Jubiläumsjahr zu Margarete Susman – ein Rückblick

Die jüdische Religionsphilosophin und politische Autorin Margarete Susman war eine so vielseitige Denkerin, dass es kaum möglich ist, sie auf den Punkt zu bringen. Sie war Lyrikerin und Dichterin, anarchistische Sozialistin und Revolutionärin, Feministin und Differenzdenkerin, Vermittlerin im christlich-jüdischen Dialog, Vordenkerin der jüdischen Renaissance, Protagonistin der europäischen Idee, Überlebende und Interpretin der Shoah. Es stimmt, was sie als Titel für ihre 1964 erschienene Autobiografie gewählt hat: »Ich habe viele Leben gelebt.«

Ihr 150. Geburtstag in diesem Jahr war für mich der Anlass (schon in der Vorbereitung), mich intensiv mit ihr zu befassen. Jetzt geht das Jahr zuende, und ich möchte hier kurz den Sack vorläufig zubinden, inklusive Linkliste.

Besonders empfehlen möchte ich euch ein halbstündiges Gespräch mit Catherine Newmark bei Deutschlandfunk Kultur. Wir sprachen über Susmans Differenzdenken und heutige Identitätsdebatten.

Ebenso einen Text, den ich für Publik Forum geschrieben habe (Ihr müsst euch mit Daten anmelden, um ihn als Probeabo lesen zu können): Margarete Susman – Anders denken.

Von meinen verschiedenen Vorträgen über Susman in diesem Jahr habe ich den letzten, vom November in Saarbrücken, mitgeschnitten und in meinen Vortrags-Podcast gestellt.

Zum Auftakt des Jubläumsjahres gab es im Januar in Zürich eine Podiumsdiskussion, bei der Elisa Klapheck den Einführungsvortrag hielt, und ich hinterher mit auf dem Podium war. Den Stream kann man auf Youtube anschauen.

Organisiert hatte das die Zeitschrift Neue Wege, bei der Margarete Susman in ihren letzten Lebensjahren viel geschrieben hat. Zwei Ausgaben zu Susman sind in diesem Jahr erschienen, für die erste habe auch ich etwas geschrieben. Leider nicht online verfügbar, aber es lohnt sich, die Ausgaben zu bestellen.

Ein Auszug aus Susmans Autobiografie: Wie sie an Weihnachten als ungefähr Zehnjährige erfuhr, dass sie Jüdin ist.

Der Vollständigkeit halber hier auch nochmal die Links zu meinen früheren Texten:
Susman als Differenzfeministin (2014, im Forum bzw-weiterdenken.de)
Susman und der Anarchismus (2015, hier im Blog)

Zwei Bücher von Susman habe ich auch in meinem Youtube-Kanal „Antje las ein Buch“ vorgestellt:
Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes (1946)
Frauen der Romantik (1929)


Geboren wird Margarete Susman am 14. Oktober 1872 in einer wohlsituierten, assimilierten jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie. Als sie zehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Zürich. Nach dem Abitur würde Susman gerne studieren, doch der Vater erlaubt es nicht – erst nach seinem Tod 1894 kann sie in Düsseldorf ein Kunststudium beginnen. Bevor sie sich der Philosophie und auch der Politik zuwendet, widmet sie sich der Lyrik und der Malerei. Sie geht nach München, wo sie Kontakt zu dem Dichterkreis um Stefan George und Karl Wolfskehl findet und selbst Gedichte veröffentlicht. Dort lernt sie auch ihre lebenslange Freundin Gertrud Kantorowicz kennen, gemeinsam gehen die beiden nach Berlin und studieren bei Georg Simmel Philosophie.

1906 heiratet Margarete Susman einen ehemaligen Kommilitonen, Eduard von Bendemann. Dessen Familie ist vom Judentum zum Protestantismus konvertiert und wünscht sich dasselbe auch von der Schwiegertochter. Susman, die als Kind mit evangelischem Religionsunterricht sozialisiert wurde, willigt zunächst ein. Doch wenige Tage vor ihrer Taufe entscheidet sie sich um. Von nun an versteht sie sich bewusst als jüdische Denkerin. Ihre erste philosophische Publikation, 1907 in der Frankfurter Zeitung erschienen, trägt den Titel »Judentum und Kultur«.

In den folgenden Jahren entwickelt sich Margarete Susman zur Differenzphilosophin. Vor allem zwei Differenzphänomene interessieren sie: Die jüdische Differenz innerhalb einer von Christentum und Nationalismus geprägten europäischen Kultur, und die weibliche Differenz in einer männerdominierten, patriarchalen Kultur. Dass sie beides jetzt, im Alter von 34 Jahren, für sich entdeckt, hat vermutlich biografische Gründe: So wie sie ihre jüdische Identität in der Auseinandersetzung mit einer möglichen Taufe entdeckt, entdeckt sie ihre weibliche Identität durch Heirat und Mutterschaft – ein knappes Jahr nach der Heirat bringt sie ihren Sohn Erwin zur Welt.

Für die Frankfurter Zeitung schreibt sie nun regelmäßig ausführliche Rezensionen philosophischer und literarischer Neuerscheinungen, darunter viele von jüdischen Autoren wie Ernst Bloch, Martin Buber, Franz Kafka. Als einzige Frau trägt sie 1913 zum Sammelband »Vom Judentum« bei, der wichtigsten Publikation der damals aufkommenden Bewegung der »Jüdischen Renaissance«, und zwar den Aufsatz »Spinoza und das jüdische Weltgefühl«, in dem sie die maßgebliche Bedeutung jüdischen Denkens für die Herausbildung einer europäischen Moderne beschreibt.

Während Susman in ihren Zeitungsartikeln vor allem die Beiträge anderer würdigt und sichtbar macht, beschäftigt sie sich in ihrer eigenen philosophischen Arbeit mit einem anderen Differenzphänomen, der Geschlechterdifferenz. 1912 erscheint ihr Buch »Vom Sinn der Liebe«, eine philosophische Metaphysik, die von der Geschlechterdifferenz als Grundlage für Welterkenntnis und In-der-Welt-sein ausgeht. Speziell das Gebären als eine Tätigkeit, die einer anderen Logik folgt als das männlich geprägte »Schaffen«, will Susman aus dem Bereich des Privaten herausholen. Sie schreibt: »Nicht das Mutterwerden, nicht das Kind kann die Persönlichkeit erlösen, nie erlöst die Natur die Persönlichkeit. Das Symbol der weiblichen Erlösung in der Mutterschaft ist das Gebären Gottes. Die Verkündigung lautet nicht: Du sollst den Menschen gebären, sie lautet: Du sollt Gott gebären. Und dies ist die Bestimmung der weiblichen Seele. Der Gott, den wir alle verhüllt in uns tragen; der Mann muss ihn enthüllen in gestaltender Tat, die Frau muss ihn in Liebe und Schmerz gebären.«

Aus heutiger Perspektive, die an den Ideen von Dekonstruktivismus und queerfeministischer Hinterfragung traditioneller Geschlechterkonzepten geschult ist, scheinen solche Passagen überholt. Aber für Susman ist »Geschlecht« weder eine an weibliche Natur oder Biologie geknüpfte ontologische Wahrheit, noch geht es in sozial erlernten Verhaltensmustern und sozialen Zuschreibungen auf. Anders als heute üblich interessiert sich Susman weder für »Sex« noch für »Gender«, sondern betrachtet Frausein und Weiblichkeit – ebenso übrigens wie Jüdischsein und Judentum – als ein historisch entstandenes Kulturphänomen. Was sie interessiert, das ist explizit die »moderne, europäische Frau« und die Rolle, die sie in der ideengeschichtlichen kulturellen Landschaft einnimmt.

Diese Frage bekommt aktuelle Brisanz mit dem Ende des ersten Weltkriegs und der Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Deutschland. Susman geht dabei mit ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen hart ins Gericht: Anders als die Engländerinnen und Französinnen hätten sich die deutschen Frauen während des Kriegs ihrer politischen Verantwortung entzogen und sich in den privaten Idealismus von Heim und Herd zurückgezogen. Jetzt gelte es, endlich eine aktive und selbstbestimmte Rolle in der Politik zu ergreifen: »Was wir bedürfen, ist nicht eine bloße Vermehrung der Stimmen«, warnt Susman gleich 1918. Angesichts des patriarchalen kulturellen Rahmens, den die europäische Moderne vorgibt, nütze bloße Gleichstellung nichts, vielmehr sei ein grundlegender symbolischer Wandel notwendig: »Alle Fragen nach der Frau und um die Frau sind mit dieser einen Frage aufgerollt«, schreibt Susman 1926: »Ist die Frau endgültig an das Bild des Mannes gebunden oder ist es möglich, dass sie von sich aus zu einem wahren Bild ihrer selbst, zu ihrer eigenen Wirklichkeit gelangen kann? Sie ist der Ausdruck für das hartnäckige Ringen zweier entgegengesetzter Kräfte: des Willens des Mannes zu seiner Welt, die die Frau mit umschließt, und des Willens der Frau, als Frau wahrhaft Mensch zu sein.«

Dieser Wille, als Frau wahrhaft Mensch zu sein, ist für Margarete Susman auch im Privaten eine Herausforderung. In ihrer Ehe kriselt es, seit die Familie 1919 aufs Land, nach Säckingen am Rhein gezogen ist, wo sie im Stil von Landkommunen eine neue Lebensweise ausprobieren wollte. Aber die körperlich anstrengende Arbeit in Haus und Hof, das Leben getrennt von ihren Freundinnen und Freunden in Berlin, gefällt Susman nicht; außerdem hat ihr Mann wohl eine Affäre. 1928, der Sohn ist inzwischen erwachsen, trennt sich das Paar, und Margarete Susman zieht nach Frankfurt. Dort kann sie wieder mehr schreiben, beschäftigt sich mit jüdischer und weiblicher Ideengeschichte. Sie vertieft ihre Kontakte zum Kreis der jüdischen deutschen Intellektuellen, insbesondere zu Franz Rosenzweig, der sie schon 1921 in Säckingen besucht hatte, inzwischen allerdings schwer an ALS erkrankt ist und Ende 1929 stirbt. Sie freundet sich mit der zwölf Jahre älteren Sozialreformerin Bertha Pappenheim an und verkehrt mit dem Rabbiner und Vorsitzenden der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Leo Baeck.

Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zerschlägt sich Susmans Traum von einer erneuerten europäischen Kultur, in der die weibliche und die jüdische Differenz ihren vernehmbaren und bedeutenden Platz haben. Früh entscheidet sie sich zur Flucht, am Silvesterabend 1933 steigt sie in den Nachtzug nach Zürich. Dort wird sie die restlichen 32 Jahre ihres Lebens verbringen. Für die inzwischen 62-Jährige ist es eine harte Zeit. Ihr Status als Geflüchtete ist prekär, monatlich muss sie ihre Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen, und ihre finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt. Eine neue politische Heimat findet sie in der Bewegung des religiösen Sozialismus’ um Leonhard und Cara Ragaz. Persönlich hat sie schwere Verluste zu verkraften: 1942 versuchen ihre ältere Schwester Paula Hammerschmidt und ihre Freundin Gertrud Kantorowicz mit einer Gruppe weiterer Frauen die Flucht von Österreich in die Schweiz. Sie werden aufgegriffen, Paula Hammerschmidt begeht Suizid, Gertrud Kantorowicz wird ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, wo sie im April 1945 stirbt.

Schon 1946 erscheint Susmans Deutung der Shoah unter dem Titel »Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes«. Mit der Figur des Hiob als unschuldig Leidendem hat Susman sich schon zuvor beschäftigt, aber mit der nationalsozialistischen Massenermordung jüdischer Menschen nimmt das Thema eine völlig neue Wende und gewinnt schreckliche Aktualität. Lässt sich einem solchen Leiden tatsächlich, wie das Buch Hiob nahelegt, einen Sinn geben? Eine Frage, die Susman nicht leichtfertig angeht.

Sie fragt: Was bedeutet es, eine kulturelle Differenz, das Andere, zu repräsentieren? Soll man diese Position akzeptieren oder dagegen ankämpfen, weil sie unweigerlich mit Diskriminierung und Abwertung verknüpft ist? Oder lässt sich eine gerechte, gute Welt für alle nur verwirklichen, wenn nicht abstrakte Gleichheit, sondern Pluralität und Differenzbewusstsein ihre Grundlage bildet? Auch angesichts des Prekarität des Anderssein, die sich in der Shoah als reale Möglichkeit der Auslöschung gezeigt hat, bleibt Susman dabei: Es ist notwendig, den Weg der Assimilation an das »Normale« zu verweigern. Kritisch äußert sie sich daher auch zur Gründung des Staates Israel, denn sie befürchtet, dass das Judentum dadurch »ein Volk wie alle anderen« werden könnte.

Wirklicher Universalismus kann ihrer Ansicht nach aber nicht verwirklicht werden, indem das Andere assimiliert, aufgelöst, gleichgestellt wird. Sondern nur, indem die konkreten Rahmenbedingungen der Alterität immer wieder ausgehandelt und neu bestimmt werden, in einem unendlichen, wie wir heute sagen würden, Prozess »identitätspolitischer« Auseinandersetzungen – so schmerzhaft die auch unter Umständen sein können. Anderssein stellt für Susman keine ontologische Wahrheit, dar, sondern ist immer kulturell produziert, ein Ergebnis von »Othering«, von Anders-gemacht-Werden ebenso wie davon, sich selbst bewusst als Anderes zu denken. Gleichwohl ist dieses Anderssein real, es nimmt konkrete historische Formen an, die die Einzelnen nur begrenzt überschreiten können, und es prägt die jeweilige Kultur in ihrer Gesamtheit.

Susman führt uns vor Augen, dass die christlich-europäische Moderne ohne das Judentum nicht zu denken ist, genauso wenig wie das Patriarchat ohne Frauen. Deshalb ist ihr Denken gerade heute wieder spannend, denn wir leben in einer Zeit, in der die Norm der Moderne – das Bürgerliche, Europäische, Christliche, Männliche – einen Großteil jener Autorität verloren hat, mit der sie am Ende von Susmans Lebensspanne noch ausgestattet war. Die heutigen »Identitätsdebatten«, in denen Differenzen aller Art postuliert werden, des Geschlechts, des sozialen Status, der Rassifizierung, der Religionen, der Körperformen (die Aufzählung ist potenziell unendlich) machen deutlich, wie unerledigt das Thema der Andersheit noch immer ist.

Von Susman ist zu lernen, dass gerade nicht die Maßgeblichen, der Norm Entsprechenden den Kern des Universalismus repräsentieren, sondern – die anderen. Zu diesen Anderen hat Margarete Susman, die Frau, die Jüdin, selbst ihr Leben lang gehört und eben auch gehören wollen. Statt nach Anerkennung durch die Mehrheitskultur zu streben, hat sie dieser Position der Anderen eine radikale und originelle Stimme gegeben und sie ins Zentrum des Diskurses gerückt. Das ist bis heute ungeheuer inspirierend.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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