Warum ich das Wort „Schmarotzer“ liebe

Foto: Apolemus/Flickr.com - Lizenz CC BY-NC-SA

Schmarotzer sind ganz normal, so wie dieses Prachtexemplar. Auch zur menschlichen Natur gehört das Schmarotzertum unweigerlich dazu. Man sollte nur wissen, wie es geht. Foto: Apolemus/Flickr.com – Lizenz CC BY-NC-SA

Nach meinem gestrigen Post gab es wieder viele Reaktionen auf meine unbekümmerte Verwendung des Wortes Schmarotzer. Das war ja ein Selbstzitat: Schon vor einiger Zeit habe ich das Wort „Internetschmarotzer_innen“ erfunden, für diejenigen Leute, die nur Sachen aus dem Internet herausholen und nichts reinschreiben. Schon damals war in den Kommentaren heftig darüber diskutiert worden, ob man das Wort verwenden darf. Ich meine (obviously): Ja.

Ob Worte funktionieren und so verstanden werden, wie ich sie gemeint habe, liegt natürlich nicht in meiner Hand. Das ist eine Sache des Experimentierens. Im Fall des „Internetschmarotzertums“ hat es allerdings funktioniert. Ich werde bis heute immer wieder auf dieses Wort angesprochen, vor allem wenn ich außerhalb des Internets Menschen – meistens Frauen – begegne, die das Wort auf sich selbst beziehen und es offenbar genauso verstanden haben, wie ich es gemeint habe. Sie sagen zum Beispiel Sachen wie „Ich bin ja auch so eine Internetschmarotzerin, über die du neulich geschrieben hast“, und sie sind mir deshalb gar nicht böse. Offenbar haben sie es – meiner Intention entsprechend – nicht als moralischen Vorwurf empfunden, sondern als einen Hinweis, der sie zum Nachdenken angeregt hat. Tatsächlich haben sich im Anschluss an meinen damaligen Post viele interessante und weiterführende Debatten und Gespräche ergeben.

Ich glaube, das liegt daran, dass Schmarotzen einfach ein schönes Wort ist, das sowohl ästhetisch wie auch inhaltlich noch nicht auf den Friedhof der ausgestorbenen Wörter gehört. Man kann damit etwas nach wie vor Wichtiges benennen.

Der Hauptgrund, warum ich dieses Wort verwendet habe, ist, dass es mir gefällt. Ich spreche (und blogge) immer möglichst spontan, also ohne Wörter auf die Goldwaage zu legen, weil ich glaube, dass es etwas bedeutet, wenn Wörter mich anziehen (oder abstoßen). Und „Schmarotzer“ ist so ein Wort, das mich anzieht. Vor Jahren habe ich mir über diesen Unterschied zwischen „schönen Wörtern“ und „Scheißwörtern“ schon mal Gedanken gemacht, damals war mein Ausgangswort „Balustrade“, das ich auch sehr schön finde, aber es ist natürlich auch weitaus weniger kontrovers.

Es ist mit Wörtern immer so eine Sache, verschiedene Menschen verstehen sie unterschiedlich, und Schmarotzertum ist sicher ein sehr belastetes Wort, weil es so oft moralisch und abwertend gebraucht wurde und wird – nach dem Motto: Du lebst auf Kosten anderer, schäm dich, arbeite mal was! Das zieht dann gewöhnlich die Gegenreaktion nach sich: Stimmt gar nicht! Ich bin kein Schmarotzer, ich habe mir das verdient, das ist mein gutes Recht und so weiter. Aus dieser Diskursfigur entstammt wohl die große Ablehnung dem Begriff gegenüber.

Wer hier schon ein bisschen länger liest, weiß, dass ich das anders sehe. Erstens finde ich moralische Argumentationen ohnehin sinnlos und zweitens und vor allem finde ich Schmarotzertum ganz normal. Wir alle leben schließlich auf Kosten anderer, das gehört sozusagen zur contitio humana untrennbar dazu. Eine Freundin schrieb auf Facebook unter meinen Post von gestern, sie müsse aber eine Internetlektüreschmarotzerin sein, weil sie sonst keine Zeit zum Übersetzen wichtiger Texte hätte. Das finde ich völlig okay. Wichtig ist nicht, dass sie nicht schmarotzt, wichtig ist, dass sie weiß, dass sie es tut, und verantwortlich damit umgeht.

Zum gekonnten Schmarotzen gehört dazu, dass man sich dessen bewusst ist – dass man nämlich an einem bestimmten Punkt auf Kosten anderer lebt – und das nicht verschleiert, sondern sich zum Beispiel dafür dankbar zeigt. Ich hatte mal einen Freund, der wenig Geld hatte, und für den ich ganz häufig mitbezahlte. Seine Geldnot war größtenteils selbst gewählt, er strengte sich nämlich mit dem Geldverdienen nicht sonderlich an. Ich hatte überhaupt nichts dagegen, oft für ihn zu bezahlen, ich wusste, worauf ich mich einließ und hatte mich ja dafür entschieden. Nicht zufrieden war ich hingegen damit, dass er sich weigerte, diesen finanziellen Aspekt unserer Beziehung realistisch anzuerkennen. Es war für ihn wie ein Tabu. Immer wenn ich es aussprach, dass ich fast alles bezahlte und er nichts, machte er mir eine regelrechte Szene und stellte es so dar, als würde ich mir das nur einbilden. Deshalb verlor ich irgendwann die Lust daran und beendete die Beziehung.

Schmarotzertum ist okay, aber nur, solange man verantwortlich und realistisch damit umgeht und es nicht unter den Teppich kehrt und die Illusion erweckt, man würde gar nicht schmarotzen. Das heißt, wenn ich sage: „Das ist Internetlektüreschmarotzertum“, dann meine ich das nicht moralisch in dem Sinn von „das dürft ihr nicht machen“, sondern realistisch in dem Sinn von „das ist es, was ihr macht, beachtet bitte die Konsequenzen und übernehmt dafür Verantwortung“.

Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.

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Zu der aktuellen Debatte um rassistische Begriffe in Büchern und die Frage, ob man „Klassiker“ verändern kann, soll oder muss, möchte ich nun doch auch noch einen Aspekt beisteuern, der mir in der bisherigen Diskussion fehlt, nämlich die Bedeutung des Kontextes.

Wörter haben keine fixen, absoluten Bedeutungen, sondern was ein Wort bedeutet, ergibt sich überhaupt nur aus dem Kontext, in dem es benutzt wird. Auch das viel diskutierte N-Wort ist für sich genommen nichts anderes als eine Aneinanderreihung von fünf Buchstaben. Würde ein Marsmensch dieses Wort aussprechen, der in keinerlei Beziehung zur Erde stünde, würde es überhaupt keine Bedeutung haben, es wäre sinn-los.

Wenn ich mich entscheide, ein Wort zu gebrauchen oder nicht, dann trage ich so oder so zur Prägung des jeweiligen Wortkontextes bei, wobei ich mich immer in einer Zwischenposition befinde: Einerseits kann ich ein Wort nicht unabhängig von der „Bedeutungswolke“ verwenden, die es im Lauf der menschlichen Geschichte bereits angenommen hat. Gleichzeitig aber trage ich mit der Art und Weise, wie ich ein Wort gebrauche (oder eben nicht) selbst auch wieder dazu bei, diese Bedeutungswolke auf die Zukunft hin zu verändern.

Was mich an der bisherigen Diskussion vor allem stört ist, wenn diese eigene Verantwortung nicht reflektiert wird. Es geht nicht darum, herauszufinden, was ein Wort „wirklich“ bedeutet, denn wir befinden uns hier nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Beweise, die durch logische Deduktion oder im Experiment verifiziert oder falsifiziert werden können. Wir befinden uns auf der Ebene einer politischen Auseinandersetzung, in der die Sprecherin ein politisches Urteil fällt, für das sie eben auch die Verantwortung zu tragen hat.

Es ist unausweichlich, dass sich die Bedeutung von Wörtern im Lauf der Zeit verändert, weil sich der Kontext ändert, in dem die Menschen leben, und entsprechend eben auch der Kontext, in dem diese Wörter gebraucht werden. Deshalb ist ein Buch, das über hundert Jahre hinweg sprachlich nicht verändert wird, schlicht und einfach nicht mehr dasselbe Buch.

Ganz banal: Ein Buch enthält Worte, die zu der Zeit, in der es geschrieben wird, völlig geläufig sind –zum Beispiel „Schuhwichse“. Hundert Jahre später benutzt kein Mensch mehr dieses Wort. Damit nimmt die entsprechende Textstelle einen anderen Charakter an. Während die Zeitgenossinnen des Autors einfach drüber hinweglesen, weil „Schuhwichse“ für sie ein völlig normales Alltagswort ist, wird ein Leser hundert Jahre später an dieser Stelle stolpern und unter Umständen erst einmal googeln müssen, was dieses „Schuhwichse“ eigentlich sein soll.

Das heißt: Texte einfach so zu lassen wie sie sind, ist keine Lösung, denn gerade weil sie sich nicht ändern, ändern sie sich in Wirklichkeit sehr. Das ist der große Unterschied zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort: Das geschriebene Wort wird durch die Verschriftlichung von seinem Kontext gelöst (das genau ist ja ihr Zweck), während das gesprochene Wort immer direkt an seinen Kontext gebunden ist, nämlich an den Ort und die Situation, in der sich der Körper der Sprechenden in dem jeweiligen Augenblick befindet.

Für das verschriftlichte Wort gilt also ganz besonders das, was Tomasi di Lampedusa seinerzeit so schön auf den Punkt gebracht hat: „Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Und die Frage ist nicht, ob, sondern wie Texte im Lauf der Zeit verändert werden müssen. Denn wenn sie nicht verändert werden, sind sie irgendwann schlicht und ergreifend unbrauchbar und taugen nur noch für Archive oder Museen.

Im Falle von rassistischer oder sexistischer Sprache geht es aber nicht nur um die Bedeutung von einzelnen Wörtern, sondern viel allgemeiner um die Bedeutung von Ideen und ihre symbolische Repräsentationen in der Sprache.

Mit diesem Thema habe ich mich im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit intensiv auseinandergesetzt, bei der es um die politischen Ideen der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert ging. Um zum Beispiel die Meinungen und Ansichten, die damals zur „Rolle der Frau“ geäußert wurden, einordnen zu können, nützt es nichts, sie einfach mit der heutigen Sicht abzugleichen. Es ist nämlich nicht dasselbe, ob jemand im Jahr 1868 gegen das Frauenwahlrecht ist oder im Jahr 2013. Natürlich ist es damals wie heute „frauenfeindlich“, nur Männern das Recht zuzusprechen, in politischen Gremien Entscheidungen zu fällen. Aber es ist eben nicht auf dieselbe Weise frauenfeindlich. Es ist ein Unterschied, ob eine solche Ansicht in einem gesellschaftlichen Kontext vertreten wird, wo das Frauenstimmrecht nur von einer kleinen radikalen Minderheit gefordert wird, oder in einem Kontext, wo es seit langem eine selbstverständliche Realität ist.

Andersrum: Wenn ich bestimmte linke Denker des 19. Jahrhunderts für ihre Position in Punkto „Rolle der Frau“ als Antifeministen kritisiere (zum Beispiel Proudhon), wird häufig zu deren Verteidigung angeführt, damals wäre das doch allgemein übliche Meinung gewesen. Das ist dann genau der Punkt, wo die historisch-ideengeschichtliche Forschung einsetzt und ich genau das nachprüfe: Ist das damals wirklich allgemein verbreitete Meinung gewesen? Wo genau, auf welcher Seite des damaligen Spektrums, hat sich Proudhon zum Beispiel positioniert? In seinem Fall lässt sich klar zeigen, dass seine Äußerungen wie, man müsse eine Frau eher hinter Schloss und Riegel sperren als sie politisch mitreden zu lassen, keineswegs nur für heutige Ohren frauenfeindlich klingt, sondern auch schon für damalige Verhältnisse. Denn die meisten Menschen waren auch damals schon anderer Ansicht.

Genau diese Frage, nämlich wo ein historischer Autor oder eine historische Autorin sich damals im Diskurs verortet hat, ist meiner Ansicht auch das Kriterium, anhand dessen zu entscheiden ist, in welcher Weise seine oder ihr Texte für heute aktualisiert werden müssen. Es wäre zum Beispiel ganz falsch, die frauenfeindlichen Abschnitte in Proudhons Büchern zu glätten oder zu verändern, um den Rest seines Werkes in die heutige Zeit zu „retten“, denn – Antifeministen wie er sind nicht zu „retten“. Im Gegenteil müsste man fragen, inwiefern nicht auch der Rest seiner Ideen dementsprechend heute unbrauchbar geworden ist.

Ähnlich ist es bei der aktuellen Frage, ob rassistische Begriffe aus Kinderbüchern (also Büchern, die nicht von Historikerinnen gelesen werden, sondern von Kindern, Kontext!) zu streichen sind.

Entweder der betreffende Autor war auch in seinem zeitgenössischen Kontext ein Rassist (also verglichen mit dem Spektrum an Meinungen, das damals vertreten wurde) – dann gehören seine Bücher aber auch sowieso nicht in den alltäglichen Gebrauch, sondern ins Archiv oder ins Museum.

Oder aber der betreffende Autor oder die Autorin war im damaligen Kontext eher auf der antirassistischen Seite (ich denke zum Beispiel an die Bücher von Harriet Beecher-Stowe, die eine engagierte Kämpferin gegen die Sklaverei war, deren sprachliche Formulierungen aber zum Teil trotzdem rassistisch sind, vor dem Hintergrund all dessen, was in den seither vergangenen 150 Jahren diskutiert und herausgearbeitet worden ist) – dann wäre es geradezu eine Verfälschung des Originaltextes, solche Formulierungen einfach weiter so stehen zu lassen.

Mann Meier

Diese Initiative war mir bisher entgangen, aber richtig ist der Denkansatz:

Die Initiative für sprachliche Gleichstellung ruft dazu auf, ab sofort unter Berufung auf das im Grund­gesetz verankerte Gleich­berechtigungs­gesetz eine neue Anrede für Männer zu ver­wenden. Die veraltete Anrede HERR wird zur Anrede MANN. Durch die neue Anrede werden Männer nicht mehr als Herren auf­ge­rufen, angeredet und an­ge­schrieben, sondern als gleich­berechtigte Männer. Damit werden Gleich­wertigkeit und Gleich­stellung zwischen Frauen und Männern ausgedrückt. Die gebräuchlichen Anreden „Herr“ und „Frau“ sind nicht gleich­wertig und vermitteln keine sprachliche Symmetrie.

weiterlesen hier: http://www.anrede-mann.de/

Von der hohen Kunst, “Kackscheiße” zu sagen oder auch nicht

Haha, lustig. Malte Welding erklärt den Antirassist_innen und Feminist_innen, dass es für einen ernsthaften Diskurs nicht zuträglich ist, dem Gegenüber zu sagen, er oder sie produziere sexistische und rassistische “Kackscheiße”.

Foto: T. Michel/fotolia.com

Echt jetzt? Da wäre man ja von selber gar nicht drauf gekommen.

Nadia Shehadeh hat schon eine Erwiderung darauf geschrieben, in der sie den überheblichen Gestus, der Weldings Ermahnungen zugrunde liegt, gut dekonstruiert (und btw damit zeigt, dass Überheblichkeit auch nicht gerade ein gutes Stilmittel ist, um das Gegenüber von irgendwas zu überzeugen).

Aber ganz davon abgesehen geht Weldings Einwand natürlich vollkommen am Thema vorbei, weil “Kackscheiße” inzwischen das Mem geworden ist, mit dem in einem bestimmten Kontext gerade ausgedrückt werden soll, dass hier die Diskussion am Ende ist. Es ist gerade der Sinn dieses Wortes, genau diesen Schnitt und diesen Bruch anzuzeigen.

Wenn man also das Phänomen, dass dieses harsche Wort neuerdings in bestimmten Kontexten Verwendung findet, ernsthaft analysieren will, müsste man damit beginnen, verstehen zu wollen, warum hier Leute eine Grenze ziehen und somit markieren, dass sie nicht zur Diskussion bereit sind, und dann könnte man darüber reflektieren, ob diese Diskussionsverweigerung sinnvoll ist oder nicht.

Ich selber benutze den Begriff “Kackscheiße” selten oder nie, obwohl ich auch oft keinen Bock mehr aufs Diskutieren habe. Allerdings nicht aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten meines Gegenübers, sondern weil ich den Begriff “Scheiße” generell nicht mehr metaphorisch benutzen möchte. Ich bin nämlich zusammen mit meinen Denkfreundinnen beim Schreiben des “ABC des guten Lebens” zu der Einsicht gekommen, dass man viel öfter über Scheiße im realen Sinn sprechen müsste, und dass es dafür nicht gut ist, wenn das Wort eine Metapher für alles Böse und Schlechte ist.

Zurück aber zur eigentlich interessanten Frage: Wie steht es um die Notwendigkeit, Dinge zu vermitteln? (Auch das ist ein wichtiges Wort in unserem ABC.)

Richtig ist: Vermittlungen zu suchen ist die einzige Möglichkeit, Leute zu überzeugen und eine wirkliche politische Diskussion zu führen. Ihnen dabei “sexistische Kackscheiße” an den Kopf zu werfen, ist normalerweise kontraproduktiv.

Falsch ist: Dass wir alle verpflichtet sind, ständig und überall und mit allen Leute politische Diskussionen zu führen.

Und zwar nicht nur, weil wir müde sind, keinen Bock haben und so weiter, sondern aus einem viel wichtigeren Grund: Um eine echte Diskussion zu führen, ist es notwendig, eine Beziehung zum Gegenüber einzugehen. Mit manchen Menschen und in manchen Situationen ist das aber nicht möglich, oder es wäre zwar möglich, aber nicht sinnvoll.

Die Arbeit an Beziehungen war eine der wesentlichen feministischen Praktiken, die die Frauenbewegung in den 1970er Jahren erfunden hat. Sie stellte nicht politische Programme und Forderungen, sondern den Wunsch nach guten Beziehungen in den Mittelpunkt.

Gute Beziehungen, wohlgemerkt, nicht irgendwelche Beziehungen. Dass Frauen allzu häufig ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um schlechte und schädliche Beziehungen aufrecht zu erhalten, hat die Frauenbewegung als Teil des Problems erkannt. Dass nicht jede Beziehung es Wert ist, aufrecht erhalten zu werden, ist am offensichtlichsten natürlich, wenn Gewalt im Spiel ist. Es gilt aber auch in anderen Fällen.

Zur politischen Praxis der Frauenbewegung gehörte es deshalb, sowohl bewusst Beziehungen zu anderen Frauen und feministischen Männern einzugehen, als auch – und das ist wichtig – Beziehungen aufzukündigen, in denen gutes Leben nicht möglich ist, weil sie von Gewalt und Macht dominiert sind und das Gegenüber nicht bereit ist, davon runterzukommen.

Eine sehr radikale Auswirkung davon war der Separatismus, also die Entscheidung, die politische Zusammenarbeit mit Männern generell aufzukündigen, wozu auch die Bewegung der “politischen Lesben” gehörte. Das war eine sehr wichtige Praxis, auch wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse uns inzwischen woanders hin gebracht haben und sie, wie jede Praxis, überdacht werden muss.

Inzwischen ist das Pendel aber vielleicht schon wieder ins Gegenteil umgeschlagen, und das Mantra “Der Feminismus muss Männer einbeziehen” wird für meinen Geschmack zuweilen etwas zu oft und laut und zu pauschal gesungen.

Vielleicht ist der zunehmende Wunsch, auch mal “Kackscheiße” zu sagen, also die Beziehung und die Diskussion aufzukündigen, ein Ausdruck davon, dass jetzt die Frage ansteht: Mit welchen Männern wollen wir zusammenarbeiten – und mit welchen nicht? Wobei, wohlgemerkt, “zusammenarbeiten” nicht bedeutet, dass man einer Meinung ist, sondern dass man sich gegenseitig als aufrichtigen Gesprächspartner, Gesprächspartnerin ernst nimmt.

Der Punkt ist doch, dass es  keine generellen Regeln gibt, an denen man sich im politischen Handeln orientieren kann. Die Kunst in der Politik besteht darin, in einer jeweiligen Situation dies oder jenes zu tun, das ist eben eine Sache der Praxis, der Erfahrungen, die gesammelt und reflektiert werden.

Es ist, in anderen Worten, die Kunst, mal “Kackscheiße” zu sagen (oder etwas anderes zu tun, um zu signalisieren, dass man jetzt und mit dieser Person nicht diskutieren, also sich nicht in eine Beziehung setzen möchte), und mal aber auch nicht.

Männliche Sprache ist nicht nur generisch…

Die Diskussionen über meinen letzten Blogpost zum generischen Maskulinum noch im Kopf las ich gestern im Zug die aktuelle Brandeins mit einem Artikel von Peter Lau über “Menschen, Hippies, Lina: Ein Nein ist für alle lehrreicher als ein Ja”, und dabei fiel mir auf, dass man das Thema wirklich über die rein grammatikalisch-sprachliche Ebene hinaus ausweiten muss. Eigentlich habe ich die Kolumnen von Peter Lau immer sehr geschätzt und fand es schade, dass er in letzter Zeit nicht mehr in Brandeins geschrieben hat, aber in diesem Artikel liefert er leider wirklich ein Paradebeispiel für Texte, die angeblich geschlechtsneutrale Thesen verbreiten, dann aber Frauen ausschließen – sprachlich und letztlich auch inhaltlich. Und zwar ganz ohne dabei die Grammatik zu Hilfe zu nehmen.

So würdigt er das “Erbe der Hippies” an einigen Beispielen und schreibt dann: “All dies haben natürlich nicht einige Langhaarige durchgesetzt, ….”. Die “Langhaarigen” sind grammatikalisch nun keine männliche Form, aber dennoch eine sprachliche Umschreibung der “Hippies”, die ausschließlich Männer im Fokus hat. Denn bei den Hippies war nur die “Langhaarigkeit” der Männer eine Besonderheit, Frauen hatten auch vorher schon lange Haare, unabhängig davon ob sie Hippies waren oder nicht. Die Rede von den “Langhaarigen” schließt Frauen also sprachlich aus, wenn auch nicht grammatikalisch, denn sie evoziert das Bild einer Bewegung, die nur aus Männern bestanden habe.

Dieses “exklusiv männliche” Schreiben über Bewegungen, die in Wirklichkeit aus Männern und Frauen bestehen, lässt auf eine beschränkte Wahrnehmung der Realität schließen. Peter Lau liefert genau dafür dann sogar noch den Beweis, wenn er etwas später schreibt: “Will ich als Angestellter Tag für Tag Tabellen füllen? Oder lieber auf einer Harley-Davidson mit einer barbusigen Blondine durch die Wüste cruisen?” Der Angestellte ist nicht nur ein generisches Maskulinum, sondern ein tatsächlicher Mann.

Das ist nicht weiter schlimm, es spricht nichts dagegen, dass Männer Artikel über männliche Perspektiven auf die Welt schreiben, aber das sollten sie dabei reflektieren und nicht den Anschein erwecken (und damit den Anspruch erheben), sie würden geschlechtsneutrale Artikel über angebliche post-gender-frauen-mitmeinende Themen schreiben.

Schön passend dazu übrigens links von dem Artikel die Anzeige zu einem Schweizerischen Marketing-Tag unter dem Titel “Macher, Macht und Märkte” mit sechs männlichen Speakern. Thema: “Wie neue Geschäftsfelder entstehen und funktionieren. Und wie man sie nutzt.” Generisches Maskulinum, my ass.

Generisches Maskulinum, generisches Femininum


BU: Die Lüge, dass das generische Maskulinum beide Geschlechter meinen würde. Meist muss man Texte bis ganz zum Ende lesen, um sie zu entlarven

Über einen Hinweis im Blog von Bisexualität.org kam ich auf einen interessanten Blogpost von Anatol Stefanowitsch auf Scilogs über neuere Ergebnisse empirischer Studien zum Thema Geschlecht und Sprache.

Insbesondere die Behauptung, weibliche Formen zu benutzen sei nicht notwendig, weil die männliche Form im Deutschen beide Geschlechter meinen würde, also in Wahrheit geschlechtsneutral sei (im Fachjargon: generisches Maskulinum) wurde in diesen Studien klar widerlegt. Ebenso widerlegt wurde der immer wieder vorgebrachte Einwand gegen weibliche Endungen, wonach diese angeblich die Verständlichkeit von Texten beeinträchtigen.

Die vorgestellten Studien zeigen, dass beides nicht stimmt: Wird das generische Maskulinum benutzt, also zum Beispiel von „den Sozialarbeitern“ gesprochen, stellen sich die meisten Menschen auch unweigerlich Männer vor und keine Frauen. Andererseits hatten die Probandinnen und Probanden keine Verständlichkeitsprobleme mit Texten in inklusiver Sprache. Stefanowitsch resümiert das alles gut, wenn er schreibt:

Mit anderen Worten: Geschlechtergerechte Sprache hat keinen negativen Einfluss auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten. Wohl aber hat sie einen Einfluss auf die Einbildung männlicher Leser.

Es lohnt sich unbedingt, den Blogpost in Gänze durchzulesen. Ebensfalls interessant ist ein älterer Blogpost von Stefanowitsch, in dem er sich allgemeiner mit diskriminierender Sprache  beschäftigt.

Widersprechen möchte ich ihm jedoch an dem Punkt, wo er in Frage stellt, ob die geschlechtliche Unterscheidung von Personen in der Sprache überhaupt sinnvoll ist:

Es gibt sicher einige wenige Situationen, in denen es eine Rolle spielt, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist (für viele Menschen spielt das bei der Partnerwahl eine Rolle und für Versicherungen ist es aufgrund der unterschiedlichen Lebenserwartung interessant). Aber objektiv betrachtet sind diese Situationen insgesamt recht selten. Es ist unsere Sprache, die uns einredet, es handle sich um einen wichtigen, alles durchdringenden Unterschied, und es ist unsere Sprache, die uns dazu zwingt, diesen Unterschied stets und ständig zu erwähnen, auch dort, wo er absolut nichts zur Sache tut.

Das sehe ich anders. Die Geschlechterdifferenz durchzieht unsere Kultur auf eine ganz grundlegende Weise, wie wir seit de Beauvoirs Analyse in „Das andere Geschlecht“ wissen. Mir fällt kein einziges Thema ein, in dem sie keine Rolle spielt, von der Politik über Stadtplanung bis zur Mathematik. Es ist also kein Defekt der Sprache, dass sie mit dem Bezeichnen von Geschlechtern so einen Murks macht, sondern dieser sprachliche Murks bildet nur den realen Murks ab, mit dem wir es an diesem Punkt zu tun haben. Das Problem lässt sich daher auch nicht auf einer sprachlichen Ebene allein lösen. Die Sprache zu verändern, ist lediglich EIN wichtiger Punkt, an dem man dabei ansetzen kann. Aber nicht als Lösung, sondern um uns für die Realität zu sensibilisieren. Ich habe neulich schonmal darüber gebloggt, warum es zum Beispiel nichts hilft, einfach schematisch die männlichen Personenbezeichnungen mit weiblichen zu ergänzen.

Aber ich finde auch ein anderes Vorgehen interessant, das zum Beispiel die Bundesgeschäftsführerin der Piraten, Marina Weisband, in einem Vortrag anwendet: Nämlich die strikt männliche Form zu benutzen, sie aber mit weiblichen Bildern zu konterkarieren – also von „dem Politiker“ zu sprechen und dabei Folien von einer Frau zu zeigen. Auf diese Weise erzwingt sie die gedankliche Anstrengung, die empirisch notwendig ist, um sich unter einem Maskulinum eine Frau vorzustellen. Frauen haben diese Stilmöglichkeit generell, denn sie können ja ihre eigene körperliche Erscheinung ins Spiel bringen, wenn sie sich selbst als „Mathematiker“ präsentieren. Alle SEHEN dann ja, dass da eine Frau steht, trotz männlicher Bezeichnung. Männer haben diese Möglichkeit allerdings nicht – es sei denn, sie sprächen von sich in einer weiblichen Form, also im generischen Femininum. Ich habe aber noch nie gesehen, dass einer das getan hat.

Jedenfalls denke ich, es ist eine Illusion, das Dilemma unserer Kultur, wonach das Männliche die Norm, das Weibliche aber die Abweichung darstellt, mit einer pauschalen sprachlichen Strategie lösen zu können. Was wir brauchen, das ist mehr Einfallsreichtum und vor allem Kreativität in konkreten Kontexten. Was in der einen Situation eine gute Strategie ist, kann in einer anderen Situation möglicherweise nicht funktionieren.

Denn dass Frauen „mitgemeint“ sein sollten, ist ja nur das eine. Ein viel schwerwiegenderes Problem ist meiner Ansicht nach in der Tat, dass es kein „generisches Femininum“ gibt, das heißt, dass Frauen beziehungsweise weibliche Bezeichnungen niemals für das Allgemeine stehen können. Das führt dazu, dass bestimmte Sachverhalte gar nicht ausgedrückt werden können, zum Beispiel ist es unmöglich, eine Frau aus einer gemischten Gruppe herauszuheben. So stellte die taz neulich „Die einzige Plattenladenbesitzerin“ Deutschlands vor – gemeint war ganz offensichtlich die einzige weibliche Plattenladenbesitzerin. Hier ist das generische Maskulinum keine Lösung, denn “Der einzige Plattenladenbesitzer” hätte eine ganz andere inhaltliche Bedeutung – diese Formulierung bezeichnet einen Mann, der sich aus einer gemischten Gruppe hervorhebt.

Wie aber drücken wir es aus, wenn eine Frau besonders ist im Bezug auf eine gemischte Gruppe? Oder wenn ein Mann besonders ist, aber nur im Bezug auf andere Männer? Bisher geht das, rein sprachlich, überhaupt nicht.

Doch die Welt ändert sich. Die Notwendigkeit auch das generische Femininum denken zu können, wird immer wichtiger werden, wenn Frauen zunehmend öffentliche Positionen einnehmen. Der Sprache wird etwas dazu einfallen, ich bin mir ganz sicher.

Inklusive Sprache, jetzt auch automatisiert

Gerade habe ich entdeckt (über eine kurze Notiz in der Zeitschrift “Wir Frauen”), dass es neuerdings ein “Gendering Add-In” für Microsoft Word gibt, das dabei helfen soll, inklusive Sprache zu verwenden. Ich habe es grade mal ausprobiert, und es funktioniert in der Tat ziemlich einfach: Man installiert es, und dann wird, sobald man Word aufruft, ein neuer Reiter namens “Gendering” angezeigt. Wenn man nun irgend einen Text bearbeitet, kann man darauf klicken und alle männlichen Personenbezeichnungen werden angezeigt mit dem Vorschlag, das zu verändern.

Mal abgesehen davon, dass es nur so halbgut funktioniert, nehme ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Schon lange warte ich nämlich darauf, dass jemand das “Hineinschreiben” der weiblichen Formen automatisiert. Damit erweist man meiner Ansicht nach dem eigentlichen Anliegen einen Bärendienst. Denn das Anliegen besteht doch eigentlich darin, für die “Männlichkeit” der deutschen Sprache zu sensibilisieren – und nicht darin, sich dieses lästige Thema durch Automatisierung vom Hals zu schaffen.

Der Ursprung des Dilemmas liegt bekanntlich darin, dass die männliche Form in der deutschen Grammatik nicht allein männlich ist, sondern (je nach Bedarf) allumfassend sein kann, also das Weibliche mitumfassen soll. Allerdings nicht immer. Frauen sind manchmal mitgemeint, manchmal aber auch nicht. Das ist nicht nur ein sprachliches Problem, sondern eines unserer Weltsicht allgemein, in dem das Männliche das “Normale” und Allgemeingültige ist, das Weibliche aber – und das ist die Krux – gerade nicht. Es ist für sich genommen erstmal unnormal, und wird normal erst, wenn es dem Männlichen gleicht. Dem ist auf einer nur sprachlichen Ebene nicht beizukommen.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich halte inklusive Sprache für unverzichtbar. Aber sie darf sich eben genau nicht darin erschöpfen, die weiblichen Formen automatisch zu ergänzen. Denn das kann dann auch als Vorwand dienen, das eigentliche Problem gerade nicht anzugehen, weil man nach außen hin der Pflicht genüge getan hat. Wichtiger als die “korrekte” Verwendung inklusiver Sprache ist meiner Ansicht nach, dass Menschen, die sprechen und schreiben, sich darüber bewusst sind, inwiefern das, was sie sagen, Geschlechter betrifft, umfasst, oder eben auch nicht.

Im Übrigen bin ich auch der Ansicht, dass die Tatsache, dass das Deutsche eine “Männersprache” ist (Luise Pusch) dazu geführt hat, dass Frauen flexibler im Denken sind. “Die Hälfte der Flüchtlinge hat in der Heimat eine Frau und Kinder zurückgelassen” las ich zum Beispiel vor einiger Zeit in einer Zeitung.  Wenn wir einen solchen Satz lesen, dann glauben wir keine Sekunde, dass die Hälfte der Flüchtlinge lesbisch sei. Als Frauen haben wir von klein auf geübt, ständig zu reflektieren, ob wir nun “mitgemeint” sind oder eben nicht – und das ist keineswegs ein Defizit in unserem Denken, sondern eine Fähigkeit, die wir schätzen sollten. Und die eigentlich alle Menschen haben sollten.

Männern geht diese Fähigkeit zur Unterscheidung allerdings oft ab. Es fällt ihnen (wie zum Beispiel dem Autor des zitierten Textes) schwer, zu unterscheiden, wann von ihnen als Männern die Rede ist, und wann von Menschen allgemein. Sie glauben, das sei dasselbe, womit sie sich natürlich irren. Wenn ein Mann gegen inklusive Sprache polemisiert, so meine Erfahrung, dann tut er es selten aus bloßer Frauenfeindlichkeit, sondern weil er tatsächlich nicht versteht, was das bringen soll.

Auch viele Frauen mögen allerdings keine inklusive Sprache, und auch das ist ein Phänomen, das ernst genommen werden sollte und dem man nicht mit Moral (oder Word-Add-Ins) beikommen kann. Die Gründe für die weibliche Skepsis gegen weibliche Endungen sind sehr komplex und vielfältig, und sie aufzudröseln würde an dieser Stelle zu weit führen (mach ich vielleicht ein anderes Mal).

Wie auch immer: Wenn Leute bloß in dem Bemühen, politisch korrekt zu sein, beide Formen verwenden, aber eigentlich gar nicht so genau wissen, warum sie das machen sollen, dann schafft das ganz sicher kein Verständnis, sondern verschleiert nur das Problem. Deshalb ist es mir letzen Endes lieber, wenn  jemand in so einem Fall rein männlich spricht. Dann weiß ich wenigstens, wo ich mit ihm – oder ihr – dran bin.

Übrigens ist diese Gewohnheit, männliche Formen für beide Geschlechter zu verwenden, tatsächlich zumindest zum Teil auch  eine Folge der Emanzipation. Denn viele Menschen sehen keinen Grund mehr, warum es heutzutage überhaupt noch notwendig sein sollte, zwischen verschiedenen Geschlechtern zu unterscheiden. Denn es gibt doch gar keinen Unterschied, meinen sie. Ist es nicht völlig irrelevant, ob jemand Frau, Mann oder Eichhörnchen ist? (Danke für diese Inspiration an den Kegelklub der Berliner Piratinnen (Männer und Eichhörnchen sind mitgemeint))

Dass das Sprachgefühl im 19. Jahrhundert noch anders war, darüber stolperte ich kürzlich in dem Roman “Revolution und Contrerevolution” von Louise Aston, den ich gerade lese. An einer Stelle (S. 181) schildert sie eine Zusammenkunft von drei Personen, zwei Männern und einer Frau. Und da sie die Gruppe weder auf einen männlichen noch auf einen weiblichen Nenner bringen will, schreibt sie: “Keines von den Dreien sprach ein Wort”.

Wann eigentlich ist dem Deutschen diese elegante Lösung abhanden gekommen?


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Über Urheberschaft, Klarnamen, Sprache und Beziehungen

Who is who?

Die gegenwärtigen Diskussionen über Klarnamen finde ich interessant. Jenseits von kurzen Positionierungen pro oder contra berühren sie nämlich ein Thema, das die Produktion von Kultur betrifft und das durch das Internet sehr im Umschwung ist: Die Frage, auf welche Weise Texte/Werke mit der Person verknüpft sind, die sie geschaffen hat.

Dass Texte unabhängig von ihren Urheber_innen existieren (das ist ja letztlich das Konzept der Anonymität) ist überhaupt nicht neu. Es ist das Prinzip der Schriftlichkeit schlechthin. Lange Zeit wurde bei Büchern nur selten drunter geschrieben, wer der Autor ist, weil man „Urheberschaft“ gar nicht für wichtig hielt. Sehr häufig wurde auch ein falscher oder ein erfundener Name drunter geschrieben: Sei es, dass jemand Briefe schrieb und sie als die des Apostel Paulus ausgab, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen, sei es, dass Frauen unter Männernamen publizierten, weil sie nur so eine Chance hatten, überhaupt gelesen zu werden, sei es, dass in den Texten etwas Verbotenes oder Herrschaftskritisches stand und man nicht gerne dafür ins Gefängnis kommen wollte.

Und selbst, wenn der Name unter publizierten Text drunter stand, war der Autor, die Autorin für die meisten Lesenden unendlich weit weg: Man konnte schließlich Kant nicht mal eben kurz eine E-Mail schreiben, wie genau er das mit der Kritik der reinen Vernunft nochmal gemeint hatte.

Dies war lange Zeit ein kategorialer Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache: Mündliche Sprache findet zwischen zwei (oder mehr) Menschen statt, die sich mit ihren Körpern gleichzeitig im selben Raum befinden. Sie ist direkt, Austausch, Beziehung. Mit der Erfindung der Schrift wurde die Sprache jedoch von den Körpern und von den Beziehungen gelöst und auf einem Medium fixiert, das unabhängig von diesen Körpern in der Welt zirkulierte. Diese Unterscheidung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird durch das Internet tendenziell aufgehoben – und das ist eine enorm interessante Entwicklung.

Es gibt eine sehr lange Debatte über das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, und um die Frage, inwiefern sich Inhalte dadurch verändern, dass sie nicht mehr gesprochen, sondern aufgeschrieben werden. Die bekannteste Auseinandersetzung mit diesem Thema stammt von Platon, der in seinem Dialog Phaidros vier Einwände gegen die Schrift vorbringt. Es ist interessant, sie vor dem Hintergrund des Internet Revue passieren zu lassen.

Sein erster Punkt besagt, dass die Schrift „in die Seelen der Lernenden Vergessenheit einflößen, durch Vernachlässigung der Erinnerung.“ Die Schrift macht uns vergesslich, denn was geschrieben steht, muss nicht erinnert werden. Schon Hannah Arendt hat aber darauf hingewiesen, dass genau das auch eine Stärke des Schreibens ist: Auf die Frage, warum sie überhaupt Bücher schreibt, antwortete sie: Damit ich nicht vergesse, was ich einmal gedacht habe. Genauso geht es mir auch. Und im Internet kann ich sogar vergessen, wo genau ich das, was ich mal gedacht habe, hingeschrieben habe: Ich kann es ja googeln. Also: Ja, die Schrift macht vergesslich – so what?

Der zweite Punkt, den Platon gegen die Schrift vorbringt, ist, dass sie, „wenn man sie etwas fragt, würdevoll schweigt“: Ein Text gibt mir keine Auskunft, sondern wiederholt nur stur immer dasselbe. Wenn ich das nicht verstehe, habe ich Pech gehabt. Das Internet ist nun dabei, dieses Defizit auszumerzen: Auch wenn jemand etwas nicht mir persönlich gesagt, sondern ins Internet geschrieben hat, kann ich direkt bei ihr nachfragen. Wozu gibt es Twitter oder die Kommentarfunktion. Oder meinetwegen auch E-Mail.

Als dritten Punkt nennt Platon die Befürchtung: „Wenn aber einmal etwas geschrieben ist, treibt sich jedes Wort überall herum, gleichermaßen bei den Verstehenden wie auch bei denen, für die es sich nicht gehört, und weiß nicht, zu wem es reden soll und zu wem nicht.“ Schriftliche Zitate können aus dem Zusammenhang gerissen und völlig falsch interpretiert werden. Allerdings: Im Internet ist das nicht mehr so problematisch. Wer Zitate von mir aus dem Zusammenhang reißt, kann sich nicht mehr darauf herausreden, dass das eben in diesem Buch so gestanden hätte. Und selbst, wenn jemand zu faul ist, um sich ein differenzierteres Bild von dem, was ich gemeint habe, zusammenzugoogeln oder mich direkt zu fragen, besteht immer noch die Chance, dass jemand anderes das tut (jemand, die mich kennt zum Beispiel), und das in den Kommentaren richtig stellt.

Das führt direkt zu Platons viertem Punkt, wenn er schreibt: „Wird sie (also die Schrift) aber beleidigt und ungerecht geschmäht, braucht sie immer des Vaters Hilfe. Selbst nämlich kann sie sich nicht schützen noch helfen.“ Auch das ist heute nur noch eingeschränkt wahr: Denn erstens ist die Verfasserin oder der Verfasser niemals ganz weg vom Text, sondern hockt gleich hinter dem nächsten Link. Und zweitens haben Texte heute ganz viele Beschützerinnen und Beschützer – nämlich all diejenigen, die sie sich selbst angeeignet haben. Und die sitzen heute eben nicht isoliert voneinander jede am eigenen Schreibtisch, sondern sie können jederzeit miteinander diskutieren.

All diese Veränderungen lassen sich auf einen Punkt zurückführen: Die kategoriale Trennung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird im Internet wieder aufgehoben. Zwar werden Inhalte auf Medien fixiert und zirkulieren losgelöst von den Körpern ihrer Urheberinnen, aber bei Bedarf kann man auf die Autorin oder den Autor zurückgreifen. Die Trennung ist nicht mehr absolut, wir können zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation hin- und herswitchen. Zum Beispiel, wenn Ihr diesen schriftlichen Text hier jetzt lest und wir anschließend in den Kommentaren darüber diskutieren.

Welche positiven Chancen stecken nun  in dieser Entwicklung?

Ich denke, um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal wieder auf die Besonderheiten der Mündlichkeit besinnen. Die haben wir nämlich in der Vergangenheit ziemlich vernachlässigt. Unsere Kultur schätzt das geschriebene Wort symbolisch viel höher ein als das gesprochene. Dabei ist das Sprechen die erste und wichtigste Kulturtechnik, die wir lernen. Sprechen können ist die Voraussetzung für alles.

Sprechen ist riskant, denn Sprache ist niemals eine exakte Abbildung der Wirklichkeit, sondern es gibt immer einen Spielraum. Das heißt, das Wort muss erst noch mit der Realität verknüpft werden: Wie funktioniert das, dass kleine Kinder sprechen lernen?

Würde zum Beispiel eine Mutter, die ihrem Kind den Sinn des Wortes „Stuhl“ erläutern möchte, Definitionen suchen, würde es kompliziert: Ein Stuhl ist ein Möbelstück mit vier Beinen, einer Sitzfläche und unter Umständen einer Lehne. Vielleicht hat er aber auch nur drei oder sogar fünf Beine, und die Lehne kann manchmal auch fehlen. Kein Kind würde das kapieren.

Stattdessen sagt sie: „Das hier ist ein Stuhl.“ Sie bindet das Wort also an eine Realität, die das Kind vorfindet und die es betrifft. Kein Lexikon und kein Google garantiert für die Richtigkeit ihrer Worte, sondern sie mit ihrer Person. Das Kind lernt, dass das hier ein Stuhl ist, nicht, weil es ein abstraktes Konzept verstanden hat, sondern weil es der Mutter glaubt.

Damit das Sprechen funktioniert und Worte nicht nur Worte bleiben, sondern einen Sinn bekommen, ist also nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern auch wer es sagt und zu wem und in welcher konkreten Situation – und zwar nicht nur zwischen Kindern und Eltern, sondern auch später, zwischen Erwachsenen. Autorität entsteht, wenn das Wort einer anderen oder eines anderen mir einen Sinn in der Welt erschließt. Das wissen wir doch alle: Wenn zwei Leute dasselbe sagen, ist es noch lange nicht dasselbe. Sondern welchen Sinn und welche Bedeutung etwas hat, hängt davon ab, wer die beteiligten Personen sind, welche Geschichte sie miteinander haben, ob ich ihnen vertraue, ob sie für mich Autorität haben.

Das Interessante am Internet ist nun, dass wir über die sozialen Netzwerke Beziehungen mit anderen Menschen aufbauen können, die dann in unsere Rezeption ihrer Texte einfließen und ihnen Autorität verleihen: Wir filtern nicht mehr nur die Themen und Schlagworte, die uns interessieren, sondern wir wählen die  Personen aus, und gewichten das, was die eine sagt, als höher als das, was eine andere sagt. Diese Beziehungen hängen nicht von Klarnamen ab und nicht davon, dass ich die bürgerliche Identität der Person kenne, aber sie hängen sehr wohl davon ab, welche Beziehungen sich hier entwickelt haben. Die Autorität einer anderen Person muss sich über einen längeren Zeitraum bewähren, es hat mit Vertrauen und Verlässlichkeit zu tun.

Vor diesem Hintergrund kommen wir nochmal zurück zur Bedeutung von „Originalität“ und Urheberschaft. Ich hörte vor einiger Zeit den Vortrag eines Philosophen, der die These aufstellte, dass gar nicht wir selbst es sind, die sprechen, wenn wir sprechen. Damit wollte er auf die Tatsache hinweisen, dass wir uns unsere Gedanken meistens nicht selbst ausgedacht haben, sondern lediglich wiederholen, was wir von anderen bereits gehört haben. Das stimmt natürlich. Aber es bedeutet noch lange nicht, dass wir nur nachplappern. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen den Worten als solchen, die aus meinem Mund kommen, und der Tatsache, dass sie aus meinem Mund kommen, also dass ich sie auch sage (oder eben, heutzutage, ins Internet schreibe).

Für den Zusammenhang zwischen Autorität und Sprache ist nicht die Originalität des Gesagten oder Geposteten wichtig – meine Mutter hat das Wort Stuhl ja nicht erfunden, als sie mir das Wort beibrachte – sondern dass eine bestimmte Person es ist, die dieses jetzt sagt, die dieses jetzt ins Internet schreibt.

Natürlich habe ich vieles von dem, was ich sage (oder schreibe), mir nicht selbst ausgedacht, sondern es hat sich im Austausch mit anderen entwickelt. Aber das Entscheidende ist, dass ich es in einer bestimmten Situation auch tatsächlich ausspreche, dass ich es mit meiner Autorität und meiner Reputation in ein aktuell stattfindendes Gespräch einbringe. Denn das bedeutet, dass ich bereit bin, mit meiner Person und meinem Körper dafür – im wahrsten Sinn des Wortes – einzustehen.

In den Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam ist es eine verbreitete spirituelle Praxis, heilige Texte laut zu rezitieren. Indem ich das tue, einen Text laut spreche, binde ich das Geschriebene wieder mit meiner Person in der Realität. Es kommt nicht nur darauf an, dass die Worte „dort stehen“, sondern auch darauf, dass sie von Menschen immer wieder ausgesprochen und mit Autorität ausgestattet werden.

Leider ist in der westlichen Kultur diese Verbindung des geschriebenen Wortes mit der Person, die es in einer konkreten Situation ausspricht und damit in der aktuellen Realität verankert, weitgehend verloren gegangen. Schriftliche Texte wurden tendenziell höher bewertet als das mündliche Sprechen, mit fatalen Folgen. Zum Beispiel der, dass „Heilige Texte“ – nicht nur religiöse, sondern auch Gesetze und Verordnungen zum Beispiel – sogar als Argument gegen eine reale Situation herangezogen werden, so als hätten sie eine eigenständige Autorität, die losgelöst von konkreten Menschen und Situationen existiert. Wie gefährlich das ist, können wir ja jeden Tag in der Zeitung lesen.

Schriftliche Texte, die nicht mehr von konkreten Menschen verantwortet werden, sondern denen man eine eigenständige, also im wahrsten Sinne des Wortes unmenschliche Autorität zuspricht, werden zu einer Waffe, mit deren Hilfe man andern Leid zufügen kann, ohne selbst dafür die Verantwortung tragen zu müssen.

Das Internet bietet die Möglichkeit, Text und Körper wieder zusammen zu binden. Texte zirkulieren nicht mehr bezugslos, sondern sie sind jederzeit verknüpfbar mit der Autorin und mit anderen realen Menschen aus Fleisch und Blut, die ihnen Autorität geben (etwa durch Retweets und Posts). Diese große Chance darauf, ein uraltes kulturgeschichtliches Dilemma zu überwinden, sollten wir nutzen.

Das bedeutet nicht, dass man zwangsweise Klarnamen einführen sollte. Klarnamen sind ja nur eine von vielen Möglichkeiten, die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Medienprodukten zu pflegen und ihre Bedeutsamkeit zu würdigen. Worauf es mir ankommt ist, den Wert zu betonen, den diese Möglichkeit der Verknüpfung von Person und medial fixiertem Wort für einen echten Austausch hat. Wir sollten sie bewusst pflegen.


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„Feminismus“ adé: Warum ich in nächster Zeit das F-Wort meiden werde

„Endlich wird mal wieder über Feminismus diskutiert“ – mit solchen und ähnlichen Kommentaren haben einige versucht, dem medialen Strohfeuer nach dem (Anti-)Feminismus-Interview von Bundesministerin Kristina Schröder im Spiegel irgendetwas Positives abzugewinnen.

Ich kann mich dem nicht anschließen. Die Art und Weise, wie das Thema schon seit Längerem diskutiert wird, hat mich davon überzeugt, dass das Wort „Feminismus“ derzeit unbrauchbar ist. Offenbar scheint sich der Bullshit-Faktor erheblich zu erhöhen, wenn es benutzt wird.

Die Idee, dass das Wort „Feminismus“ für die politische Debatte unbrauchbar geworden ist, ist für mich nicht neu. Ina Praetorius, mit der ich ja in vielem übereinstimme, benutzt es schon länger nicht und bezeichnet sich stattdessen als „postpatriarchale Denkerin“. Ich hingegen war bisher der Meinung, dass es sinnvoll ist, wenn ich mich selbst als Feminstin bezeichne und mein Denken in die Tradition des Feminismus stelle, gerade um entsprechenden Klischeebildungen entgegen zu wirken. Und natürlich auch, um diejenigen zu würdigen, die unter diesem „Label“ in der Vergangenheit Großartiges geschrieben, gedacht und geleistet haben.

Natürlich war das schon immer etwas ungenau, weil ganz kluge und originelle Denkerinnen sich vom Feminismus distanziert haben (Hannah Arendt zum Beispiel), und weil andererseits bestimmte Galionsfiguren des Feminismus Ansichten vertreten, die ich für völlig falsch halte.

Aber inzwischen ist es noch mehr, was mir an diesem Begriff Unbehagen bereitet. Und zwar die Beobachtung, dass fast immer, wenn das Wort „Feminismus“ benutzt wird, ein Scheingefecht folgt, das geradezu verhindert, die eigentlichen Themen wirklich in den Blick zu nehmen.

Also: Statt über geschlechtersensible Pädagogik zu diskutieren, statt über die Chancen und Gefahren von Quoten zu diskutieren, statt über die Frage zu diskutieren, welche Bedeutung Kleidung und Mode haben, statt über wirtschaftliche Ungleichheit von Frauen und Männern zu diskutieren und so weiter und so fort – wird darüber diskutiert, welche Position und Meinung zu diesen Themen nun eigentlich „feministisch“ ist und welche nicht.

In ihrem Buch „Unverbrauchte Worte“ hat die italienische Sprachwissenschaftlerin und Diotima-Philosophin Chiara Zamboni gezeigt, wie Worte durch die Art und Weise ihres öffentlichen Gebrauchs untauglich werden, um die Realität und die Sprache in einen fruchtbaren Austausch miteinander zu bringen. Sie erstarren zu Floskeln, zu Definitionshülsen, die leer und nichtssagend werden – Beispiele wären etwa auch „Demokratie“ oder „Gerechtigkeit“. Zamboni plädiert dafür, im politischen Diskurs stattdessen nach „unverbrauchten Worten“ zu suchen, die noch nicht so festgezurrt sind, die Raum lassen für Austausch und für eine kreative Begegnung von Sprache und Realität. Und die deshalb in der Lage sind, Vermittlungen zu schaffen für einen Gedanken, eine Erfahrung, ein Urteil – und also etwas in Bewegung zu bringen.

Vielleicht sind wir tatsächlich an einem Punkt, wo sich der Begriff „Feminismus“ in die Reihe der „verbrauchten Worten“ einfügt. An einem Punkt, wo „Feminismus“ zu einem Wort geworden ist, das nichts in Bewegung setzt, sondern im Gegenteil reflexartigen Schlagabtausch provoziert und uns daran hindert, über das zu sprechen und nachzudenken, was eigentlich wichtig ist.

Ich sage „vielleicht“, weil ich noch immer nicht ganz entschieden bin. Deshalb habe ich vor, einen kleinen Selbstversuch zu starten. In den nächsten sechs Monaten werde ich das Wort „Feminismus“ einmal probehalber aus meinem Sprachgebrauch verbannen. Und mich auch auf Diskussionen über „Feminismus“ nicht mehr einlassen – sondern meine Aufmerksamkeit auf die Themen dahinter richten. Mal sehen, wie das so ist. Und mal sehen, ob mir was fehlt.


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