Pazifismus ist nicht das Gegenteil von Militarismus, es ist etwas anderes.

Pazifismus ist nicht das Gegenteil von Militarismus, es ist etwas anderes. Der Grundfehler unserer Kultur ist vielleicht der, dass wir wirklich „etwas anderes als“ und „das Gegenteil von“ nicht auseinanderhalten können. Bei den Geschlechtern ist es ja auch so.

Nur so lässt sich zum Beispiel erklären, dass der Titel von Simone de Beauvoirs Buch „Das zweite Geschlecht“ im Deutschen mit „Das andere Geschlecht“ übersetzt werde konnte, was eine ziemliche Verfälschung ist. Aber es gibt noch eine Million andere Beispiele für diesen Fehler.

Die Verwechslung von „anders als“ und „das Gegenteil von“ geht auf Aristoteles zurück, meint Andrea Günter in ihrem aktuellen Buch Geschlechterdifferenz und Philosophie, das ich hier rezensiert habe.

Denn Aristoteles hat nicht nur die Geschlechter binär konstruiert, er hat diesen Dualismus auch noch zur Metaphysik der Welt erklärt (besser gesagt: das war der eigentliche Zweck der Übung – ihm ging es nicht um die Geschlechterdifferenz, ihm ging es um ein Prinzip der Welt)

Und das hat unser Denken wirklich beschränkt gemacht. Wir denken Unterschiede sofort als Gegensätze, womit wir übrigens wieder beim Krieg wären. So hängt das nämlich miteinander zusammen.

Und was das außerdem bedeutet: Wenn man den Geschlechterdualismus abschafft, hat man gleichzeitig die Metaphysik der abendländischen Kultur in den Grundfesten erschüttert. Das ist auch der Grund, warum alle darauf so emotional reagieren. Es geht nämlich dabei um alles.


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Comments

4 Antworten zu „Pazifismus ist nicht das Gegenteil von Militarismus, es ist etwas anderes.“

  1. Elfriede Harth

    Ist es nicht das Schwarzweiß Denken? Und wie ist es, wenn man sich die Welt farbig vorstellt? Also grün, rot, gelb, lila, orange, blau…etc… da erkennt man Andersartigkeit und braucht aber keine Hierarchisierung. Denn das Blöde am Schwarzweiß Denken ist, dass es gleich mit Dominanz und Unterbutterung verbunden wird….

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  2. Anonymous

    Liebe Antje, aufgrund von Diskussionen bzgl. deines neuen Newsletters vom April 2026 https://steady.page/de/antjeschrupp/posts/257ab961-7d54-4c24-bcc3-408bea302901 hab ich ein bisschen rumrecherchiert und bin dabei auf diesen kurzen Text (an den der Newsletter vielleicht auch ein bisschen anknüpft?) Ich habe aus deinem Newsletter nämlich auch eine Art von Pazifismus herausgelesen. Für meinen Gesprächspartner, der dich sehr schätzt, ist dagegen Pazifismus durch die Entwicklungen der letzten Jahre (Israel, Ukraine) fast zum Schimpfwort geworden.
    Sind nicht vielleicht viele gegenwärtige Diskussionen innerhalb der Linken — auf die folgender Satz aus deinem Newsletter zutrifft:„Es gibt keine rationalen Debatten mit unterschiedlichen Perspektiven mehr, sondern immer formieren sich zwei Seiten, die sich gegenseitig anschreien.“ — genau darauf zurückzuführen, dass Pazifismus eben als Gegenteil von Militarismus angesehen wird, nicht als etwas anderes?

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  3. Ja, ich denke schon. Das Missverständnis kommt glaube ich aus dem 19. Jahrhundert, als Militarismus eine Kultur war (die Berta von Suttner in ihrem Roman „Die Waffen nieder“ beschreibt und kritisiert) und nicht nur ein Instrument mit einem fest umrissenen Ziel (Angriffe verhindern). Statt über die Voraussetzungen und Möglichkeiten von Frieden zu sprechen (was ja „Pazifismus“ eigentlich bedeuten würde, geht es nur um die Ablehnung von Militärischem, und das ist natürlich viel zu wenig.

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  4. PS: Vielleicht in dem Zusammenhang auch interessant dieser Text von mir über den Frauenfriedenskongress 1915: https://zeitzeichen.net/node/11751

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