Männer und Frauen: Streiten ist schwer

Vorgestern in der taz schrieb Männer-Kolumnist Matthias Lohre (dessen Artikel ich eigentlich immer ganz gerne lese) eine vermutlich wahre Begebenheit auf, die mich erschreckt hat. Es ging um einen Freund, der mit seiner Freundin zusammen in eine gemeinsame Wohnung ziehen will. Die Freundin hat vor, die Wände im Wohnzimmer mit Schwammtechnik pfirsichfarben zu streichen, was er schrecklich findet, und er wusste nicht, wie er es ihr sagen soll. Weil, so Lohre, „Wir jüngeren Männer sind auf Kompromisse mit Frauen gedrillt“. Spontan hat mich der Artikel geärgert. Was für Klischees. Schwammtechnik! (Ist auch bei Frauen eigentlich schon seit zehn Jahren mindestens out). Und dann der leidende Ton des Opfers. Sie werden also „auf Kompromisse gedrillt“, die armen Männer – machen sie sich vielleicht mal ein paar Gedanken darüber, worauf wir Frauen alles gedrillt werden? Und außerdem: Kommt das nicht alles daher, dass ihresgleichen die Frauen über Jahrtausende brutal unterdrückt haben? Nachdem jedoch mein beleidigter Feministinnenfuror etwas abgeklungen war, habe ich verstanden,

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Farewell für meine „schwachen Freundinnen“

Es passiert immer mal wieder, aber jetzt zum Jahreswechsel ist es gleich zweimal passiert: Facebook-Freundinnen haben sich aus dem Netzwerk verabschiedet. Und ich bin darüber ein bisschen traurig. Ja, sie haben ihre Post- und E-Mail-Adressen hinterlassen, und ich könnte ihnen schreiben, aber derart war unsere Beziehung eigentlich nicht. Wir kannten uns nicht wirklich gut, sondern nur „aus dem Internet“. Ich freute mich über ihre gelegentlichen Kommentare zu meinen Postings. Ein Jahr oder sogar etwas länger hatte ich ein kleines bisschen Anteil an ihrem Leben und Denken, nichts arg Intensives, aber ausreichend, um einen Eindruck von ihnen als Personen, als Menschen zu haben. Ja, sie waren mir ein bisschen ans Herz gewachsen. Und jetzt sind sie weg. Und ich merke, wie die sozialen Netzwerke mich eingesponnen haben in ein Beziehungsgewebe, das es vorher so nicht gegeben hat. Denn wären die beiden „wirkliche“ Freundinnen gewesen, also Menschen, mit denen ich sowieso und unabhängig vom Internet eine Beziehung habe, dann wäre ich über

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Es ist okay, keine Feministin zu sein

Einige meiner besten Freundinnen sind keine Feministinnen. Wenn ich genauer nachdenke (also diejenigen rausrechne, die über die politische Arbeit zu Freundinnen geworden sind), ist sogar fast keine meiner „normalen“ Freundinnen eine Feministin. Von den Freunden ganz zu schweigen. Es gibt die eine oder andere, aber man muss sie einzeln suchen wie die Rosinen in einem Apfelkuchen. Klar, meine Freundinnen sind alle emanzipiert und verdienen ihr eigenes Geld, oder wenn nicht, dann haben sie zumindest eine revolutionäre Erklärung dafür. Meine Freunde sind vollkommen gleichgestellt und kämen nie auf die Idee, uns Frauen zu unterdrücken. Aber – nee, Feministinnen sind sie nicht. Oder Feministen. Und wisst Ihr was? Ich finde das völlig in Ordnung. Ich finde es sogar fast normal. Denn Feministin sein ist heute ja nicht mehr damit erledigt, dass man so vollkommen evidente Dinge tut wie dagegen protestieren, dass Menschen ohne Penis kein Konto eröffnen dürfen. Es ist auch nicht mehr damit getan, die zwei, drei maßgeblichen Bücher zu kennen,

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Das Ende der Heuchelei

Seit einiger Zeit läuft eine interessante Debatte über Eifersucht in Zeiten sozialer Netzwerke. Viel davon handelt direkt von der Liebe im klassischen Sinne, aber der Aspekt, der mich beschäftigt, ist der etwas breitere Blick auf Beziehungen allgemein. Denn die Öffentlichkeit unserer Beziehungsstrukturen ist, so glaube ich, eine ziemliche Herausforderung und möglicherweise „gefährlicher“ als die Verfügbarkeit von Daten allgemein. „Gefährlich“ allerdings in einem produktiven Sinne – nämlich so, dass es uns dazu zwingt, unsere sozialen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu verändern. Zu verbessern, wie ich meine. Wir sind alle ziemlich komplexe Persönlichkeiten mit einer wechselhaften Geschichte, was normalerweise dazu führt, dass wir in sehr vielfältigen, unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Beziehungsnetzen zuhause sind: Die Eltern, Geschwister und Cousinen, die alten Schulkameraden, die Arbeitskolleginnen und Kunden, die Leute aus diversen politischen Projekten, die näher und ferner stehenden Bekannten, die Nachbarinnen, die im Laufe des Lebens angesammelten Freundinnen und Freunde. Sie alle kennen uns tendenziell aus einer bestimmten Rolle, in jeder dieser Beziehungsnetze sind wir

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Die Rückkehr der Vielehe

Warum wir längst nicht mehr monogam sind – und warum das auch nicht schlimm ist Bei einer Debatte über das neue Unterhaltsrecht hörte ich neulich eine interessante Formulierung: Einige Diskussionsteilnehmerinnen klagten darüber, dass viele Frauen, die jahrelang als Hausfrauen für Kinder und Ehemann gearbeitet hatten, nun um ihre finanzielle Absicherung fürchten müssen. Woraufhin andere die neue Regelung verteidigten, darunter auch eine Bundestagsabgeordnete, die schilderte, wie Politikerinnen aus allen Parteien gemeinsam dieses Thema diskutiert und schließlich die Neuregelung befürwortet hätten. Sie sagte in etwa: „Es ist jetzt zwar für die Erstfrauen schlechter geworden, aber wir hatten eben auch die Interessen der Zweit- und Drittfrauen im Auge.“ In diesem Moment wurde mir klar, womit ich als Idee schon eine ganze Zeit schwanger gehe, was ich aber bis dahin nicht so formuliert hätte: Wir erleben derzeit eine Rückkehr der Vielehe. Das soziologische Gerede von der „seriellen Monogamie“ stimmt überhaupt nicht. „Seriell“ ist die Monogamie, also die exklusive Lebensgemeinschaft eines Paares, nämlich höchstens im

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