Verschleierung. Wir und die. Wer?

Die Debatte um „den Islam“ und speziell das Kopfuch krankt vor allem daran, dass hier ständig falsche Gegenüberstellungen gemacht werden. Ich habe in diesem Blog schon einige Male thematisiert, dass die Gegenüberstellung „Feminismus versus Islam“ falsch ist, und das es nowendig ist, die eigenen Standpunkte nicht zu postulieren (schon gar nicht per Macht), sondern sie zu vermitteln. Einen wichtigen Text dazu hat Ina Praetorius gestern in Auseinandersetzung mit dem neuen Buch von Alice Schwarzer („Die große Verschleierung“) geschrieben. Sie weist darin unter anderem auf einen blinden Fleck hin, den es bei vielen Schwarzer-Kritikern und -Kritikerinnen tatsächlich gibt: Sie gehen auf ihr in der Tat wichtigstes Anliegen, nämlich die Benachteiligung von Frauen zu bekämpfen, überhaupt nicht ein. Man kann es aber nicht oft genug sagen: Die „Frauenfrage“ ist kein Nebenwiderspruch. Niemals. Wer sie nicht aktiv thematisiert, hat Schwarzer nichts entgegen zu setzen und muss sich nicht wundern, wenn ihre Thesen soviel Zuspruch finden. Also bitte: lesen! Und noch einen zweiten Link

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Der Feminismus, die Frauen und die Welt

In der Jungle World erschien heute ein Artikel von mir, in dem ich begründe, warum ich gegen ein Burkaverbot bin. Das ist in der aktuellen Ausgabe dort Thema und wird von verschiedenen Seiten diskutiert. Beim Redigieren ist an meiner ursprünglichen Argumentation etwas verändert worden, das den Sinn der Argumentation an einer Stelle umdreht. Kein wirklich schlimmer Lapsus und außerdem einer, an dem ich selbst schuld bin, denn die Redaktion hatte mir die bearbeitete Version zum Gegenlesen geschickt und ich hatte es übersehen. Dass ich hier trotzdem kurz was dazu poste liegt daran, dass dieser (Flüchtigkeits?)-Fehler auf ein Denkmuster verweist, das im Bezug auf den Feminismus weit verbreitet ist: Nämlich die Vorstellung, dass das Engagement für die Freiheit der Frauen etwas ist, das speziell die Frauen selbst angehe. Ich hingegen bin der Meinung, dass es etwas ist, das die Welt als Ganze angeht. In der ursprünglichen Fassung hatte ich geschrieben, dass Burka und Niqab (also Ganzkörperverhüllungen, die auch das Gesicht verdecken)

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Rassismus und Homophobie. Einige Gedanken zu Judith Butler und dem CSD

Die Diskussionen über Judith Butlers Ablehnung des CSD-Zivilcourage-Preises (hier ein Video von ihrer Rede) berühren einen Punkt, der mich schon länger beschäftigt. Und zwar die Tendenz, dass politische Debatten, gerade unter Linken, häufig auf eine gewisse Konkurrenz darum hinauslaufen, wer die radikalere Theorie und die korrekteste Analyse der Situation liefert. Das führt dann leicht zu moralischen Aufteilungen in die „Guten“ und die „Bösen“. Spontan fand ich Butlers Aktion sehr sympathisch, denn dass die inhaltlich (überwiegend) Recht hat, liegt meiner Ansicht nach auf der Hand: Es gibt rassistische Äußerungen und fremdenfeindliche Attitüden in der Szene. Und die werden zu selten thematisiert. Ebenso ist natürlich richtig, dass durch die Entwicklung hin zu einer rechtlichen Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare eine „Mainstreamisierung“ stattgefunden hat. Immer wenn eine Bewegung sich Richtung „Mitte der Gesellschaft“ bewegt, verliert sie einen Teil ihrer Radikalität und hört auf, gesellschaftliche Verhältnisse an der Wurzel zu kritisieren – in diesem Fall ist das die Orientierung an der bürgerlichen Ehe. Jeder

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Die Politik der Macht und die Notwendigkeit der Vermittlung

Zu den aktuellen Diskussionen um ein Burka-Verbot möchte ich keinen umfassenden Blogpost schreiben, sondern nur auf einen Punkt hinweisen, der mir in den Debatten zu kurz kommt. Er betrifft eine Gefahr, die mit allen Versuchen, eine „richtige“ Meinung (in dem Fall die, dass es – wie ich finde – Ausdruck einer frauenfeindlichen Kultur ist, wenn Frauen ihre körperliche Erscheinung in der Öffentlichkeit unsichtbar machen) durch staatliche Verbote durchzusetzen. Diese Gefahr besteht darin, zu glauben, dass es mit diesem Gesetz dann getan ist und dass es nicht mehr notwendig sei, über den Inhalt des Gesetzes (das Tragen der Burka in diesem Fall) zu verhandeln und zu diskutieren. Ich muss andere nicht mehr überzeugen, wenn es mir möglich ist, sie mit Hilfe der Polizei zu zwingen. Luisa Muraro hat das in dem neuen Buch der Diotima-Philosophinnen „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ (zusammengefasst von Dorothee Markert) so gesagt: Politik kippt dann in Macht um, „wenn aufgehört wird, nach Vermittlungen zu suchen oder

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Mihriban pfeift auf Gott

Mihriban ist 32, lebt in Berlin, und sieht sich selbst als „Nichtskönnerin auf allerhöchstem Niveau“. Ihr Leben plätschert eigentlich ganz gemütlich vor sich hin, der Job als Mädchen für alles in einem Kinderhort fordert sie nur mäßig, und dass in Liebesdingen nicht allzu viel läuft, bereitet ihr keine größeren Kopfschmerzen: Immerhin hat sie Familienanschluss, sie lebt mit ihrem „kleinen“ Bruder Mesut und dessen Tochter Suna zusammen. Soweit könnte das Buch ein gewöhnlicher Hauptstadt-Roman mit Multikulti-Einschlag werden (und das ist es in gewisser Weise auch), aber Hilal Sezgin verfolgt noch eine andere Absicht: Sie will die Klischees und Denkmuster entlarven, in denen sich weite Teile des öffentlichen Diskurses inzwischen eingerichtet haben. Speziell im Bezug auf die so genannten „Migrationshintergründe“, das moderne Frauenbild und das, was man sich im Allgemeinen so unter dem „Islam“ vorstellt. Machen wir uns also zusammen mit Mihriban Gedanken darüber, was sie wohl davon halten soll, dass Mesut seit einiger Zeit „fromm“ geworden ist. Regelmäßig setzt er sich

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Safeta, Helene und Antje streiten sich

Letzte Woche traf ich mich zum Mittagessen mit Safeta Obhodjas, einer aus Bosnien stammenden muslimischen Schriftstellerin, die 1992 aus Pale flüchten musste und seither in Wuppertal lebt. Safeta habe ich vor gut zwei Jahren kennengelernt, denn ich war beim Stöbern im Internet auf ihre wunderbare Erzählung „Dzamillas Vorbild“ gestoßen und habe mit ihr Kontakt aufgenommen, um sie als Autorin für unser Forum Beziehungsweise Weiterdenken zu gewinnen, was glücklicherweise geklappt hat 🙂 Seither haben wir viel gemailt und uns auch schon einige Male getroffen, und meistens sind wir dabei heftig ins Diskutieren geraten. So auch diesmal wieder. Eines unserer liebsten Streitthemen ist der Islam. Safeta engagiert sich nämlich sehr für die Bildungs- und Entwicklungschancen von Mädchen aus Migrationsfamilien und legt den Finger dabei gerne in die Wunden patriarchaler muslimischer Strukturen. Ich hingegen bin besorgt über die zunehmende Islamfeindlichkeit in Deutschland und finde ihren Enthusiasmus für die emanzipatorischen Errungenschaften der westlichen Moderne manchmal etwas übertrieben. Jedenfalls vergehen auf diese Weise die Stunden

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Die linken Frauen und warum sie immer Schuld sind

So, nun ist es aufgeklärt – es waren nicht die „linken Frauen“, die in der Schweiz für ein Minarettverbot gestimmt haben, wie nach dem überraschenden Abstimmungsergebnis von einigen Seiten gemutmaßt worden war. Wie der Schweizer Tagesanzeiger berichtet, war es, was auch nicht weiter verwunderlich ist, vor allem eine Links-Rechts-Entscheidung (die Linken stimmten gegen die Initiative, die Rechten dafür). Ebenso deutlich ist eine Korrelation zum Bildungsgrad festzustellen: Menschen mit weniger Bildung stimmten für das Minarettverbot, Menschen mit mehr Bildung dagegen. Was speziell die linken Frauen betrifft, so waren sie in ihrer Ablehnung der Initiative sogar viel klarer als ihre männlichen Pendants: Nur 16 Prozent der „linken Frauen“ stimmten mit Ja, dafür aber 21 Prozent der „linken Männer“. Also – ist das Thema damit durch? Keineswegs. Denn hinter der Debatte steckt durchaus ein Muster: Dass man es nämlich den Frauen, zumal den „linken“ Frauen, wenig verzeiht, wenn sie etwas „falsch“ machen. Es ist nämlich kein Zufall, dass die Aufregung hier überproportional größer ist,

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Feminismus versus Islam?

Die Volksabstimmung in der Schweiz, bei der eine deutliche Mehrheit für ein Verbot von Minaretten votierte, hat erneut eine Diskussionen über das Verhältnis von Feminismus und Islam ausgelöst. Es sieht so aus, als hätten zahlreiche Frauen für das Minarettverbot gestimmt, um ein symbolisches „Zeichen“ gegen die untergeordnete Stellung zu setzen, die „der Islam“ nach Überzeugung vieler den Frauen zuweist. Dies ist nur das jüngste Beispiel, wie seit geraumer Zeit in der öffentlichen Debatte ein prinzipieller Gegensatz zwischen Feminismus und Islam konstruiert wird. Entweder, so scheint es, tritt man für weibliche Freiheit ein und muss daher der Ausbreitung des Islam in Deutschland bzw. der Schweiz Grenzen setzen. Oder aber man übt sich in multikultureller Toleranz – und kneift auch mal ein Auge zu, wenn es manche Muslime mit den Rechten von Frauen nicht so ganz genau nehmen. Doch dies ist ein falscher Dualismus. Denn je mehr in der öffentlichen Debatte behauptet wird, Frauenemanzipation und Islam passten nicht zusammen, desto mehr wird

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Der Koran feministisch übersetzt

Die US-amerikanische Muslimin Laleh Bakhtiar hat den Koran aus dem Arabischen ins Englische neu übersetzt. Dabei hat sie versucht, patriarchale und frauenfeindliche Interpretationen und Übersetzungstraditionen zu verändern und in einem feministischen Sinne zu übersetztn – ähnlich wie das Bibelprojekt „Bibel in gerechter Sprache„. Zum Beispiel hat sie das berüchtigte Verb „Schlagen“ (in dem Vers, der Männern erlaubt, ihre Frauen zu schlagen) mit „fortgehen“ übersetzt, ähnlich wie es auch schon das Kölner Zentrum für islamische Frauenforschung vorgeschlagen hat. In Deutschland ist die Übersetzung noch nicht verfügbar, aber dich denke, wir dürfen gespannt sein.