Abtreibung und kategorischer Imperativ

Gerade gibt es hier eine interessante und komplexe Debatte zu den ethischen Fragen rund um Abtreibung.

Eine offene Frage ist zum Beispiel, wie sich die moralische Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs zum kategorischen Imperativ verhält.

Das „Handle stets so“ ist ja offenbar in diesem Fall keine mögliche Maxime, denn Menschen ohne Uterus können ja nie in die Situation kommen, dass sie diesem Imperativ ausgesetzt wären. Weiß jemand hier eventuell, ob sich in der Bibliothekenhaften Flut von Kant-Literatur schon mal jemand mit speziell dieser Frage auseinander gesetzt hat

Denn der kategorische Imperativ ist ja deshalb so kategorisch, weil er eine formale menschliche Bedingtheit thematisiert. Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben.

Natürlich gibt es immer moralische Themen, von denen manche Menschen prinzipiell nicht betroffen sind. Aber gibt es noch eine andere Frage, bei der so systematisch die Hälfte der Menschheit nicht betroffen sein kann wie beim Schwangerwerdenkönnen?

Mich interessieren eure Gedanken dazu.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

16 Gedanken zu “Abtreibung und kategorischer Imperativ

  1. @Antje Schrupp,
    dich interessieren unsere Gedanken dazu…
    >der kategorische Imperativ ist ja deshalb so kategorisch, weil er eine formale menschliche Bedingtheit thematisiert.Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben.<
    Richtig, so wenig, wie anderswo der kategorische Imperativ jemals intellektuell oder anders begründbar ein verwendbares Denk- und Handlungsinstrument, ja nicht einmal ein Geländer zum Halt gegen Abstürze gewesen ist, sehr wohl jedoch eines zu Disziplinierungsversuchen Andersdenkender und zur Uniformierung menschlichen Lebens (Preussen hoch 3 lässt grüssen) – zu mehr hat dieser Kategorische Imperativ bei all seiner eigentlich gemeinten Intension nie getaugt.

    Jeder Mensch, jede Frau, jedes werdende Menschlein sind erwiesenermassen anders, unterschiedlich, im Eigenen wie im Umfeld, im Inneren wie im Äusseren, und JEDEM ist genau das incl. seiner Folgen auch so zu zugestehen.
    Noch nie wurde mittels Kategorischem Imperativ ein Mensch auf die Welt gebracht.
    Wieso sollte nun also mittels Kategorischem Imperativs, einer anonymen Durch- und Querschnittsdenkmenge die jeweils (andere) freie Entscheidung einer Frau mit ihrer untrennbar zu ihr gehörenden keimenden Leibesfrucht in oder aus dem Leben gebracht werden, wo die jeweiligen Kriterien höchst different sich zeigen?
    Es wird Zeit, zu unterscheiden zwischen Lieblingsspielzeugen von Philosophen und dem realen Leben, besonders unserer Frauen, das jeden einzelnen Menschen in die eigene andere Lage stellte und auch so dazu passend von Frau bewältigt werden muss, in höchster eigener Verantwortung.
    Um nun die Philosophen (und auch den guten alten Kant) zufrieden zu stellen, müssten wir sagen:
    Genau so ist ein Kategorischer Imperativ zu formulieren: "in höchster (jeweils) eigener Verantwortung", wollen wir der Formalisierung von Leben entgehen.
    Denn: "diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben", es gibt ihn nicht, den Kategorischen Imperativ, nirgendwo, er bleibt ein verstaubter BilderRAHMEN, der seinen Inhalt noch immer sucht

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  2. Die nicht schwanger werden könnende Hälfte ist vielleicht moralisch nicht betroffen (sie wird ja gar nicht gefragt), sehr wohl aber wirtschaftlich. Für einen Gutverdiener wie mich würde ein versehentlich gezeugtes Kind mit bis zu 200.000 Euro Unterhalt zu Buche schlagen, ohne das ich (ohne Mitwirkung der Mutter) auch nur das geringste Recht auf Teilhabe hätte. Außer natürlich ich habe die Frau vorher geheiratet, was im Trennungsfalle für gewöhnlich ebenfalls recht unschöne Folgen nach sich zieht.

    Das muss dieses allmächtige frauenunterdrückende Patriarchat sein, von dem jeden Tag in der Zeitung zu lesen ist.

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  3. Ich sehe das nicht so! Der Imperativ muss in diesem Fall sinnvoll „ausgelegt“ werden – es geht dann selbstverständlich um „alle Frauen“ bzw. alle, die schwanger werden können.

    Der Imperativ wäre doch absurd, wenn er nur dann zum Tragen käme, wenn es um etwas geht, dass alle Menschen als Betroffene teilen könnten. Jegliche moralische Entscheidungssitution einer kleineren Gruppe wäre dann raus!

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  4. Das Problem mit dem kategorischen Imperativ besteht nicht wirklich. Er lautet ja „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
    Wobei mit „allgemein“ ja nicht „alle“ gemeint ist, sondern nur, dass Menschen in vergleichbaren Situationen vergleichbar handeln sollten. Die meisten Gesetze betreffen nicht alle, viele sogar nur einen Bruchteil der Menschheit. Nehmen wir mal die unterlassene Hilfeleistung, also das Gebot, zu helfen wenn man z. B. in der Fußgängerzone sieht, dass die Person vor einem einen Herzanfall hat.
    Dieses Gesetz betrifft nur einen winzigen Bruchteil der Menschen, weil die meisten ja nie in die Situation kommen, dass sich die Frage überhaupt stellt. Aber wenn doch, hat man es sich nicht ausgesucht, sondern man ist einfach durch Zufall in diese Situation geraten. Trotzdem würdest du doch nicht das Gebot der Hilfeleistung abschaffen wollen. Das Problem mit dem kategorischen Imperativ ist folglich nicht, dass es nur einen Teil betrifft. Auch nicht, dass dieser Teil es sich nicht ausgesucht hat.

    Es bleibt also dabei, dass der Kern der Frage lautet, ab wann ein Mensch ein Mensch ist und je nachdem wie man das beantwortet, kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aber WENN man annimmt, dass ein Fötus (ab einem gewissen Alter) ein Mensch ist, dann kann man auch ohne Probleme den kategorischen Imperativ anwenden.

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  5. @Claudia @Wilhelm – Was ihr schreibt, überzeugt mich nur so halb. Der kategorische Imperativ richtet sich ja schon an Menschen in Bezugnahme auf ihre Gleichheit. Natürlich sind von einem konkreten Fall niemals alle Menschen potenziell betroffen, aber – und das ist der Unterschied – unter Bezugnahme auf ihre Gleichheit könnten sie gleichermaßen betroffen sein. Natürlich kann man sagen: „Es soll ein allgemeines Gesetz sein, dass Menschen, die schwanger sind, abtreiben dürfen“ (das kann man nicht nur sagen, sondern ich sage das so). Es scheint mir aber in diesem Fall dennoch etwas schräg und am Kern der Sache vorbeit.

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  6. Ich verstehe den kat. Imperativ tatsächlich so, dass er an Menschen in Situationen anknüpft und nicht am Menschen bezüglichlich ihrer Gleichhheit. Bezüglich der Gleichheit der Menschen meint der kategorische Imperativ wohl, dass die Gleichheit und vor allem Gleichwertigkeit bei den Folgen des Handelns bedacht werden müssen. Allgemeine Gesetze sind ja Konditionalsätze: wenn die und die Situation eintritt, dann sollte man so und so handeln. Die Gleichheit bezieht vor allem auf die dann-Teil. Wir sind uns darin gleich, dass wir Hilfe brauchen und der Hilfe würdig sind, wenn wir mit einem Herzinfarkt auf der Straße liegen, also sollte uns geholfen werden.

    Natürlich muss bei der Frage, wie man „dann“ handeln sollte, auch an die Person gedacht werden, die verpflichtet wird, also die Zumutbarkeit etc. Ich verstehe aber tatsächlich nicht so ganz, wo das Problem ist, dass nur ein Teil der Menschheit in die Situation kommen kann. Das ändert ja nichts an den Bedürfnissen und Rechten der Personen, die von den Handlungen betroffen sind. Also kommt es wiederum darauf an, ob eine Leibesfrucht ein Mensch ist oder ab wann.

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  7. „Handele nach einem Prinzip, von dem Du Dir wünschen kannst, dass es allgemeines Prinzip sei.“
    Kann ich mir wünschen, nicht abgetrieben worden zu sein? Ja. Ergo kann ich mir ein Abtreibungsrecht wünschen, dass Abtreibungen genehmigungspflichtig macht, und entsprechend selber handeln.

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  8. „Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben.“

    Ist nicht Kriterium. Es gibt Verantwortung, universal in unserem Wertesystem. Gilt selbst gegenüber dem ungeliebten Kind.

    Mir ist begreiflich, dass du dich gegen eigene Kinder entschieden hast. Also betrifft dich der Konflikt nicht.

    Ich ♂ habe zwei Kinder (heute erwachsen und berufstätig). Ich war bei beiden Geburten unterstützend präsent. Ich habe auf die beiden mehr aufgepasst als auf mich selbst. Eine Erfahrung, die mich dahin gebracht hat, wo ich heute stehe. Und die dir fehlt.

    (Vorvorletztes Jahr haben sie mir meine Küche aufgebaut.)

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  9. Mir ist ein Beispiel untergekommen für das Problem, dass nur bestimmte Menschen in eine Situation kommen können, eine bestimmte Entscheidung treffen zu müssen. In dem Fall Männer, nicht aber Frauen bzw. Menschen, die gebären können, wie du vielleicht sagen würdest. Auf Reddit hat ein Mann gepostet, der herausgefunden hat, dass sein 3-jähriger Sohn, dener für sein gemeinsames Kind mit seiner Frau hielt, nicht sein Kind ist. Sondern eben das von ieinem anderen, mit dem die Frau eine On-off-Beziehung hat/hatte. Zudem habe sie ihn nur geheiratet, weil er ein verantwortungsvoller Vater sei. Der User möchte die Beziehung nun endgültig beenden und Frau und Kind verlassen, um eine neue Beziehung zu finden und Kinder zu haben und fragt sich, ob das ok ist. Seine Eltern finden, er solle an das Kind denken.

    Ein Kind eines anderen untergeschoben bekommen und dann eine Beziehung zu diesem Kind aufbauen – das kann nur Personen passieren, die nicht selbst gebähren können. Einer Frau kann das nicht passieren, es kommt ja aus ihrem eigenen Körper. (und nein, eine Verwechslung im Krankenhaus ist nicht vergleichbar) Und mir ist aufgefallen, dass offenbar gerade Frauen nicht verstehen konnten, dass der User einen Schlussstrich ziehen möchte. Vermutlich, weil sie eben nicht nachvollziehen können, wie das ist, wenn die Liebe zum vermeintlichen Kind und das Vertrauen in die Partnerin so ausgenutzt wurden, nur damit sich die Frau persönliche Vorteile verschafft. Wie das ist, wenn man sich jahrelang um ein Kind kümmert und Überstunden macht, um Frau und Kind ein komfortableres Auto kaufen zu können und dann stellt sich heraus: es ist das eines anderen. Du hast gar kein Kind. Alles, was du aus Liebe getan und geopfert hast, diente nur dazu, dich auszunutzen.

    Aber nun muss sich der User entscheiden, wie er damit umgeht und was das für das Kind bedeutet. Und es geht um ethische Frage, welche Verantwortung er überhaupt für das Kind hat. Es steht nichts über die Beziehung zum Kind da, aber normalerweise hat man mit drei Jahren schon eine Beziehung zu beiden Elternteilen. Wenn es vor etwas Angst hat, kommt es, je nachdem wer da ist, eben auch zum Vater. Wenn es etwas gemacht hat, auf das es stolz ist, kommt es auch zum Vater, wenn es etwas braucht auch. Es will auch den Vater beeindrucken und ihm nacheifern. So nehmen Kinder in dem Alter ihre Eltern eben wahr. Natürlich wäre es für das Kind traumatisch, von eben dieser Bezugsperson einfach verlassen zu werden. In der Hinsicht kann auch niemand anderes für den Mann einspringen, den das Kind nun mal als Bezugsperson kennt, zumindest nicht in absehbarer Zeit.

    Aber ist das das Problem dieses Users? Er ist ja nicht Schuld an der Situation. Zudem ist es nur schwer erträglich, sich weiter um einen Menschen kümmern zu sollen, nachdem man nur deshalb in der Verantwortung steht, weil man ausgenutzt wurde, damit man sich überhaupt erst um das Kind kümmert. Soll aus diesem Ausgenutzt-werden nun die die Pflicht entstehen, sich weiter ausnutzen zu lassen, nur weil kein anderer es übernehmen kann? Und dabei wird man jedesmal beim Anblick des Kindes an den wahren Erzeuger erinnert. Eine ethisches Problem, das sich Frauen nicht stellen müssen und das sie deshalb womöglich auch nicht ganz verstehen.Trotzdem bin ich der Meinung, dass mit „Frauen können nicht in die Situation kommen“ die ethische Frage nicht alleine beantwortet sein kann, weil das Kind ja nichts dafür kann etc. pp. Aber nach deiner Logik wäre das so: nur bestimmte Menschen können in diese Situation kommen, also kein kategorischer Imperativ.

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  10. @Wilhelm – Ich sag mal so: Wenn dieser Mann auch nach drei Jahren Zusammenleben mit diesem Kind keine eigenständige Bindung zu ihm aufgebaut hat, die von dem „genetischen Eigentumsverhältnis“ unabhängig ist, ist es für das Kind vermutlich besser, wenn er sich tatsächlich aus dessen Leben entfernt. Aber ja: Kein kategorischer Imperativ, ich bin aber ja ohnehin dafür, die Position des „genetischen Vaters“ abzuschaffen. Der Status der Vaterschaft sollte nicht an Gene geknüpft sein, sondern an ein tatsächliches Elternverhältnis.

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  11. Ich sagte ja, dass du es nicht verstehen würdest. Es geht nicht um „Eigentumsverhältnis“, es geht um das Wissen, dass die eigenen Gefühle missbraucht wurden. Dass ausgerechnet das, was einen menschlich macht (Gefühle, Liebe, Wärme, Zuneigung zu dem Kind) benutz wurde, um einen zum Objekt zu degradieren. (zum Dienstleister und Geldautomaten). Diese Annahme, dass es bei Vätern/Väterrechten um Kontrolle statt um warmherzige Gefühle zum Kind geht, ist DIE Lebenslüge deiner Variante von Feminismus. Es ist einfach unwahr.

    Die Gefühle sind echt, aber dieser Schock kann sie zerstören und verwirren, weil man ja weiß, dass sie böswillig von jemand anderem herbeigeführt wurden. Einerseits liebt man dieses Kind immer noch, andererseits weiß man, dass genau dies gegen einen benutzt wurde. Dieser Widerspruch in der eigenen Gefühlswelt ist auch ein Grund, was diese Erfahrung so leidvoll macht. Deshalb ist es unwahr daraus zu folgern, dass er das Kind von vornherein nicht „richtig“ geliebt hat. Er liebt es vermutlich immer noch, aber unter diesen Umständen sich weiter einem Kind emotional zu widmen, ist mehr, als viele ertragen können. Auch wen du es nicht glaubst: die allermeisten Väter wollen ihr Kind nicht einfach „abfertigen“, sondern voll emotional darauf eingehen und das ist unglaublich schwer, wenn man weiß, dass man diese Zuneigung überhaupt nur entwickelt hat, weil man belogen wurde. Mit Gegentik hat das alles erst einmal nichts zu tun. Ich kenne Stiefväter, die alles für ihr Stiefkind tun würden. Aber die wussten auch vorher, dass sie Stiefvater sind. Ich weiß nicht, wie ich es besser jemandem erklären kann, der nicht selbst in diese Situation kommen kann.

    Warum sollte eigentlich nur Vaterschaft nicht an Gene geknüpft sein? Warum nicht auch bei Müttern? Schwangerschaft ist da kein Argument, das Kind ist ja schon „draußen“? Also entweder beide oder keiner, würde ich sagen…

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  12. „Aber ja: Kein kategorischer Imperativ, ich bin aber ja ohnehin dafür, die Position des „genetischen Vaters“ abzuschaffen. Der Status der Vaterschaft sollte nicht an Gene geknüpft sein, sondern an ein tatsächliches Elternverhältnis.“
    Was wollen Sie da abschaffen? Es gibt diesen Status nun mal biologisch. Wie damit dann später gesellschaftlich und individuell umgegangen wird, steht auf einem anderen Blatt. Sprachlich und gedanklich finde ich „abschaffen“ hier jedenfalls ziemlich daneben.

    Was Sie mit Kant hier wollen, verstehe ich noch nicht ganz. Ich nehme an, dass Sie auch sehen, dass Abtreibung nicht das allgemeine Handlungsprinzip für Schwangere werden sollte, gleichzeitig aber weitgehende Abtreibungsrechte legitimieren möchten. Da wird Ihnen Kant aber nicht helfen.

    Ganz am Anfang steht ja schon das Problem, das Sie weder mit Kant noch sonstwie „sauber“ in den Griff bekommen: Die Frau ist unzweifelhaft autonom, das Kind wird es aber auch (und jede Frau war ja auch mal eines). Jetzt wollen die Abtreibungsrechts-Befürworterinnen, dass man möglichst spät von „Kind“ redet und die „Lebenschützer“ möglichst gleich nach der Zeugung. Weder biologisch noch sonstwie ist eine der beiden Extrempositionen überzeugend – aber das ist eben so, wenn man erst weiß, was am Ende rauskommen soll und dann anfängt, Dinge in seinem Kopf zu bewegen.
    Wenn Beschäftigung mit Kant dazu führen soll, „Überzeugungen“ zu legitimieren, läuft sowieso etwas falsch. Seine Hauptwerke sind ja nicht umsonst „Kritiken“ (auch wenn das natürlich damals etwas anders gemeint ist). Wer Gewissheiten bestätigt haben möchte, sollte lieber gleich zu theologischen Werken der diversen Kirchen greifen. Wobei: Gute Theologie ist sicher auch was anderes.

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  13. Noch ein Vorschlag zur eigentlichen Frage: Wenn man es auf sehr schmaler Spur lässt und nur fragt, wie es hier mit „Handle stets so..“ aussieht, dann sehe ich da wenig Probleme. Um zu handeln im Sinne des Imperativs muss man ja zuerst in der fraglichen Angelegenheit überhaupt handeln können. Das können Männer im strengen Sinne beim Schwangerschaftsabbruch nicht, also sind sie hier erst einmal nicht gemeint. Das ist auch nichts Besonderes, bei allen Fragen politischer Herrschaft z.B. können die (in welchem Sinne auch immer) Nicht-Herrschenden nicht handeln.

    Wenn man jetzt allerdings die Frage im Sinne von „Stell Dir etwas vor und jetzt überlege, wie Du so handeln könntest, dass stets…“ verallgemeinert, sind wieder alle dabei. Das ist ja in unserem politischen und gesellschaftlichen Alltag auch üblich. Bei der politischen Herrschaft sind alle erpicht darauf, dass sie sich auch Gedanken machen können, wenn sie weitab einer echten Handlungsmöglichkeit sind. Beim Schwangerschaftsabbruch sagen manche Feministinnen, dass Männer nicht mitzudenken und mitzuentscheiden haben, weil sie keinen Uterus besitzen. Diese Art von Biologismus ist ansonsten glücklicherweise aus der Mode und gefällt auch den Feministinnen in fast allen anderen denkbaren Konstellationen nicht.

    Es bleibt für mich dabei, Kant hilft hier nicht weiter. Der kategorische Imperativ ist ohnehin nur in der vereinfachten Form „Was Du nicht willst,…“ (Goldene Regel) eine sehr gute und sehr einfache Maxime. In der Originalformulierung bzw. in seinen verschiedenen „Formeln“ finde ich ihn sehr vertrackt. Würde ich wollen, dass das, was ich für mich als richtig erachte, „allgemeines Gesetz“ wird? Da bin ich mir in manchen Dingen (in etlichen) nicht sicher. Die philosophische Debatte kennt darüber hinaus noch etliche Widersprüche und Untiefen – wie sollte es auch anders sein.

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  14. Es handelt sich um ein grundsätzliches Missverständnis der kantischen Ethik Ihrerseits. Das „handle so“ des kategorischen Imperativs bezieht sich auf die Maxime. Der ganze Satz ist ja „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Maxime sind konkrete Lebensregeln wie z.B. „bei Schwangerschaft will ich stets abtreiben“. In Anwendung des kategorischen Imperativs, soll geprüft werden, ob eine solche Regel bei Schwangerschaft als Gesetz eines vernünftigen Willens verallgemeinerbar ist, also in allen Fällen der Schwangerschaft gelten könne. Dass nicht jeder schwanger werden kann, ist hierbei gar nicht relevant. Sonst könne man ja bei allen Fragestellungen so argumentieren, z.B. einer ohne Eigentum könne nicht Imperativen bezüglich des Eigentums ausgesetzt werden.

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  15. @dekadenzkritik: Meinten Sie mich mit dem grundsätzlichen Missverständnis? Vielen Dank jedenfalls für Ihre Überlegungen. Bei Kant kann ja viel Zeit mit jedem einzelnen Satzteil verbringen, ohne sie zu verschwenden.
    Richtig überzeugen tut mich ihr Argument noch nicht. Der Satz beginnt immerhin mit „Handle so…“ und da Kant eigentlich nichts umsonst schreibt, spielt die Ebene der Handlung und damit auch der Handlungsfähigkeit m.E. schon eine Rolle. Die „Maxime des Willens“ kann es auch ohne eigenes Handeln geben, da gebe ich Ihnen Recht. Bleibt also zu klären, was es hier genau mit „Willen“ und „Handlung“ auf sich hat….Jetzt müsste man/frau wohl doch erst einmal die einschlägigen Standardwerke studieren.

    PS: Danke, Frau Schrupp, dass Sie hier unter älteren Posts das Weiterdiskutieren zulassen!

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  16. Nein, werter Osmin, ich meinte nicht Sie, sondern Schrupp, die schreibt „Das ‚Handle stets so‘ ist ja offenbar in diesem Fall keine mögliche Maxime“, was keinen Sinn ergibt, da das „Handle so“ („stets“ schreibt Kant meines Wissens nirgendwo) ja gar keine (auch keine mögliche) Maxime ist, sondern der Anfang des Imperativs, der sich auf Maxime bezieht.
    Eine andere Formulierung Kants des Imperativs ist auch „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

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