Sexuelle Übergriffe und das Internet

Gerade lese ich diese Geschichte in der FAZ und raufe mir die Haare: Eine Reporterin hat sich in für Kinder konzipierten Chats und Foren als Mädchen ausgegeben und war ausnahmslos nach wenigen Minuten mit sexuellen Belästigungen und Übergriffen konfrontiert. Was kann man dagegen machen? Na klar, das Internet kontrollieren, Vorratsdatenspeicherung, trallala. Schuld daran, dass man den Bösewichten nicht beikommen kann, sind die Internetaktivisten, die allen, die da etwas unternehmen möchten, gleich mit einem Shitstorm drohen. Kein Wort hingegen darüber, was für eine Kultur und Gesellschaft das ist, die massenweise Leute (Männer) hervorbringt, die ihre Freiheit damit verbringen, Kinder sexuell zu belästigen. Kein Wort darüber, dass es sich hier ja ganz offensichtlich nicht um eine winzige Gruppe von Einzeltätern handelt, sondern um ein verbreitetes Phänomen, das eingebettet ist in eine Kultur, in der Sexualität mit Macht verwoben ist, in der Frauen überall auf Plakaten und im Fernsehen als Objekte sexueller Männerphantasien dargestellt werden. Nicht das Internet, sondern diese Kultur ist das Problem.

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Wie Lappalien relevant werden

Sind sexuelle Belästigungen von Frauen, die sich deutlich unterhalb strafrechlich relevanter Grenzen abspielen, eine Lappalie oder ein vollkommen unakzeptabler Zustand? Über diese Frage wird zurzeit in Deutschland diskutiert, nachdem zwei Journalistinnen über ihre Erfahrungen im Zusammenhang mit ihrer Arbeit berichtet haben, zuerst Annett Meiritz im Spiegel am Beispiel einiger Piraten, dann Laura Himmelreich im Stern über ihre Erlebnisse mit Rainer Brüderle von der FDP. Seither wird offensichtlich, dass sich die „Relevanzkriterien“ zu diesem Thema in der Öffentlichkeit verschoben haben. Am besten auf den Punkt gebracht hat das der hessische FDP-Justizminister Jörg-Uwe Hahn, der mit dem Satz zitiert wird: „Diese Geschichte ist ein Tabubruch. Wer es nötig hat, so etwas als ‚Story‘ zu verkaufen, hat sich von seinem Chefredakteur vor den schmutzigen Karren spannen lassen.“ Ja genau, es ist ein Tabubruch, denn bisher gehörte es sich nicht, solche Erlebnisse an die große Glocke zu hängen. Eine Frau, die es in die oberen Ränge des Alpha-Journalismus geschafft hatte, hatte dankbar zu sein, dass die Herren sie

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Es geht nicht um verletzte Gefühle

Eine immer wieder kehrende Argumentationsfigur im Zusammenhang mit Kritik an sexistischen oder rassistischen Vorfällen ist das Bedauern darüber, dass Gefühle verletzt wurden: Das sei keineswegs beabsichtigt gewesen. „Es war nie unsere Absicht, mit dem Film die Gefühle der Zuschauer zu verletzen oder gar frauenfeindlich zu wirken“ schrieben etwa die Verantwortlichen für einen Werbeclip des Energiekonzerns Eon, in dem Gewalt gegen Frauen verharmlost wurde. Und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer schrieb kürzlich, die Kritik an einer rassistischen Süßwarenbezeichnung sei berechtigt, denn „eine solche Bezeichnung kann Menschen, die Erfahrungen mit Rassismus in unserer Gesellschaft gemacht haben, verletzen.“ (Das sind nur zwei Beispiele, die mir jetzt spontan einfallen, falls Ihr weitere wisst, gerne in die Kommentar schreiben). Immer wenn ich eine solche „Entschuldigung“ lese, werde ich fast noch ärgerlicher als über den ursprünglichen Sachverhalt. Denn der Verweis auf die angeblich verletzten Gefühle der Kritiker_innen ist keineswegs ein Entgegenkommen, wie es den Anschein erweckt, sondern ganz im Gegenteil die Verweigerung einer ernsthaften Auseinandersetzung. Es wird

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Frauenfeindlichkeit, in Versionen

Gestern war ein Tag, an dem ich mehrmals über das Thema „Frauenfeindlichkeit“ nachdachte, allerdings in ganz unterschiedlichen Varianten, weshalb ich das mal aufschreibe. Episode 1: Frühstücksgespräche Die erste Begegnung war am Frühstückstisch des Tagungshauses, in dem ich zu einem Wochenendseminar war. Ich hörte ein Gespräch mit zwischen zwei Frauen, bei dem die Ältere die Jüngere fragte, wie sie das eigentlich mit den Kindern organisiert habe, so ein ganzes Wochenende lang. Woraufhin die Jüngere etwas pikiert erwiderte: „Hätten Sie das einen Mann auch gefragt?“ Ich war etwas peinlich berührt von der Situation, wie immer, wenn ich die Auswirkungen der feministischen Revolution irgendwo in Aktion sehe, aber dann doch ein klein bisschen schief. Die Rückfrage der Jüngeren war ja ganz offenbar ein Ergebnis davon, dass wir die Aufspaltung in „Privat“ (Frauen) und „Beruflich/Öffentlich“ (Männer) und die damit verbundene Arbeitsteilung aufgekündigt haben. Sie bedeutete: „Solange Sie nicht die Männer ganz genauso für die Versorgung von Kindern zur Verantwortung ziehen, lassen Sie mich gefälligst

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Wenn Markenexperten unsanft geweckt werden

Ist es ein Trend? Ich glaube schon. Gerade mal einen Tag hat es gedauert, bis die Lufthansa ihre dümmliche Super-Women-Partnercard-Aktion wieder einstellen musste, nachdem Anatol Stefanowitsch vorgestern darüber gebloggt hat, Anke Domscheit-Berg dann über Twitter die Medien aufforderte, darüber zu berichten, und sich die Nachricht dann in gewohnter Geschwindigkeit über Blogs, Tweets und Zeitungsartikel durchs Internet verbreitete. Vor ein paar Monaten gab es schonmal einen ähnlichen Fall, wo die Eon-Tochter e-wie-einfach einen gewaltverharmlosenden Videoclip für lustige Werbung hielt. Auch hier dauerte es nicht mal einen Tag, bis „das Internet“ die Verantwortlichen dazu brachte, den Clip wieder abzuschalten. Der Grund ist natürlich nicht, dass die üblichen Witzbolde jetzt verstanden hätten, was an ihrer Art von „Humor“ problematisch ist. Der Grund ist auch nicht, dass die Mehrheit der Menschen inzwischen sensibel auf Sexismus reagiert. Ich vermute, wenn man eine repräsentative Umfrage machen würde, wäre die Mehrheit der Leute wohl der Meinung, diese Art von Werbung sei doch irgendwie ganz witzig oder zumindest harmlos.

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Der Konditor und die Fachverkäuferin

Man kann ja über den Sinn und Unsinn von Blogcharts vieles sagen, aber auch bei den Unsinnigsten gibt es manchmal Fundstücke. Über @annnalist erfuhr ich gestern von einer skurrilen Veranstaltung namens „Frauen Blog-WM 2011“, an der sich lauter Blogs beteiligen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Aber sonntags morgens im Bett bei Regen hat man ja Zeit für sowas, und so blätterte ich mich mal durch, und wurde auch schon im zweiten Blog fündig mit ganz prächtigem Material für hier. In ihrem Blog „Narrare“ stellt die Journalistin Silke Liebig-Braunholz ein Video vor, mit dem der Deutsche Konditorenbund für seine Ausbildungsberufe Konditor (sic!) und Fachverkäuferin (sic!) wirbt. Produziert wurde das laut Liebig-Braunholz von Studenten (und Studentinnen? Ich fürchte, ja!) der „Köln International School of Design“ in einem dreiwöchigen Projekt. Herausgekommen ist eine unglaubliche Ansammlung von Geschlechterklischees inklusive halbnackter Frauen, die aus Kisten steigen. Es ist zum Haare raufen, und man möchte diesen angehenden Möchtegern-Designer_innen zurufen: Schaltet Ihr auch manchmal euer

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