Debatten vor dem Facebook-Grab gerettet, Teil 3

Politische Debatte ist nicht Propaganda: Gestern habe ich auf Facebook ein bisschen darüber gerantet, wie unfruchtbar die Debatte ist, die sich derzeit zwischen Alice Schwarzer/Emma (man muss sich registrieren, um das lesen zu könne) und Judith Butler/Sabine Hark abspielt. Das gab dann recht angeregte Diskussionen.

Was ist das, was Weiblichkeit ausmacht? Kritisch geäußert habe ich mich auch zu einem Text von Lann Hornscheidt in der Süddeutschen, wo Lann erklärt, warum Lann  sich nicht als Frau identifiziert, nämlich „weil ich mich nicht mit dem, was Weiblichkeit ausmacht, identifizieren kann.“ Finde ich ganz ganz problematisch, denn was soll das denn sein? Ich kann diese Begründung nicht akzeptieren, ich finde sie essenzialistisch. Es gibt nichts, was Weiblichkeit ausmacht, das wissen wir dem Feminismus sei Dank doch längst. Wir (Frauen) sind es, die Weiblichkeit ausmachen, sonst nichts.

Reproduktionstechnik, aktueller Stand: Last not least empfehle ich einen Text von Kirsten Achtelik, der den derzeitigen Stand von Reproduktionstechnologien zusammenfasst, die neuesen Gerichtsurteile sowie die Positionen der maßgeblichen Akteure darstellt. Kritisch sehe ich die Forderungs des LSVD (Lesben-und-Schwulen-Verband Deutschland) nach einer Legalisierung von Leihmutterschaft und Eizellenspende, wozu in den Kommentaren auf Facebook auch diskutiert wurde.

 

Konfliktvermeidende Zustimmung: der freundliche Weg, Feminismus nicht ernstzunehmen

„Jede Menge Geschlechter, die aber alle männlich sind“ schrieb eine Bekannte in den Facebook-Thread, in dem ich mich gestern Abend ein bisschen über dieses (lesenswerte) Interview in der ZEIT mit Lann Hornscheidt geärgert habe. Hornscheidt macht Gender-Forschung an der Humboldt-Universität und lehnt für sich die Einordnung als weiblich oder männlich ab und will daher auch nicht mit entsprechenden Pronomen angesprochen werden.

Die ZEIT nimmt das zum Anlass für ein ausführliches Interview zum Thema Geschlecht, Konstruktion, Abschaffung der binären Ordnung und so weiter. Geschlecht, so Hornscheidt, sei „eine Erfindung von Sexismus“ und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Menschen bei der Geburt kein Geschlecht mehr zugewiesen wird. Interessante, aber sicher auch diskussionswürdige These.

Allerdings: Diskutiert wird in dem Interview nicht. Heikle Punkte, zum Beispiel die Frage, was dann mit dem Schwangerwerdenkönnen ist (denn in der Biologie wird „weiblich“ und „männlich“ ja entlang der jeweiligen Funktion bei der Reproduktion definiert), werden nicht angesprochen. Dabei ist dieser Aspekt ja wohl auch im Bezug auf menschliche Geschlechterkonstruktionen nicht ganz unerheblich – worüber ich kürzlich mit Jutta Pivecka ausführlich diskutiert habe.

In meiner Reihe von Blogposts zu dem Thema hatte ich anfangs darüber geklagt, dass das Thema Schwangerwerdenkönnen in der queerfeministischen Debatte so oft ignoriert wird, hatte aber in letzter Zeit den Eindruck, dass es langsam doch zum Thema wird. Deshalb nehme ich an, dass auch Lann Hornscheidt sich den ein oder anderen Gedanken zu all dem gemacht hat. Warum gab es dazu keine Fragen? Hatten die Interviewer_innen Angst davor, diese Frage zu stellen? Oder ist sie ihnen wirklich nicht eingefallen?

Lann Hornscheidt bietet in dem Gespräch noch mehr diskussionswürdige Thesen: Ist die Geschlechterdifferenz wirklich genauso konstruiert wie die Unterscheidung von „Rassen“, wie Lann behauptet? Ich finde nicht. Ist es wirklich so falsch vom Feminismus, die Kategorie „Frau“ ins Zentrum zu rücken? Ich finde, ein Blick auf die Welt zeigt, dass das ein ziemlich vernünftig gewählter Fokus ist. Und so weiter.

Dass Hornscheidt nicht dazu herausgefordert wird, die Thesen zu begründen und argumentativ zu vermitteln, ist schade, denn auf diese Weise bleiben sie einfach Behauptungen, die wohl kaum jemanden überzeugen werden, der_die nicht ohnehin schon bekehrt ist.

Interviewer_innen haben die Aufgabe, komplizierte Angelegenheiten allgemeinverständlich zu vermitteln und dazu gehört, die Thesen von Wissenschaftler_innen kritisch zu befragen. Denn nur so kann etwas von dem, was in akademischer Forschung passiert, für diejenigen verständlich werden, die nicht so in dem Thema drin sind. Da nicht nachgefragt wurde, sind aber wesentliche Punkte von Hornscheidts Ansatz unerklärt geblieben. Vielleicht hätte Hornscheidt ja zum Beispiel Antworten auf die Frage gehabt, wie Geschlecht und Schwangerwerdenkönnen zusammenhängen? Wir wissen es nicht.

Meiner Ansicht ist das die andere Seite der medialen Unbeholfenheit im Umgang mit radikalen feministischen Ideen, also mit solchen Ideen, die nicht unmittelbar für das Alltagsverständnis einleuchtend sind. Die eine Seite dieser Medaille ist das Lächerlichmachen, das Ausschließen aus dem Sagbaren, das Diffamieren, das Beschimpfen und Bedrohen – und leider hat gerade Lann Hornscheidt die Unbarmherzigkeit und Aggressivität dieses antifeministischen Impetus schon mit voller Wucht zu spüren bekommen.

Aber – das Gegenteil ist genauso falsch.

Hannah Arendt hätte all die interessanten Dinge in dem berühmten ZDF-Interview mit Günter Gaus nicht gesagt, wenn Gaus nicht kritisch und interessiert nachgefragt, ihr nicht auch mal widersprochen hätte. Feminist_innen einfach bloß das Mikrofon hinzuhalten, ohne kritische Nachfragen, selbst zu ganz offensichtlich erklärungsbedürftigen Punkten, ohne also ein eigenständiges Gegenüber zu der Person zu sein, die interviewt wird – das kann es nicht sein. Es sieht zwar erstmal toll aus – sie geben uns ein Forum – aber letzten Endes ist das genauso wenig ein Ernstnehmen radikalfeministischer Ideen, wie wenn man sie diffamiert.

Ina Praetorius hat diesen Mechanismus mal „konfliktvermeidende Zustimmung“ genannt und darin ein Muster erkannt, wie vor allem wohlwollende Männer häufig mit radikalfeministischen Ideen umgehen: Sie lassen sich gar nicht auf Diskussionen ein, sie widersprechen nicht und stellen keine Fragen, sondern nicken nur. Es fühlt sich auf den ersten Blick gut an, so mit Samthandschuhen angefasst zu werden, gerade wenn wir uns sonst so oft in feindlicher Umgebung behaupten müssen.

Aber es hilft uns und unseren Ideen leider auch nicht weiter. Es führt nicht dazu, dass unser Denken aufgegriffen und diskutiert wird, dass unsere Vorschläge in der Welt zirkulieren und Wirksamkeit entfalten. Sondern es ist letztlich eben doch auch ein Mechanismus, der dazu dient, uns aus dem ernsthaften Diskurs auszuschließen – wenn auch ein freundlicherer, weniger schmerzhafter und häufig auch gut gemeinter.

Warum es nicht „binär“ ist, wenn ich von Frauen und Männern spreche

Immer wenn ich mit jüngeren Feminist_innen diskutiere, dauert es nicht lange, und es kommt die Frage, ob meine Art, über Frauen und Männer zu sprechen, nicht „binär“ wäre. Ich möchte hier einmal aufschreiben, warum ich das nicht finde.

Ein „binäres“ Verständnis von Geschlecht geht ja davon aus, dass es genau und nur zwei Geschlechter gibt, männlich und weiblich. In dieser binären Logik ist „Frau“ gleichbedeutend mit „nicht Mann“ und andersrum „Mann“ gleichbedeutend mit „nicht Frau“.

Genau dieser Auffassung bin ich nicht. Ich interessiere mich für die Freiheit der Frauen, das ist mein politisches Anliegen: die Freiheit der Frauen zu vergrößern. Dafür ist es logisch wichtig, dass es Frauen gibt, aber nicht, diese binär zu denken, also als Gegenstück zum Mann. Ganz im Gegenteil: Ich unterscheide zwischen „Frauen“ und „Nicht-Frauen“. Die „Nicht-Frauen“ können alle möglichen Geschlechter haben. Es ist mir vollkommen egal, ob es zwei, fünf, oder dreihundert Geschlechter gibt – Hauptsache, es gibt nicht nur eines (denn Eingeschlechtlichkeit ist immer männlich), und ein Geschlecht davon ist meines, das weibliche.

„Frauen“ definiere ich überhaupt nicht inhaltlich, und schon gar nicht als Gegenstück, Komplementäres oder Gleiches des Mannes. Das Frausein ist eine Evidenz, die nicht näher begründet oder erklärt werden muss, es genügt, sie zu konstatieren (etwa durch einen Satz wie: „Ich bin eine Frau“ oder dadurch, dass man „als weiblich gelesen“ wird und nicht widerspricht).

Frausein ist das, was ich bin, Frausein ist das, was Frauen tun. Frausein hat keine weitere inhaltliche Bestimmung, und schon gar keine, die in Beziehung auf andere Geschlechter definiert ist. Das heißt: Für das, was Frausein bedeutet, ist es vollkommen unerheblich, ob Männer (oder andere Geschlechter) dasselbe oder etwas anderes tun.

Eine Vorstellung oder Beschreibung von Geschlecht als „Skala“, deren Enden Männlichkeit und Weiblichkeit darstellen und dazwischen gibt es fließende Übergänge, lehne ich explizit ab. Ich halte eine solche Vorstellung für gefährlich, was die Freiheit der Frauen betrifft. Denn sie stellt uns vor die Wahl, entweder „weiblichkeitskonform“ zu sein oder unsere Weiblichkeit aufs Spiel zu setzen. Denn im Bild der Skala kann ich mich nur vom bestehenden Weiblichkeitsklischee entfernen, indem ich mich dem „männlichen Ende“ der Skala annähere. Mir ist aber wichtig, dass die Erweiterung dessen, was Frausein bedeutet, in alle möglichen und denkbaren unerforschten Richtungen gehen kann. Allerhöchstens zufällig geht sie hin und wieder auch einmal in Richtung auf das Männliche zu.

TestosteronWenn ich Kuchen backe, ist das genauso „weiblich“ wie mein aggressives Diskussionsverhalten. Und sogar mein Testosteron ist weiblich, wie ich mir neulich aufs T-Shirt druckte: Denn es ist das Testosteron einer Frau. Alles, was ich tue, ist zu 100 Prozent weiblich. Und ich bestreite, dass Männer irgend etwas „weibliches“ an sich haben können – was nicht bedeutet, dass sie nichts von Frauen lernen könnten, für meinen Geschmack müssten sie das viel öfter tun. Aber eben, indem sie sich die dort abgeschauten Verhaltensweisen aneignen und dann eben NICHT mehr als weiblich verstehen. So wie die Frauen, als sie in Europa anfingen, Hosen zu tragen: Sie machten aus einem bis dahin männlichen Kleidungsstück ein weibliches. So funktioniert das.

Wenn ich also in Vorträgen und Texten von „Frauen“ spreche, dann meine ich nicht Nicht-Männer, sondern eben: Frauen. Wenn ich zum Beispiel einen Begriff verwende wie „weibliche Souveränität“, dann bedeutet das nicht, dass Männer oder andere Geschlechter diese Souveränität nicht haben könnten. Sondern es bedeutet, dass ich hier von etwas spreche, das Frauen betrifft. Die Frage, ob es auch andere Leute betrifft, ist davon ganz unabhängig, das bleibt abzuwarten, zu sehen, zu untersuchen. So wie der Satz „Frauen essen Gemüsesuppe“ ganz unabhängig davon wahr oder falsch ist, ob auch Männer oder andere Geschlechter Gemüsesuppe essen oder nicht.

Dasselbe gilt andersherum, wenn ich von Männern spreche, zum Beispiel sage: „Die parlamentarische Demokratie ist eine von Männern erfundene Institution.“ Damit konstruiere ich nicht Männer binär als Gegenstück zu Frauen, sondern ich konstatiere eine Tatsache. Ich drücke damit aus, dass die „Männlichkeit“ in der Entstehungsgeschichte dieser Institution von Bedeutung ist, und nichts Nebensächliches. Und ich sage, dass inwiefern das alles auch für Frauen (und andere Geschlechter) relevant ist, nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, sondern mit offenem Ausgang diskutiert werden muss.

Das Missverständnis kommt vielleicht daher, dass es im Queerfeminismus (aus dem heraus mir der Vorwurf der „Binarität“ oft entgegenkommt) vor allem um das Verhältnis geschlechtlicher Identitäten zueinander geht. Mich interessiert das jedoch weniger, mein Thema ist das Verhältnis von Geschlecht und Welt. Das heißt, ich spreche, wenn ich die Wörter „Frauen“ und „Männer“, „weiblich“ oder „männlich“ benutze, über das Verhältnis von Frauen zur Welt und über das Verhältnis von Männern zur Welt – und nicht, oder gewissermaßen nur „über Bande“, über ihr Verhältnis zueinander oder zu anderen Geschlechtern.

 

Zwei Alternativen zur Triade „Frauen, Lesben, Trans”

Wenn davon die Rede ist, welche Geschlechter eigentlich die Agierenden_zu Adressierenden von Feminismus sind, dann hat sich im Queerfeminismus eine Triade etabliert, nämlich die von „Frauen, Lesben, Trans”. Das ist der Beobachtung geschuldet, dass „Frauen” als politisches Subjekt einerseits zu unspezifisch, andererseits exkludierend sein kann, weil viele sich unter „Frauen” eben nur eine bestimmte „Sorte” von Frauen, nämlich heterosexuelle (Cis)_Frauen vorstellen. Lesben und Trans explizit zu erwähnen, trägt dem Rechnung.

Aber immer wenn ich die die Triade „Frauen, Lesben, Trans” höre, finde ich das unbefriedigend. Es ist nämlich unlogisch. Sind Lesben denn etwa keine Frauen? Sind Transfrauen keine Frauen? Wir würden ja auch nicht „Obst, Kirschen und Waldfrüchte” in einer Aufzählung nennen, da kommen schlichtweg Ebenen und Kategorien durcheinander.

Ich habe überlegt, ob es Alternativen gäbe, und schlage zwei vor, je nachdem, was man sagen will.

Wenn alle Frauen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, sowie alle Transpersonen gemeint sind, dann könnte man doch einfach „Frauen und Transmänner” sagen, oder spricht da was dagegen?

Diese Formulierung wird der Tatsache gerecht, dass Lesben und Transfrauen selbstverständlich Frauen sind, und dass Transmänner ebenfalls als Akteure von Feminismus angesehen werden sollen. Sie hätte außerdem den Charme, dass das explizite Benennen von Transmännern zum Nachdenken darüber herausfordert, dass die erwähnten Frauen eben nicht so Cis-Heteronormativ gemeint sein können. (Eventuell müsste man Intersexuelle Personen hinzufügen, die fehlen aber auch in der oben angesprochenen Triade).

Unter Umständen ist sogar noch ein breiteres Spektrum an Geschlechtern gemeint, wenn man etwa an ein Phänomen wie das der „lesbischen Männer” denkt. Es kann also sein, dass in bestimmten Kontexten noch mehr Menschen angesprochen werden sollten, zum Beispiel Cis-Männer, die sich mit feministischen Themen beschäftigen und traditionelle patriarchale Männlichkeitskonstrukte ablehnen und hinterfragen. In dem Fall könnte man zum Beispiel von „alle Menschen außer Typen” sprechen, oder?

Die hier implizierte Bedeutungszuschreibung zu dem Begriff „Typen” finde ich übrigens eine der hilfreichsten sprachlichen Erfindungen der letzten Jahre. Es ist nämlich beim feministischen Sprechen oft notwendig, zwischen Männern im Allgemeinen und „Typen” zu unterscheiden, also solchen Männern, die der patriarchalen symbolischen Ordnung entweder völlig unkritisch gegenüberstehen oder die sogar auch noch gut finden. Sie sind natürlich nicht als Verbündete des Feminismus anzusehen.

Lesbische Männer

Das Schöne am Bloggen ist, dass man in den Kommentaren immer noch mehr Hinweise bekommt. So postete „Bellchen“ neulich unter meinem Blogpost über Tierethik einen Link zu einer Zeitschrift, in der auch ein Artikel zu dem Thema stand. Noch interessanter war aber die  Zeitschrift selbst, die ich nämlich noch nicht kannte: Sie heißt „Queerulantin“, und das Thema der betreffenden Ausgabe Nr. 6 (pdf) war „Lebensrealitäten von Girl Fags und Dyke Guys“.

Ich hatte weder von dem einen noch von dem anderen bis dahin etwas gehört (das Konzept „queer“ ist eher nicht so meins), aber las mich schnell fest und fand heraus, dass es um schwule Frauen und lesbische Männer ging.

Hä, fragen jetzt vielleicht einige, was soll das denn sein? Sind „schwule Frauen“ (also Frauen, die sexuell Männer begehren) bzw. eben „lesbische Männer“ (also Männer, die auf Frauen stehen), denn nicht ganz normale Heteras beziehungsweise Heteros?

Nein, weil es bei Queer ja um mehr geht als darum, mit wem man Sex haben will. Es geht vor allem darum, wie die eigene Lebens- und Begehrensform interagiert mit der Umwelt, wie sie wahrgenommen, also „gelesen“ wird und in welchem Verhältnis sie zu verbreiteten Vorstellungen davon steht, wie Geschlecht zu sein hat und wie nicht. Queer ist, was nicht der Norm entspricht bzw. die Norm unterläuft, hinterfragt, eben „durchquert“.

Insofern leuchtete es mir schnell ein, dass es „schwule Frauen“ und „lesbische Männer“ gibt, also Frauen, die zwar Männer lieben, aber nicht auf „weibliche“, sondern eher „männliche“ Weise und Männer, die Frauen lieben, aber sich dabei nicht verhalten, wie Männer „normalerweise“, sondern eher wie Lesben. Mir fallen gerade für Letzteres spontan welche ein, die ich kenne, und mir steht der Unterschied klar vor Augen: zwischen „heterosexuellen Männern, die auf Frauen stehen“ und eben eher „lesbischen Männern“. Letztere kann ich zum Beispiel zu einer Lesbenfeier mitnehmen, ohne dass sie sich unwohl fühlen oder daneben benehmen, erstere nicht so ohne weiteres.

Schwule Frauen kenne ich persönlich zwar keine, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es sie gibt.

Aber obwohl ich beim Lesen des Heftes sofort einsah, dass lesbische Männer und heterosexuelle Männer zwei völlig unterschiedliche „Sorten“ von Begehrensformen sind, sprang auch sofort wieder meine Skepsis gegen das Konzept der „sexuellen Identität“ wieder an. Denn dieser Mechanismus ist halt so: Je mehr Unterkategorien wir aufmachen, umso normierter wird die Norm.

So wie bei dem (inzwischen weitgehend ausgestorbenen, oder?) Sprechen von „Frauen und Lesben“, wie in den 1970ern verbreitet, durch das „Herausnehmen“ der Lesben aus der Kategorie „Frauen“ die Heterosexualität als Norm bei den Übriggebliebenen verfestigt wurde, so wird durch das Herausnehmen der „lesbischen Männer“ aus der Kategorie der „heterosexuellen Männer“ diese männliche Heterosexualität um eine Variante ärmer, rückt näher ans Klischee.

Und ebenfalls einen Schritt näher rücken wir so, also durch das ständige weitere Ausdifferenzieren von Geschlechtsidentitäten, hin in Richtung Unendlichkeit. Ich befürchte, dass im Zuge dieser Entwicklung die Geschlechterdifferenz abhanden kommt und wir dann wieder bei der Norm des Männlichen landen. Denn unendlich viele Verschiedene sind nicht mehr wirklich verschieden, sondern nur noch Varianten des Einen. Wenn irgendwann jeder Mensch ein eigenes Geschlecht hat, gibt es keine Geschlechter mehr. Unterscheidungen ergeben nur Sinn, wenn nicht alles und jedes unterschieden wird, wenn also irgendwelche „Gruppen“ übrigbleiben, die voneinander unterschieden werden können.

An dieser Stelle kommt oft die Erklärung, dass es im Queerfeminismus keineswegs darum gehe, das Geschlecht abzuschaffen, sondern nur darum, die Binarität von Weiblich/Männlich aufzulösen und Raum zu schaffen für mehr Vielfalt. Allerdings ist das nicht bei allen so. In einem Interview mit Netzpolitik.org über die neuen Gender-Optionen bei Facebook sagt etwa Faustin Vierrath vom Verein „TransInterQueer“ als Antwort auf die Frage, wie viele Geschlechter es geben sollte_könnte: „Die Zahl existierender Geschlechter festlegen zu wollen, ist immer willkürlich. Persönlich tippe ich auf gut 7 Milliarden, mit steigender Tendenz.“

Sagen wir mal so: Ich will nicht die einzige Frau auf der Welt sein.

In der betreffenden Ausgabe der Queerulantin wird bereits thematisiert, dass es unter den lesbischen Männern und den schwulen Frauen wiederum eine große Bandbreite gibt: „Manche Girlfags definieren sich ganz als weiblich – trotz ihrer schwulen sexuellen Orientierung. Andere tun dies nicht, sie sehen sich eher als männlich, wollten möglicherweise „schon immer lieber ein Junge sein“ … Dennoch definieren sie sich nicht als Trans*Männer, sondern sehen sich noch irgendwo „dazwischen“, so wie die cissexuellen Girlfags sich eben nicht als „cis*Hetera“ sehen, sondern ebenfalls an einem anderen Punkt der Achse.“

Es ist also deutlich, dass noch weitere Unterscheidungen und immer neue Kategorien kommen werden, und auch wenn wir natürlich noch weit von der von mir befürchteten Unendlichkeit weg sind, fängt die Logikerin in mir bereits an, die Stirn kraus zu ziehen. Etwas weniger als früher, seit mir eine Bekannte im Gespräch die Vorläufigkeit all dieser Theorien plausibel machte. Sie half mir, „Queer“ als politische Praxis zu verstehen, die jeweils die Aufmerksamkeit auf einen bislang zu kurz gekommenen Aspekt sexueller Vielfalt legt, und nicht als theoretisches Konstrukt, das Geschlechtlichkeit erklärt. Als erstes funktioniert es, als zweites nicht.

Insofern kann ich Queerfeminismus als Praxis nachvollziehen und sehe die guten Seiten daran. Aber eben nicht als Theorie (mein Verständnis von Praxis entspricht ungefähr dem, was Chiara Zamboni hier beschrieben hat).

Jedenfalls kann es meiner Meinung nach nicht das Ziel sein, irgendwann mal unendlich viele Geschlechter zu haben, denn das wäre dasselbe, wie nur noch ein Geschlecht zu haben, und dieses – DER MENSCH – ist männlich. Dann lieber zwei binäre Geschlechter als nur eines, das ist jedenfalls meine Meinung.

Obwohl – vielleicht ist das ja auch der unausweichliche Gang der Dinge. Und an dem Tag, wo jeder Mensch ein anderes Geschlecht hat, könnten wir dann anfangen (und diesmal bitte ohne Rollenstereotype), wieder diejenige Unterscheidung zu treffen, die aufgrund von biologischen Gegebenheiten tatsächlich besteht: Die zwischen Menschen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schwanger werden können, und solchen, die das mit Sicherheit nicht können. Warum diese Unterscheidung wichtig ist und gesellschaftlich berücksichtigt werden muss, habe ich in diesem Blog bereits beschrieben.

Warum ich nicht queer bin. Eine autobiografische Annäherung.

Antje (24), verkündet Entscheidungen. Aufnahme von 1988.

Antje (24) verkündet Entscheidungen. Aufnahme von 1988.

Ich bin eine Prä-Butlersche Feministin. Das heißt, ich habe meine Vorstellungen davon, was es bedeutet, Frau und frei zu sein, im Wesentlichen ausgebildet, bevor 1990 Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ erschien und die feministische Theoriearbeit in Deutschland in eine Richtung wendete, die ich nicht mitvollzogen habe.

Bis vor kurzem war das für mich kein Problem, weil die Frauen, mit denen ich politisch-feministisch zusammenarbeite, ebenfalls keine „Butlerianerinnen“ sind. Seit ich aber ein Blog schreibe und andere feministische Blogs lese und dort kommentiere, begegne ich dem auf Butlers Denken zurückgehenden Queer-Feminismus häufig, und in Kommentardiskussionen ergeben sich daraus immer wieder ähnliche Missverständnisse und Differenzen.

Deshalb möchte ich hier einmal aufschreiben, warum ich nicht queer bin. Und zwar ausgehend von meiner persönlichen Geschichte, denn vermutlich sind biografische Gründe ziemlich bedeutsam für die theoretischen Wege, die jemand geht.

Als ich 19 war, zog ich vom Dorf in die Großstadt, nach Frankfurt, um zu studieren. Das war 1983. Vom Feminismus als politischer Bewegung hatte ich noch nichts gehört, sehr wohl aber war mir bewusst, dass sich Frauenrollen ganz heftig am Ändern waren. Zumindest war ich fest entschlossen, dass alles, was man bisher über Frauen gesagt hatte (und auch zu mir) für mich absolut keine Gültigkeit haben würde. Ich fühlte mich frei, unabhängig und emanzipiert – ob es dafür nun einen Namen gab oder nicht.

Konkret bedeutete das, dass ich mir von niemandem Vorschriften machen ließ, weder von den „Erwachsenen“, noch von den Männern, mit denen ich Beziehungen hatte. Ich diskutierte nicht, ich verkündete meine Entscheidungen: Meiner Mutter, dass ich nicht beabsichtigte, jemals Unterhemden zu bügeln, meinem damaligen Freund, dass Penetrationssex für mich nicht in Frage kommt, weil er mir keinen Spaß macht. Solche Dinge. Auf die Idee, ich könnte in unserer WG irgendwie mehr für Putzen und Kochen zuständig sein als die Männer, die dort wohnten, wäre ich ohnehin nicht gekommen (die Männer übrigens auch nicht).

Die Frauenbewegung, die ich dann an der Uni vorfand, bot mir also lediglich eine Theorie für das, was ich ohnehin selbstverständlich fand: Dass ich, eine Frau, tun und lassen kann, was ich will, und dass der Wunsch danach (und die kompromisslose Entschlossenheit dazu) nicht eine individuelle Macke von mir ist, sondern Teil eines umfassenden politischen Projektes zur Befreiung aus altmodischen Rollenklischees.

Diese selbe Frauenbewegung langweilte mich aber auch, weil sie mir persönlich nicht weiterhelfen konnte. Wie gesagt, sie konstatierte ja aus meiner Sicht nur das ohnehin Selbstverständliche. Interessant fand ich lediglich das eine oder andere konkrete Thema: das Experimentieren mit geschlechterbewusster Sprache zum Beispiel oder die Erforschung von Frauengeschichte. Was das Thema persönliche Befreiung betraf, so sah ich natürlich ein, dass nicht alle Frauen so selbstbewusst waren wie ich, dass ich als Kind der Mittelschicht bessere Startchancen hatte als andere und so fort. Deshalb, so dachte ich, brauchte es natürlich den Feminismus, brauchte es Solidarität etcetera. Aber ich, persönlich, brauchte die Frauenbewegung nicht.

Bei all dem wäre ich aber niemals auf die Idee gekommen, die Tatsache meines Frauseins in Frage zu stellen. Wenn ich Motorrad fuhr, wenn ich Sex mit Frauen hatte, wenn ich andere in Grund und Boden diskutierte, wenn ich ungerührt zusah, wie sich der Abwasch in der Spüle stapelte – dann wäre ich nicht für eine Sekunde auf den Gedanken gekommen, dass ich damit die Grenzen meiner Geschlechtszugehörigkeit überschreiten würde. Ganz im Gegenteil: Ich war dadurch erst recht eine Frau, so „unbeschreiblich weiblich“ wie Nina Hagen, wenn sie sich keine kleinen Kinder anschaffen wollte.

Und auch die Männer waren ja längst nicht mehr so, wie das Klischee. Sie hatten lange Haare, trugen Blümchenblusen und übten gewaltfreie Kommunikation. Sie gingen einkaufen und putzten das Bad, sie diskutierten über ihre Gefühle, manche wurden schwul. Und niemals wären wir auf die Idee gekommen, sie würden dabei irgendwelche „weiblichen Seiten“ an sich entdecken, ganz im Gegenteil: Es wurden doch „neue Männer“ aus ihnen!

Aber dann kam Judith Butler. Am Anfang fand ich ihren Gedanken, dass nicht nur soziale Geschlechtsrollen konstruiert sind (was damals schon ein alter Hut war), sondern auch der biologische Körper, durchaus spannend. Und es leuchtete mir auch absolut ein, jedenfalls auf einer theoretischen Ebene. Allerdings fand ich es nicht wirklich alltagsrelevant. Zum Beispiel änderte diese theoretische Erkenntnis ja nichts an der Tatsache, dass ich schwanger werden konnte, die Männer, mit denen ich Sex hatte, aber nicht. So what.

Eines Abends sah ich dann im Fernsehen ein Interview mit Judith Butler, in dem sie auf mich doch sehr altbacken wirkte. Sie erzählte, wie sie auf die Idee für ihr Buch gekommen war: Eines Abends habe sie in einer Schwulendisko Männern beim Tanzen zugeschaut und ihr sei aufgefallen, dass diese sich vollkommen „weiblich“ bewegen. So ein Schwachsinn, dachte ich, seit wann ist es denn weiblich, wenn Männer mit den Hüften wackeln.

Für mich waren gerade solche Zuschreibungen nicht etwa ein Fortschritt im Bezug auf die Überwindung von Geschlechterklischees, sondern ein Rückschritt. Ein Mann, der mit den Hüften wackelt, bewegt sich nicht „weiblich“, sondern er macht aus dem Hüftenwackeln eine männliche Bewegungsform. So wie Frauen, die Hosen tragen, keine „Männerkleidung“ anziehen, denn Hosen sind längst Frauenkleidung geworden. Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. Ganz egal, was sie tut. Und ein Mann auch.

Und dieser Meinung bin ich heute noch. Meinetwegen können einzelne Frauen Männer werden und andersherum, oder sie können sich weitere Geschlechter erfinden, dagegen habe ich nichts. Ich werde aber allergisch, wenn das mit „weiblichem“ oder „männlichem“ Habitus analysiert wird. Ich kann nicht sehen, warum ein Mann sich „weiblich“ gibt, wenn er sich die Lippen schminkt oder Stöckelschuhe trägt – ich tue weder das eine noch das andere und bin trotzdem ganz unbestreitbar eine Frau. Also wenn, muss es andere Gründe haben.

Die Entwicklung des Feminismus in den 1990er Jahren war für mich im Großen und Ganzen eine Enttäuschung. An den Universitäten wurde mehr oder weniger nur noch über Judith Butler diskutiert (was allerdings, soweit ich es beurteilen kann, ein deutsches Phänomen ist, in den USA blieb die Bewegung auch im Hinblick auf die Theoriearbeit vielfältiger), während in den staatlichen Institutionen die Gleichstellung einzog, die immer weniger revolutionäre Ambitionen hatte.

Über italienische Feministinnen stieß ich dann Anfang der neunziger Jahre auf andere Theorien, die sich für meinen politischen Alltag und das Projekt „Wie kann ich eine freie Frau sein“ als hilfreich erwiesen und die mich letztlich doch noch zur ausgewiesenen Feministin machten – doch das ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht an anderer Stelle mal erzähle.

Heute haben wir es jedenfalls in der Alltagskultur wieder mit Geschlechterklischees zu tun, von denen ich mir vor fünfundzwanzig Jahren niemals hätte träumen lassen, dass das möglich wäre. Jungs tragen blau, Mädchen stehen auf rosa – tiefster fünfziger Jahre-Mist. Wenn ich mir anschaue, wie sich Mädchen und Jungen heute schon in Schulen voneinander separieren, dann leben wir im Vergleich zu meiner Kindheit in Zeiten krasser Geschlechterapartheid. Und was die Machismo-Inszenierungen junger Männer oder der nuttige Körperexhibitionismus junger Frauen soll, ist mir schleierhaft. Nicht, dass ich das moralisch verwerflich finde. Mir ist bloß schleierhaft, wie man damit Freiheit verbinden kann.

Ich kann es mir nur so erklären, dass es nach wie vor offenbar eine tiefe Sehnsucht gibt, Frau und Mann zu sein. Dass es aber an Ideen und Beispielen dafür fehlt, wie das in Freiheit möglich wäre. Es gibt keine Vorbilder, nur noch Klischees. In dem Versuch, das Geschlecht abzuschaffen, wurde so viel über die Geschlechterunterschiede diskutiert und geforscht, dass sie sich hinterrücks zu Riesenmonstern ausgewachsen haben.

Was aus meiner Sicht notwendig wäre ist, die Praxis des freien Frauseins und des freien Mannseins weiter zu verfolgen, zu verfeinern, darin zu Meisterinnen und Meistern zu werden.

Und deshalb bin ich nicht queer. Denn wenn Frauen, die „anders“ sind, gar nicht mehr als Frauen wahrgenommen werden, sondern als Queer, dann bleibt für diejenigen, die weiterhin Frauen sind, eben nur das Klischee übrig. Und wenn sich die ganze feministische Energie darauf konzentriert, den Sinn der Existenz von Frauen (und Männern) zu bestreiten, dann wird der Feminismus logischerweise auch nichts zur Freiheit von Frauen und Männern beitragen können.

Dieser Artikel wurde auch abgedruckt in: Graswurzelrevolution April 2010, S. 1



Vielen Dank für die Spende!

Das queere Universum ist ein Männerclub

Enttäuschende Urlaubslektüre: In dem Sci-Fi-Sammelband "Queer Dimensions" bleiben die Männer weitestgehend unter sich.

Eigentlich sollten Queer und Sci Fi gut zusammen: Wer im Weltall herumschwebt oder in die Zukunft reist, könnte da schließlich auf Lebensformen treffen, die die Normalität des heterosexistischen Erdenlebens in Frage stellen. Das jedenfalls war meine Hoffnung, als ich mir dieses – bisher nur in Englisch vorhandene – Buch bestellte. Schließlich bin ich ein großer SciFi-Fan und kaum ein anderes Genre ist so geeignet, um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die dazugehörigen terranischen Rollenklischees zu hinterfragen, und die interessante Beziehung zwischen Frauen und Aliens beschäftigt mich schon eine ganze Weile.

Umso enttäuschter war ich darüber, dass die hier versammelten Geschichten vollkommen konventioneller Natur sind. Piefkelig wie ich in diesen Dingen nunmal bin (und weil ich im Urlaub war und viel Zeit hatte), hab ich das mal durchgezählt: Von 17 Geschichten haben 14 eine männliche Hauptfigur. Soviel Männerüberschuss findet man heutzutage sogar in der heterosexistischen Mainstreamwelt nur noch selten. Von den restlichen drei Geschichten, die weibliche Protagonistinnen haben, entfaltet eine zudem eine Schreckensvision von einer totalitär-matriarchalen Zukunftswelt, die der Feministin in mir auch keine rechte Freude bereitet hat.

Und dabei hatte es so viel versprechend begonnen: Immerhin sieben Geschichten sind nämlich von Frauen geschrieben worden. Doch auch sie wählten – mit einer Ausnahme – männliche Protagonisten. Vielleicht ein Zugeständnis an das generell eher männliche Sci-Fi- Publikum? Das könnte eine Erklärung sein. Bekanntlich fällt es Männern ja schwer, sich mit Heldinnen zu identifizieren.

Aber die Frage der Hauptperson ist nur das eine. Nur in ganz wenigen Geschichten wird die Geschlechterdifferenz überhaupt auch nur am Rande thematisiert. Sieben Geschichten haben nicht einmal als Nebenfigur eine Frau, die Männer kommen hier völlig autark mit sich alleine aus. Und in fünf weiteren kommen Frauen zwar vor, aber bloß in der Rolle von Prostituierten, Bösewichten oder als Maschine – das queere Universum scheint eines zu sein, in dem Frauen als ganz real menschliche Gegenüber so gut wie ausgerottet sind.

Das Projekt „Queer“ scheint jedenfalls weitgehend in „Schwul“ aufzugehen. 13 der 14 männlichen Protagonisten lieben andere Männer, wobei die Geschichten in zwei Kategorien auseinanderfallen: Sechs davon sind ganz normale Sci-Fi-Geschichten, wo die Helden mehr oder weniger zufällig Liebesbeziehungen zu Männern unterhalten, wären sie hetero, könnte die Handlung ganz genauso ablaufen. Sechs andere feiern dezidiert das Gelingen von Männerbeziehungen und dekorieren das mit ein paar Sci-Fi-Versatzstücken: Ein altes Paar, das sich auseinander gebt hatte, findet nach einer außerirdischen Intervention wieder zusammen, zwei junge Männer entdecken mithilfe von Aliens, dass sie sich gegenseitig attraktiv finden, zwei Raumfahrer überwinden den Verlust eines dritten gemeinsamen Ehemannes, die Affäre eines jungen Rebellen mit einem Zeitreisenden macht aus diesem einen erfolgreichen Freiheitskämpfer und so weiter.

Jede einzelne dieser Geschichten feiert die Liebe unter Männern als eine gelungene – Happy End ist hier Pflicht. Nun ist gegen Erzahlungen über das Glück schwuler Liebe im Prinzip ja auch nichts einzuwenden (außer vielleicht, dass die ausführlichen Schilderungen muskulöser Männertorsos und praller Penisse auf die Dauer für die an Männersex nicht interessierte Leserin etwas langweilig ist). Ärgerlich ist aber, dass im Gegenzug in dem ganzen Buch nicht eine einzige gelingende lesbische Beziehung geschildert wird. Die gerade mal zwei Frauenbeziehungen, die überhaupt vorkommen, verlaufen unglücklich: Die eine Protagonistin kann ihre Geliebte nicht vor dem Suizid retten, die andere scheitert, weil die Geliebte sich als unbekehrbare Hetera entpuppt.

Krasser kann das Missverhältnis nun wirklich nicht ausfallen. Noch etwas fand ich im Übrigen sehr aufschlussreich: Queer hin oder her, offenbar ist das Bedürfnis, die klare Aufteilung von Menschen in „männlich“ oder „weiblich“ aufzubrechen, keineswegs so groß, wie immer behauptet wird. Obwohl sich die Idee, androgyne Wesen oder weitere dritte, vierte oder fünfte Geschlechter zu erfinden, in einem Genre wie diesem eigentlich geradezu aufdrängt, fehlt davon in den Geschichten jede Spur. Gerade mal zwei geschlechtlich nicht eindeutige Figuren kommen in dem gesamten Buch vor, in ganz unwichtigen Nebenrollen.

Klar ist, dass sich dieses vernichtende Urteil natürlich nur aus dem Gesamtbild der Sammlung ergibt. Was die einzelnen Geschichten angeht, so sind durchaus interessante darunter – die einzelnen Autorinnen und Autoren können ja gewissermaßen nichts für den Kontext, in dem ihre Erzählungen erscheinen. Vielleicht ist das Angebot an „queeren“ Geschichten auch so gering, dass der Herausgeber einfach nichts Besseres auftreiben konnte. Dann aber hätte er auf das Label „Queer“ im Titel doch besser verzichtet. Eine Sammlung schwuler SciFi-Geschichten wäre ja auch ganz nett gewesen, und ich hätte das dann ja nicht lesen müssen.

So aber muss die Feministin resumieren, dass das Label „Queer“ nicht unbedingt ein Gütesiegel ist, im Gegenteil. Es dient nur allzu leicht als Rechtfertigung, um die Dominanz des Männlichen im Mantel der eigenen angeblichen sexuellen Fortschrittlichkeit umso mehr zu zementieren.

Oder besteht die „queere“ Hoffnung vielleicht tatsächlich bloß darin, dass man sich mit diesen lästigen Frauen erst gar nicht mehr auseinandersetzen muss?

James EM Rasmussen (Hg): Queer Dimensions. QueeredFiction 2009, 12,99 Euro. www.queeredfiction.com