Spanien: Anarchismus nach der Diktatur

Als 1975 der spanische Diktator Francisco Franco starb, bedeutete das das Ende einer langen Ära, in der jegliche linke Opposition illegal gewesen war. Folterungen, politische Morde und Repression hatten vier Jahrzehnte lange nicht nur jede politische Kritik, sondern auch jeden Ausdruck persönlicher Freiheit, Feminismus, Homosexualität, Queerness jeder Art unmöglich gemacht.

Ein Dokumentarfilm von Luis E. Herrero zeigt jetzt die Aufbruchstimmung jener ersten Jahre. Im Mittelpunkt steht dabei die anarchistische Gewerkschaft CNT (Confederacion Nacional del Trabajo), die für eine kurze Zeit lang „in Mode“ kam und Hunderttausende hinter sich versammelte. Zu sehen sind Originalaufnahmen ihrer Kongresse und Treffen und Interviews mit damaligen Aktivist*innen.

Dabei wird spürbar, wie schwierig es war, zwei verschiedene Gruppierungen miteinander ins Gespräch zu bringen: Die alten Kämpferinnen, die noch den spanischen Bürgerkrieg erlebt hatten, und eine neue Generation junger Menschen, die von den Ideen und Ausdrucksformen der Flower-Power und Studentinnenbewegungen der „68er“ inspiriert waren.

Ich fand allerdings beim Anschauen des Films, dass gerade diese Kombination einen gewissen Charme hatte, denn die einen hoben sozusagen die problematischen Aspekte des jeweils anderen auf: Die jungen Leute den sexuellen Rigorismus und teilweise Machismo der noch in den 1930ern Sozialisierten, die Alten formulierten klare politische Überzeugungen, sodass das ganze nicht in bloßen Hippie-Lifestyle umschlagen konnte. Warum diese Unterschiede nicht fruchtbar gemacht wurden, sondern destruktiv wirkten, wurde mir aus dem Film leider nicht so klar.

1978 gab es einen Brandanschlag in Barcelona, für den die CNT verantwortlich gemacht wurde, weswegen sich die öffentliche Meinung gegen sie wendete – einige Jahre später kam heraus, dass es ein Agent Provocateur gewesen war. Ebenfalls wichtig für den nun einsetzenden Mitgliederschwund war allerdings auch, dass sich die CNT als einzige linke Organisation nicht an den Wahlen beteiligte. Die Mehrheit der Linken in Spanien folgte der sozialdemokratischen Hoffnung, durch parlamentarische Mitwirkung mehr Einfluss ausüben zu können als durch direkte Aktionen.

Jedenfalls ein sehenswerter Film, gerade auch heute, wo sich die sozialdemokratische Hoffnung ja nur so mittel erfüllt hat, vorsichtig ausgedrückt.

Der Kinostart wird von einer Kinotour mit dem Regisseur Luis E. Herrero und dem Produzenten Javier Rueda begleitet werden. Die Premiere findet am Mittwoch (22. Juni) um 21:45 Uhr, in der Berliner Freilichtbühne Weißensee statt. Infos zum Film hier.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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