Kleines Lob auf die Non-Mentions

An den Diskussionen über den Feminismus, die dieser Tage nach einem Text von Meike Lobo durchs Netz toben, habe ich mich nicht beteiligt, weil mich dieses Thema etwas ermüdet und ich glaube, dass das alles vor allem zur Folge hat, von den inhaltlichen wichtigen Debatten eher abzulenken.

Vor einer ganzen Weile (oh, scheiße, vor über fünf Jahren) hatte ich ja schon mal vorgehabt, das F-Wort gar nicht mehr zu benutzen, um dann eine Weile später doch wieder zu kapitulieren – momentan schwanke ich aber wieder zurück. Weil mich eigentlich der Zustand „des Feminismus“ nicht die Bohne interessiert, sondern vielmehr die kontroversen Debatten unter Feministinnen. Eine gewisse feministische Grundhaltung des Gegenübers ist für mich sowieso die Voraussetzung dafür, dass ich an einem politischen Austausch interessiert bin. Die Frage ist nicht, ob Feminismus, denn das versteht sich von selbst, sondern wie genau. Oder noch anders: Mich interessiert Politik, nicht Propaganda.

(In diesem Sinne halte ich im übrigen auch Meike Lobo für eine Feministin, ebenso wie Alice Schwarzer eine ist, obwohl ich mit beiden in fast nichts einer Meinung bin, und die beiden untereinander vermutlich auch nicht über viel.)

Momentan zum Beispiel denke ich mit meiner anarchistischen Grundveranlagung über die Frage nach, ob eine Strafrechtsverschärfung tatsächlich so eine gute Idee ist, um das Problem der sexualisierten Gewalt anzugehen, während gleichzeitig viele andere Feministinnen (darunter auch die, mit denen zusammen ich gerade den #ausnahmslos-Text geschrieben habe) sich dafür einsetzen. Und ich lektoriere zurzeit ein Buch mit feministischen Positionen zum Grundeinkommen (erscheint im Herbst bei Ulrike Helmer), die in zentralen Aspekten ganz schön über Kreuz verlaufen. Undsoweiter.

Ein neuer Punkt, den Meike in ihrem jüngsten Resumee-Replik-Blogeintrag aufwirft, bringt mich jetzt aber doch zum Reagieren, und zwar ihre Kritik an den „Nonmentions“ bei Twitter:

Ein guter Teil der Äußerungen auf Twitter waren Nonmentions, also Tweets ohne Namensnennung ÜBER mich und nicht AN mich. Nonmentions sind das Äquivalent zum Hinter-dem-Rücken-Lästern, sie sind das Krebsgeschwür von Twitter, weil sie dem Kritisierten jede Möglichkeit nehmen, in irgendeiner Weise zu reagieren.

Ich habe auch eine Nonmention über Meike Lobo getwittert, und zwar aus Ärger darüber, dass sie in ihrem Text schreibt, der Feminismus würde Frauen, die Care-Arbeit leisten, jede Form von Anerkennung verweigern und dann zu dem Schluss kommt:

Dass typische Frauentätigkeiten mitunter gar nicht als Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit gelten, etwa die Pflege alter und kranker Angehöriger in der Familie, oder aber schlecht bezahlt werden und kaum eine Lobby haben, ist daher auch die Schuld der Frauenbewegung.

Es stimmt natürlich, dass es Feministinnen gibt, die Hausarbeit abwerten (vor allem in den 1980er und 1990ern), aber der feministische Mainstream sieht heute in der ungelösten Frage der Care-Arbeit eines der zentralen Themen. Und vermutlich war ich besonders angepisst, weil ich selber seit längerem gefühlt über praktisch gar nichts anderes rede und schreibe als über Care.

Aber hier sollte es jetzt ja um Nonmentions gehen: Ich habe Meike Lobo also nicht deshalb in dem Tweet nicht gementioned, weil ich hinter ihrem Rücken über sie lästern wollte, sondern weil ich keine Lust/Zeit/Energie hatte, mit ihr darüber eine Diskussion zu eröffnen. Zumal sie ja mit dieser These klargemacht hat, dass sie an meinem Feminismus offenbar nicht die Bohne interessiert ist. Weil sie offenbar weder mich, noch die feministische Szene, in der ich mich bewege (und die gar nicht mal so miniklein ist), noch die Care Revolution oder sonst irgend etwas, das ich mit Feminismus verbinde, auch nur ansatzweise auf dem Radar hat.

Auf die Idee, dass das Nichtmetionen irgendwie unhöflich sein könnte, kam ich gar nicht. Denn ich nehme es selber so wahr, dass ich mich selber durch eine Mention mit einer Kritik darin irgendwie herausgefordert fühle, zu reagieren. Also ich empfinde es als unhöflich, gementioned zu werden und dann nicht darauf zu antworten. Und deshalb finde ich es gut, wenn Leute, die etwas zu mir zu sagen haben, mich nur dann mentionen (gibt es das Wort überhaupt?), wenn sie von mir eine Reaktion haben wollen, und wenn nicht, dann nicht. (Manchmal wenn mir langweilig ist, suche ich bei Twitter meinen Namen und schaue, was die Leute so über mich reden, und habe dabei ein entspanntes Gefühl, weil ich nicht reagieren muss, aber durchaus kann).

Das ist jetzt natürlich Interpretationssache und Vorliebensache, aber ich glaube, es ist auch ein Trend in der Art, wie sich die Twitternutzung weiterentwickelt hat und wie wir (einige von uns, ich :)) inzwischen mit der Tatsache umgehen, dass wir nicht alle Diskussionen, die womöglich interessant sind, auch tatsächlich führen können:

*Mention bedeutet: Ich will, dass du auf meinen Einwand reagierst.

*Namensnennung bedeutet: Ich habe nichts dagegen, dass du meine Kritik erfährst, aber du musst nicht reagieren. Wenn du das Thema deinerseits weiter verfolgen willst, dann mentione halt mich.

*Anonymisierte Kritik (also public, aber ohne eindeutige Zuordnung zu der Person, wobei aber für viele durchaus erkennbar ist, wer gemeint ist) bedeutet: Ich habe das starke Bedürfnis, meine Kritik an der Position von XY öffentlich zu äußern, aber ich will auf gar keinen Fall mit ihr darüber diskutieren. Ich habe allerdings nichts dagegen, dass sie erfährt, was ich von ihr halte.

*Lästern im Darktwitter (also privat nur in einer bestimmten Gruppe) bedeutet: Diese Person nervt mich so, dass ich mich über sie mal bei Gleichgesinnten auskotzen muss, aber ich will dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden, daher sage ich es nicht öffentlich.

Allenfalls Letzteres würde ich als „Lästern hinter dem Rücken“ empfinden, aber auch das finde ich eigentlich legitim, denn niemand hat ja doch einen Anspruch darauf, zu erfahren, was andere über sie_ihn denken. Außerhalb vom Internet ist es ja auch ganz normal, dass ich über Dritte Sachen sagen kann, ohne von diesen dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das ist, finde ich, völlig in Ordnung.

Eine gekonnte Anwendung dieser „vier Stufen der twitterbasierten Kritik an Positionen, mit denen ich nicht einverstanden bin„, wenn man so will, hilft uns allen, unsere Kräfte beisammen zu halten, uns die Debatten und Auseinandersetzungen zu wählen, die uns jeweils interessant erscheinen und so weiter. Wie ich auch in meinem Artikel „Pluralität statt Parteibildung“ über die Entwicklungen des „Netzfeminismus“ in den vergangenen drei Jahren schrieb, ist das, glaube ich, einfach nur eine Weiterentwicklung von Konventionen, die der Tatsache geschuldet sind, dass es nicht möglich und auch nicht notwendig ist, mit allen über alles zu diskutieren.

Und dann ist diese Erkenntnis ja wiederum auch gar nicht so neu.

Früher hieß das: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“

Über welchen Kanal hätten Sie’s denn gerne?

Grade fragte das Nuf auf Twitter nach Unter-20-Jährigen, die eine Meinung zu dem LeFloid-Interview mit Merkel hätten (zu dem sie schon was Feines gebloggt hatte) – und dabei fiel mir ein, dass ich ja einen Unter-20-Jährigen kenne, den ich fragen kann (meinen Neffen). Also dachte ich, ich frag ihn mal.

Um mit meinem Neffen zu kommunizieren, gibt es genau eine Möglichkeit: Snapchat. Ich also Frage hin, Antwort zurück, zackzack in drei Minuten erledigt (hat das Interview gesehen, fand es gut, hat Verständnis dafür, dass LeFloid nicht allzu kritisch gefragt hat, weil er ja sicher froh gewesen wäre, ein Interview mit ihr machen zu dürfen). (Update: Lesenswert zu dem Interview auch was Johnny Haeusler schreibt.)

Für mich ist das jetzt der Anlass, mal über was anderes zu bloggen, das mir schon länger im Kopf herum geht: Nämlich die zunehmende Diversifizierung der verfügbaren Kommunikationskanäle und die damit einhergehende Notwendigkeit, für die jeweilige Person, mit der man kommunizieren will, den richtigen Kanal zu wählen.

Snapchat habe ich praktisch nur für Neffe 1, mit Neffe 2 muss ich WhatsApp nehmen. Meine chinesischen Bekannten erreiche ich nur über WeChat. Telefonieren geht natürlich immer, aber so unhöflich bin ich nun nicht, Leute einfach telefonisch zu belästigen, wenn es nicht was ganz Dringendes ist – Anrufen ist doch fast so aufdringlich, wie einfach ohne Voranmeldung an der Tür zu klingeln. Abgesehen natürlich von denen, die sehr gerne telefonieren und auch sehr gerne von mir angerufen werden wollen.

E-Mails sind zunehmend out, es sei denn, man möchte Leute über etwas pro Forma informiert haben ohne wirklich eine Reaktion von ihnen zu wünschen. Es gibt nämlich immer mehr Leute, die ihre E-Mails gar nicht lesen beziehungsweise grundsätzlich nicht darauf reagieren (mein Neffe ist da keine Ausnahme). Erst diese Woche wieder ging es um eine Verabredung, die schon länger feststand. Keine Reaktion auf die nachfragende Mail, ob es dabei denn bleibt, aber instantaneous Antwort via Twitter.

Bei anderen Menschen funktioniert dasselbe über Facebook, und zwar besonders bei Firmen oder Organisationen. Wochenlang hatte ich etwa vergeblich versucht, eine Presse-Akkredition für einen Kongress nächste Woche zu bekommen, aber keine oder nichtssagende Antworten. Als ich die Verantwortlichen über Facebook kontaktierte, ging es plötzlich ratzfatz.

Andererseits sind da immer noch sehr viele, die überhaupt nur via E-Mail erreichbar sind, weil sie Social Media generell verweigern. Und dann gibt es natürlich auch noch die Leute, die gar kein Internet haben und denen man Postkarten schreiben muss.

Ich überlege ernsthaft, ob ich in meiner Adressen-Datenbank noch ein weiteres Feld einfügen muss, nämlich: „erfolgsversprechendster Kommunikationskanal“. Auswendig verliere ich nämlich so langsam die Übersicht.

Das Internet, die Medien und die Vertrauensfrage

Vor ein paar Tagen las ich diesen Artikel hier in der FAZ über eine Umfrage zum Thema: Welchen Medien vertrauen wir? Das nicht ganz überraschende Ergebnis lautet: Qualitätszeitungen vertrauen wir ziemlich, dem Fernsehen so mittelmäßig, den Sozialen Medien weniger, aber der Bild-Zeitung noch weniger.

Natürlich ist der Artikel auch ein Versuch der traditionellen Medien, sich angesichts ihrer Krise ein bisschen selbst Mut zu machen, und das ist ja auch legitim. Allerdings musste ich doch etwas schmunzeln, als ich die Schlussfolgerungen des Autors darüber las, dass Twitter und Facebook als so wenig vertrauenswürdig eingestuft werden. Er schreibt:

„Letzteres ist in dieser Deutlichkeit überraschend, zumal in dieser Bewertung alle Befragten ausgeschlossen sind, die mit den sozialen Medien nichts anfangen können. Selbst bei den unter Dreißigjjährigen und bei Menschen, die das Internet mehr als zwanzig Stunden wöchentlich nutzen, erhalten soziale Medien unter dem Aspekt der Glaubwürdigkeit ziemlich schlechte Werte. Sie werden offenkundig als Austausch-, Meinungs- und Protestmedium erlebt und nicht als relevante Informationsquelle.“

Da würde ich sagen, dass jemand die Dynamik, um die es hier geht, ziemlich missversteht. Denn jede, die Facebook und Twitter halbwegs regelmäßig nutzt, müsste ja plemplem sein, wenn sie diese Medien als solche für „vertrauenswürdig“ halten würde in dem Sinne, dass alle dort vorfindlichen Informationen wahr sind. Es ist ja wohl offensichtlich, dass man Informationen aus einem Medium, in das alle nach Belieben hineinschreiben können, was sie wollen, nicht einfach ungeprüft glauben kann. Und natürlich ist mein Vertrauen höher, wenn ich weiß, dass die Quelle der Information ein Medium ist, in dem eine Redaktionen eigens dafür bezahlt wird, den Wahrheitsgehalt der weitergegebenen Informationen zu prüfen (allerdings ist auch nicht absolut).

Also: Selbstverständlich glaube ich nicht, dass alles oder auch nur das meiste von dem, was auf Facebook und Twitter gepostet wird, „vertrauenswürdig“ ist. Aber heißt das, dass Soziale Medien deshalb keine „relevante Informationsquelle“ für mich sind? Was ein Quatsch!

Sie sind als Informationsquellen ja gerade deshalb relevant, weil sie ungefilterten Zugang zu Quellen, Meinungen und Positionen bieten. Und zwar gerade dann, wenn man sich mit einem Thema tiefer befasst, also mit dem bisschen, was es dazu in die Zeitungen schafft, nicht ausreichend bedient wird. Dass Politikerin X eine falsche Tatsache zum Thema Y verbreitet, ist für sich genommen durchaus eine Information, gerade weil nicht wahr ist, was sie sagt. Es verschafft mir nämlich relevante Informationen über ihren Diskussionsstil. Dass die politische Bewegung Z ihre ganz spezielle interessengeleitete Sicht auf irgend ein Phänomen postet, kann ebenfalls eine relevante Information sein, ganz unabhängig davon, ob diese Sicht „vertrauenswürdig“ ist. Denn es hilft mir, die Anliegen dieser Bewegung besser zu verstehen.

In Zeiten des Internet gehört es ganz einfach zur grundlegenden Medienkompetenz, die alle Menschen benötigen, sich Gedanken über den Wahrheitsgehalt einer Information zu machen. Es ist eine Kompetenz, die wir heute nicht mehr einfach an die Redaktionen unseres Vertrauens abgeben können.

Das bedeutet aber eben nicht, dass diese Informationen nicht relevant sein können. Denn relevant ist heute eben nichts, was sich objektiv festlegen ließe, sondern etwas, das vom Interesse der recherchierenden und denkenden Person selber abhängt.

Menschen, die in Dinger starren

Immer mehr Leute gucken unterwegs in ihre Smartphones und nicht mehr auf die Leute, die ihnen gegenüber sitzen. And so what?

Diesen Artikel hier möchte ich euch zur Lektüre empfehlen. Johnny Haeusler beschäftigt sich darin mit der Frage, wie sich unsere Kultur verändert, wenn wir nicht mehr analoge Medien nutzen (also zum Beispiel Bücher, auf deren Rücken draufsteht, was drinsteht), sondern digitale Medien, denen man nicht ansieht, was sie enthalten. Italienischkurs, Musik, Pornovideo oder Businessmails, das alles sieht für Danebenstehende gleich aus, wenn es per Smartphone und Stöpsel im Ohr konsumiert wird.

Nun ist die Frage müßig, ob diese Veränderung gut oder schlecht ist, denn sie ist einfach eine Tatsache. Aber sie ist dennoch ein bisschen des Nachdenkens wert. Denn gerade was das Smartphonisisieren in der Öffentlichkeit betrifft, so geht damit eine Tendenz einher, die durchaus problematische Aspekte hat: und zwar die, immer weniger mit Fremdem, Anderem konfrontiert zu sein. Beispiel: Früher habe ich es mitbekommen, wenn die Frau im Zug mir gegenüber Eva Herman las oder den Sportteil der FAZ, und mich darüber zwangsläufig gewundert. Bewusst oder unbewusst speicherte ich das im Kopf ab: Aha, es gibt also Leute, die so was lesen. Nicht nur theoretisch, sondern direkt hier vor meiner Nase. Heute gibt es solche Irritationen kaum noch: Ich sehe nur, wie die Frau gegenüber in ihr Smartphone guckt – und kann mir gut einbilden, dass sie eigentlich so ähnlich ist wie ich selbst.

Und deshalb kann ich es durchaus verstehen, wenn manche Menschen den Trend zum „In diese Dinger Starren“ bedauern, weil dadurch das „Zwischenmenschliche“ verloren gehe. Denn es tatsächlich etwas verloren. Vielleicht nicht das Zwischenmenschliche, denn das war zwischen mir und der Eva Herman-Leserin nie besonders großartig. Aber eben etwas anderes: Früher, als wir diese Dinger noch nicht hatten, in die wir reingucken können, und also gezwungen waren, uns unterwegs oft zu langweilen, konnten wir gar nicht umhin, unsere Umgebung anzustarren und also wahrzunehmen. Und was wir da sahen, war vielleicht nicht immer erfreulich, aber auf jeden Fall lehrreich.

(Kleine Randbemerkung: Das Leute Anstarren war früher ja verboten, denn es gehörte sich nicht. Irgendwie scheint mir manchmal, es sind dieselben Leute, die mir früher sagten, man dürfe Fremde in der Öffentlichkeit nicht anstarren, die sich jetzt darüber beklagen, dass ich sie nicht mehr anstarre).

Man sollte sich also schon bewusst machen, dass diese neue Art des „In der Öffentlichkeit Seins“ die Wahrnehmung faktisch einschränkt und uns anfälliger für Selbsttäuschungen macht. Denn indem wir im Bus, auf der Straße, in der Kaufhauskantine nicht mehr mit den Leuten zusammen sind, die sich auch gerade dort befinden (den anderen also, den Fremden, denen, die wir uns nicht ausgesucht haben und die wir nicht kennen und von denen wir nicht wissen, ob wir sie mögen oder nicht), sondern mit unseren Freundinnen und Freunden, unserer eigenen Szene, mit all den vertrauten Feeds, die uns niemand aufdrückt, sondern die wir uns selber nach eigenen Vorlieben zusammengestellt haben, verringert sich die Notwendigkeit, sich dem unangenehmen Gefühl auszusetzen, mit Unbekanntem, Fremdem, Anderem konfrontiert zu sein. Und das führt in der Tat leicht zu Realitätsverlust und dann gegebenenfalls auch zu Herumtrollerei: Leute, die sich immer nur unter Ihresgleichen aufhalten, neigen dazu, die eigenen Moden und Ansichten für die einzige realen und möglichen zu halten.

Zum Glück hat das Internet selbst schon ein Gegenmittel erfunden, nämlich die so genannten „schwachen Kontakte“. Also diese ganzen Leute, die man nicht kennt, mit denen man sich aber irgendwie doch mal lose vertwittert hat, und die Sachen in die Timeline schreiben, die man sich selber niemals ausgesucht hätte. Sachen, denen man aber dann doch ein Quentchen Aufmerksamkeit widmet. Da liest man dann vor lauter Langeweile, während man an der Bushaltestelle herumsteht und in dieses Ding starrt, Sachen, von denen man ansonsten nie etwas mitbekommen hätte. Ich zum Beispiel habe mich im vergangen Jahr mit der Piratenpartei, mit Queertheorie und mit Veganismus beschäftigt, worauf ich im Leben nicht von selbst gekommen wäre. Ohne „schwache Kontakte“ wären mir diese Themen keine Aufmerksamkeit wert gewesen. Denn von „Fremden“ hätte ich mich niemals dazu animieren lassen. Und meine „echten Freundinnen“ interessieren sich dafür genauso wenig wie ich selbst.

Das Paradoxe und geradezu Gefährliche an der derzeit in den Mainstreamdiskursen verbreiteten Panikmache vor den sozialen Netzwerken ist daher, dass sie gerade die „Selbstheilungskräfte“ der mobilen Internetkultur schwächen. Ihr Tenor ist ja oft die Warnung vor allzu vielen „falschen Freunden“, davor, zu viel vor „Fremden“ von sich preis zu geben und so weiter. Diese Angst nimmt inzwischen zum Teil irrationale, paranoide Züge an, wie ich selbst ein paar Mal erlebt habe.

Natürlich gibt es berechtigte und notwendige Kritik an Facebook und Co. Aber der Sinn dieser Kritik kann doch nur sein, diese Angebote zu verbessern, im Hinblick auf Datenschutz vor allem, aber auch im Hinblick auf alles Mögliche sonst. Wenn die Kritik dazu dient, Menschen aus den sozialen Netzwerken fernzuhalten oder die Kontakte dort nur auf ihre wahren, echten, engen Freundinnen und Freunde zu beschränken, dann ist sie nicht nur altbacken, sondern gefährlich – gerade wenn man das „Zwischenmenschliche“ aus der alten Vorinternetkultur retten oder ein entsprechendes Äquivalent etablieren möchte.

Die Angst vor „schwachen Kontakten“ macht blind dafür, dass gerade sie ein Heilmittel sind, das wir meiner Ansicht nach dringend brauchen, um den problematischen Nebenwirkungen des „In die Dinger Starrens“ entgegenzusteuern. Und vielleicht sind sie ja sogar noch mehr als nur ein Heilmittel, nämlich eine neue Kulturtechnik und Beziehungsform, die uns langfristig nicht nur nicht verschlossener, sondern sogar offener für das Andere macht, als wir es früher waren. Aber das ist jetzt Optimismus.


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Bloggen vs. Journalismus oder: die Qualität des Begehrens

Foto: Sandra C./fotolia.com

Wie lange dauert es von der Idee für einen Blogeintrag bis zum Schreiben desselbigen? Bei mir maximal eine Stunde. Ich gehe natürlich laufend mit allen möglichen Themen schwanger. Aber nicht alle werden zu einem Text. Sie befinden sich quasi in meinem Inneren. Sie interessieren mich, ich denke darüber nach, forsche dazu und informiere mich, diskutiere sie mit anderen. Und manchmal passiert es, dass eines davon nach außen drängt – ich schreibe meine Gedanken dazu auf und veröffentliche sie.

Seit einiger Zeit beobachte ich an mir selbst diesen Prozess, weil er mir wichtig zu sein scheint für die Veränderungen, die sich durch das Medium „Blog“ im Vergleich zum klassischen Journalismus ergeben. Schon seit einer ganzen Weile stellen mich die Diskussionen dazu nicht zufrieden, die sich meistens um ökonomische Fragen (wofür gibt es Geld und wofür nicht) oder um eine – als objektiv vermutete – Qualität von Texten geht.

Ich blogge ungefähr seit vier Jahren, seit zwei Jahren intensiver. Vorher habe ich über zwanzig Jahre als Journalistin gearbeitet. Und ich stelle fest, dass mir das Bloggen sehr viel mehr Freude macht, als jemals das journalistische Schreiben.

Dabei habe ich als Journalistin eher schöne Aufträge gehabt: Eine meiner Hauptaktivitäten war es, Halbstundenfeatures fürs Radio zu schreiben, und zwar zu Themen, die mich wirklich interessierten. Damals (vor zehn, zwanzig Jahren) hatten die Fachredaktionen noch große inhaltliche Freiheit, und davon profitierten auch wir freie Autorinnen. Die Features mussten nicht skandalträchtig und nicht mainstreamig sein, und außerdem wurden sie gut bezahlt.

Es war also eine schöne Arbeit, aber dennoch hatte sie einen großen Anteil an „Pflicht“ und „Mühsal“ (und wir haben uns ja angewöhnt, das als wesentlichen Anteil von Arbeit zu begreifen, sodass viele glauben, wenn etwas nicht als mühevoll und anstrengend empfunden wird, dann ist es auch keine „richtige“ Arbeit.)

Der Grund für die Mühsal lag darin, dass es beim journalistischen Arbeiten notwendig ist, äußere Regeln und Grenzen einzuhalten. Begrenzter Zeitungs- und Sendeplatz macht Planung einfach notwendig. Ein zugesagter Beitrag muss zum Zeitpunkt X fertig sein, die Länge ist genau festgelegt. Diese Grenzen ergeben sich aus der Mangelsituation, die zur Entstehung des Journalismus als Beruf geführt hat: Es konnte in Vor-Internet-Zeiten eben nicht alles gedruckt und gesendet werden. Die Aufgabe, dieses „Gateway“ zu organisieren, hatten Verlage und Redaktionen. Und auch wenn sie tatsächlich so offen, objektiv, qualitätsbewusst und kritisch waren, wie es das journalistische Ethos beschreibt (das allzu oft unerreicht war): Es blieb eine Situation des Mangels. Nicht jeder gute Artikel kommt in die Zeitung, und manchmal werden schlechte Artikel in die Zeitung genommen, weil nichts anderes da ist.

Für mich als Autorin ergaben sich dadurch äußere Zwänge, die nichts mit der inhaltlichen Bearbeitung des Themas zu tun hatten: War der Auftrag einmal zugesagt, musste er auch dann und dann in der besprochenen Form abgegeben werden. Diese Mangelsituation der materiell gebundenen Informationsverbreitung (der Sendeplatz, die Zeitungsseite, die Produktionsvorläufe usf.) bewirkte, dass meine Offenheit für unerwartete Zwischenfälle bei der Recherche begrenzt war: Hatte die gewünschte Gesprächspartnerin keine Zeit für ein Interview, musste ich eine andere (zweite Wahl) nehmen. Ergab sich während der Recherche ein ganz anderer inhaltlicher Fokus, konnte ich das nur begrenzt einbeziehen, weil die Sendung schon im Programm angekündigt war. Stellte sich im Verlauf des Nachdenkens heraus, dass mich das Thema doch gar nicht so sehr interessierte, musste ich den Beitrag trotzdem fertig machen, denn er war zugesagt – Qualitätsverluste wegen meiner Lustlosigkeit waren dann unvermeidlich.

All diese Zwänge fallen beim Bloggen weg. Ich kann schreiben oder nicht. Ich kann warten, bis ein Thema „fertig“ ist. Ich kann meine Meinung dazu noch beim Schreiben selbst ändern. Die Recherche ist wirklich ergebnisoffen, weil ich nichts vorher schon unter einem bestimmten Fokus an eine Redaktion „verkaufen“ musste.

Überhaupt, ich „muss“ nichts mehr – nichts jedenfalls, wozu ich von außen gezwungen werde. Das „Müssen“ im Bezug auf das Bloggen besteht allein in der inneren Notwendigkeit. Es drängt mich, hierzu etwas zu sagen. Ich fühle die Verpflichtung, mein Wissen um ein Thema in eine öffentliche Diskussion einzubringen, der ansonsten etwas fehlen würde. Über diesen aus meiner Sicht sehr wichtigen Unterschied zwischen Müssen als Zwang und Müssen als Sehen einer Notwendigkeit habe ich an anderer Stelle schon einmal ausführlich geschrieben.

Praktisch heißt das in meinem Alltag, dass ich selbst nicht genau weiß, wann ein Thema die Reife hat, zu einem Blogeintrag zu werden. Ich beobachte, dass ich selbst nur teilweise daran beteiligt bin: Es „passiert“ irgendwie – eben im Verlauf der oben erwähnten Stunde. Oft ist es ein kleiner äußerer Anstoß: Beim vorigen Post zum Thema Ehenamen war es eine kleine Zeitungsnotiz, die mich an den Computer trieb. Bei diesem Post war es ein Link zu einem dieser zahlreichen „Blogexperten“, der empfahl, sich selbst Zwänge aufzuerlegen, um „erfolgreich“ zu bloggen – und daran merkte ich, dass ich dazu dringend etwas anderes sagen will.

Ein Blogeintrag kommt also dann zustande, wenn ein Thema, das mich innerlich bewegt, über das ich viel nachgedacht habe und zu dem ich Wesentliches beitragen kann, auf einen öffentlichen Diskurs trifft, und es mir ein Bedürfnis ist, mich daran zu beteiligen. Und dieses Bedürfnis muss dann auch noch eine bestimmte Stärke haben – nämlich eine Stärke, die groß genug ist, meine Trägheit, den Zeitmangel, oder was es noch an äußeren Hindernissen geben mag, zu überwinden. Meine Gedanken und Ideen dazu müssen mich auf eine Art und Weise beschäftigen, dass ich sie nicht beiläufig beiseite legen kann. Mit anderen Worten: Es geht hier zentral um das Begehren, das Feministinnen schon länger als wichtiges Kriterium für weibliche Freiheit in der Welt diskutieren.

Dass zusätzlich auch noch äußere Zufälle diesen Prozess beeinflussen (habe ich gerade Zeit zum Schreiben, bin ich gesund, funktioniert mein Computer, muss ich nicht gerade auf meine Neffen aufpassen oder das Essen kochen, zu dem ich in zwei Stunden Gäste erwarte), widerspricht dem nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man das menschliche Tätigsein als ein Wechselspiel zwischen der Person, den anderen Menschen und der Welt und ihren Notwendigkeiten begreift und nicht als Stempel, den ein angeblich autonomes Subjekt der Welt aufdrückt.

Der Übergang vom klassischen Journalismus, der den öffentlichen Diskurs unter Bedingungen einer materiellen Mangelsituation organisierte, hin zum Bloggen als einer Möglichkeit, das Begehren der Beteiligten als eine Ressource zu sehen, die gerade nicht äußerlichen Zwang, sondern innere Notwendigkeit zum Ausgangspunkt hat, hat viel Ähnlichkeit mit der Unterscheidung, die Hannah Arendt zwischen Herstellen und Handeln getroffen hat.

„Herstellen“ bezieht sich auf ein Produkt, für das ich Pläne entwerfe und Mittel suche, um es zu realisieren, beispielsweise einen Stuhl. „Handeln“ hingegen bedeutet, sich mit der eigenen Person und Subjektivität in das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“ (Arendt) einzuknüpfen. Im klassischen Journalismus musste sich beides notwendig vermischen. Jeder Beitrag zu einer öffentlichen Diskussion ist natürlich diesem Sinn Handeln. Aber unter den materiellen Produktionsbedingungen von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen nahm der Aspekt des Herstellens zwangsläufig großen Raum ein. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum es so schwer ist, Blogs zu monetarisieren: Dass ich für einen Stuhl, den jemand anderes gebaut hat, Geld bezahle, ist mir einsichtig, weil der Stuhl ein materielles Produkt ist. Dass ich für einen Diskussionsbeitrag Geld bezahlen soll, ist mir aber kaum einsichtig: Da besteht meine Gegenleistung eher darin, dass ich ihm Aufmerksamkeit widme.

Wenn zurzeit sentimental erinnert wird, wie groß früher die Bereitschaft gewesen sei, für journalistische Inhalte Geld zu bezahlen, dann wird diese materielle Seite selten erwähnt, aber sie war meiner Ansicht nach Ausschlag gebend: Mein Zeitungsabo bezahle ich, weil ich einsehe, dass jemand das Papier kaufen, es bedrucken und in meinen Briefkasten tragen muss. Ich bezahle also gefühlt den Aspekt des „Herstellens“ der Zeitung und nicht den Aspekt des „Handelns“. Diese materiellen Seiten machen bei einem Printprodukt ungefähr vier Fünftel der Kosten aus (jedenfalls wenn ich die Publikationen zugrunde lege, über deren Kostenstruktur ich Bescheid weiß).

Beim Bloggen wird dieser Aspekt stark reduziert. Es gibt dabei nur sehr geringe „Herstellungskosten“. Deshalb kann ich dafür auch schlecht Geld verlangen. Mein „Lohn“ ist, dass ihr das lest und ernsthaft über meine Thesen nachdenkt.

Ich halte es für eine große Chance, dass wir deshalb beim Reflektieren über den Sinn und  Unsinn des Publizierens heute den Aspekt des Handelns in den Vordergrund stellen können, der ja der viel interessantere und wichtigere Aspekt ist. Und genau deshalb ist es schade, wenn die Potenziale des Bloggens heute meistens am Vergleich mit dem klassischen Journalismus gemessen werden. Wenn hier eine „Professionalität“ zum Ideal wird, die nicht auf das Begehren setzt, sondern auf Effizienz und Reichweite – Kritierien, die einfach nicht mehr sinnvoll sind, wenn wir es nicht mehr mit einem Mangel an Publikationsmöglichen zu tun haben.

Stattdessen können wir doch die Fülle genießen, die es bedeutet, fast ohne materielle Kosten publizieren zu können. Sich dabei vom eigenen Begehren leiten zu lassen – sowohl auf Seiten der Schreibenden als auch auf Seiten der Lesenden und Kommentierenden – bedeutet nicht Egoismus oder eine unverbindliche „Fungesellschaft“. Es ist im Gegenteil der Motor, das Notwendige in der Welt zum Zirkulieren zu bringen – und nicht bloß das, was Geld bringt oder politisch instrumentell opportun ist.

Deshalb werde ich auch weiterhin meine Blogposts nicht planen, sondern auf mich zukommen lassen. Ich werde mich nicht selbst zum Schreiben zwingen, sondern mich dem „Zwang“ überlassen, der mich zum Schreiben drängt. Ich werde nicht versuchen, die Kontrolle über meinen Blog auszuüben, sondern gewissermaßen dabei zusehen, wie sich die starre Grenze zwischen Subjekt und Objekt auflöst.

Und so wusste ich vor einer Stunde noch nicht, dass ich diesen Blogpost schreiben würde. Ich hatte geplant, diesen Vormittag mit ganz anderen Dingen verbringen. Aber dann kam dieser Link zu diesem „Blogexperten“, im mir regte sich Ärger, ich hatte zufällig Zeit. Und deshalb ist es mir – und euch – passiert, dass das jetzt hier steht. Macht damit, was ihr wollt. Nicht „ich“ mache meinen Blog erfolgreich, sondern wenn überhaupt das Zusammenwirken von mir, den anderen und der Welt und ihren Notwendigkeiten.

Ich bin überzeugt, dass uns diese Perspektive die Möglichkeit einer Qualität eröffnet, die der klassische Journalismus nie erreichen konnte. Damit sie sich entfalten kann, brauchen wir jedoch den Mut, uns von alten Konzepten zu lösen und uns diesem nicht planbaren, nicht herstellbaren Wechselspiel auszuliefern – inklusive der damit verbundenen Zufälligkeiten und Unwägbarkeiten.

Achja, und die Sache mit dem Geld müssen wir ohnehin ganz anders regeln.



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Das Ende der Heuchelei

Seit einiger Zeit läuft eine interessante Debatte über Eifersucht in Zeiten sozialer Netzwerke. Viel davon handelt direkt von der Liebe im klassischen Sinne, aber der Aspekt, der mich beschäftigt, ist der etwas breitere Blick auf Beziehungen allgemein. Denn die Öffentlichkeit unserer Beziehungsstrukturen ist, so glaube ich, eine ziemliche Herausforderung und möglicherweise „gefährlicher“ als die Verfügbarkeit von Daten allgemein. „Gefährlich“ allerdings in einem produktiven Sinne – nämlich so, dass es uns dazu zwingt, unsere sozialen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu verändern. Zu verbessern, wie ich meine.

Wir sind alle ziemlich komplexe Persönlichkeiten mit einer wechselhaften Geschichte, was normalerweise dazu führt, dass wir in sehr vielfältigen, unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Beziehungsnetzen zuhause sind: Die Eltern, Geschwister und Cousinen, die alten Schulkameraden, die Arbeitskolleginnen und Kunden, die Leute aus diversen politischen Projekten, die näher und ferner stehenden Bekannten, die Nachbarinnen, die im Laufe des Lebens angesammelten Freundinnen und Freunde. Sie alle kennen uns tendenziell aus einer bestimmten Rolle, in jeder dieser Beziehungsnetze sind wir selten als ganze Person präsent, sondern es ist jeweils ein bestimmter Aspekt unserer Persönlichkeit gefragt.

Und da kann es zuweilen zu interessanten Irritationen kommen, wenn die jetzt auf Facebook alle miteinander zu tun haben. Wenn ich also Informationen von mir nicht mehr selbst filtere je nach „Szene“, an die sie gerichtet sind, sondern wenn plötzlich alle alles mitbekommen. Wenn die Gleichstellungsbeauftragte, die mich schon öfter zu Vorträgen eingeladen hat, erfährt, dass ich Anarchistin bin. Wenn mein politisch konservativer Onkel anfängt, sich mit meinen feministischen Freundinnen zu streiten. Wenn meine politischen „linken“ Gesinnungsgenossen damit konfrontiert werden, dass ich mit anderen ernsthaft über Gott diskutiere. Oder wenn die Lesben, die mich als radikale Feministin kannten (und womöglich dachten, ich wäre auch lesbisch) plötzlich wissen, dass ich mit einem Mann verheiratet bin.

Schon all das ist eine ziemliche Herausforderung, und höchst produktiv, wenn auch zuweilen anstrengend. Es kommt dabei auch zu regelrechten Eifersüchteleien: Meine Eltern, die sich beschweren, dass sie ja „nur noch über Facebook“ etwas von mir mitbekommen – und das heißt eben auch: Ich erzähle ihnen Dinge aus meinem Leben nicht mehr exklusiv, sondern poste sie sichtbar für viele – für Hinz und Kunz also. Wenn die einen Freunde mitkriegen, dass ich die anderen zum Abendessen eingeladen habe, sie aber nicht (das Beispiel ist von Katrin Göring-Eckardt). Wenn eine Mit-Redakteurin aus einem Online-Forum sagt: „Ich hoffe, von deiner Reise wirst du dann nicht nur facebooken und twittern, sondern auch für uns etwas schreiben.“ – Eifersucht reloaded.

Das heißt, es geht hier nicht mehr bloß darum, die aktuellen Liebesbeziehungen und diverse Ex in einer gemeinsamen Timeline zu haben. Sondern die Transparenz von Beziehungsstrukturen bringt ein umfassenderes Ende der Heuchelei mit sich. Wenn wir nur diejenigen Informationen teilen, die wir mit wirklich allen Menschen, zu denen wir in einer Beziehung stehen, teilen wollen, dann wäre es ziemlich langweilig. Es stünde auf kaum einer Pinnwand etwas Interessantes drauf. Ich glaube, dass das – und nicht Zeitmangel oder Angst vor Datenmissbrauch – der eigentliche Grund ist, warum so viele entweder so gut wie gar nichts posten (mehr Frauen als Männer) oder aber nur langweiligen „professionellen“ Kram (mehr Männer als Frauen). Viele Menschen haben wahrscheinlich genau vor diesem Kuddelmuddel Angst – und sind daher erstmal zurückhaltend.

Worauf es ankommt ist, hier gut zu „jonglieren“, mit der neuen Sichtbarkeit zu experimentieren und herauszufinden, wie man am besten damit umgeht. Ein Beispiel aus meiner Timeline: Ich hatte ein Rezept gepostet und einer meiner Freunde (ein alter, guter Freund) hat das ruppig-spöttisch-ätzend kommentiert. Ich kenne diesen Ton an ihm, eine andere Freundin von mir war aber pikiert und kritisierte das als „typisch besserwisserischen Männerkommentar“. Andere schalteten sich ein, die Diskussion drohte zu eskalieren, und ich löschte den Thread. Bei dieser Episode ist mir klar geworden, dass Diskussionen in dem privat-öffentlichen Bereich sozialer Netzwerke nach einer anderen Logik ablaufen, als im rein öffentlichen Bereich, zum Beispiel im Blog. Hier waren (aus Unkenntnis) verschiedene Fehler gemacht worden. Der eine hatte nicht bedacht, dass ein Facebook-Kommentar öffentlich sichtbar ist und Außenstehende ja nicht wissen können, in welchem Ton wir uns normalerweise unterhalten. Die andere hatte nicht bedacht, dass hier ja nicht irgendein Fremder kommentierte, sondern einer meiner Freunde – und dass sie mit ihrer routiniert-feministischen Kritik nicht nur ihn angriff, sondern auch mich.

Die neuen Fertigkeiten, die soziale Netzwerke erfordern, beziehen sich also nicht nur darauf, was wir selbst von uns preisgeben. Vor allem müssen wir lernen, angemessen mit dem umzugehen, was andere von sich preisgeben. Wir brauchen letztlich Vertrauen in die Person, mit der wir „befreundet“ sind – nämlich das Vertrauen darauf, dass ihre vielen unterschiedlichen Facetten wohl schon irgendwie zusammenpassen, auch wenn wir das grade nicht kapieren. Und dass es interessant für mich sein kann, jene anderen Facetten aus ihrem Leben kennen zu lernen, ohne dass ich damit gleich eifersüchtig werde, weil es nicht genau das ist, was mir bisher an dieser Person wichtig war.

Altpatriarchale Denker wie Frank Schirrmacher haben dazu keine andere Idee, als den leidigen Gegensatz von privat und öffentlich wieder aus der Mottenkiste zu holen und im sozialen Netz zu reproduzieren. Er rät dazu, sich bei Facebook seine Freunde „professionell“ auszusuchen, also nicht  nach der Frage: „Mit wem will ich ein Bier trinken gehen?“ Sondern nach der Frage: „Wer interessiert sich für die gleichen Dinge wie ich und von wem bekomme ich Informationen, die interessant sind?“

Aber genau das verkennt die Chancen und Potenziale, die die sozialen Netzwerke für eine positive Veränderung unserer Kultur haben, die ja schon viel zu lange eine Kultur der Eifersüchtelei und der Heuchelei ist. Die Stärke dieser Vernetzungen ist nicht, dass sie ein weiteres Tool zum strategischen und interessegeleiteten Umgang mit anderen Menschen bereitstellen. Sondern dass sie im Gegenteil – tendenziell, hoffentlich – ein weiterer Sargnagel dieser zweckgerichteten Instrumentalisierung von Kontakten sind. Das Ende der Heuchelei. (Die feministische Politik der Beziehungen ist ein anderer, schon älterer Sargnagel dafür).

Ein Facebook-Account, in dem keine Leute sind, die ich auch unabhängig vom Internet kenne, niemand, den ich von früher kenne oder mit der ich öfter mal ein Bier trinke, ist langweilig. Meine „professionellen“ Kontakte auf Facebook müssen ganz einfach damit leben, dass ich ein ganzer Mensch bin, der noch viel mehr will und tut, als sie bei mir nützlich finden oder von mir erwarten. Und meine „privaten“ Kontakte müssen andererseits damit leben, dass ich – und also auch unsere Beziehung – eine öffentliche Komponente haben. Dass ich sie teilweise sichtbar für „Fremde“ mache. Und dass es für mich einfacher ist, einen Link auf Facebook zu posten als einigen Handverlesenen per Mail zuzuschicken.

Das Private ist politisch – nie war ein alter Slogan so handgreiflich wie heute. Und das Politische ist – immer auch – privat. Sonst ist es nämlich nur ein Luftballon.



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Ich bin dann mal woanders

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Die Republica 2010 – eine große Konferenz rund um Internet-Themen – steht vor der Tür. Und ich fahre wieder nicht hin. Geschweige denn, dass ich einen Vortrag oder Workshop abhalten würde. So bin ich also auch mit daran schuld, dass Frauen dort erheblich unterrepräsentiert sind: Eben hab ich noch einmal knapp die Speakers durchgezählt und kam auf insgesamt 218, von denen 46 Frauen sind, also 21 Prozent.

Seit Feministinnen im Netz im Anschluss an die Republica 2009 den niedrigen Frauenanteil an den dortigen Speakers kritisiert haben, zum Beispiel Anne Roth, die in ihrem Blog  immer wieder mal auf dieses Missverhältnis hinweist, wird im Netz heftig diskutiert, woran das liegt. Auch ich selbst habe mich schon mit dem Thema beschäftigt. Die Mädchenmannschaft und andere feministische Bloggerinnen (und einige Blogger) bemühen sich seither, Frauen im Netz sichtbarer zu machen, organisieren Gendercamps gründeten eine Facebook-Gruppe Girls on Web Society und bringen so das Thema auch ins Programm der diesjährigen Re:publica.

Sicher ist all das notwendig, denn die Zahlen sind wirklich eklatant. Unter den Top-Hundert der deutschen Twittercharts sind nur sieben Frauen – @frauenfuss (Nr. 26), @kristinakoehler (Nr. 46), @happyschnitzel (Nr. 53), @kathrinpassig (Nr. 56), @silenttiffy (Nr. 80), @elsebuschheuer (Nr. 89) und @smarttipps (Nr. 99). – Update: Es sind acht Frauen, ich habe @coldmirror (Nr. 13) vergessen! Thx an @Martina) Zumal diese Abwesenheit sich längst nicht mehr auf die Nutzung von web 2.0 bezieht: Unter denen, die auf Plattformen wie Twitter oder Facebook aktiv sind, sind inzwischen offenbar rund 60 Prozent Frauen.

Allerdings muss ich gestehen, dass mich das Thema inzwischen ein bisschen langweilt. Und zwar deshalb, weil hier, auch wenn das sicher keine Absicht ist, doch immer wieder die Vorstellung durchscheint, dass die relative Abwesenheit der Frauen irgendwie ein Defizit auf Seiten der Frauen bedeuten würde: Entweder wird gefragt: Machen sie irgendwas falsch? Sind ihre Posts nicht gut genug? Geben sie sich zu wenig Mühe? usw. usw. Oder aber man identifiziert sie als Opfer und fahndet nach Strukturen oder Sonstigem, das Frauen daran hindert, sich „genauso wie die Männer” einzubringen.

Wir bewegen uns mit dieser Fragestellung, was man machen kann, um Frauen „einzubeziehen“, immer noch im Rahmen einer falschen symbolischen Ordnung, wie das italienische Feministinnen nennen. Wenn etwa, wie von Tamar Lewin in ihrem Artikel „Bias Called Persistent Hurdle for Women in Sciences“ (nur ein Beispiel von vielen), immer wieder darauf hingewiesen wird, dass „Stereotypen und kulturelle Vorurteile den Erfolg von Frauen weiter verhindern“, dann wird damit ganz klar definiert, was „Erfolg“ ist: nämlich das, was die Männer machen.

Sicher, es gibt diese Stereotypen und es gibt diese kulturellen Hindernisse. Aber diese alleine ins Zentrum der Analyse zu stellen, legt eine Annahme zugrunde, die ich bestreite, und zwar die: Dass Frauen unbedingt dorthin wollen, wo die Männer schon sind, und dass sie nur von diesen äußeren Umständen (wenn nicht gar von ihrer eigenen Blödheit) daran gehindert werden. Das reicht mir nicht. Und es überzeugt mich nicht, und einige andere Frauen auch nicht, zum Beispiel für Mela Eckenfels nicht, die darüber in ihrem Blog geschrieben hat.

Ich interessiere mich generell weniger dafür, was Frauen nicht tun, sondern mehr dafür, was sie tun. Die Philosophinnengemeinschaft Diotima aus Verona hat diesen Perspektivenwechsel vor einigen Jahren in einem Aufsatzband mit dem schönen Titel „Von der Abwesenheit profitieren“ beleuchtet (den es leider nicht in Deutsch gibt). Darin fragen sie: Wenn Frauen nicht da sind, wo die Männer sind, wo sind sie denn dann? Und ist es da, wo sie sind, nicht vielleicht viel interessanter?

Der Fokus des Buches ist nicht die Netzkultur, sondern es geht um andere männerdominierte Felder: Geschichtsbücher, politische Institutionen, Universitäten, Religionen. Auch hier wurde seit Beginn der Frauenbewegung die Aufmerksamkeit ja vor allem auf die Mechanismen gelenkt, die Frauen den Zugang zu diesen Orten verstellt oder erschwert haben – die Verbote, die sozialen und kulturellen Gewohnheiten. Die Frauenbewegung hat erfolgreich dafür gekämpft, dass diese Mechanismen abgeschafft oder zumindest entschärft und hinterfragt wurden, und darüber bin ich froh. Aber das ist nicht genug.

Die italienischen Philosophinnen beschreiben anhand von vielen Beispielen, dass diese „Ausschlussperspektive“ immer nur einen Teil der Wirklichkeit beschrieben hat. Zwar kommen Frauen in der offiziellen Darstellung der westlichen Geschichte praktisch nicht vor, liest man Geschichtsbücher, dann könnte man glauben, in früheren Jahrhunderten hätte der Männeranteil bei ungefähr 95 Prozent gelegen. Aber das ist ja Quatsch: Zu allen Zeiten haben Frauen gelebt, und sie haben durchaus nicht nur Däumchen gedreht, sondern sie haben gearbeitet, Politik getrieben, Wissen weitergegeben, Traditionen herausgebildet, die Zivilisation gestaltet.

Die Italienerinnen fragen sich nun: „Wie sollen wir uns in eine Beziehung setzen mit einer Tradition voller Unternehmungen und Werken von Männern, ohne die weibliche Genealogie zu unterbrechen, ohne unsere Mütter zu verraten, die in dieser Tradition nicht eingeschrieben sind? Die Frauen sind in der Geschichte präsent, aber ohne sichtbare Kontinuität. Diese Feststellung hat uns auf die Idee gebracht, dass es eine originäre Geschichtlichkeit der Frauen gibt, die nicht in die Chronologie und die Sichtbarkeit der kodifizierten Fakten eingeschrieben ist. Daher die Idee zu diesem Buch. ‚Von der Abwesenheit profitieren’ ist eine Formel, die die berühmte Einladung von Carla Lonzi aufgreift, die sagte: Die Differenz der Frauen besteht aus Jahrtausenden ihrer Abwesenheit von der Geschichte. Profitieren wir von dieser Abwesenheit.“

Dazu gehört es nicht nur, die „weiblichen“ (im Sinne von mehr von Frauen als von Männern geprägten) Orte und Tätigkeiten aufzuwerten – Hausarbeit ist wichtig, die Erfindung der Nähmaschine hat die Zivilisation maßgeblich geprägt, und, ja, Strick- und Rezepteblogs sind interessant. Ina Praetorius hat einmal darauf hingewiesen, dass diese alte feministische Praxis der „Enttrivialisierung des Weiblichen“ ergänzt werden muss um einen gleichzeitigen Prozess der „Trivialisierung des Männlichen“. Also eine Bewusstseinsarbeit, die uns erkennen lässt, dass die Orden der Militärs, die Sitzungen der Parlamente, die Wissenschaft der Universitäten, die Beherrschung der „Leitmedien“ und so fort, wenn man genau hinschaut, gar nicht so bedeutsam und wichtig für das gesellschaftliche Wohlergehen sind, wie sie tun und wie im allgemeinen angenommen wird.

Dies gilt, so meine ich, nicht nur für geschichtliche Themen, sondern auch für heutige Orte und Szenarien, die von einer starken männlichen Sichtbarkeit dominiert werden, wie eben die Netzkultur-Debatten. Auch hier geht es nicht nur darum, die Sichtbarkeit von Frauen an diesen Orten zu vergrößern (das auch). Sondern es geht gleichzeitig darum, diejenigen Frauen und ihre Ideen und Wünsche und Vorstellungen nicht zu „verraten“, die sich anderswo aufhalten.

Mir fallen dazu auf Anhieb eine ganze Reihe von Punkten ein, was die Abwesenheit von Frauen aus dem „Netzdingens“ betrifft: Die fragwürdigen Kriterien zur Beurteilung von „Relevanz“ durch automatisch generierte Rankings etwa (die meiner Meinung nach noch aus der alten, analogen Massenlogik stammen), die problematischen Illusionen im Bezug auf „Anonymität“, die zu den bekannten Troll-Phänomenen führen, von denen sehr viele Frauen extrem abgenervt sind (mehr Frauen als Männer, glaube ich), die große Vorliebe vieler Frauen für Reallife-Begegnungen im Vergleich zu nur „virtuellen“ Kontakten (ein Missverständnis, wie ich meine, da diese Internetkontakte häufig das Bedürfnis nach tatsächlichen Treffen wecken), und so weiter.

Man muss allerdings aufpassen, dass man hier nicht in eine Falle läuft: Die „Trivialisierung des Männlichen“ (in diesem Fall der Bedeutung der „Alphablogger“ etc.) darf keine Ausrede sein, wenn eine Frau ihren eigenen Misserfolg, etwa im Bezug auf Rankings und dergleichen, analysiert. Denn auch wenn man wohl sagen kann, dass mehr Männer als Frauen diesbezügliche Ambitionen haben, so gibt es sicher auch Frauen, die in diesen Bereichen durchaus mitmischen möchten. Und sie sind bei ihren Ambitionen nur vollstens zu unterstützen und zu ermutigen.

„Enttrivialisierung“ des Weiblichen und „Trivialisierung“ des Männlichen bedeutet keine moralische Wertung in dem Sinne, dass das Weibliche per se wichtiger wäre als das Männliche. Worum es geht ist, einer alten patriarchalen (und bis heute wirksamen) Tradition entgegenzutreten, die alles, was Männer machen, automatisch für wichtig hält, und alles, was Frauen machen, automatisch für unwichtig – und zwar unabhängig von der tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutung der jeweiligen Bereiche.

Ich zumindest möchte mich von diesen symbolisch aufgeladenen Kriterien nicht beeinflussen lassen, sondern versuchen, herauszufinden, was ich selbst denn tatsächlich für relevant und wichtig halte. Ein wichtiger Wegweiser dabei ist – das habe ich auch von den italienischen Philosophinnen gelernt – das Begehren: Wo ist bei dem, was ich mache, Strom drauf? Was macht mir Spaß? Wofür strenge ich mich gerne an? Und wozu quäle ich mich, mache es nur aus Pflichtbewusstsein? Dieses Begehren (das etwas anderes ist als der „freie Wille“ aus der männlichen Philosophie, aber dazu vielleicht ein andermal) ist mein Wegweiser zu einem Urteil über „Relevanz“.

Derjenige Punkt, der mir persönlich im Zusammenhang mit dem ganzen Thema Netzkultur momentan besonders wichtig ist, liegt in ihrer Integration mit dem analogem Leben. Das wurde mir klar, als ich vor einigen Tagen per Twitter fragte, was die „Nerds“ in meiner Timeline eigentlich von dem Nerd-Artikel in der letzten brandeins halten. Die ziemlich einhellige Antwort war: Denn Artikel haben sie nicht gelesen, weil er nicht online verfügbar ist, und sie lesen nur noch im Netz.

Das kann ich gut nachvollziehen, und es nervt mich auch, wenn wichtige Texte nicht im Netz stehen. Aber so eine Haltung kann man sich natürlich nur leisten, wenn man sich auf Themen beschränkt, die im Netz auch ziemlich vollständig abgebildet sind. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass in Zukunft nichts mehr Relevanz haben wird, was nicht im Internet verfügbar ist. Aber heute sind wir definitiv noch sehr weit davon entfernt.

Ich könnte zum Beispiel keine relevante feministische Denkarbeit betreiben, wenn ich meine Informationen ausschließlich aus dem Netz beziehen würde. Dazu passiert einfach viel zu viel außerhalb. Ich würde die interessantesten und relevantesten Ideen und Diskussionen verpassen, wenn ich einfach alles ignorieren würde, was nicht online verfügbar ist. Und so geht es vermutlich allen, die sich mit irgendwelchen anderen Themen beschäftigen als mit dem eng definierten Thema „Internet“ als solchem.

Aber es ist auch noch anders herum. Ich denke, dass angesichts der rasanten Entwicklung des Internet und seiner rapide zunehmenden Bedeutung eine gesellschaftlich-politischen Hauptaufgabe derzeit darin liegt, die Kluft zwischen „Online-Virtuos_innen“ und „Netzdistanzierten“ nicht ständig weiter wachsen zu lassen. In dieser Vermittlungsarbeit liegt das, wo bei mir momentan im Bezug auf „Netzpolitik“ der größte Strom drauf ist. Solche Vermittlungsarbeit funktioniert aber – wie jede andere politische Vermittlungsarbeit auch – nicht über das Ausformulieren von Standpunkten und Positionen und Analysen, sondern nur, indem man hingeht und mit den „anderen“ redet. (Politik verkörpern statt Stellung beziehen habe ich das an anderer Stelle mal genannt). Nicht besserwisserisch, sondern mit wirklichem Interesse für ihre Ansichten und Meinungen, auch wenn man sie erst einmal falsch findet. Nur in dieser Begegnung selbst kann dann nach Anknüpfungspunkten dafür gesucht werden, anderen die eigenen Erfahrungen, die eigene Begeisterung zu vermitteln.

Deshalb entscheide ich mich ganz bewusst dafür, meine Energie nicht in erster Linie dafür aufzuwenden, doch noch auf irgendwelchen Blogcharts zu landen, meine Followerzahlen in die Höhe zu treiben oder ähnliches, sondern darauf, die Funktionsweise des Internet, die Fülle seiner Möglichkeiten und vor allem die Unausweichlichkeit seiner immer dominanter werdenden Relevanz gerade auch denjenigen gegenüber zu vermitteln, die dieser ganzen Sache skeptisch bis ahnungslos gegenüber stehen.

Und das ist der Grund, warum ich nicht zur Re:publica fahre, sondern meine Wochenende anderen Treffen widme. Ganz besonders solchen, von deren Existenz das Internet gar nichts weiß, und wo Leute zusammenkommen, die ihrerseits vom Internet noch viel zu wenig wissen.

(Vielen Dank an Anne Roth, die diesen Text in einer ersten Fassung gelesen hat und deren Kommentare mich zu einigen Überarbeitungen und Ergänzungen anregten.)