Abtreibung und kategorischer Imperativ

Gerade gibt es hier eine interessante und komplexe Debatte zu den ethischen Fragen rund um Abtreibung.

Eine offene Frage ist zum Beispiel, wie sich die moralische Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs zum kategorischen Imperativ verhält.

Das „Handle stets so“ ist ja offenbar in diesem Fall keine mögliche Maxime, denn Menschen ohne Uterus können ja nie in die Situation kommen, dass sie diesem Imperativ ausgesetzt wären. Weiß jemand hier eventuell, ob sich in der Bibliothekenhaften Flut von Kant-Literatur schon mal jemand mit speziell dieser Frage auseinander gesetzt hat

Denn der kategorische Imperativ ist ja deshalb so kategorisch, weil er eine formale menschliche Bedingtheit thematisiert. Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben.

Natürlich gibt es immer moralische Themen, von denen manche Menschen prinzipiell nicht betroffen sind. Aber gibt es noch eine andere Frage, bei der so systematisch die Hälfte der Menschheit nicht betroffen sein kann wie beim Schwangerwerdenkönnen?

Mich interessieren eure Gedanken dazu.


Kategorien:Girls and Boys, Körper, Philosophie

  1. @Antje Schrupp,
    dich interessieren unsere Gedanken dazu…
    >der kategorische Imperativ ist ja deshalb so kategorisch, weil er eine formale menschliche Bedingtheit thematisiert.Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben.<
    Richtig, so wenig, wie anderswo der kategorische Imperativ jemals intellektuell oder anders begründbar ein verwendbares Denk- und Handlungsinstrument, ja nicht einmal ein Geländer zum Halt gegen Abstürze gewesen ist, sehr wohl jedoch eines zu Disziplinierungsversuchen Andersdenkender und zur Uniformierung menschlichen Lebens (Preussen hoch 3 lässt grüssen) – zu mehr hat dieser Kategorische Imperativ bei all seiner eigentlich gemeinten Intension nie getaugt.

    Jeder Mensch, jede Frau, jedes werdende Menschlein sind erwiesenermassen anders, unterschiedlich, im Eigenen wie im Umfeld, im Inneren wie im Äusseren, und JEDEM ist genau das incl. seiner Folgen auch so zu zugestehen.
    Noch nie wurde mittels Kategorischem Imperativ ein Mensch auf die Welt gebracht.
    Wieso sollte nun also mittels Kategorischem Imperativs, einer anonymen Durch- und Querschnittsdenkmenge die jeweils (andere) freie Entscheidung einer Frau mit ihrer untrennbar zu ihr gehörenden keimenden Leibesfrucht in oder aus dem Leben gebracht werden, wo die jeweiligen Kriterien höchst different sich zeigen?
    Es wird Zeit, zu unterscheiden zwischen Lieblingsspielzeugen von Philosophen und dem realen Leben, besonders unserer Frauen, das jeden einzelnen Menschen in die eigene andere Lage stellte und auch so dazu passend von Frau bewältigt werden muss, in höchster eigener Verantwortung.
    Um nun die Philosophen (und auch den guten alten Kant) zufrieden zu stellen, müssten wir sagen:
    Genau so ist ein Kategorischer Imperativ zu formulieren: "in höchster (jeweils) eigener Verantwortung", wollen wir der Formalisierung von Leben entgehen.
    Denn: "diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben", es gibt ihn nicht, den Kategorischen Imperativ, nirgendwo, er bleibt ein verstaubter BilderRAHMEN, der seinen Inhalt noch immer sucht

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  2. Die nicht schwanger werden könnende Hälfte ist vielleicht moralisch nicht betroffen (sie wird ja gar nicht gefragt), sehr wohl aber wirtschaftlich. Für einen Gutverdiener wie mich würde ein versehentlich gezeugtes Kind mit bis zu 200.000 Euro Unterhalt zu Buche schlagen, ohne das ich (ohne Mitwirkung der Mutter) auch nur das geringste Recht auf Teilhabe hätte. Außer natürlich ich habe die Frau vorher geheiratet, was im Trennungsfalle für gewöhnlich ebenfalls recht unschöne Folgen nach sich zieht.

    Das muss dieses allmächtige frauenunterdrückende Patriarchat sein, von dem jeden Tag in der Zeitung zu lesen ist.

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  3. Ich sehe das nicht so! Der Imperativ muss in diesem Fall sinnvoll „ausgelegt“ werden – es geht dann selbstverständlich um „alle Frauen“ bzw. alle, die schwanger werden können.

    Der Imperativ wäre doch absurd, wenn er nur dann zum Tragen käme, wenn es um etwas geht, dass alle Menschen als Betroffene teilen könnten. Jegliche moralische Entscheidungssitution einer kleineren Gruppe wäre dann raus!

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  4. Das Problem mit dem kategorischen Imperativ besteht nicht wirklich. Er lautet ja „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
    Wobei mit „allgemein“ ja nicht „alle“ gemeint ist, sondern nur, dass Menschen in vergleichbaren Situationen vergleichbar handeln sollten. Die meisten Gesetze betreffen nicht alle, viele sogar nur einen Bruchteil der Menschheit. Nehmen wir mal die unterlassene Hilfeleistung, also das Gebot, zu helfen wenn man z. B. in der Fußgängerzone sieht, dass die Person vor einem einen Herzanfall hat.
    Dieses Gesetz betrifft nur einen winzigen Bruchteil der Menschen, weil die meisten ja nie in die Situation kommen, dass sich die Frage überhaupt stellt. Aber wenn doch, hat man es sich nicht ausgesucht, sondern man ist einfach durch Zufall in diese Situation geraten. Trotzdem würdest du doch nicht das Gebot der Hilfeleistung abschaffen wollen. Das Problem mit dem kategorischen Imperativ ist folglich nicht, dass es nur einen Teil betrifft. Auch nicht, dass dieser Teil es sich nicht ausgesucht hat.

    Es bleibt also dabei, dass der Kern der Frage lautet, ab wann ein Mensch ein Mensch ist und je nachdem wie man das beantwortet, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aber WENN man annimmt, dass ein Fötus (ab einem gewissen Alter) ein Mensch ist, dann kann man auch ohne Probleme den kategorischen Imperativ anwenden.

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  5. @Claudia @Wilhelm – Was ihr schreibt, überzeugt mich nur so halb. Der kategorische Imperativ richtet sich ja schon an Menschen in Bezugnahme auf ihre Gleichheit. Natürlich sind von einem konkreten Fall niemals alle Menschen potenziell betroffen, aber – und das ist der Unterschied – unter Bezugnahme auf ihre Gleichheit könnten sie gleichermaßen betroffen sein. Natürlich kann man sagen: „Es soll ein allgemeines Gesetz sein, dass Menschen, die schwanger sind, abtreiben dürfen“ (das kann man nicht nur sagen, sondern ich sage das so). Es scheint mir aber in diesem Fall dennoch etwas schräg und am Kern der Sache vorbeit.

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  6. Ich verstehe den kat. Imperativ tatsächlich so, dass er an Menschen in Situationen anknüpft und nicht am Menschen bezüglichlich ihrer Gleichhheit. Bezüglich der Gleichheit der Menschen meint der kategorische Imperativ wohl, dass die Gleichheit und vor allem Gleichwertigkeit bei den Folgen des Handelns bedacht werden müssen. Allgemeine Gesetze sind ja Konditionalsätze: wenn die und die Situation eintritt, dann sollte man so und so handeln. Die Gleichheit bezieht vor allem auf die dann-Teil. Wir sind uns darin gleich, dass wir Hilfe brauchen und der Hilfe würdig sind, wenn wir mit einem Herzinfarkt auf der Straße liegen, also sollte uns geholfen werden.

    Natürlich muss bei der Frage, wie man „dann“ handeln sollte, auch an die Person gedacht werden, die verpflichtet wird, also die Zumutbarkeit etc. Ich verstehe aber tatsächlich nicht so ganz, wo das Problem ist, dass nur ein Teil der Menschheit in die Situation kommen kann. Das ändert ja nichts an den Bedürfnissen und Rechten der Personen, die von den Handlungen betroffen sind. Also kommt es wiederum darauf an, ob eine Leibesfrucht ein Mensch ist oder ab wann.

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  7. „Handele nach einem Prinzip, von dem Du Dir wünschen kannst, dass es allgemeines Prinzip sei.“
    Kann ich mir wünschen, nicht abgetrieben worden zu sein? Ja. Ergo kann ich mir ein Abtreibungsrecht wünschen, dass Abtreibungen genehmigungspflichtig macht, und entsprechend selber handeln.

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