen beantwortet. Zu ganz was anderem.

 

16 Gedanken zu „Die aufregende Kritik am Geschlechterblödsinn

  1. Vielen Dank für den Text. Immer wenn ich das Thema im Bekanntenkreis diskutiere, begegnet mir das „ist doch nicht so schlimm“ Argument. Eine gute, stichhaltige Argumentation konnte ich da bisher nicht dagegen haltenn – das hat jetzt ein Ende.

  2. Warum können sich Leute über Kritik an Gendermarketing so aufregen?

    Ganz verrückte Idee: Die Kommentare bei Zeit Online lesen (und vielleicht sogar antworten!). Das könnte Hinweise darauf geben, worüber sich die Leute außerhalb der eigenen Filterblase aufregen.

    Ich persönlich finde es oft auch dämlich, dass bei Produkten zwischen Männer- und Frauenprodukten unterschieden wird. Manchmal aber nicht.

    Das ist so ein Henne-Ei-Problem. Gender-Marketing gibt es, weil es wirkt und es wirkt, weil es es gibt.
    Allerdings glaube ich nicht, dass eine Welt ohne Gender-Marketing ein stabiles Gleichgewicht bilden würde in dem Sinne, dass jemand, der dann Gender-Marketing einführt, nicht davon profitieren würde.

    Das Beispiel mit den Englischkenntnissen ist unsinnig. Wenn es funktionieren würde, würde man es machen. Weil es nicht funktioniert, macht man es nicht.

    Und es ist nach wie vor unsinnig Geschlecht als willkürlich gewähltes Merkmal zu bezeichnen. Hormone spielen eine Rolle und Hormone erzeugen Unterschiede (die dann durch entsprechendes Marketing verstärkt werden). Das kann man nicht abschaffen.

    Der Artikel bleibt auch eine Lösung schuldig. Soll man Gender-Marketing abschaffen?

  3. Warum? In irgendeinem Anreißtext zu Deinem Artikel auf fb stand sinngemäß: „Was Männer zu Männer und Frauen zu Frauen macht , wissen wir nicht. Warum also so ein Marketing?“ Darin – in diesem Nichtwissen – und in einem weiteren im Artikel erwähnten Aspekt, den vielen Kategorien, in die sich Menschen einteilen lassen, steckt die Antwort. Die Sache mit den Kategorien finde ich übrigens höchst merkwürdig argumentiert: denn entweder ist gender nur eine belanglose Kategorie wie Schuhgöße oder Haarfarbe, und dann ist Gendermarketing auch irrelevant, oder aber es *ist* eine relevante Kategorie, wie auch der Feminismus ja konstatiert, dann muß man sich nicht wundern, daß sich Menschen genau diese Kategorie zur Selbstinszenierung und Selbstaffirmation aussuchen – ob das Feministen und -innen nun gefällt oder nicht. Klar, wo genau das Pull-Marketing endet und das Push-Marketing anfängt, ist eine relevante Frage. Aber man sollte sich gerade aus feministischer Sicht mal vor Augen führen, daß die zunehmend dichotome symbolische Geschlechterordnung auch eine Reaktion auf die immer weniger relevante *tatsächliche* Geschlechterordnung ist. In den siebzigern waren Legosteine nicht pink, aber Frauen hatten sehr viel weniger Möglichkeiten Bauingenieurinnen zu werden als heute. Vielleicht sollten Feministinnen manchmal einen Schritt zurück machen und auh pinke Puppen als ihren Erfolg ansehen, auch wenn das vielleicht nicht so beabsichtigt war.

  4. @TS:
    Der Grundgedanke ist ja, dass Geschlecht durchaus eine soziale Kategorie darstellt, es aber über das kulturelle hinaus keinen Grund dafür gibt.

    Insofern wirkt das Gendermarketing ja innerhalb der kulturellen Kategorie, man kann aber trotzdem darauf hinarbeiten, die Kategorisierung abzuschaffen. In sich ist die Argumentation schon konsistent.

  5. @TS – Ich habe gar nichts dagegen, wenn Menschen sich die Geschlechterdifferenz als Kategorie zur Selbstinszenierung nutzen, ich selber mache das ja auch, indem ich mich zum Beispiel als Feministin Labele oder immer auf der Freiheit der Frauen herumreite etc. Mein Rant ging dagegen, dass diese Inszenierung so grottendoof ausfällt wie im Gendermarketing. Dass uns nichts Intelligenteres zum Thema Geschlecht einfällt als Prinzessin und Ritter.

  6. gerade die vielgescholtenen Lesebücher sind aber auch eine Reaktion auf ein reales Problem, nämlich dass Jungs weitaus schlechter lesen können als gleichaltrige Mädchen. Das hat auch damit zu tun, dass sie thematisch von der Lektüre im Deutschunterricht weniger angesprochen werden. Mädchen lesen mehr und haben daher bei der Auswahl schon eher eine Vorstellung, was sie möchten. Da die Jungs dazu nichts zu sagen haben, setzen sich die Mädchen-Themen eher durch und die Jungs bleiben desinteressiert, wodurch sich das Problem verschlimmert.

    Aber auch Jungs haben ein Recht auf Bildung. Von daher finde ich erst einmal alles gut, was Jungs zum Lesen bringt. Letztlich ist das Buch auch die Anerkennung, dass die beiden Gruppen von ihren Interessen weiter auseinander liegen, als man es gerne wahrhaben möchte.

  7. edit: ja, Ritter und Prinzessin bzw. Polizist und Pferd sind in der Tat erbärmliche Beispiele, für die die Autoren sich schämen sollten. Ich verlange nicht, dass auf den Büchern das jeweilige Geschlecht draufsteht, was es bei diesen Themen tut. Nur wo ist da die Grenze zur rein künstlerischen Kritik?

  8. @Antje Schrupp:

    Mein Rant ging dagegen, dass diese Inszenierung so grottendoof ausfällt wie im Gendermarketing. Dass uns nichts Intelligenteres zum Thema Geschlecht einfällt als Prinzessin und Ritter.

    Was wäre denn intelligenter? Ernst gemeinte Frage, es gibt ja durchaus auch Produkte, die z.B. mit „für die selbstbewusste Frau“ vermarktet werden.

  9. @Antje Schrupp – Aber es ist doch echt nicht so, daß es da keine Alternativnarrative gibt. Der neue Mann wird doch seit mindestens 200 Jahren immer wieder propagiert, und Frauen haben sich auch neue Rollen doch immer wieder genommen und ausgefüllt. Und diese Freiheit wird doch auch von fast allen Menschen als wertvoll und bewundernswert und (theoretisch) befreiend angesehen.

    Nur müssen sich halt alle alternativen Narrative von Weiblichkeit und Männlichkeit daran messen lassen, ob sie am Ende sexuell erfolgreich sind oder nicht. Wären andere Narrative erfolgreicher, hätten sie zweifelsohne einen noch größeren Markt und entsprechend kodierte Produkte würden dafür angeboten.

    Aber da hakt es eben (offenbar). Ich finde es schade und ein wenig fatal, daß die feministische Analyse so oft an genau dieser Stelle die Untersuchung abbricht und nur auf der Sozialisation rumhackt. Oder andersrum: warum der Feminismus sich eine theoretische Antwort auf die Frage gegeben hat, und dann versucht, die Realität in die Antwort zu pressen, und sich so schwer tut, zu verstehen, daß die Realität so ganz offenbar komplexer ist als die Theorie. Ich zitiere mal transwoman Julia Serano aus ihrem Beitrag für das „Yes means Yes“-Kompendium von Jacklyn Friedman und Jessica Valenti:

    „Any attempts to critique men for being sexually aggressive, or to critique women for fulfilling the role of sexual object, will have a very limited effect. These tactics, after all, fail to address the crucial issue of demand. So long as heterosexual women are attracted to men who act like aggressors, and heterosexual men are attracted to women who act like objects, people will continue to fulfill those roles. In contrast, critiques that challenge why individuals desire stereotypical “sex objects” and “sexual aggressors” seem to me to get closer to the root of the problem. I have heard many feminists critique men who prefer women that fulfill the sexual object stereotype. Many of these critiques (rightfully, I think) suggest that the man in question must be somewhat shallow or insecure if he’s willing to settle for someone whom he does not view as his intellectual and emotional equal. What I have seen far less of are critiques of women who are attracted to sexually aggressive men. Perhaps this stems in part from the belief that such comments might be misinterpreted as blaming women for enabling the sexual abuse they receive at the hands of men. While I can understand this reluctance, I nevertheless feel that it is a mistake to ignore this issue, given the fact that many men become sexual aggressors primarily, if not solely, to attract the attention of women. In fact, if heterosexual women suddenly decided en masse that “nice guys” are far sexier than “assholes,” it would create a huge shift in the predator/prey dynamic.“ (YMY, p.238)

  10. Hallo – habe gerade den Abschnitt „wo ist mein Kommentar“ gelesen und mich gefragt, ob meine Antwort auf Deinen Kommentar (mit dem Yes means Yes-Zitat) darunter fällt, und wenn unter welchen Punkt (ich finde ja, da passt gar nichts), oder ob Du ihn einfach noch nicht gesehen hast. Danke =)

  11. Pingback: Angst ums Kind – anmut und demut

  12. Jaaa … ich finde das auch immer noch total seltsam … ich meine … ich war früher ja selber sektisch und geradezu verteidigend gegenüber der ganzen Gender-Thematik, müsste also eigentlich vielleicht wissen können woher das kommt, aber ich kann es leider nicht sagen. Ich vermute heute, dass es folgender Effekte ist: Im Kern geht „das Gender-Thema“ davon aus, dass es da Ungerechtigkeiten gegenüber allen gibt, die nicht Hetero-Männer sind. Das rückt den Hetero-Mann eben gleich wahlweise in eine Mitschuld- oder eine Priviligiert-Ecke, ohne dass er sich eine Schuld oder eines Privilegs bewusst wäre, weil … es war ja schon sein ganzes Leben so, warum soll das jetzt nicht mehr richtig sein …

    … das ist irgendwie schrecklich verkürzt, aber ich wollte es hier doch wenigstens reinwerfen, weil ich wirklich, wirklich, wirklich gerne wüsste, woher diese fundamentale, radikale Ablehnung, die das Thema hervorruft eigentlich kommt.

  13. @ben_
    Ein großer Teil der Kritik aus bildungsfernen Kreisen entstammt mit Sicherheit dem „Das war schon immer so“ und „Die sollen sich nicht so haben“.

    Der meines Erachtens relevante Teil der Kritik besteht allerdings darin, dass ein großer Teil der feministischen Kritik auf ganz schwacher Evidenz aufbaut.

    Es wird postuliert, dass Frauen systematisch unterdrückt werden und dann werden selektiv jede Menge Beispiele gesucht, die man so interpretiert, dass sie die eigene Meinung bestätigen (Das ist im Übrigen bei MRAs genau das Gleiche).

    Das Schlimmste daran ist, dass andere, auch wissenschaftlich fundierte, Meinungen häufig nicht mit Argumenten, sondern mit der Moralkeule begegnet wird.

    Bestes Beispiel kürzlich auf Pharyngula: Es wird eine völlig falsche Berechnung unkritisch übernommen, dann wird die Rechnung in den Kommentaren (von „Charly“) korrigiert und die Antwort ist:
    „Your math is fine. It’s your humanity that is broken.“

    http://freethoughtblogs.com/pharyngula/2017/03/08/cordelia-fine-is-doing-the-math/

    Das hat jetzt nicht direkt was mit dem geschlechterbezogenen Marketing zu tun, aber das ist der Grund, warum viele allem was aus der feministischen Ecke kommt erstmal, sagen wir, „skeptisch“ gegenüber stehen.

    Wenn jetzt so ein Artikel in der Zeit erscheint ohne jegliche Belege oder Beweise, dass dieses Marketing ursächlich für irgendwelche Genderrollen ist, dann wird er genau deswegen niedergemacht.

    Das ist vielleicht nicht fair, aber wenn man Außenseitertheorien aufstellt (ja, das sind sie außerhalb der eigenen Bubble), dann ist man eben selbst in der Bringschuld.

  14. @Cero: Hmm … wie soll ich sagen. Ich bin erstaunt. Wegen zwei Dingen.

    Erstens: Mehr empirische Beweise zu fordern ist ja grundsätzlich erstmal eine gute Sache. Bemerkenswerter Weise aber ist es in der antifeministische Lager ja gängig den Gender Studies jegliche Wissenschaftlichkeit abzusprechen und zu fordern, öffentlich finanzierte Forschung dazu einzustellen. So kommt man latürnich nie an empirische Daten.

    Zweitens: Das liegt vermutlich an mir, aber ich für meinen Teil brauche für die These, dass Frauen systematisch benachteiligt werden keine empirischen Studien. Wenige selbst angestellte Beobachtungen genügen:

    * Mal die eigenen 20 Lieblingsfilme, Bücher und Comics aufschreiben, Bechdel-Test anwenden, schockiert sein.
    * Besonders schöne Variante davon: Mal überlegen, wie man das wohl finden würden, wenn Film, den man mag, in dem aber praktisch ausschliesslich Männer mitspielen genau andersherum besetzt wäre. (Herr der Ringe mit nur einem Man in der Besetzung!)
    * Mal im Kopf die Frauen in der Familie und im engen Freundeskreis durchgehen und schauen, wer wohl wieviel verdient, wer wieviel Elternzeit gemacht hat und überhaupt sich um die Kindererziehung kümmert.
    * Mal einen Spielzeugladen betreten und feststellen, dass es eine blaue und eine rosa Ecke gibt.
    * Mal den Werbblock in auf einem „Kindersender“ ansehen.
    * Mal den Grosseltern und anderen Menschen zuhören, wie sie meine Tochter / meinen Sohn reden und mit denen umgehen. (Schminken mit Zweieinhalb, ich glaub ich werd verrückt) …

    … I could go on. 🙂

    Ja, das sind natürlich keine „Beweise“, aber mir reicht es völlig um dem Feminismus nicht kategorisch kritisch gegenüber zustehen, sondern erstmal zu horchen, was der denn wohl so zu sagen hat.

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