Vergrößert die Professionalisierung von Care das Gender Pay Gap?

Vielleicht habt ihr auch den Artikel kürzlich in der FAZ gelesen, der unter dem etwas reißerischen Titel „Die Mär von den ungerechten Frauenlöhnen“ noch mal das Thema Gender Pay Gap aufmacht. Die Beschreibung des Dilemmas in dem Artikel ist richtig, nur der Einstiegduktus polemisch, denn natürlich geht es bei der Kritik am Gender Pay Gap nicht nur um die direkte ungleiche Bezahlung bei vergleichbarer Arbeit (die es allerdings auch immer noch gibt), sondern um die Verteilung von Arbeit und Einkommen zwischen Frauen und Männern generell.

Oder: Wenn Frauen weniger verdienen, weil die Einkommen in „Frauenberufen“ niedriger sind als in „Männerberufen“, dann ist das ja auch ein „Gap“. Oder wenn sehr viel mehr Frauen als Männer wegen Kindern in Teilzeit gehen. Unter’m Strich heißt das nämlich: Frauen haben weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht. That is the point.

Kleiner Einschub: Es fällt mir häufig auf, dass feministische Strukturanalysen (wie etwa der Hinweis auf den Gender Pay Gap) verstanden werden als moralische Anschuldigung einzelnen Männern gegenüber. Deshalb kommen dann Reaktionen wie „Das ist keine Diskriminierung, wir machen nichts falsch, wir sind unschuldig!“ – die aber am Punkt des Anliegens ganz vorbei gehen. Einschub Ende.

Über den Gender Pay Gap und dass ich die Art, wie der Tag promotet wird, auch teilweise problematisch finde, habe ich ja schonmal gebloggt.

Gerade kam mir über diesen Link der Heinrich Böll Stiftung noch ein anderes Argument in die Timeline, das von Emilia Roig vorgebracht wurde, und das ich bedenkenswert finde:

Sie sagt nämlich, dass die frauenpolitischen Strategien der vergangenen Jahrzehnte, eine höhere „Erwerbsbeteiligung“ von Frauen durch die Professionalisierung häuslicher Dienstleistungen zu erreichen – Putzfrauen für Privathaushalte, institutionalisierte Kinderbetreuung, Outsourcen von Pflege, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern sollen – genau mitverantwortlich für den Gender Pay Gap ist.

Denn wenn nicht direkte ungleiche Bezahlung, sondern die „Geschlechtssegegation der Berufe“ der Hauptgrund für den Gender Pay Gap ist, dann trägt genau dieser Prozess ja dazu bei. Denn es entsteht ein größer werdender Sektor von schlecht bezahlten Berufen, in denen eben ganz überwiegend Frauen, und überproportional viele Migrantinnen, tätig sind.

Deshalb finde ich es gut, dass in dem Netzwerk Care-Revolution, in dem wir als Autorinnen des ABC des guten Lebens auch mitarbeiten, versucht wird, nicht entlang der Trennung von professionalisierter und privater Care-Arbeit zu denken, sondern beides zusammen zu denken. Der Kern des Problems liegt in der kulturellen Bewertung von Care. Mit Veränderungen und Verschiebereien innerhalb einer Logik, die Care im Vergleich zu anderen ökonomischen Tätigkeiten für weniger wichtig und wertvoll hält, ist letzten Endes nichts zu gewinnen.

In dem Zusammenhang schonmal ein Termin-Hinweis: Am 1. November wird es in Frankfurt das nächste größere Netzwerk-Treffen der Care-Revolution geben, von 12-18 Uhr in den Uni-Räumen an der Bockenheimer Warte. Details folgen.

Weil es passt verweise ich auch nochmal auf Alison Wolfs Buch über den XX-Faktor.

 

 

36 Gedanken zu „Vergrößert die Professionalisierung von Care das Gender Pay Gap?

  1. Mit dem Gender-PayGap 22% sollte man vorsichtig sein. Z.B. ist der öffentliche Dienst ausgeklammert und damit auch viel Care-Arbeit, z.B. große Teile des Krankenhausbereichs. Auch ein Großteil des Bildungssektors wird so nicht berücksichtigt. Es gibt eine Berechnung für den öffentlichen Dienst nach denselben Methoden (damit kommt man auf 7,5% und bereinigt (nach Methoden wie in der FAZ beschrieben) auf 0).

    Im öffentlichen Dienst kann man besonders sehen, wie leicht man zu recht beliebigen „Ergebnissen“ kommen kann.

    Die AZ hatte einen Artikel über die Kommune München, dort verdienen Frauen im Schnitt mehr als Männer. Das liegt daran, dass dort die Frauen eher in den gut bezahlten Berufen wie z.B. Lehrern dominieren, während Männer dort eher schlechter bezahlte Berufe wie Müllabfuhr arbeiten. Das lässt sich dann aber nicht Übertragen z.B. auf die Bundesverwaltung.

    Oder man schaut sich den Bildungsbereich an: Nimmt man nur Gymnasiallehrer, so bekommt man einen Gap, der vollständig durch Teilzeit und Aussetzen wegen Kindern erklärt wird. Man kann nun Grundschullehrer hinzunehmen, und dann bekommt man einen größeren Gap, denn Grundschullehrer verdienen weniger als Gymnasiallehrer und der Anteil der Frauen ist bei den Grundschullehrern viel höher. Man kann dann noch Erzieher in Kindergärten und Kitas miteinbeziehen und so das Gap noch größer bekommen. Bereinigt bleibt es natürlich immer unverändert, denn gerade dann vergleicht man ja nicht die Erzieherin mit einer Gymnasiallehrerin.

  2. „Sie sagt nämlich, dass die frauenpolitischen Strategien der vergangenen Jahrzehnte, eine höhere “Erwerbsbeteiligung” von Frauen durch die Professionalisierung häuslicher Dienstleistungen zu erreichen – Putzfrauen für Privathaushalte, institutionalisierte Kinderbetreuung, Outsourcen von Pflege, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern sollen – genau mitverantwortlich für den Gender Pay Gap ist.“

    Ich denke, dass nicht die “höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen durch die Professionalisierung häuslicher Dienstleistungen” mit verantwortlich für den Gender Pay Gap ist,
    sondern die Bewertungskriterien der Sorge/Haus/Pflege/Betreuungsarbeit. Als unbezahlte Arbeiten waren und sind sie vor ihrer sog. Professionalisierung lediglich unsichtbar
    und kommen durch “die Aufwertung als Erwerbsarbeit” in den Blick. Welchen Stellen-wert diese Arbeiten gesamtgesellschaftlich haben wird ja erst debattiert, seitdem ‘die Krise der Sorgearbeit’ auch ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist.
    Ich finde, dass grundsätzlich die Frage zu stellen ist, welche Arbeiten/Tätigkeiten eine Gesellschaft notwendig braucht und was sie ihr wert sind (auch monetär) um das gute Leben aller zu gewährleisten?

  3. Putzfrauen für Privathaushalte, institutionalisierte Kinderbetreuung, Outsourcen von Pflege

    Da würde ich unterscheiden zwischen solide geregelten Arbeitsverhältnissen (z.B. Erzieherin bei der Kommune) und anderen Formen (Leiharbeit sowie direkt von Privathaushalten Beschäftigte).

    Auch die persönliche Entlastung für die Privathaushalte, vor allem für die Frauen, an denen die Arbeit sonst hängen bleibt, ist recht unterschiedlich. Putzen kann man flexibel handhaben und auch mal ausfallen lassen, eine Putzfrau ist mehr oder weniger Luxus.

    Mehr Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen als man möchte, ist auch eher zumutbar als eine Mutter oder Schwiegermutter zu pflegen, zu der man ein zerrüttetes Verhältnis hat. Für wie viele Frauen käme es überhaupt noch in Frage, ältere Angehörige selbst zu pflegen, wenn es gut mit dem Beruf und den Finanzen vereinbar wäre? Da dürften bei der Betreuung der eigenen Kinder doch wesentlich mehr Frauen „hier“ rufen als bei der Altenpflege. Mit dem Betreuungs- und Elterngeld kann man Wahlen gewinnen, mit dem Pflegegeld eher nicht.

    Erdbeerbäumle:

    Die AZ hatte einen Artikel über die Kommune München, dort verdienen Frauen im Schnitt mehr als Männer. Das liegt daran, dass dort die Frauen eher in den gut bezahlten Berufen wie z.B. Lehrern dominieren, während Männer dort eher schlechter bezahlte Berufe wie Müllabfuhr arbeiten

    Auch daran, dass die Stadt München vieles selbst macht, z.B. Straßenreinigung, anstatt solche Dienstleistungen zu privatisieren. Dann wäre zwar mancher schlecht bezahlte Mann aus der München-Statistik raus, würde aber womöglich noch weniger verdienen, falls er keinen Tariflohn mehr hätte.

    Mancher Müllfahrer mit Tariflohn verdient übrigens besser als mancher scheinselbständige Online-Redakteur.

  4. Im Prinzip ist ja nur zu hoffen, dass die entsprechenden Berufe in Zukunft besser bezahlt werden, weil klar ist, dass niemand sonst diese Arbeit tun will…

    (Habe nicht viel zu sagen, will aber die Kommentare abonnieren.)

  5. @Irene „Auch daran, dass die Stadt München vieles selbst macht, z.B. Straßenreinigung, anstatt solche Dienstleistungen zu privatisieren. Dann wäre zwar mancher schlecht bezahlte Mann aus der München-Statistik raus, würde aber womöglich noch weniger verdienen, falls er keinen Tariflohn mehr hätte.“

    Das ist klar. Das gilt aber ganz allgemein, sollte München etwa seine Krankenhäuser privatisieren, dann würden vielleicht die Löhne der Pflegekräfte sinken.

    Allerdings ist das mit Outsourcing so eine Sache, oft spart die Kommune dadurch nicht. Denn der einfache Arbeiter mag weniger verdienen, dafür der Ingenieur deutlich mehr. Oft ist gerade diese Lohnspreizung der wahre Antrieb hinter Outsourcing.

  6. Zum professionellen Care-Bereich wollte ich noch sagen: manchmal dominiert hier das Klischee. Z.B. wird gerne von der Putzfrau gesprochen, wenn man Reinigungskräfte meint, doch gerade im professionellen Bereich sind das mehr und mehr Männer. 2013 waren es 31% der Beschäftigten, doch ihr Anteil an der Arbeit ist höher, da Männer meist Vollzeit und die Frauen Teilzeit arbeiten.
    Die schwarz arbeitenden Putzkräfte sind vermutlich in der Tat eher Putzfrauen, aber die fließen nicht in die PayGap-Berechnungen ein.

    Auch bei Krankenpflegekräften scheint es nicht so einfach zu sein. Ich hatte mal auf einer Schulung Kontakt mit einer Mitarbeiterin eines großen Krankenhauses, und die sagte, dass bei ihnen 23% der Krankenpflegekräfte Männer sind, die aber fast 40% der Arbeitszeit leisten würden. Denn die Männer würden im Gegensatz zu den Frauen nicht nur fast alle Vollzeit arbeiten, sondern auch die vielen Überstunden hinnehmen. Ob das für viele Krankenhäuser und auch jetzt dort noch gilt, kann ich aber nicht beurteilen. Die Frau machte sich damals große Sorgen, dass mit der Abschaffung des Zivildienstes der Nachschub an männlichen Pflegern stark nachlässt, der Anteil der Männer kann also schon gesunken sein.

    In der Altenpflege soll der Männeranteil im stationären Bereich bei 15-18% liegen (2008).(Das ist übrigens deutlich weniger als im nicht-professionellen Bereich, dort lag der Anteil damals bei 27%). Durch Vollzeit+Überstunden/Teilzeit ist aber der Arbeitszeitanteil der Männer im professionellen Bereich höher, als ihr Anteil an den Beschäftigten. Mehr interessante Zahlen findet man hier: http://www.dza.de/fileadmin/dza/pdf/Heft_04_2012_Juli_August_2012_gekuerzt_PW.pdf

    Wenn man sich den professionellen Care-Bereich näher anschaut, wird man dort sicher einen unbereinigten Gender-PayGap feststellen, der eben aus dem Vollzeit/Teilzeit-Aspekt und aus der deutlich längeren Verweildauer der Männer im Durchschnitt in diesen Berufen herrührt.

  7. Spontan:
    1. Muss man/frau mitmachen bei einer „Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht“?
    2. Wie sieht das eigentlich aus, wenn man die Globalisierungsverlierer mit einbezieht: Jene Menschen, die für einen Hungerlohn in Indien oder sonst wo unsere Klamotten zusammen nähen, unsere Computer zusammenbauen und unsere „seltenen Erden“ unter Verlust ihrer Gesundheit aus der Erde kratzen?
    Es gibt ja inzwischen so viele Arbeiten bei uns gar nicht mehr, die wir erfolgreich in Billiglohnländer verlagert haben, um unseren Wohnstand überhaupt noch halten zu können. Wenn „wir“ das Zeugs selbst herstellen müssten (zu Löhnen, die hier gezahlt werden), könnten wir es ja gar nicht mehr bezahlen!

    Was bedeutet das wiederum für die Geschlechtergerechtigkeit und überhaupt für Gerechtigkeit?

    Was bedeutet es für die Geschlechtergerechtigkeit, wenn Männer mehr verdienen – und Frauen länger leben?
    Was bedeutet es für die Geschlechtergerechtigkeit, wenn Männer mehr verdienen – und beim Erreichen des 18. Geburtstags ihres Nachwuchses feststellen, dass die Frauen ihn viel besser kennen und dass die schönen Jahre der Kindheit so viel schneller an ihnen als an den Frauen vorbei gezogen sind…

    Wobei wir wieder bei der Frage wären nach jener Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht…

    Wer gewinnt wirklich in dieser Kultur? Wer sind die „wahren“ Verlierer?

    Ich möchte eines draufsetzen als ein Pflegevater in der Bereitschaftspflege, der am eigenen Leib mitbekommt, wer hier die Opfer dieser Kultur sind: Unsere Kinder nämlich, die immer mehr unter dem Druck stehen, später mal ordentlich Geld zu haben. Die unter diesem Druck immer weniger Liebe und Zuwendung bekommen. Die soviel Geld und Luxus zu Verfügung hatten wie kaum eine andere Generation – und die so sehr vernachlässigt werden wie kaum eine Generation zuvor. Durch alle Schichten. Die Zahl der Inobhutnahmen durch das Jugendamt sind auf absolutem Höchststand. Und der Grad der Schäden bei den den Betroffenen Kindern und Jugendlichen wird auch immer größer.

    Doch, gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist wichtig. Unabhängigkeit ist wichtig. Aber ist Geld alles? Gibt es nicht Dinge, die mit Geld gar nicht zu bezahlen sind?

  8. @Bernd – Der Blogpost beschäftigt sich ja nicht mit dem GroßenGanzen, sondern nur mit einem bestimmten Aspekt davon. Die Möglichkeiten, als Einzelperson bei der allgemeinen Kultur einfach so nicht mehr mitzumachen, halte ich jedoch für beschränkt. Es kann in Einzelfällen bis zu einem gewissen Grad möglich sein, und auch als persönliche Entscheidung eventuell eine interessante Frage, aber für eine kulturpolitische Analyse ist es doch ungeeignet. Und ich finde es auch nicht hilfreich, verschiedene Ungerechtigkeiten gegeneinander aufzurechnen nach dem Motto: Frauen haben weniger Geld aber leben länger. Das führt dann nämlich unter dem Strich nur zu einer Legitimation des Status Quo. In diesem Blogpost ging es um Geldverteilung, man könnte auch einen anderen über Lebenserwartung oder Kindererziehung schreiben, aber ich finde, es bringt nichts, das immer alles durcheinanderzumischen.

  9. Davon, dass man hier gern davon redet, dass Geld irgendwie nicht wichtig ist, verdient in Indien auch keiner besser. Im Gegenteil, wer gut verdient, kann sich bei entsprechendem Interesse auch fair produzierte Klamotten leisten.

    Und wenn man mal die Reallohn-Entwicklung der breiten Masse in Deutschland ansieht und die Entwicklung der Mieten in den Städten, in denen es viele Jobs gibt, dann sieht das nicht so gut aus. Klar, irgendwas ist immer schlimmer (Mieten in New York oder die Wohnungsgrößen in Bangladesh), aber das kann ja kein Maßstab sein.

  10. Hallo Irene, du hast kürzlich mal geschrieben, dass man in die Vergangenheit schauen sollte, um zu sehen, ob es einen Fortschritt gibt.

    Nun gibt es in Deutschland und anderen Erste-Welt-Länder sicher kleine Rückschritte durch die Globalisierung für manche Gruppen unserer Gesellschaft (im Vergleich zu den 90ern). Die Vorteile überwiegen die Nachteile bei weitem auch bei uns, doch gelingt uns ein gerechter Ausgleich in unserer Gesellschaft nicht so recht. Weniger ein Problem der Globalisierung als des dogmatischen Neoliberalismus und realem politischen Einfluss der Reichen.

    Für die Welt als gesamtes aber geht es bergauf, und zwar dramatisch. Ein Vortrag von Hans Rosling fällt mir dazu ein: https://www.youtube.com/watch?v=1FVzHLXbgew

    Natürlich wird es noch lange dauern, bis die Menschen weltweit den Wohlstand erreichen, den wir genießen, und sich die Freiheiten erkämpft haben, die wir als selbstverständlich annehmen. Und selbstverständlich müssen auch wir bei uns das Erreichte verteidigen und weiterentwickeln. Vor Rückschlägen sind wir nicht sicher. Trotzdem darf man vorsichtig optimistisch sein. Pessimistisch bin ich nur gegenüber allen „Plänen“, bei denen ein „neuer Mensch“ wesentlich Voraussetzung für seine Realisierung ist.

    Ich gebe dir recht: dass Geld nicht alles sei, kann man leicht sagen, wenn man genug davon hat.

    Bernds Aussage, dass unsere Kinder unter immer mehr Druck stünden, immer weniger Liebe und Zuwendung erhielten, halte ich einfach für falsch (genauso falsch übrigens wie die Gegenthese, wir würden unsere Kinder verhätscheln). Im Gegenteil, noch nie haben (und konnten) sich Eltern so um ihre Kinder kümmern, wie heute.

    Ich bin auch optimistisch, dass die Professionalisierung von Care-Arbeit nichts schlechtes ist. Weder im Bereich der Kinderbetreuung, noch bei der Pflege von Alten. Man muss darauf achten, dass nicht einseitig bestimmte Interessen unserer Gesellschaft bedient werden (z.B. optimale Verfügbarkeit der Eltern für die Erwerbsarbeit), aber ich sehe jetzt keinen Grund, da pessimistisch zu sein (aber wachsam sollte man sein 😉 ).

  11. @Erdebeerbäumle – „Ich bin auch optimistisch, dass die Professionalisierung von Care-Arbeit nichts schlechtes ist.“

    Das ist auch nicht die Befürchtung dieses Beitrages. Die Frage, die sich eher stellt ist doch, wie professionalisierte Care-Arbeit
    und auch nicht bezahlte Care-Arbeit, z.B. von pflegenden Angehörigen, den ihnen zustehenden wichtigen Stellenwert bekommt und dazu gehören menschenwürdige Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung.
    Deshalb ist ja eine ‚Care-Revolution‘ hoch notwendig. 🙂

  12. @Erdbeerbaeumle: „Bernds Aussage, dass unsere Kinder unter immer mehr Druck stünden, immer weniger Liebe und Zuwendung erhielten, halte ich einfach für falsch (genauso falsch übrigens wie die Gegenthese, wir würden unsere Kinder verhätscheln). Im Gegenteil, noch nie haben (und konnten) sich Eltern so um ihre Kinder kümmern, wie heute.“

    Bitte differenzieren, welche Eltern sich „so um ihre Kinder kümmern, wie heute“ – siehe:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=22717#h15

    Und @Erdbeerbaeumle,“Für die Welt als gesamtes aber geht es bergauf, und zwar dramatisch. Ein Vortrag von Hans Rosling fällt mir dazu ein.“
    Hm, dass Zahlen und Statistiken einen eingeschränkten Blickwinkel auf Welten und Gesellschaften widergeben hat ein Thilo Sarrazin mit seinen negativen Deutungskonstruktionen
    gezeigt. Das Deutungsmuster, welches Hans Rosling seinem Zahlenmaterial entnimmt, klingt zwar optimistischer und nicht unsympathisch, doch fehlt mir auch hier eine Differenzierung der real gelebten Lebenszusammenhänge.

  13. Den verlinkten Vortrag werde ich mir noch anhören. Aber dass in der Schule nicht mehr geschlagen wird, das hilft allen Kindern, Bürgerlichkeit hin oder her. Daumen runter für die heile Welt von damals.

  14. @Ute Plass Es gibt auch heute Kinder mit schwerer Kindheit, das bestreite ich nicht. Doch man muss sich nur die Geschichten von Kinderheimen in den 50ern und 60ern anhören, die heute alle hochkommen, in den Zustände herrschten, die man sich kaum vorstellen kann: in denen Kinder geschlagen, gequält, gedemütigt wurden, teilweise hungern, schwere körperliche Arbeit verrichten mussten, teilweise daran gestorben sind. Man kann sich heute nicht vorstellen, dass Nonnen neu Geborene absichtlich an Unterkühlung sterben ließen und es niemanden interessiert hat, wie in dieser irischen Einrichtung geschehen. Oder dieses amerikanische Heim in Mariana, in dem wohl die meisten Kinder schwer misshandelt, nicht wenige von ihnen sogar zu Tode geprügelt und auf dem Gelände der Anstalt verscharrt wurden.
    Dass Eltern ihre Kinder schlagen, war noch in den 70ern nicht nur weit verbreitet, sondern auch voll akzeptiert. In den Schulen durften Lehrer teilweise bis 1971 noch körperliche Strafen anwenden (ist aber schon in den 60ern stark zurückgegangen). Z.B. erzählt meine Mutter ab und zu von dem Lehrer, bei dem man sich immer den Mund mit Seife auswaschen musste, wenn sie „dreckige“ Worte benutzt hat, oder an eine Lehrerin, die bei Mädchen Tatzen mit ihrem Lineal und bei Jungs Schläge mit dem Stock auf den Hintern verteilt hat.
    War es bis in die 60ern üblich, dass Eltern behinderte Kinder in Heime gegeben haben, so ist das heute sehr selten.

    Mittelschichtsfamilien sind heute finanziell gefährdeter als in den 70ern. In Deutschland noch nicht in dem Ausmaß, wie in vielen anderen Industrienationen, insbesondere den USA (wo jede fünfte schon mal den Bankrott erklären musste). Die Gründe sind aber durchaus komplexer, ich finde sehr gut beschrieben von Elizabeth Warren und Amelia Warren Tyag in ihrem Buch „The Two-Income Trap: Why Middle-Class Mothers and Fathers Are Going Broke“ (es widerlegt nebenbei die häufig geäußerte Ansicht, dass die Amerikaner wie blöde auf Pump konsumiert hätten).

    Zur Professionalisierung der Care-Arbeit: mit „ist nicht schlecht“ meine ich auch, dass es keine Rolle spielt, ob dadurch der (unbereinigte) Gender-PayGap sich vergrößern würde, was er tun würde, wenn mehr Frauen als Männer in diese Berufe streben und wenn die Bezahlung niedriger wäre als in Berufen, von denen sich Männer stärker angezogen fühlen. Aber Pauschal kann man da auch nichts sagen, denn wie im Gesundheitsbereich hat man innerhalb dieses Berufsfeld sicher eine große Spanne. Wir kritisieren ja auch nicht den Beruf des Friseurs, nur weil man da wenig verdient und es inzwischen ein Frauenberuf ist (man hat da auch schon schlecht verdient, als es noch ein Männerberuf war).

    Der Kapitalismus macht viele Güter und manche Dienstleistungen sehr billig, indem mit Maschinen (Kapital) und nicht-menschlicher Energie (zur Zeit fossilen Brennstoffen) menschliche Arbeitskraft ersetzt wird. Unverändert teuer bleibt dagegen natürlich menschliche Arbeitskraft an sich. Und wie früher ist es so, dass man reich ist, wenn man sich viel menschliche Arbeitskraft leisten kann. Superreich ist, wer sich 25 und mehr Menschen leisten kann, die nur für ihn arbeiten. Der Durchschnittsverdiener verbraucht den größten Teil der menschlichen Arbeitskraft, die er sich leisten kann, schon mit den Anteilen, die in den von ihm konsumierten Gütern stecken und den alltäglichen Dienstleistungen, die er nutzt. Denn durchschnittlich kann man sich nicht mehr als das leisten, was man selbst an Arbeitskraft hat.

    Die Professionalisierung von Care-Arbeit ermöglicht durch Spezialisierung, Arbeitsteilung, bessere Organisation usw. vermutlich eine höhere Produktivität als wenn man es selbst macht. Aber um einen echten Sprung zu machen, müsste man menschliche Arbeitskraft in erheblichen Maßstab durch Maschinen ersetzen. Kann gut sein, dass das noch kommt.

    Wenn ich heute ohne großen Zeitaufwand Wäsche waschen kann und es mich so wenig kostet, dass ich nie darüber nachdenke, dann nur, weil ich eine Waschmaschine habe, die selbst wiederum mit wenig Einsatz von menschlicher Arbeitskraft produziert wurde. Müsste ich eine Person einstellen, die für mich die Wäsche mit Hand wäscht, dann würden meine Gedanken sehr oft darum kreisen, denn ich hätte zigfache Kosten.

  15. @erdbeerbäumle – Allerdings ist Professionalität im Sinne von Produktivitätssteigerung bei Care eben oft auf problematisch, wie wir ja in der „minutentakt-Pflege“ sehen. Anders als beim Wäschewaschen geht es hier eben um menschliche Beziehungen. D.h. Die Qualität der Arbeit leider u.u. an genau dieser Effizientermacherei, was aber natürlich nicht dagegen spricht, es an den Punkten zu versuchen, wo es möglich ist. Care Revolution bedeutet auch, sich diesen Prozess nicht nur aus der Perspektive der Produktivitätssteigerung anzuschauen, sondern aus der des guten Lebens für alle. Dazu gehört auch die Frage der beziehungsqualität, der Arbeitszufriedenheit usw. Eine schlechtgelaunte Pflegerin ist auch für den pflegebedürftigen ein , ein schlecht gelaunter Mechaniker aber nicht für das Auto, das er baut, usw.

  16. @antje, Wir laufen auf einen drastischen Mangel an Pflegekräften zu. In einem „meiner“ Heime sagte mir der Zuständige für Qualitätsmanagement: Sie werden nicht unbedingt so viel Gehalt bieten können wie manche Konkurrenz. Um so wichtiger wird die Zufriedenheit des Personals in der Arbeit. Das wirkt sich auch wieder positiv für die Pflegebedürftigen aus.
    Womit wir wieder bei Frage nach der Kultur wären, in der sich alles ums Geldhaben dreht.
    Wenn man sich die Krankenstand in manchen Häusern anschaut, die zwar mehr Kohle bieten, in denen aber laut Mundpropaganda die Arbeitsbedingungen grottig sind, dann spitzt sich das alles noch zu. Mir ist aber nicht bekannt, inwiefern da Männern und Frauen unterschiedlich bezahlt werden.
    Da wäre es mir wesentlich wichtiger, dass gewerkschaftliches Denken bei den großen kirchlichen Playern im Care-Bereich einzieht. Nicht, um den dritten Weg abzuschaffen, sondern um sich mit der immer noch vorhandenen gesellschaftlichen Macht für eine vernünftige Bezahlung einzusetzen, die Pflegenden und Gepflegten hilft.
    Derzeit beugen sich Caritas und Diakonie oft immer noch den Kostenträgern, die die Lohnsteigerungen in den Pflegegeldern bei weitem nicht abbilden, was zu Arbeitsverdichtung und Lohnverzicht führt.
    Wenn das so stimmen sollte, dann würde man das Problem der Gender Pay Gap in der Care-Professionalisierung weniger durch eine Gender-Debatte als mehr über eine Diskussion von gerechter Refinanzierung lösen können.

  17. @Antje Ich würde nicht pauschal sagen, dass die Arbeit unter Effizientermacherei leiden muss. Ein Bsp: wenn 4 Elternpaare je ein Kind von 3 Jahren haben und sich dann zusammentun, so dass eine Person die 4 Kinder betreut und die anderen dafür Zeit für andere Arbeit haben, dann ist das sicher effizienter und Qualitativ nicht wohl nicht schlechter. Die 3 könnten es sich sogar leisten, eine Person zu beauftragen, die qualifizierter ist als jeder einzelne der 8 Eltern. Haben alle 4 Elternpaare jeweils 4 Kinder, dann müssten sie vielleicht tatsächlich Abstriche an der Qualität machen, wenn sie einen ähnlich hohe Steigerung der Effizienz anstreben.

    Man muss die Frage der Menschlichkeit auch von der anderen Seite her sehen: von der Seite derjenigen, die Care-Arbeit machen. Die ist ja nicht gleich verteilt. Viele Leute werden ihre Eltern nicht intensiv pflegen müssen, einige dagegen müssen vielleicht jahrelang 2 demenzkranke Eltern pflegen. Die meisten Eltern haben keine behinderten Kinder, andere müssen vielleicht ihr leben lang eines pflegen, selbst dann, wenn sie selbst alt und gebrechlich sind. Wenn die Lasten gesellschaftlich gleichmäßiger verteilt werden sollen, dann geht das nur durch käufliche Pflegeleistung. Den Pflegenden einfach zu entlohnen, bringt wenig, wenn sie sich davon nicht persönliche Entlastung, also Zeit für sich selbst, kaufen können.

    Unabhängig davon noch etwas zu Eltern: die Arbeit der Eltern teilt sich in 2 Arten auf: Erwerbsarbeit (d..h Arbeit, für die sie Lohn erhalten und mit denen Sie auf dem Markt Güter und Dienstleistungen kaufen können) und Nicht-Erwerbsarbeit (z.B. Haushalt, Kinder betreuen, Wohnung selbst streichen, Eigenleistungen beim Bau usw.). Unabhängig von der Frage, wie ein Paar sich diese 2 Typen von Arbeit aufteilt, stellt sich die Frage, ob es egal ist, wenn ein Paar seinen Erwerbsanteil steigert und dafür den Nicht-Erwerbsanteil reduziert und dafür Dienstleistung einkauft. Weiter muss man sich fragen, ob und unter welchen Umständen sie überhaupt eine Wahl haben. Elternpaare stehen nämlich in einem evolutionären (und nicht nur ökonomischen) Wettbwerb zueinander, d.h. Elternpare versuchen andere Elternpaare darin auszustechen, ihre Kinder in eine möglichst gute Ausgangsposition fürs Leben zu schieben. Je mehr sie das mit Geld können, und je heftiger der Vorteil für die Kinder ist, desto intensiver wird das Wettrüsten. Sie steigern ihr handelbares Erwerbseinkommen auf Kosten ihres nicht-handelbaren Einkommens, treiben aber nur die Preise für diese Dienstleistungen hoch . Am Ende haben Familien zwar mehr Erwerbseinkommen, aber noch höhere Kosten. Das ist ein Dilemma: für jedes Elternpaar ist es gut, ihr Erwerbseinkommen ein bisschen zu steigern, doch da alle ziehen nach, und dann ist der Vorteil weg und die nächste Runde beginnt. Wer Eltern entlasten will, darf ihnen also eher nicht direkt Geld geben, sondern muss dafür sorgen, dass man sich z.B. nicht mit Geld (erheblich) bessere Bildung für die Kinder kaufen kann, weder direkt noch indirekt.

    Ähnliches Wettrüsten (aber nicht nur für Eltern) macht bei der Gesundheit Sinn, auch da muss man darauf achten, dass jedenfalls die breite Masse sich nicht mit Geld gegenseitig ausstechen kann. (Gesundheit ist sowieso ein kritischer Bereich, weil hier nicht-lineare Effekte dazukommen: wenn viele Leute ihre Tuberkulose nicht mehr behandeln lassen können, gefährdet das alle.)

    Bei der Altenpflege dagegen sehe ich wenig Gefahr.

  18. Sehr geehrte Frau Schrupp,

    in einer jüngst erschienenen Untersuchung der Kontaktbörse „eDarling“ kam man zum Ergebnis, dass Status und Geld des potentiellen Partners für 70% der Frauen das ausschlaggebende Kriterium für eine feste Partnerschaft seien.

    Wie stehen Sie dazu?

    Gruß

  19. @Knok – Das ist inzwischen bei Männern auch so, das ist das Neue. Frauen legten bei der Partnerwahl darauf schon immer Wert, früher notgedrungen, weil sie ja keine andere Einkommensmöglichkeit hatten als einen Ehemann zu finden, da ihnen die meisten lukrativen Berufe verschlossen waren, und das hat sich erhalten. Männer haben früher keinen Wert auf Einkommen und Status der Frau gelegt, das Arzt-heiratet-Krankenschwester-Schema ist ja klassisch. Heute hingegen wählen auch Männer ihre Partnerinnen zunehmend nach Status und Einkommen aus. Ich habe zu dem generellen Problem schonmal was gebloggt: https://antjeschrupp.com/2011/03/29/gleich-und-gleich-ergibt-arm-und-reich-so-ein-mist/

  20. Der Titel des FAZ-Artikels mag für Sie reißerisch klingen. Dennoch ist er zutreffend, wenn selbst der Präsident der Vereinigen Staaten die Statistik in diesem Sinne regelmäßig verwendet hat [1]. Ihre Ausflucht in ein „Jaja, das habe wir ja nie so direkt gemeint“ klingt von daher unglaubwürdig.

    [1] http://www.washingtonpost.com/blogs/fact-checker/wp/2014/04/09/president-obamas-persistent-77-cent-claim-on-the-wage-gap-gets-a-new-pinocchio-rating/

  21. „Unter’m Strich heißt das nämlich: Frauen haben weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht.“ Studien haben gezeigt, dass Frauen mehr Geld ausgeben (Kaufendscheidungen treffen) als Männer. Wo kommt das Geld nur her, wenn Frauen so wenig Geld haben?
    Im Gender Pay Gap wird z.B. die ganzen Transferleistungen nicht breücksichtigt: Vom der ersten Einladung zum Essen, über das gemeinsame Haushaltskonto, Unterhaltszahlungen, Vermögensausgleich bis bin zu einer höheren Rentendividende.
    Die Kritik am Gender Pay Gap ist ganz einfach: Frauen entscheiden sich häufiger (indirekt) gegen hohe Gehälter: Ausbildung, Berufswahl, Familienplanung, etc. Und wer sich selbst für etwas endscheidet, wird wegen der Konsquenzen der Entscheidung nicht diskriminiert.
    Thats the Point.

  22. Wenn das Dilemma in dem Artikel richtig dargestellt ist verstehe ich nicht, warum in der Diskussion über den Gender Pay Gap regelmäßig von einer Diskriminierung die Rede ist. Die findet dann nämlich kaum statt, selbst wenn man es unfair finden mag, wenn Frauen im Schnitt weniger Geld zur Verfügung haben als Männer.

    Hinzu kommt dann die wichtige Frage, inwieweit ein gleicher Frauenanteil in möglichst vielen Branchen eine Bringschuld der Gesellschaft ist bzw. inwieweit es sich dabei um eine Holschuld „der Frauen“ (als gedachte Gesamtheit) handelt. Also die Frage danach, ob Frauen sich nicht von sich aus viel aktiver einbringen müssen, indem sie öfter Branchen mit hohen Gehältern wählen und im Schnitt risikofreudiger werden was die Jobauswahl angeht.

  23. @Pupsy das Schwein : ‚Thats the Point‘

    Womit wir wieder bei der vorherrschenden symbolischen Ordnung angelangt wären, die zeigt, dass es keine richtige Berufswahl im falschen Ordnungssystem geben kann. 😀

  24. „Unter’m Strich heißt das nämlich: Frauen haben weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht. That is the point.“
    Gibt es da Statistiken, die dies belegen? Aus den USA kenne ich welche, die genau umgekehrtes belegen. Frauen haben dort deutlich mehr Geld zum ausgeben, als die Männer.
    Typischerweise funktioniert eine Familie so: Es gibt ein oder zwei erwerbstätige, aber ein gemeinsames Einkommen. Beim Gendergap unberücksichtigt sind alle Unterhaltszahlungen, bei getrennten und zusammenlebenden Paaren. Jemand der nur den reinen Erwebslohn sieht, hat das Konzept einer Familiengemeinschaft nicht verstanden. Meine sicht hatte ich hier mal geschrieben http://tom174.wordpress.com/2013/11/12/was-ist-denn-eine-familie/
    Noch haben Frauen, anders als Männer, nicht den Druck, mit ihrem Einkommen eine Familie ernähren zu müssen. Bei Männern gibt es diesen sehr wohl. Bevor ich mein Abitur machte, war mein Traumstudium eines der Psychologie. Ich informierte mich über die Karriermöglichkeiten, und entschied mich dann, obwohl ich Psychologie immernoch spannender fand, für das Wirtschaftsingenieurwesen. Man kann nun natürlich sagen, dass ein Grundschullehrer eine gesellschaftlich deutlich größere Verantwortung trägt als ich, ich dennoch ein Vielfaches verdiene. Aber jedem einzelnem, auch jeder Frau, ist zu Beginn der Ausbildung klar, worauf man sich gehaltlich einlässt. Gerade bei Akademikern, die ja sehr frei in ihrer Studienplatzwahl sind, lässt sich imho sehr deutlich ablesen, dass viele Frauen eben nicht so von dem Drang nach Geldverdienen getrieben sind, wie Männer.
    Ich sage nun nicht, dass mein Weg, Karriere um fast jeden Preis besser ist als der vieler Frauen. Sich aber z.B. für eine sehr sichere Beschäftigung als Beamtin zu entscheiden, das macht man bewusst. Jeder, wie er das will. Was aber nicht geht, ist Berufsgruppen ohne Not besser zu bezahlen, nur weil hier ein Geschlecht überwiegt. Gäbe es nicht genug Grundschullehrer, würde der Staat hier nicht umherkommen, besser zu bezahlen. Angebot und Nachfrage regeln dies. Gerade unter Akademikern.

  25. @tom174 – „Was aber nicht geht, ist Berufsgruppen ohne Not besser zu bezahlen, nur weil hier ein Geschlecht überwiegt.“

    Nun, es ist ja nicht die Kategorie Geschlecht, welche eine bessere Bezahlung fordert, sondern Frauen (wie Männer) fordern für ihre Tätigkeit im Bereich von Sorge/Pflege/Erziehungsarbeit eine angemessene Bezahlung, unabhängig von irgendwelchen Transferleistungen. Das Problem ist nicht, dass Frauen Tätigkeiten wählen, die schlechter bezahlt werden sondern dass der Skandal darin liegt, dass die professionell getätigte Sorgearbeit
    unterbezahlt ist (vielleicht weil diese Arbeiten bis heute als ‘weiblich’ konnotiert gewertet werden und oft unbezahlte sind?). Dieses Problem dürfte ja nicht dadurch zu lösen sein, indem sich nun Frauen (und Männer) berufliche Tätigkeiten nach dem Kriterium von Besserbezahlung wählen. Dieser Logik nach müßten dann alle z.B. ManagerInnen, TechnikerInnen oder BörsenmaklerInnen…. werden.
    Was das Angebot-Nachfrage-Credo betrifft, so scheint dieses im Bereich der Sorgearbeit nicht so recht greifen zu wollen? Woran liegt’s?

  26. @Ute Plass: die Höhe der Bezahlung ist nur ein Kriterium, die die Attraktivität eines Berufes ausmacht. Ich arbeite seit 20 Jahren in der New Economy. Sicherlich würde ich bei Daimler mehr verdienen, hier habe ich aber deutlich mehr Spass.
    Woran liegt das Angebots/Nachfrage „versagen bei den Sorgeberufen? Mit 2400 Euro/Monat finde ich die Pflegeberufe nun nicht wirklich unterbezahlt. Das liegt über dem eines Feuerwehrmannes.

    Die Kosten der Sorge für unsere Kinder lässt sich sehr genau beziffern. Die reinen Sorge“personal“kosten liegen so ungefähr bei 2000 Euro im Monat (dadurch dass meine Frau eben nicht volles Deputat arbeitet). Dadurch erhalten unsere Kinder aber eine aussergewöhnlich exzellente Betreuung.
    Ich lebe in einer Familie und nicht mehr in einer WG. Unser Gemeinschaftseinkommen der Familie, über das Frau und ich gemeinsam verfügen.. das verdienen wir als Familie zusammen. Das ist kein „Taschengeld“ das ich meiner Frau gnädig überlasse, sondern wir erbringen die Leistungen, die für unsere Familie notwendig sind, gemeinsam.

    Ich hebe schon absichtlich die ganze Zeit auf Akademiker ab. Der Grund hier ist einfach, dass man bei einer Ausbildung oft auch einfach das nehmen muss, was angeboten wird. Beim Studium ist die Auswahl hier sehr wenig eingeschränkt, es zeigt aber doch klare Präferenzen der Geschlechter. Und JEDEX Studierix sollte wissen, was man nach seinem Studium damit anfangen kann. Das ist eine ganz bewusste freie Entscheidung. Ich sage nicht, das eine gute Work/Lifebalance weniger gut ist als eine Karriere, aber letzteres wird nunmal besser bezahlt. Aber wenn meine Liebe nun einmal die Germanistik ist, ich das studiere obwohl ich da dann nur 11 Euro pro Stunde verdienen kann, dann kann ich mich danach nicht hinstellen und sagen ich verdiene wenig weil ich das geschlecht xy habe.

  27. „Frauen haben weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht. That is the point.“
    Was folgender Beitrag bestätigt, der auch die ungleiche Vermögensverteilung von Frauen und Männern thematisiert:
    http://blog.arbeit-wirtschaft.at/vermoegen-frauen-haben-das-nachsehen/

    Wichtig auch der Hinweis bezüglich: „Feminisierung der Arbeitsverhältnisse“:

    http://blog.arbeit-wirtschaft.at/geschlechtergerechtigkeit-die-einaeugige-wirtschaftspolitik/

  28. @Ute Plass: „Dieses Problem dürfte ja nicht dadurch zu lösen sein, indem sich nun Frauen (und Männer) berufliche Tätigkeiten nach dem Kriterium von Besserbezahlung wählen.“
    Theoretisch doch, denn in dem Moment, wo zu wenig Auszubildende in dieser Tätigkeit vorhanden sind, wären die Arbeitgeber zu Lohnerhöhungen gezwungen, um ihren Bedarf zu decken. Soweit die Theorie der Marktwirtschaft.

    „Was das Angebot-Nachfrage-Credo betrifft, so scheint dieses im Bereich der Sorgearbeit nicht so recht greifen zu wollen? Woran liegt’s?“
    Das hat sicherlich mehrere Gründe. Einer ist vermutlich, dass viele der dort arbeitenden Frauen weniger wert auf eine gute Entlohnung legen, z.B. weil sie keine Familie ernähren müssen oder Selbstverwirklichung ein wichtigeres Kriterium darstellt.
    Ein anderer ist, dass Arbeitskampf in der Sorgearbeit schwieriger ist. Wenn ein Fabrikarbeiter streikt, steht halt die Produktion ein paar Tage still. Wenn ein Sorgearbeiter streikt, bleiben Menschen unversorgt. Ich arbeite nicht in diesem Bereich, aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele Leute aus Mitgefühl einen Arbeitskampf scheuen, weil sie die Menschen, die auf sie angewiesen sind, nicht im Stich lassen wollen. Mit Blick auf den letzten Punkt könnte man überlegen, ob in der Sorgearbeit nicht ein Ungleichgewicht existiert, das Korrekturen erfordert. Stattdessen wird das ganze in eine Benachteiligung von Frauen uminterpretiert. So als wären männliche Sorgearbeiter nicht in der selben Situation. So als hätten diese Frauen ihren Berufszweig nicht freiwillig und im Wissen der Lohnerwartung gewählt.

    „Was folgender Beitrag bestätigt, der auch die ungleiche Vermögensverteilung von Frauen und Männern thematisiert“
    Die Analyse bezieht sich nur auf Single-Haushalte. Gerade in Ehen sieht es aber ganz anders aus. Da werden die Einnahmen zwar überproportional stark von Männern erwirtschaftet, stehen aber der gesamten Familie zur Verfügung. Mehr noch, laut einer Studie werden heute 80% der Konsumentscheidungen von Frauen getroffen [1]. Wie man damit behaupten kann, Frauen hätten „weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht“, ist mir schleierhaft.

    [1] http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/nielsen-studie-die-kaufkraft-der-frauen/4336320.html

  29. Um jetzt mal den wiederholt hier vorgebrachten Hinweis auf die Konsumausgaben der Frauen zu beantworten: Ja, sie kaufen viel ein, aber sie kaufen ja nicht nur für sich ein, sondern für die Kinder und die Männer, für die sie die Hausarbeit machen. Das Argument ist so unsinnig, wie wenn ich sage: Ich gebe meiner Putzfrau zehn Euro, damit sie Putzmittel kauft, und behaupte dann hinterher, das wäre ihr Lohn gewesen.

    @Vinzenz – „Stattdessen wird das ganze in eine Benachteiligung von Frauen uminterpretiert. So als wären männliche Sorgearbeiter nicht in der selben Situation.“ Ja, männliche Sorgearbeiter sind genau in derselben Situation. Es geht hier in diesem Post und in diesem Blog und in großen Teilen des Feminismus deshalb auch ganz genau NICHT darum, das Ganze „in eine Benachteiligung von Frauen umzuinterpretieren“, sondern es geht darum, ein System zu hinterfragen, das ungerecht und ineffizient ist. Dass es den Feministinnen immer nur um die Benachteiligung der Frauen ginge, ist Propaganda der Männerlobby, die das ständig behauptet, um unserer Argumente abzuqualifizieren.

    Ansonsten:

  30. @Antje Schrupp: „Ja, sie kaufen viel ein, aber sie kaufen ja nicht nur für sich ein, sondern für die Kinder und die Männer, für die sie die Hausarbeit machen.“
    Das ist ein guter Einwand. Aus der Konsumentscheidung allein lässt sich nicht ableiten, für was oder wen das Geld ausgegeben wird. Das gilt aber genauso für die Einkommensverteilung. Und dann ist die Folgerung „Frauen haben weniger Geld als Männer in einer Kultur, in der sich alles ums Geldhaben dreht“ in Bezug auf den Gender Pay Gap einfach unsinnig.

    „Es geht […] in großen Teilen des Feminismus deshalb auch ganz genau NICHT darum, das Ganze ‚in eine Benachteiligung von Frauen umzuinterpretieren‘ […]“
    Einspruch. Gerade der Pay Gap wurde und wird von Medien und Politik als Diskriminierung dargestellt (z.B. „The gender wage gap puts women at a career-long disadvantage“, Poster des Weissen Hauses [1]), und die Lobbyarbeit kam und kommt – genau wie die zu Frauenquoten – zu einem guten Teil aus dem Feminismus.

    „Dass es den Feministinnen immer nur um die Benachteiligung der Frauen ginge, ist Propaganda der Männerlobby […]“
    Das ist eine steile These. Ist nicht das Hauptanliegen, die Benachteiligung (oder gar Unterdrückung) von Frauen durch Männer zu beenden?

    [1] http://www.whitehouse.gov/equal-pay/career

  31. @Vinzenz – „Das ist eine steile These. Ist nicht das Hauptanliegen, die Benachteiligung (oder gar Unterdrückung) von Frauen durch Männer zu beenden?“
    Was soll daran steil sein? Dass nicht wenige Frauen durch patriarchale Machtstrukturen und Männer bis heute (weltweit) benachteiligt, unterdrückt und ausgebeutet werden ist leider Fakt.
    In dem Moment, in dem Frauen sich von Unterdrückung und Ausbeutung frei machen, in dem Augenblick werden Menschen frei für ein selbst bestimmtes Leben. Meine Auffassung von Feminismus heißt: Freiwerden von der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Die Befreiung
    von Frauen aus Unterdrückungsverhältnissen ist immer auch ein Freiwerden des Mannes aus diesen Verhältnissen.

    Daher reicht mir so was wie „Gleichstellungs-Feminismus“ auch nicht aus, weil das bedeuten kann, sich unfreien u. unterdrückten Männern anzugleichen. 😉

  32. „Was soll daran steil sein?“
    Das bezieht sich auf Antjes Post und ist ohne Kontext nicht zu verstehen.

    Dein feministischen Bekenntnis ist recht schwamming. Was heisst „Freiwerden von der Herrschaft des Menschen über den Menschen“? So Richtung Anarchie? Ansonsten herrschen immer irgendwie (menschengemachte) Gesetze in der einen oder anderen Form über uns.
    Unabhängig davon bleibt mein Punkt, dass der Gender Pay Gap quatsch ist und keine Aussagekraft über Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern besitzt, was ja ein Hauptthema des Beitrags war.

    Im Grunde finde ich Antjes Analyse in ihrem verlinkten Beitrag sinnvoll: „Das eigentlich schlimme „Pay-Gap“, über das wir reden müssten, ist nicht das zwischen Frauen und Männern, sondern das zwischen Armen und Reichen. Deshalb ist es falsch, sich hier rein auf den Gender-Aspekt zu beziehen.“
    Wenn man diesen Punkt weiter denkt, dann kann man bei der von Feministinnen gern angeführten Unterdrückung von Frauen in arabischen Ländern ähnlich folgern: In Saudi-Arabien herrschen nicht Männer, sondern eine Königsfamilie. Dementsprechend unrealistisch klingt es, dass irgendein Arbeiter dort einer Prinzessin etwas vorschreiben könne, nur weil er ein Mann sei. Hier ist Klasse unendlich viel wichtiger als Geschlecht. Leider wird das im Feminismus immer wieder ausgeblendet zu gunsten einer weltfremden „Männer unterdrücken Frauen“ Patriarchatstheorie. Ob man das nun als Vorwurf an einzelne Männer oder als „feministische Strukturanalyse“ bezeichnet, spielt dabei kaum eine Rolle.

  33. @Vinzenz – Du machst eben genau das gegenteilige falsche Entweder-Oder auf. Gerade am Beispiel von Saudi-Arabien ist es ja vollkommen absurd, NICHT von einer Herrschaft von Männern über Frauen auszugehen, da Frauen dort praktisch rechtlos sind, und zwar ausschließlich qua Frausein, eine Form des extremen Patriarchats, das es bei uns nicht mehr gibt. Es bringt doch überhaupt nichts, die einzelnen „Sorten“ von Unterdrückung gegeneinander auszuspielen, das einzelne ist nicht dadurch weniger schlimm oder ungerecht, dass es auch noch andere gibt. Im Gegenteil: Die verschiedenen Unterdrückungsverhältnisse sind so miteinander verwoben, dass man das eine nicht ohne das andere bekämpfen kann.

  34. @Vinzenz – „Dein feministischen Bekenntnis ist recht schwammig. Was heisst “Freiwerden von der Herrschaft des Menschen über den Menschen”? So Richtung Anarchie? Ansonsten herrschen immer irgendwie (menschengemachte) Gesetze in der einen oder anderen Form über uns.“

    Ja, „So Richtung Anarchie“ 🙂
    Die vorherrschende Stellvertreterpolitik reicht mir nicht.
    In diese, nicht von uns allen mit bestimmten systemischen Ordnungen soll mannfraukind sich einpassen, anstatt, dass mannfraukind selber die ihnen gemäße Ordnung für ein gutes Zusammenleben entwickelt.
    Passend dazu folgender Beitrag:
    „Unsere Schulen sind kinderfeindlich“
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=22932#more-22932

  35. „Gendersensible Statistik kann eine Grundlage und Begleitung evidenzbasierter Gleichstellungspolitik bieten. Doch ist es eine einfache, wie weitreichende Erkenntnis, dass selbst das optimale Datenangebot und inhaltliche und methodische Perfektion nichts nützen, ohne das politische Gewicht. Im Bereich des Arbeitsmarktes zeigen bereits vorhandene Daten, dass Frauen zwar immer stärker am Erwerbsleben teilnehmen, die Verteilung unbezahlter Arbeit aber eine erstaunliche Persistenz aufweist. Genauso wie es eine Frage der politischen Anschauung ist, wie der gender pay gap „adäquat“ berechnet werden sollte, stellt sich auch die Frage nach der Anerkennung dieser Produktionsleistung. Denn solange dieser Leistung keine Anerkennung und Relevanz zuerkannt wird, wird sie auch nicht gezählt und gemessen. Und solang diese nicht gezählt und gemessen wird, zählt sie auch nicht und bleibt damit weitgehend unbelohnt.“
    http://blog.arbeit-wirtschaft.at/gendersensible-statistik-lebensrealitaeten-sichtbar-machen/

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