Nochmal Pazifismus

Interessantes Interview mit dem pazifistischen Philosophen Olaf Müller, der seine Haltung wenigstens mal ausführen kann, ohne die Gegenseite als kriegsgeile Bellizisten zu verunglimpfen.

Ich teile seine Analyse aber nicht. Er schreibt „Pazifisten glauben, dass von Natur aus die allermeisten Menschen – auch Russen, auch russische Soldaten – friedlich sind und nicht einfach so auf Menschen schießen, die ihnen nichts tun.“

Das ist halt leider Wunschdenken. Menschen sind nicht „von Natur aus“ so oder so, sondern sie sind kulturell geprägt. Und leider leben wir seit langer Zeit schon in einer Täterkultur (nicht nur in Russland), wo Gerechtigkeit für die Opfer nicht stattfindet. Angefangen beim Holocaust, für den auch nur ein Bruchteil der Täter*innen zur Rechenschaft gezogen wurde.

Er schreibt: „Am Ende setzt sich das Gute durch – daran glauben zumindest die Pazifisten: Ihnen zufolge setzt es sich nicht immer gleich durch, aber es setzt sich durch.“ Ich bin der Meinung, die Geschichte hat das schon vielfach widerlegt.

Die Realität ist nämlich kein Kinofilm.

(Weil sich das Gute auf der Erde erfahrungsgemäß NICHT durchsetzt, jedenfalls nicht mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als das Böse, bin ich ein Fan der theologischen Figur vom Jüngsten Gericht. Das ist die Hoffnung auf eine göttliche Gerechtigkeit. Sie nimmt die Erfahrung ernst, dass es auf dieser Erde leider keine Garantie dafür gibt, dass das Gute gewinnt. Aber egal ob man die Hoffnung auf ein Jüngstes Gericht hat oder nicht, es entbindet uns nicht von der Pflicht, hier auf der Erde dem Bösen entgegenzutreten – und damit meine ich natürlich vor allem „böse“ Strukturen, Strukturen von Ungerechtigkeit, Leid, Bullying usw. Aber manchmal muss man dafür eben auch konkreten Menschen und ihrer Macht physische Grenzen setzen.)

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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