Margarete Susman zum 150.

Nächstes Jahr, am 14. Oktober 2022, ist der 150. Geburtstag der jüdischen Religionsphilosophin Margarete Susman (1872-1966).

Wir wollen rechtzeitig auf dieses Jubiläum aufmerksam machen und interessierte Kreise / Personen / Institutionen dazu anregen, etwas zu Susmans 150. Geburtstag zu planen oder, wenn das schon der Fall ist, sich zu vernetzen und so weiter.

Ich habe mich in der Vergangenheit schon dreimal mit ihrem Denken beschäftigt:

Hier im Blog schrieb ich etwas über Susman und den Anarchismus

Im Forum „Beziehungsweise Weiterdenken“ schrieb ich etwas über Susman als Differenzfeministin

Und in meinem Youtube-Kanal „Antje las ein Buch“ stellte ich ihren Essay „Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes“ vor.

Für mich ist Margarete Susman eine ungeheuer anregende und originelle Denkerin, leider ist sie heute ziemlich unbekannt, obwohl sie zu ihrer Zeit sehr aktiv und auch sogar berühmt war.

Dass sie vom Kulturbetrieb vergessen wurde, hat viele Gründe. Einer ist natürlich, dass sie eine Frau war, ein anderer vielleicht, dass sie kein „systematisches“ Werk hinterlassen hat. Sie hat zwar ungeheuer viel publiziert, aber vergleichsweise wenige Monografien, sondern eher Zeitungsartikel, Vorträge, Briefe und so weiter. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit war es, Rezensionen zu schreiben, also dem Werk anderer Aufmerksamkeit zu verschaffen. Oder auch offene Briefe, in denen sie auf Texte anderer eingeht, sie kritisiert und analysiert. Ich finde das eine sehr schöne und fruchtbare Art, publizistisch tätig zu sein, die allerdings nach klassischen Kriterien als weniger wichtig erscheint – völlig zu unrecht natürlich. Susmans „Denken im Dialog“ oder „Denken in Beziehungen“ zeigt sich auch darin, wie viele den Austausch mit ihr schätzten.

Elisa Klapheck, die eine sehr lesenswerte Biografie über Susman geschrieben hat, beschreibt das so:

Wo immer Margarete Susman lebte – um die Wende zum 20. Jahrhundert in München und Berlin, zu Beginn des Ersten Weltkrieges in der Schweiz, danach im rheinischen Säckingen, bis 1933 immer wieder längere Phasen in Frankfurt am Main –, zog es bedeutende Menschen zu ihr hin, um in der direkten Begegnung von ihr inspiriert zu werden. Susmans von so vielen bezeugte grenzenlose Empathie gegenüber anderen Menschen, zugleich ihre Fähigkeit, die verschränkten großen, geistigen Konstellationen der Gegenwart zu erhellen und das politische Geschehen religiös wie auch philosophisch zu deuten, beeindruckte jeden und beglückte viele. Dichter und Philosophen, Künstler und Theologen, junge Menschen, alte Menschen, Freunde und Verwandte, suchten ihre Nähe. Und auch nach 1933, in der Emigration in der Schweiz, wurde sie von berühmten ebenso wie einfachen Menschen in ihrem „chassidischen Studierstübchen“ in Zürich besucht, wie manche Freunde die Mansardenwohnung der Philosophin liebevoll nannten. Es zog sie zu Margarete Susman wie zu einem Zaddik, einem Gerechten, um von ihm Lebensweisung zu erhalten – jedoch bei ihr zu einer Zaddika, die geistig und kulturell den Herausforderungen ihrer Zeit gewachsen war. Was sie von Margarete Susman empfingen, schlug sich in vielen Werken und Briefen nieder.

Ihr Haupt-Lebenswerk hat Susman vor der Shoah verfasst. Sie war auf der Suche nach einem fruchtbaren Zusammenwirken von jüdischer und christlicher Kultur, Geschichte, Philosophie

– ein Projekt, das nach 1945 ja erstmal obsolet war. Gerade deshalb finde ich es heute ausgesprochen interessant, sich mit ihrer Arbeit auseinanderzusetzen. Denn es wird zunehmend klar, dass sich jüdisches Leben, jüdische Kultur, jüdisches Denken in Europa nicht auf die Bezugnahme zur Shoah beschränken darf. Das in diesem Jahr begangene Jubiläum „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ zeigt das ebenso wie die Kritik jüdischer Intellektueller wie Max Czollek, Sasha Salzman und anderer an einem „Versöhnungstheater“, in dem die Auseinandersetzung mit dem Holocaust letztlich die Funktion hat, das eigene deutsche Gutsein zu bestätigen.

Wenn nicht Integration, Versöhnung und „Wiedergutsein“ das Thema ist, sondern Desintegration, Konflikt und bleibende Erinnerung an das eben letztlich nicht Wiedergutzumachende – wie ist dann das Verhältnis der jüdischen zur übrigen europäischen Kultur zu denken?

Wie begegnen wir uns, wie entwickeln wir uns weiter, streitend, zuhörend, lernend, unterschiedlich? Gerade dazu gibt es bei der Lektüre der Texte von Margarete Susman viele Anregungen, denn genau diese Auseinandersetzung zwischen Integration und Desintegration war ihr Lebensthema. Sie hatte selbst eine Zeitlang überlegt, zum Christentum zu konvertieren, sich dann aber dagegen entschieden.

Leider ist die Zugänglichkeit ihrer Texte nicht gerade berauschend. Sie sind verstreut, nur teilweise erhältlich, oft antiquarisch und teuer. Immerhin gibt es genug, um mit der Lektüre zu beginnen.

Besonderer Dank gebührt dabei der Germanistin Barbara Hahn, die auf der Seite www.margaretesusman.com zahlreiche ihrer Aufsätze und Zeitungsartikel als pdfs verfügbar gemacht hat. Zum Beispiel ihren Text „Die Revolution und die Frau“ von 1918, wo sie über die Gleichberechtigung und die politische Rolle der Frauen in Deutschland nachdenkt. Ebenso aktuell und interessant ein Offener Brief von 1930, in dem es darum geht, was man gegen den aufsteigenden Nationalsozialismus tun sollte. Oder ein Vortrag „Der Sinn des Anarchismus“ von 1947. Aber es ist immer noch nur eine kleine Auswahl dessen, was Susman geschrieben hat. Vielleicht ist das Jubiläum ja auch ein Anlass, dass hier Verlage nochmal aktiv werden.

Damit zurück zu den Jubiläumplanungen: Hier ist der Link zum Call for Participation in den Neuen Wegen, woe ihr auch mehr biografische und sonstige Informationen zu Margarete Susman findet.

Geplant sind bisher eine Sonderausgabe der Neuen Wege im Januar 2022, dann gibt es auch eine Auftaktveranstaltung im Literaturhaus Zürich. Außerdem ein Salon in Zürich am 4. März und eine Ringvorlesung an der Uni Zürich im Herbstsemester, und dann natürlich ein Festanlass am Geburtstag selbst, dem 14. Oktober. Das alles in Zürich, wo Margarete Susmann von 1933 bis zu ihrem Tod 1966 gelebt hat.

Ich fände es allerdings wichtig, dass Susmans 150. Geburtstag auch in Deutschland gewürdigt wird.

Es gibt genügend Anknüpfungspunkte: Sie stammte aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie und verbrachte ihre Kindheit in der Hansestatt, vor ihrer Emigration in die Schweiz 1933 lebte sie in München, Berlin, im Rheinland, in Frankfurt. Neben lokalen Projekten gibt es inhaltliche Anlässe – feministische und frauenpolitische, religiöse, philosophische, literarische, journalistische.

Von daher meine Bitte an euch: Spread the Word, verteilt den Aufruf, weist interessierte oder potenziell interessierte Menschen auf das Jubiläum hin. Und tragt Ideen, Projekte, Vorhaben zusammen – entweder ihr schreibt mir oder direkt an die Arbeitsgruppe unter redaktion@neuewege.ch.

Hier ein kurzes Videoportrait von ihr auf Schweizerdeutsch (danke an Anne Lehnert für den Hinweis)

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

3 Gedanken zu “Margarete Susman zum 150.

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