Die ersten Pfarrerinnen in Polen – und einige Gedanken zur Ambivalenz von Emanzipationserfolgen

Pastorin Halina Radacz bei ihrer Predigt in der Warschauer Dreifaltigkeitskirche.

Wer mich schon länger kennt, weiß, dass ich nur mittelmäßig begeistert von der Emanzipation bin. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, im Gegenteil: Ich finde, dass Gleichberechtigung etwas dermaßen Selbstverständliches sein sollte, dass ich mich weigere, darüber besondere Freude zu empfinden.

Vorige Woche habe ich in Warschau an der Ordination der ersten lutherischen Pfarrerinnen der evangelisch-augsburgischen Kirche Polens teilgenommen, in meiner Funktion als Präsidiumsmitglied der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD). Selbstverständlich kann ich die Freude der ordinierten Frauen sehr gut nachvollziehen. Es ist keineswegs eine banale Angelegenheit, endlich in dem, was man tut, auch kirchenoffiziell anerkannt zu sein.

In diesem Fall war das besonders sichtbar, weil die jetzt ordinierten Frauen allesamt schon seit Jahren als Pfarrerinnen arbeiten. Ihre Aufgaben sind schon längst exakt dieselben wie die ihrer männlichen Pendants, nur dass sie keine “Pastorinnen”, sondern “Diakoninnen” gewesen sind. Deshalb ändert sich für sie mit der Ordination in ihrem Arbeitsalltag nun auch kaum etwas. Außer dass sie nun auch die weißen Umhänge tragen dürfen, die offiziell Ordinierten vorbehalten sind (und nur zu besonderen Anlässen zum Einsatz kommen). Substanziell ist allerdings auch, dass sie sich nun auf das Amt eines leitenden Gemeindepastors bewerben können, und wenn eine das irgendwann mal zehn Jahre lang gewesen ist, könnte sie auch Bischöfin werden.

So sehr ich mich also über das Ereignis als solches freue, so ambivalent fand ich die Art und Weise, wie es zelebriert wurde. Die festlich-freudigen Bischofsreden und Grußworte von angereisten Lutheraner*innen aus aller Welt waren mir doch eine Spur zu unkritisch der eigenen Tradition gegenüber. Vor lauter Stolz darüber, wie emanzipiert die lutherische Kirche ist, blieb die Frage auf der Strecke, warum Herrgottsakrament man es jemals für legitim halten konnte, nur Menschen mit Penis in geistliche Ämter zu lassen. Sicher, die Gründe liegen auf der Hand: Auch die Kirche war ein Kind des patriarchalen Zeitgeistes der griechisch-römischen Antike. Aber eine Entschuldigung ist das nicht. Das Männerpriestertum war von Anfang an eine Häresie, und statt jetzt auf die eigenen emanzipatorischen Errungenschaften stolz zu sein, müsste die Kirche meiner Ansicht nach eher ein Schuldeingeständnis und eine aufrichtige Entschuldigung den Frauen gegenüber aussprechen.

PS: Das gilt nicht nur für die Kirchen, sondern für alle Institutionen und Organisationen, die jemals für sich beansprucht haben, die ganze Menschheit zu repräsentieren, während sie in Wirklichkeit bloß Herrschaftsstrukturen aufgebaut haben.

Pastorin Halina Radacz hat bei ihrer Predigt im Anschluss an die Ordination klargestellt, dass der Wechsel vom Amt der Diakonin in das der Pastorin kein “Aufstieg” ist, weil Diakonie, also das den Mitmenschen Dienen, die zentrale Aufgabe christlicher Geistlicher ist (und nicht etwa das Gemeindemanagement oder das Bischofsein). Sie erinnerte an Irena Heitze, die 1937 ihr Theologiestudium in Warschau abgeschlossen hat. Nach dem Krieg wurde sie nach Masuren geschickt, wo sie wegen Pfarrermangels mehrere Gemeinden versorgte (und dabei immer deutlich machte, dass sie keine Pastorin im Sinne des männlichen Amtes ist). 1990 erinnerte sich eine alte Dame an folgende Begebenheit: Sie hatte sich als junge Frau im Winter 1944/45 auf der Flucht vor der Sowjetarmee Frostbeulen an den Beinen zugezogen, die auch nach dem Krieg nicht heilen wollten. Sie konnte nicht laufen und hatte kein Geld für einen Arzt oder Medikamente. Eines Abends sei Irena Heitze zu ihr gekommen, mit Salbe und Verbänden, und habe ihre Wunde gewaschen und verbunden. Die alte Frau beendete die Geschichte mit dem Satz: “Ich hätte mir niemals vorgestellt, dass ein Pastor meine Beine versorgen würde.”

Pastorinnen hat es immer gegeben. Lehrerinnen, Politikerinnen, Ärztinnen, Wissenschaftlerinnen auch. Und die Leute wussten das. Wir brauchen dafür keine Emanzipation. Es sind vielmehr traditionellen, von Männlichkeitsdominanz verblendeten Institutionen, die die Emanzipation brauchen. Damit auch sie endlich sehen können, was in Wirklichkeit schon immer klar war.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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