Warum war Hannah Arendt keine Feministin?

Im Radio RBB gab es vorgestern eine Sendung zu der Frage, warum Hannah Arendt keine Feministin war, hier könnt Ihr die hören. Darin sind auch einige O-Töne von mir, das Transkript des kompletten Interviews gibt es auch, ich stelle es hier in den Blog.


In einem Vortrag zu Hannah Arendt sagten Sie, dass Sie überrascht bzw. enttäuscht seien, dass Hannah Arendt keine Feministin war. Warum haben Sie das von Ihr erwartet?

Wahrscheinlich dachte ich, dass alle klugen Frauen Feministinnen sein müssten.

Wie war Arendts Verhältnis zum Feminismus?

Aus den wenigen Äußerungen, die es von ihr überhaupt zu dem Thema gibt, lässt sich schließen, dass sie nicht gerade ein großer Fan der Frauenemanzipationsbewegung war. Zum Beispiel sagt sie in dem berühmten Interview mit Günter Gaus im ZDF, dass sie der Meinung ist, dass es einer Frau nicht steht, wenn sie Befehle erteilt. Das fand ich beim ersten Mal Hören schockierend – wir haben uns ja inzwischen völlig daran gewöhnt, dass Frauen Befehle erteilen, und finden das ganz normal und richtig. Beim zweiten oder dritten Hören muss man natürlich feststellen, dass es auch einen gewissen Charme hat, was Arendt sagt, wie sie da gewissermaßen ihre Kritik an bestimmten Arten der Herrschaft in eine weibliche Differenz verpackt. Wie auch immer: Es scheint tatsächlich so zu sein, als habe die Geschlechterdifferenz für sie keine politische Bedeutung.

Warum spielt Geschlechterdifferenz keine Rolle in ihrer Theorie?

Ich sage, dass Arendt der Geschlechterdifferenz keine politische Bedeutung gibt, aber ob sie für ihr Denken wirklich gar keine Rolle spielt, da bin ich mir gar nicht so sicher. Hannah Arendt hat ja die Natalität, also die Gebürtigkeit, als wichtige Bedingung des Menschseins in die Philosophie eingeführt. Ist es Zufall, dass es eine Frau war, die diese Bedeutung des Geborenseins als Paradigma des Neuanfangs erkannte, während die Männer in der Regel nur über die Herausforderung des Todes nachgedacht haben? Arendt hat darauf aufmerksam gemacht, dass das Leben eben nicht nur am Ende begrenzt ist, sondern auch am Anfang. Natürlich ist dieser Gedanke nicht geschlechtsspezifisch, ein Mann kann ihn genauso denken. Aber vielleicht ist es eben doch kein Zufall, dass eine Frau ihn zuerst hatte.

War Arendt also eine Denkerin der Geschlechterdifferenz war, ohne es zu merken?

Nein, aber sie war eine Frau und sie hatte die Erfahrungen einer Frau. Aber Arendt hat offenbar selbst nicht weiter über die Geschlechterdifferenz nachgedacht, sie fand das unwichtig. Sie hat Menschen gewissermaßen als Neutren betrachtet, jedenfalls insofern sie in der öffentlichen Sphäre auftreten. Geschlechtlichkeit gehörte für Arendt in den Bereich des Privaten, nicht in den Bereich der Politik.

Ein männlicher Freund, der oft bei ihr zu Hause gegessen hat, erinnert sich, wie sie Spiegeleier gebraten und gesagt hat: „Das bisschen Haushalt kann doch jeder!“ Dieser Freund schrieb über Arendt: „Sie konnte den ganzen Feminismus nicht verstehen, der damals darüber erhebliche Aufregung machte. Sie war ein Mensch im wirklichsten, wahrsten und vollsten Sinne, den dieser Begriff haben kann. Das hat mich immer ungeheuer beeindruckt.“ Da sieht man, wie normal es damals war, zwischen „Menschsein im vollen Sinn“ und „Frausein“ zu unterscheiden. Beides zusammen zu denken, war vor der Frauenbewegung praktisch in der westlichen Kultur unmöglich. Man muss Arendt also zugutehalten, dass das zu ihrer Zeit eine sehr verbreitete Ansicht war. Denn erst die Frauenbewegung in den 1970er Jahren hat diese Grenze endgültig aufgebrochen. Wir können uns das heute hingegen fast gar nicht mehr so vorstellen. Aber damals dachten wirklich viele, ein „Mensch im wirklichsten, wahrsten und vollen Sinne“ kann eine Frau nur sein, wenn sie nicht auf ihrem Frausein herumreitet. Und das war auch die Devise von Hannah Arendt.

Aber Zeitgenossinnen von Arendt, etwa Simone de Beauvoir, haben ja dennoch das Thema der Geschlechterdifferenz aufgeriffen.

Ja, aber gerade das Schicksal von Simone de Beauvoir, die in der Tage genauso alt ist wie Arendt, zeigt ja, welchen Preis das hatte. Beauvoir war eine anerkannte Philosophin, eine der bekanntesten Existenzialistinnen, bis sie 1949 „Das andere Geschlecht“ veröffentlichte. Ab da war sie nur noch die Frau, die über Frauen schrieb. Ihren Status als Philosophin, die über das allgemeine Menschsein schrieb, hatte sie damit verloren. Das ist Hannah Arendt nicht passiert.

Was wäre in Arendts Theorie des Politischen anders, wenn sie die Frauenfrage ausdrücklich thematisiert hätte?

Ich glaube, gar nicht mal so viel, weil ihre Theorie des Politischen ja auch ohne explizit feministisch zu sein eine Differenztheorie ist, also eine Theorie der Unterschiede und der Pluralität. Das ist ja auch der Grund, warum später so viele Feministinnen sich direkt auf Hannah Arendt beziehen konnten. Ich selbst gehöre ja auch dazu. Von daher hat sie so oder so viel zur feministischen Theoriebildung beigetragen.

Wie beurteilen Sie die Unterscheidung Arendts in das Private und das Poltische? Rolle des Handelns?

Ja, das ist natürlich der zentrale Knackpunkt. Das Private ist politisch, hat ja die Frauenbewegung später gesagt, und genau das hätte Hannah Arendt bestritten. Ihr war wichtig, zwischen den beiden Sphären zu unterscheiden. Auch ihre Unterteilung des menschlichen Tätigseins in Arbeiten, Herstellen und Handeln ist aus heutiger feministischer Sicht problematisch, vor allem da sie das langweilige, sich ständig wiederholende und verbrauchende Arbeiten dem Haushalt, der Care-Arbeit zuordnet, und das kreative, planende Herstellen von dauerhaften nützlichen Dingen der Erwerbsarbeit.

Ich würde aber ihre Unterscheidungen nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Sie haben durchaus etwas, sie drücken etwas Wichtiges aus. Ich glaube nur, dass es theoretische, quasi logische Unterscheidungen sind, die in der Realität nicht getrennt säuberlich auftreten, sondern immer nur vermischt. Der Unterschied in der Herstellung eines Kuchens, den wir rasch aufessen, und eines Stuhls, der erst in dreißig Jahren kaputtgeht, ist doch nur graduell. Beides enthält Aspekte von Arbeiten, Herstellen und vielleicht sogar Handeln, je nach Kontext. Ebenso ist es mit der Unterscheidung von Privat und Öffentlich. In fast jeder konkreten Situation ist beides vermischt, gibt es private und öffentliche Aspekte, was wir heute angesichts digitaler Medien noch stärker wahrnehmen. Trotzdem ist es richtig und wichtig, zwischen beidem als Kategorien zu unterscheiden und zu verstehen, dass beides unterschiedlichen Logiken und Dynamiken folgt. Und dabei ist Hannah Arendt ungeheurer hilfreich.

Was bedeutet es, den Menschen zu unterscheiden als politisches und als sozialen Wesen?

Die soziale Zugehörigkeit eines Menschen ergibt sich aus Kategorien wie Geschlecht, Religion, Kultur, Alter und so weiter. Die politische Zugehörigkeit ergibt sich aus dem, was jemand tut und sagt, und das ist erstmal von der sozialen Zugehörigkeit unabhängig. Wenn Sie wissen, dass ich eine 55 Jahre alte christliche deutsche Frau ohne Migrationshintergrund bin, wissen Sie über mich und meine politischen Ansichten noch gar nichts. Es ist der Unterschied zwischen dem, was jemand ist, und wer jemand ist.

Umfasst der Arendtsche Begriff der Pluralität nicht auch Geschlechtsunterschiede?

Nicht so ohne weiteres, weil Arendt eine politische Pluralität meint, also eine, die sich aus dem Handeln und Sprechen ergibt, und keine soziale. Wir sind als Menschen pluralistisch, insofern wir unterschiedliche Dinge tun und sagen, unterschiedliche Ansichten haben und unterschiedliche Projekte verfolgen, nicht weil wir Frauen oder Männer sind. Die Geschlechterdifferenz ist eine soziale Differenz, keine von den Individuen selbst geschaffene und gewählte.

Allerdings hat Arendt in Bezug auf den Antisemitismus der Nazis einmal gesagt: Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich auch als Jude verteidigen. Das heißt, in diesem Fall hat sie tatsächlich eine soziale Kategorie – das Jüdischsein – als Grundlage einer politischen Haltung genommen. Feministinnen haben analog dazu in der Tat Arendts Verständnis von Pluralität mit der Geschlechterdifferenz verbunden, sie selbst hat das aber nicht gemacht.

Was verstehen Sie unter der Logik des heterosexuellen Paares, von der Sie dort sprechen?

Wir kennen so genannte „große Frauen“ entweder als Alleinstehende, oder als Ehefrauen „von“, manchmal auch als Schwestern oder Töchter „von“. Hannah Arendt durchkreuzt diese Vorstellung. Sie verstand ihre Rolle als Hausfrau und Ehefrau als etwas, das in Bezug auf ihr öffentliches Wirken nebensächlich war. Fast niemand kennt ja den Namen ihres Ehemannes – Heinrich Blücher – mit dem sie über viele Jahrzehnte zusammenlebte und der auch für ihre Arbeit und ihr Denken sehr wichtig war. Einer ihrer Studienfreunde hat es mal so formuliert: „Die völlige Hingabe an das männliche Du konnte ihr nicht gelingen.“ Wobei ich mir gar nicht sicher wäre, ob das so stimmt. Mit Sicherheit war es aber so, dass sie sich selbst nicht über diese Hingabe definiert hat, obwohl sie dieses „männliche Du“ in ihrem Leben hatte.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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