Wer trägt die Lasten der Austeritätspolitik?

Mein letzter Workshop der bei der Konferenz der International Association for Feminist Economics in Berlin (vgl. die vorherigen Posts hier im Blog) hatte  den Titel „Austerity Measures in Europe: Who Bears the Burden?“.

Dabei stellte Maria Laura di Tommaso eine Studie vor, wonach sich der Gender Pay Gap seit 2008 in Italien verdoppelt hat, und zwar seit 2010 vor allem in den höheren Einkommensgruppen. Leider habe ich ganz hinten gesessen und sie hat so leise gesprochen, dass ich die Details ihrer Analyse schlichtweg nicht mitbekommen habe.

Anschließend berichtete Yolanda Inbeto von Versuchen der linken Provinzregierung in der baskischen Provinz Gipuzkoa, trotz Austeritätsvorgaben aus Madrid nicht an sozialen Ausgaben zu sparen und dennoch Maßnahmen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit einzuführen. Da das alles noch sehr jung ist, ist es noch zu früh, daraus eine Bilanz zu ziehen bzw. zu wissen, wie erfolgreich es ist. Aber schön, zu wissen, dass es in Europa noch Ecken gibt, in denen sowas ausprobiert wird.

Dann sprach Diane Perrons über „Gender, Poverty and Work in post-crisis Europe“: Der Anteil der Armen stieg generell, aber der von Männern stieg höher als der bei Frauen. Auch sie plädierte, wie viele, dafür, den Finanzmarkt endlich als soziales Phänomen zu betrachten (und damit unter anderem auch als „gegendertes“ Phänomen). Sie definierte „Ökonomie“ als „inhärent redistributive“, es gehe dabei nicht nur um die Schaffung von Wohlstand, sondern auch um den Ausgleich. Die Gegenüberstellung von „Wirtschaftswachstum“ versus „Sozialausgaben“ sei falsch, da auch Sozialausgaben „produktiv“ sein können.

Susan Himmelweit stellte schließlich die in Westeuropa in den vergangenen Jahrzehnten erheblich angestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen in einen Zusammenhang mit der Finanzkrise: Die durch die Aktivierung des weiblichen Arbeitskraftreservoirs erzielten Gewinne seien nicht in die Gesellschaft reinvestiert, sondern zur Gewinnsteigerung und Reichtumsvermehrung genutzt worden. Daher rührt das jetzige Care-Dilemma, weil das Finanzkaptial eben keinerlei Interesse an „sozialer Reproduktion“ hat oder daran, wie die Lebensumstände normaler Menschen sind. Hier interessieren nur die Kosten. Die stärksten Lasten der Austeritätspolitik zwischen 2010 und 2015 hätten alleinerziehende Eltern (Einkommensrückgang von 15,1 Prozent) und alleinstehende Rentner_innen zu tragen (11,6 Prozent) – zwei Gruppen, in denen Frauen deutlich die Mehrheit stellen.

Das langfristige kulturelle Problem dabei sei, dass durch die Sparpolitik der Anspruch an die Erwartungen an „Care Norms“, also an die Qualität von Care Arbeit, schon deutlich zurück gegangen seien. Es wäre dringend ein neuer „Plan F“ zur Investitionen ins soziale Infrastruktur notwendig.

 

10 Gedanken zu „Wer trägt die Lasten der Austeritätspolitik?

  1. Ich bin erstaunt, wie stark doch von politischer Seite machtbewusst ein Ende der Austeritätspolitik propagiert wird. Denn nur dann kann man sich Wählerstimmen mit populistischen Wohltaten erkaufen. Das dies kurzfristig politische Spielräume eröffnet, ist unbestritten. Aber was passiert, wenn einfach Geld ohne ein Äquivalent gedruckt wird, konnte man in Deutschland und anderen Ländern schon öfter in der Geschichte sehen. Dann leiden nämlich diejenigen, die nicht in andere Währungen, Immobilien, Edelmetalle und Aktien flüchten konnten. Und diese Ungerechtigkeit wird leider in Diskussionen in den Filterblasen zu wenig berücksichtigt. Selbst der vermeindliche „linke Austeritätsbekämpfer“ und Starökonom Thomas Piketty redet davon, dass die Ausgaben nach einer internationalen Schuldenkonferenz den Einnahmen angeglichen werden sollten. Die Verteufelung einer Austeritätspolitik schadet daher mittel- und langfristig die sozial Schwachen. Aber das ist Politikern, die nur begrenzte Amtszeiten und Legislaturperioden haben egal. Eine Lösung von Ungerechtigkeiten werden durch eine Abkehr von der Austeritätspolitik langfristig nicht gesichert…im Gegenteil.

  2. Hier im Blogpost ging es ja nicht um Politiker_innen, sondern um Ökonominnen. Die haben keine populistischen Gründe, um gegen Austeritätspolitik zu sein.

    Und du tust ja so, als sei Gelddrucken die einzige Alternative. Das ist auch nicht so.

  3. @Kluever1 – Der Beitrag hier fragt ja:
    „Wer trägt die Lasten der Austeritätspolitik?“

    Sicherlich nicht diejenigen, die darüber befinden, auch nicht diejenigen für deren Überfluss so viele Menschen den berühmten Gürtel, den sie nicht haben, enger schnallen müssen.

    Was denkst du:
    Welche Austeritätspolitik braucht es, damit das gute Leben aller
    möglich wird?

  4. Hier eine gute Gelegenheit sich zu Schäuble/Merkels Austeritätspolitik zu äußern:

    Am 6. September 2015 kommt Wolfgang Schäuble ins Nordelsass zum Jahresfest der evangelischen Kirchen in Elsass/Lothringen. Er wird dort um 10:00 Uhr predigen.

    Jahresfest des Hauses der evangelischen Kirchen in Elsass/Lothringen

    Predigt und Nachgespräch

    Datum: 06. September 2015
    Zeit: 10:00
    Ort: Chateau Liebfrauenberg/Elsass

    Selber beabsichtige ich mit einigen Grundeinkommens/Care-Aktivistinnen dort hin zu reisen, und wir werden für Schäuble im Rahmen einer Klage/Trauergestaltung eine Trauerkarte auslegen, auf der zu lesen sein wird:
    „Wir trauern um den christlichen Finanzminister, dem Zahlen wichtiger sind als Menschen“.

    Außerdem wollen wir mit Brot & Rosen symbolhaft unsere Unterstützung für die Menschen in Griechenland zum Ausdruck bringen. 🙂

  5. @Ute: Ich habe das gelesen und dachte – bis zu dem Spruch, der sich auf dieser Karte befinden wird – auch, dass das toll ist. Sehr engagiert.
    Aber dann las ich den Spruch – und war enttäuscht.
    So ein Betroffenheitsspruch.
    Ich stelle mir vor, ich wäre Schäuble und jemand würde das zu mir sagen, dass mir Zahlen wichtiger wären als Menschen. Mal angenommen, es wäre so und ich wäre mir dessen bewusst, dann würde ich antworten: „Ja, Sie haben Recht. Das mit den Zahlen, das kann ich sehr gut. Ich habe gern mit Zahlen zu tun. Ich liebe das.“
    Was kann man darauf antworten?
    Ich finde: nichts. Man wäre ausgeknocked.
    Das Gegenteil ist: es wäre nicht so und ich wäre mir auch dessen bewusst, dann würde ich antworten: „Nein, mir sind Zahlen nicht wichtiger als Menschen.“
    Was kann man darauf antworten?
    Würdest du mir dann beweisen wollen, was ich denke und fühle?
    Oder hättest du ein Zitat zur Hand, wo ich das ganz genau so gesagt habe (wenn ich Schäuble wäre) – und wo auch der Zusammenhang stimmt?
    Worauf ich hinaus will, ist die wahrscheinliche Reaktion auf solch einen Spruch – ähnlich wie es Xiao-Yuan Dong von der Universität Winnipeg beschreibt, von der Antje in Ihrem Blogpost berichtet.

    Könnte man nicht einen Spruch finden, der entweder einen Kooperation / Bereicherung anbietet oder
    einen Spruch, der um etwas trauert, das – hier Schäuble – tatsächlich verloren gegangen ist, nachweislich. Etwas, das er einmal hatte.
    ??
    (Ich hoffe, das mit der Linkauszeichnung hat funktioniert, ich habe das schon lange nicht mehr gemacht…)

  6. @onlinemeier – Die Klage über den Finanzminister ist eingebettet in viele weitere (An) Klagen/Trauer über die vorherrschende zerstörerische (Welt)Politik, und all das steht unter der Überschrift:
    ES IST EIN WEINEN IN DER WELT.
    Dass die „Zahlen-Politik“ des Finanzministers zur Verschlimmerung des Elends vieler Menschen beiträgt, das finde ich beklagenswert.
    Es geht nicht darum ihm persönliche Mitleidsgefühle abzusprechen.
    Sein Mitleid mit den leidenden Menschen in Griechenland hat er ja schon selbst zum Ausdruck gebracht, doch über dieses setzt er sich mit seiner Fiskalpolitik hinweg und versieht diese mit dem Anschein der Alternativlosigkeit.
    Es geht doch nicht darum, „Zahlen“ an sich zu beklagen, sondern den Umgang damit.

    Wie gesagt, die Trauer/Klage-Installation beinhaltet viele weitere
    Trauer/Klagen wie z.B.

    WIR BEKLAGEN EINE PROFIT – UND KONKURRENZWIRTSCHAFT, DIE GESELLSCHAFTLICHE SOLIDARITÄT VERHINDERT UND ZERSTÖRT

    WIR BEKLAGEN EINE POLITIK, DIE ARM IST IM GEISTE UND DAS GUTE LEBEN FÜR ALLE MENSCHEN VERGESSEN HAT

    WIR BEKLAGEN DIE FESTUNG EUROPA

    WIR KLAGEN AN: EINE WIRTSCHAFT DIE TÖTET

    WIR TRAUERN UM ALLE MENSCHEN, DIE FLÜCHTEN MÜSSEN VOR GEWALT, KRIEG UND ARMUT

    WIR TRAUERN UM ALLE TOTEN KINDER IN AFGHANISTAN,
    IRAK, SYRIEN, ISRAEL, GAZA, UKRAINE…………………..

    WIR TRAUERN UM DIE OPFER DER AGENDA

    usw. usw.

    Da Schäuble ja auf dem ‚Liebfrauenberg‘ predigt, lassen wir durch
    die Gestaltung „Lobgesang unserer lieben Frau“ (afrikanische Mutter-Kind-Skulptur) sagen:
    „Brot u. Rosen für Griechenland statt schwarzer Null für den Buchhalter und Grundeinkommen für alle – bedingungslos.“
    Davor zitieren wir aus dem Magnificat:
    „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
    Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

    Ob Schäuble diese Installationen zu Gesicht bekommen wird, bezweifle ich. Bei den Sicherheitsvorkehrungen, die solchen Veranstaltungen vorausgehen! Macht aber nichts. Diese Gestaltungen meinen ja nicht den Finanzminister alleine. Sie sollen auch in anderen Zusammenhängen zum Tragen kommen. 🙂

  7. @onlinemeier –
    „Könnte man nicht einen Spruch finden, der entweder einen Kooperation / Bereicherung anbietet oder
    einen Spruch, der um etwas trauert, das – hier Schäuble – tatsächlich verloren gegangen ist, nachweislich. Etwas, das er einmal hatte.“

    Hm, nachweislich verloren gegangen?
    Vielleicht seine Glaubwürdigkeit als verantwortlich handelnder Politiker? Siehe Schwarzgeld-Barspende des Waffenhändlers Schreiber für die CDU in Höhe von 100.000 D-Mark, die Schäuble
    entgegengenommen hat. 😦

    Sollte dir etwas erinnerlich sein, was Herr Schäuble nachweislich
    positiv auszeichnete, und das ihm verloren gegangen ist, dann formuliere bitte darüber eine Trauer/Klage.

    Im Übrigen betrachte ich die „Kunstinstallation“ ja als eine Möglichkeit, die zum Nachdenken und Mitfühlen anregen kann um darüber in weiterführende Gespräche eintreten zu können.

  8. Danke @Ute für die umfassende Antwort.

    Ich weiß nicht, bei mir zumindest bewirken diese Anklagen gar nichts. Außer: Schulterzucken (weil ich damit nichts anfangen kann) und Abwehr (weil ich denke: ja, ist klar, weiß ich. und nun?)

    Ich kann nicht sagen, was Schäuble positiv auszeichnete von oder auszeichnet. Ich beschäftige mich nicht mit ihm. Bevor ich also etwas über ihn sage, müsste ich mich mit ihm eingehend beschäftigen.

    Die Klage an sich, als Mittel der Kommunikation, finde ich gut, wenn sie befreiend ist, also mich befreit von einer Last.
    Das habe ich mal bei Pfarrer Jung gelesen dann für einen Text über die Flüchtlingsproblematik angewendet.

    Bei dieser von dir beschriebenen Aktion empfinde ich eine Diskrepanz zwischen aktiv sein (dort hinfahren und Position beziehen) und den schriftlich ausgedrückten Klagen, die für mich was Passives haben.
    Finde ich interessant 🙂

  9. @onlinemeier –
    finde ich auch interessant, dass du die Installation als aktiv/passiv beschreibst, weil das die mir wichtigen Aspekte von
    „Aktion und Kontemplation“ anspricht. Die Aktion ist natürlich die
    Installation selbst, die zur Kontemplation einlädt, im Sinne von Betrachten, Anschauen als Impuls zum Nachdenken.

    Meine Erfahrung damit ist eine positive, denn ich habe sie bereits an verschiedenen Orten (je nach Anlass etwas verändert) durchgeführt.
    Menschen, die sich die Mühe machten sie genau in Augenschein zu nehmen, gingen still lesend von Karte zu Karte, und nicht wenige drückten ihre Zustimmung dabei mit einem Kopfnicken aus bzw.
    gaben mir direkte Rückmeldung, dass sie diese (Klage)Form sehr ansprechen würde, auch weil sie etwas zum Ausdruck bringen würde, was sie bisher selber nicht in Worte fassen konnten.
    Ob und was dieses Nach-denken bei anderen Menschen bewirkt, kann ich nicht sagen und ist auch nicht entscheidend, denn mein Antrieb dazu hat mit meinem eigenen Bedürfnis zu tun, einen Ausdruck für meine eigene Trauerarbeit über das vorhandene Leid und Elend in unserer Welt zu schaffen.

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