Nein, der Pazifismus ist nicht gescheitert!

Leute, was ich momentan ziemlich albern finde, das sind ja diese Diskussionen darüber, ob der Pazifismus angesichts von Despoten wie Putin gescheitert ist.

Diese Frage ist deshalb albern, weil nirgendwo in den vergangenen 20, 30 Jahren gegenüber Putin eine politische Strategie des Pazifismus versucht wurde. Sich aus Konflikten herauszuhalten und nur den eigenen ökonomischen Vorteil zu suchen ist kein Pazifismus, sondern Egoismus und Opportunismus.

Pazifismus bedeutet nicht, nichts zu tun, sondern ist etwas Aktives. Es bedeutet Widerstand und Sabotage. Es bedeutet, sich konsequent selbst nicht an gewaltsamen Strukturen und Aktionen zu beteiligen, auch um den Preis eigener Nachteile oder angesichts von Gefahren. Genau das ist ja gegenüber Putin eben nicht passiert, sondern es gab ein sich Anbiedern, Honig um den Mund schmieren usw.

Auch das Gelaber von der „Zeitenwende“, sorry, Putin ist nicht der einzige Despot, den diese Welt je gesehen hat. Pazifismus als politische Theorie (und das stimmt ganz unabhängig davon, ob man sie teilt oder nicht), ist für den Umgang mit Despoten entwickelt worden, also gerade aus einer Position der (militärischen) Ohnmacht heraus. Das kann man kritisieren oder hinterfragen oder auf den Prüfstand stellen. Aber doch nicht, indem man so tut, als hätte Deutschland, Europa, die Nato in der Vergangenheit eine pazifistische Politik betrieben.

Also: Ob Pazifismus gegenüber jemandem wie Putin funktionieren könnte, können wir schlicht und ergreifend nicht wissen, weil noch niemand es versucht hat.

Allerdings glaube ich schon, dass Pazifismus auch als Theorie eine Leerstelle aufgewiesen hat, nämlich die Erkenntnis, dass man gegenüber Bullies sehr sehr früh aufstehen muss. Sobald sich jemand wie ein Bully verhält, muss man ihn konsequent entlarven, offen kritisieren, sich jeder Zusammenarbeit verweigern. Man kann Bullys nicht einfangen, denn wenn man ihnen den kleinen Finger gibt, nehmen sie die ganze Hand.

Diese Unterscheidung zwischen Bullys und sachlicher Feindschaft ist in der bisherigen Analyse zu kurz gekommen, das ist in der internationalen Politik genauso wie in der persönlichen Politik, wo man auch den Bullys („Boys will be boys“) viel zu viel Raum und Verständnis entgegen bringt.

Aber die Notwendigkeit, Bullys konsequent von Anfang an auszuschalten hat nichts mit der Frage zu tun, ob dieses „Ausschalten“ mit militärischen oder mit pazifistischen Mitteln geschieht.

Ich würde meine Hand allerdings nicht dafür ins Feuer legen, dass der militärische Weg da der bessere ist, weil Bullys skrupellos sind und vor nichts zurückschrecken, auch nicht vor der flächenbreiten Zerstörung von Städten, der Ermordung von Menschen in die Hunderttausende, dem Zünden von Atombomben. Das Problem ist, dass, wenn sie diese Macht erst einmal haben, es eigentlich schon zu spät ist.

Aber, ehrlich: Der Pazifismus ist nicht da dran schuld.

PS: Und eines der Probleme, die ich mit den aktuellen Solidaritätsbekundungen habe: Sie sind zu einem großen Teil auch wieder von Opportunismus und Egoismus geprägt (nicht alle, bei weitem nicht, aber viele). Und damit stimmen sie mich auch nicht hoffnungsfroh.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

6 Gedanken zu “Nein, der Pazifismus ist nicht gescheitert!

  1. Herzlichen Dank, endlich mal ein Beitrag, der nicht trieft vor Anbiederung oder Waffengerassel. Ich hoffe sehr auf ein paar kluge Köpfe in Putins unmittelbarer Nähe, die eingreifen um dem Bullying ein sofortiges Ende zu bereiten, bevor uns die ganze Erde um die Ohren fliegt… Mit lieben Grüßen aus München, Danièle Brown

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  2. Danke – ich krieg auch die Krise, gestern Radiointerview gehört: Thema: Hat der Pazifismus versagt?
    Leider haben wir vegebens dafür gestritten, dass die Bundesregierung ersthaft Geld für zivile Konfliktlösestrategien in die Hand nimmt. Steht übrigens auch im aktuellen Koalitionsvertrag…. oops Herr Scholz. Das Wissen ist da – wie bei der Klimakrise. Es fehlt der politische Wille.

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