Warum ich das Wort „Schmarotzer“ liebe

Foto: Apolemus/Flickr.com - Lizenz CC BY-NC-SA

Schmarotzer sind ganz normal, so wie dieses Prachtexemplar. Auch zur menschlichen Natur gehört das Schmarotzertum unweigerlich dazu. Man sollte nur wissen, wie es geht. Foto: Apolemus/Flickr.com – Lizenz CC BY-NC-SA

Nach meinem gestrigen Post gab es wieder viele Reaktionen auf meine unbekümmerte Verwendung des Wortes Schmarotzer. Das war ja ein Selbstzitat: Schon vor einiger Zeit habe ich das Wort „Internetschmarotzer_innen“ erfunden, für diejenigen Leute, die nur Sachen aus dem Internet herausholen und nichts reinschreiben. Schon damals war in den Kommentaren heftig darüber diskutiert worden, ob man das Wort verwenden darf. Ich meine (obviously): Ja.

Ob Worte funktionieren und so verstanden werden, wie ich sie gemeint habe, liegt natürlich nicht in meiner Hand. Das ist eine Sache des Experimentierens. Im Fall des „Internetschmarotzertums“ hat es allerdings funktioniert. Ich werde bis heute immer wieder auf dieses Wort angesprochen, vor allem wenn ich außerhalb des Internets Menschen – meistens Frauen – begegne, die das Wort auf sich selbst beziehen und es offenbar genauso verstanden haben, wie ich es gemeint habe. Sie sagen zum Beispiel Sachen wie „Ich bin ja auch so eine Internetschmarotzerin, über die du neulich geschrieben hast“, und sie sind mir deshalb gar nicht böse. Offenbar haben sie es – meiner Intention entsprechend – nicht als moralischen Vorwurf empfunden, sondern als einen Hinweis, der sie zum Nachdenken angeregt hat. Tatsächlich haben sich im Anschluss an meinen damaligen Post viele interessante und weiterführende Debatten und Gespräche ergeben.

Ich glaube, das liegt daran, dass Schmarotzen einfach ein schönes Wort ist, das sowohl ästhetisch wie auch inhaltlich noch nicht auf den Friedhof der ausgestorbenen Wörter gehört. Man kann damit etwas nach wie vor Wichtiges benennen.

Der Hauptgrund, warum ich dieses Wort verwendet habe, ist, dass es mir gefällt. Ich spreche (und blogge) immer möglichst spontan, also ohne Wörter auf die Goldwaage zu legen, weil ich glaube, dass es etwas bedeutet, wenn Wörter mich anziehen (oder abstoßen). Und „Schmarotzer“ ist so ein Wort, das mich anzieht. Vor Jahren habe ich mir über diesen Unterschied zwischen „schönen Wörtern“ und „Scheißwörtern“ schon mal Gedanken gemacht, damals war mein Ausgangswort „Balustrade“, das ich auch sehr schön finde, aber es ist natürlich auch weitaus weniger kontrovers.

Es ist mit Wörtern immer so eine Sache, verschiedene Menschen verstehen sie unterschiedlich, und Schmarotzertum ist sicher ein sehr belastetes Wort, weil es so oft moralisch und abwertend gebraucht wurde und wird – nach dem Motto: Du lebst auf Kosten anderer, schäm dich, arbeite mal was! Das zieht dann gewöhnlich die Gegenreaktion nach sich: Stimmt gar nicht! Ich bin kein Schmarotzer, ich habe mir das verdient, das ist mein gutes Recht und so weiter. Aus dieser Diskursfigur entstammt wohl die große Ablehnung dem Begriff gegenüber.

Wer hier schon ein bisschen länger liest, weiß, dass ich das anders sehe. Erstens finde ich moralische Argumentationen ohnehin sinnlos und zweitens und vor allem finde ich Schmarotzertum ganz normal. Wir alle leben schließlich auf Kosten anderer, das gehört sozusagen zur contitio humana untrennbar dazu. Eine Freundin schrieb auf Facebook unter meinen Post von gestern, sie müsse aber eine Internetlektüreschmarotzerin sein, weil sie sonst keine Zeit zum Übersetzen wichtiger Texte hätte. Das finde ich völlig okay. Wichtig ist nicht, dass sie nicht schmarotzt, wichtig ist, dass sie weiß, dass sie es tut, und verantwortlich damit umgeht.

Zum gekonnten Schmarotzen gehört dazu, dass man sich dessen bewusst ist – dass man nämlich an einem bestimmten Punkt auf Kosten anderer lebt – und das nicht verschleiert, sondern sich zum Beispiel dafür dankbar zeigt. Ich hatte mal einen Freund, der wenig Geld hatte, und für den ich ganz häufig mitbezahlte. Seine Geldnot war größtenteils selbst gewählt, er strengte sich nämlich mit dem Geldverdienen nicht sonderlich an. Ich hatte überhaupt nichts dagegen, oft für ihn zu bezahlen, ich wusste, worauf ich mich einließ und hatte mich ja dafür entschieden. Nicht zufrieden war ich hingegen damit, dass er sich weigerte, diesen finanziellen Aspekt unserer Beziehung realistisch anzuerkennen. Es war für ihn wie ein Tabu. Immer wenn ich es aussprach, dass ich fast alles bezahlte und er nichts, machte er mir eine regelrechte Szene und stellte es so dar, als würde ich mir das nur einbilden. Deshalb verlor ich irgendwann die Lust daran und beendete die Beziehung.

Schmarotzertum ist okay, aber nur, solange man verantwortlich und realistisch damit umgeht und es nicht unter den Teppich kehrt und die Illusion erweckt, man würde gar nicht schmarotzen. Das heißt, wenn ich sage: „Das ist Internetlektüreschmarotzertum“, dann meine ich das nicht moralisch in dem Sinn von „das dürft ihr nicht machen“, sondern realistisch in dem Sinn von „das ist es, was ihr macht, beachtet bitte die Konsequenzen und übernehmt dafür Verantwortung“.

Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.

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Zu der aktuellen Debatte um rassistische Begriffe in Büchern und die Frage, ob man „Klassiker“ verändern kann, soll oder muss, möchte ich nun doch auch noch einen Aspekt beisteuern, der mir in der bisherigen Diskussion fehlt, nämlich die Bedeutung des Kontextes.

Wörter haben keine fixen, absoluten Bedeutungen, sondern was ein Wort bedeutet, ergibt sich überhaupt nur aus dem Kontext, in dem es benutzt wird. Auch das viel diskutierte N-Wort ist für sich genommen nichts anderes als eine Aneinanderreihung von fünf Buchstaben. Würde ein Marsmensch dieses Wort aussprechen, der in keinerlei Beziehung zur Erde stünde, würde es überhaupt keine Bedeutung haben, es wäre sinn-los.

Wenn ich mich entscheide, ein Wort zu gebrauchen oder nicht, dann trage ich so oder so zur Prägung des jeweiligen Wortkontextes bei, wobei ich mich immer in einer Zwischenposition befinde: Einerseits kann ich ein Wort nicht unabhängig von der „Bedeutungswolke“ verwenden, die es im Lauf der menschlichen Geschichte bereits angenommen hat. Gleichzeitig aber trage ich mit der Art und Weise, wie ich ein Wort gebrauche (oder eben nicht) selbst auch wieder dazu bei, diese Bedeutungswolke auf die Zukunft hin zu verändern.

Was mich an der bisherigen Diskussion vor allem stört ist, wenn diese eigene Verantwortung nicht reflektiert wird. Es geht nicht darum, herauszufinden, was ein Wort „wirklich“ bedeutet, denn wir befinden uns hier nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Beweise, die durch logische Deduktion oder im Experiment verifiziert oder falsifiziert werden können. Wir befinden uns auf der Ebene einer politischen Auseinandersetzung, in der die Sprecherin ein politisches Urteil fällt, für das sie eben auch die Verantwortung zu tragen hat.

Es ist unausweichlich, dass sich die Bedeutung von Wörtern im Lauf der Zeit verändert, weil sich der Kontext ändert, in dem die Menschen leben, und entsprechend eben auch der Kontext, in dem diese Wörter gebraucht werden. Deshalb ist ein Buch, das über hundert Jahre hinweg sprachlich nicht verändert wird, schlicht und einfach nicht mehr dasselbe Buch.

Ganz banal: Ein Buch enthält Worte, die zu der Zeit, in der es geschrieben wird, völlig geläufig sind –zum Beispiel „Schuhwichse“. Hundert Jahre später benutzt kein Mensch mehr dieses Wort. Damit nimmt die entsprechende Textstelle einen anderen Charakter an. Während die Zeitgenossinnen des Autors einfach drüber hinweglesen, weil „Schuhwichse“ für sie ein völlig normales Alltagswort ist, wird ein Leser hundert Jahre später an dieser Stelle stolpern und unter Umständen erst einmal googeln müssen, was dieses „Schuhwichse“ eigentlich sein soll.

Das heißt: Texte einfach so zu lassen wie sie sind, ist keine Lösung, denn gerade weil sie sich nicht ändern, ändern sie sich in Wirklichkeit sehr. Das ist der große Unterschied zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort: Das geschriebene Wort wird durch die Verschriftlichung von seinem Kontext gelöst (das genau ist ja ihr Zweck), während das gesprochene Wort immer direkt an seinen Kontext gebunden ist, nämlich an den Ort und die Situation, in der sich der Körper der Sprechenden in dem jeweiligen Augenblick befindet.

Für das verschriftlichte Wort gilt also ganz besonders das, was Tomasi di Lampedusa seinerzeit so schön auf den Punkt gebracht hat: „Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist.“ Und die Frage ist nicht, ob, sondern wie Texte im Lauf der Zeit verändert werden müssen. Denn wenn sie nicht verändert werden, sind sie irgendwann schlicht und ergreifend unbrauchbar und taugen nur noch für Archive oder Museen.

Im Falle von rassistischer oder sexistischer Sprache geht es aber nicht nur um die Bedeutung von einzelnen Wörtern, sondern viel allgemeiner um die Bedeutung von Ideen und ihre symbolische Repräsentationen in der Sprache.

Mit diesem Thema habe ich mich im Zusammenhang mit meiner Doktorarbeit intensiv auseinandergesetzt, bei der es um die politischen Ideen der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert ging. Um zum Beispiel die Meinungen und Ansichten, die damals zur „Rolle der Frau“ geäußert wurden, einordnen zu können, nützt es nichts, sie einfach mit der heutigen Sicht abzugleichen. Es ist nämlich nicht dasselbe, ob jemand im Jahr 1868 gegen das Frauenwahlrecht ist oder im Jahr 2013. Natürlich ist es damals wie heute „frauenfeindlich“, nur Männern das Recht zuzusprechen, in politischen Gremien Entscheidungen zu fällen. Aber es ist eben nicht auf dieselbe Weise frauenfeindlich. Es ist ein Unterschied, ob eine solche Ansicht in einem gesellschaftlichen Kontext vertreten wird, wo das Frauenstimmrecht nur von einer kleinen radikalen Minderheit gefordert wird, oder in einem Kontext, wo es seit langem eine selbstverständliche Realität ist.

Andersrum: Wenn ich bestimmte linke Denker des 19. Jahrhunderts für ihre Position in Punkto „Rolle der Frau“ als Antifeministen kritisiere (zum Beispiel Proudhon), wird häufig zu deren Verteidigung angeführt, damals wäre das doch allgemein übliche Meinung gewesen. Das ist dann genau der Punkt, wo die historisch-ideengeschichtliche Forschung einsetzt und ich genau das nachprüfe: Ist das damals wirklich allgemein verbreitete Meinung gewesen? Wo genau, auf welcher Seite des damaligen Spektrums, hat sich Proudhon zum Beispiel positioniert? In seinem Fall lässt sich klar zeigen, dass seine Äußerungen wie, man müsse eine Frau eher hinter Schloss und Riegel sperren als sie politisch mitreden zu lassen, keineswegs nur für heutige Ohren frauenfeindlich klingt, sondern auch schon für damalige Verhältnisse. Denn die meisten Menschen waren auch damals schon anderer Ansicht.

Genau diese Frage, nämlich wo ein historischer Autor oder eine historische Autorin sich damals im Diskurs verortet hat, ist meiner Ansicht auch das Kriterium, anhand dessen zu entscheiden ist, in welcher Weise seine oder ihr Texte für heute aktualisiert werden müssen. Es wäre zum Beispiel ganz falsch, die frauenfeindlichen Abschnitte in Proudhons Büchern zu glätten oder zu verändern, um den Rest seines Werkes in die heutige Zeit zu „retten“, denn – Antifeministen wie er sind nicht zu „retten“. Im Gegenteil müsste man fragen, inwiefern nicht auch der Rest seiner Ideen dementsprechend heute unbrauchbar geworden ist.

Ähnlich ist es bei der aktuellen Frage, ob rassistische Begriffe aus Kinderbüchern (also Büchern, die nicht von Historikerinnen gelesen werden, sondern von Kindern, Kontext!) zu streichen sind.

Entweder der betreffende Autor war auch in seinem zeitgenössischen Kontext ein Rassist (also verglichen mit dem Spektrum an Meinungen, das damals vertreten wurde) – dann gehören seine Bücher aber auch sowieso nicht in den alltäglichen Gebrauch, sondern ins Archiv oder ins Museum.

Oder aber der betreffende Autor oder die Autorin war im damaligen Kontext eher auf der antirassistischen Seite (ich denke zum Beispiel an die Bücher von Harriet Beecher-Stowe, die eine engagierte Kämpferin gegen die Sklaverei war, deren sprachliche Formulierungen aber zum Teil trotzdem rassistisch sind, vor dem Hintergrund all dessen, was in den seither vergangenen 150 Jahren diskutiert und herausgearbeitet worden ist) – dann wäre es geradezu eine Verfälschung des Originaltextes, solche Formulierungen einfach weiter so stehen zu lassen.

Mann Meier

Diese Initiative war mir bisher entgangen, aber richtig ist der Denkansatz:

Die Initiative für sprachliche Gleichstellung ruft dazu auf, ab sofort unter Berufung auf das im Grund­gesetz verankerte Gleich­berechtigungs­gesetz eine neue Anrede für Männer zu ver­wenden. Die veraltete Anrede HERR wird zur Anrede MANN. Durch die neue Anrede werden Männer nicht mehr als Herren auf­ge­rufen, angeredet und an­ge­schrieben, sondern als gleich­berechtigte Männer. Damit werden Gleich­wertigkeit und Gleich­stellung zwischen Frauen und Männern ausgedrückt. Die gebräuchlichen Anreden „Herr“ und „Frau“ sind nicht gleich­wertig und vermitteln keine sprachliche Symmetrie.

weiterlesen hier: http://www.anrede-mann.de/

Von der hohen Kunst, “Kackscheiße” zu sagen oder auch nicht

Haha, lustig. Malte Welding erklärt den Antirassist_innen und Feminist_innen, dass es für einen ernsthaften Diskurs nicht zuträglich ist, dem Gegenüber zu sagen, er oder sie produziere sexistische und rassistische “Kackscheiße”.

Foto: T. Michel/fotolia.com

Echt jetzt? Da wäre man ja von selber gar nicht drauf gekommen.

Nadia Shehadeh hat schon eine Erwiderung darauf geschrieben, in der sie den überheblichen Gestus, der Weldings Ermahnungen zugrunde liegt, gut dekonstruiert (und btw damit zeigt, dass Überheblichkeit auch nicht gerade ein gutes Stilmittel ist, um das Gegenüber von irgendwas zu überzeugen).

Aber ganz davon abgesehen geht Weldings Einwand natürlich vollkommen am Thema vorbei, weil “Kackscheiße” inzwischen das Mem geworden ist, mit dem in einem bestimmten Kontext gerade ausgedrückt werden soll, dass hier die Diskussion am Ende ist. Es ist gerade der Sinn dieses Wortes, genau diesen Schnitt und diesen Bruch anzuzeigen.

Wenn man also das Phänomen, dass dieses harsche Wort neuerdings in bestimmten Kontexten Verwendung findet, ernsthaft analysieren will, müsste man damit beginnen, verstehen zu wollen, warum hier Leute eine Grenze ziehen und somit markieren, dass sie nicht zur Diskussion bereit sind, und dann könnte man darüber reflektieren, ob diese Diskussionsverweigerung sinnvoll ist oder nicht.

Ich selber benutze den Begriff “Kackscheiße” selten oder nie, obwohl ich auch oft keinen Bock mehr aufs Diskutieren habe. Allerdings nicht aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten meines Gegenübers, sondern weil ich den Begriff “Scheiße” generell nicht mehr metaphorisch benutzen möchte. Ich bin nämlich zusammen mit meinen Denkfreundinnen beim Schreiben des “ABC des guten Lebens” zu der Einsicht gekommen, dass man viel öfter über Scheiße im realen Sinn sprechen müsste, und dass es dafür nicht gut ist, wenn das Wort eine Metapher für alles Böse und Schlechte ist.

Zurück aber zur eigentlich interessanten Frage: Wie steht es um die Notwendigkeit, Dinge zu vermitteln? (Auch das ist ein wichtiges Wort in unserem ABC.)

Richtig ist: Vermittlungen zu suchen ist die einzige Möglichkeit, Leute zu überzeugen und eine wirkliche politische Diskussion zu führen. Ihnen dabei “sexistische Kackscheiße” an den Kopf zu werfen, ist normalerweise kontraproduktiv.

Falsch ist: Dass wir alle verpflichtet sind, ständig und überall und mit allen Leute politische Diskussionen zu führen.

Und zwar nicht nur, weil wir müde sind, keinen Bock haben und so weiter, sondern aus einem viel wichtigeren Grund: Um eine echte Diskussion zu führen, ist es notwendig, eine Beziehung zum Gegenüber einzugehen. Mit manchen Menschen und in manchen Situationen ist das aber nicht möglich, oder es wäre zwar möglich, aber nicht sinnvoll.

Die Arbeit an Beziehungen war eine der wesentlichen feministischen Praktiken, die die Frauenbewegung in den 1970er Jahren erfunden hat. Sie stellte nicht politische Programme und Forderungen, sondern den Wunsch nach guten Beziehungen in den Mittelpunkt.

Gute Beziehungen, wohlgemerkt, nicht irgendwelche Beziehungen. Dass Frauen allzu häufig ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um schlechte und schädliche Beziehungen aufrecht zu erhalten, hat die Frauenbewegung als Teil des Problems erkannt. Dass nicht jede Beziehung es Wert ist, aufrecht erhalten zu werden, ist am offensichtlichsten natürlich, wenn Gewalt im Spiel ist. Es gilt aber auch in anderen Fällen.

Zur politischen Praxis der Frauenbewegung gehörte es deshalb, sowohl bewusst Beziehungen zu anderen Frauen und feministischen Männern einzugehen, als auch – und das ist wichtig – Beziehungen aufzukündigen, in denen gutes Leben nicht möglich ist, weil sie von Gewalt und Macht dominiert sind und das Gegenüber nicht bereit ist, davon runterzukommen.

Eine sehr radikale Auswirkung davon war der Separatismus, also die Entscheidung, die politische Zusammenarbeit mit Männern generell aufzukündigen, wozu auch die Bewegung der “politischen Lesben” gehörte. Das war eine sehr wichtige Praxis, auch wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse uns inzwischen woanders hin gebracht haben und sie, wie jede Praxis, überdacht werden muss.

Inzwischen ist das Pendel aber vielleicht schon wieder ins Gegenteil umgeschlagen, und das Mantra “Der Feminismus muss Männer einbeziehen” wird für meinen Geschmack zuweilen etwas zu oft und laut und zu pauschal gesungen.

Vielleicht ist der zunehmende Wunsch, auch mal “Kackscheiße” zu sagen, also die Beziehung und die Diskussion aufzukündigen, ein Ausdruck davon, dass jetzt die Frage ansteht: Mit welchen Männern wollen wir zusammenarbeiten – und mit welchen nicht? Wobei, wohlgemerkt, “zusammenarbeiten” nicht bedeutet, dass man einer Meinung ist, sondern dass man sich gegenseitig als aufrichtigen Gesprächspartner, Gesprächspartnerin ernst nimmt.

Der Punkt ist doch, dass es  keine generellen Regeln gibt, an denen man sich im politischen Handeln orientieren kann. Die Kunst in der Politik besteht darin, in einer jeweiligen Situation dies oder jenes zu tun, das ist eben eine Sache der Praxis, der Erfahrungen, die gesammelt und reflektiert werden.

Es ist, in anderen Worten, die Kunst, mal “Kackscheiße” zu sagen (oder etwas anderes zu tun, um zu signalisieren, dass man jetzt und mit dieser Person nicht diskutieren, also sich nicht in eine Beziehung setzen möchte), und mal aber auch nicht.

Männliche Sprache ist nicht nur generisch…

Die Diskussionen über meinen letzten Blogpost zum generischen Maskulinum noch im Kopf las ich gestern im Zug die aktuelle Brandeins mit einem Artikel von Peter Lau über “Menschen, Hippies, Lina: Ein Nein ist für alle lehrreicher als ein Ja”, und dabei fiel mir auf, dass man das Thema wirklich über die rein grammatikalisch-sprachliche Ebene hinaus ausweiten muss. Eigentlich habe ich die Kolumnen von Peter Lau immer sehr geschätzt und fand es schade, dass er in letzter Zeit nicht mehr in Brandeins geschrieben hat, aber in diesem Artikel liefert er leider wirklich ein Paradebeispiel für Texte, die angeblich geschlechtsneutrale Thesen verbreiten, dann aber Frauen ausschließen – sprachlich und letztlich auch inhaltlich. Und zwar ganz ohne dabei die Grammatik zu Hilfe zu nehmen.

So würdigt er das “Erbe der Hippies” an einigen Beispielen und schreibt dann: “All dies haben natürlich nicht einige Langhaarige durchgesetzt, ….”. Die “Langhaarigen” sind grammatikalisch nun keine männliche Form, aber dennoch eine sprachliche Umschreibung der “Hippies”, die ausschließlich Männer im Fokus hat. Denn bei den Hippies war nur die “Langhaarigkeit” der Männer eine Besonderheit, Frauen hatten auch vorher schon lange Haare, unabhängig davon ob sie Hippies waren oder nicht. Die Rede von den “Langhaarigen” schließt Frauen also sprachlich aus, wenn auch nicht grammatikalisch, denn sie evoziert das Bild einer Bewegung, die nur aus Männern bestanden habe.

Dieses “exklusiv männliche” Schreiben über Bewegungen, die in Wirklichkeit aus Männern und Frauen bestehen, lässt auf eine beschränkte Wahrnehmung der Realität schließen. Peter Lau liefert genau dafür dann sogar noch den Beweis, wenn er etwas später schreibt: “Will ich als Angestellter Tag für Tag Tabellen füllen? Oder lieber auf einer Harley-Davidson mit einer barbusigen Blondine durch die Wüste cruisen?” Der Angestellte ist nicht nur ein generisches Maskulinum, sondern ein tatsächlicher Mann.

Das ist nicht weiter schlimm, es spricht nichts dagegen, dass Männer Artikel über männliche Perspektiven auf die Welt schreiben, aber das sollten sie dabei reflektieren und nicht den Anschein erwecken (und damit den Anspruch erheben), sie würden geschlechtsneutrale Artikel über angebliche post-gender-frauen-mitmeinende Themen schreiben.

Schön passend dazu übrigens links von dem Artikel die Anzeige zu einem Schweizerischen Marketing-Tag unter dem Titel “Macher, Macht und Märkte” mit sechs männlichen Speakern. Thema: “Wie neue Geschäftsfelder entstehen und funktionieren. Und wie man sie nutzt.” Generisches Maskulinum, my ass.

Generisches Maskulinum, generisches Femininum


BU: Die Lüge, dass das generische Maskulinum beide Geschlechter meinen würde. Meist muss man Texte bis ganz zum Ende lesen, um sie zu entlarven

Über einen Hinweis im Blog von Bisexualität.org kam ich auf einen interessanten Blogpost von Anatol Stefanowitsch auf Scilogs über neuere Ergebnisse empirischer Studien zum Thema Geschlecht und Sprache.

Insbesondere die Behauptung, weibliche Formen zu benutzen sei nicht notwendig, weil die männliche Form im Deutschen beide Geschlechter meinen würde, also in Wahrheit geschlechtsneutral sei (im Fachjargon: generisches Maskulinum) wurde in diesen Studien klar widerlegt. Ebenso widerlegt wurde der immer wieder vorgebrachte Einwand gegen weibliche Endungen, wonach diese angeblich die Verständlichkeit von Texten beeinträchtigen.

Die vorgestellten Studien zeigen, dass beides nicht stimmt: Wird das generische Maskulinum benutzt, also zum Beispiel von „den Sozialarbeitern“ gesprochen, stellen sich die meisten Menschen auch unweigerlich Männer vor und keine Frauen. Andererseits hatten die Probandinnen und Probanden keine Verständlichkeitsprobleme mit Texten in inklusiver Sprache. Stefanowitsch resümiert das alles gut, wenn er schreibt:

Mit anderen Worten: Geschlechtergerechte Sprache hat keinen negativen Einfluss auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten. Wohl aber hat sie einen Einfluss auf die Einbildung männlicher Leser.

Es lohnt sich unbedingt, den Blogpost in Gänze durchzulesen. Ebensfalls interessant ist ein älterer Blogpost von Stefanowitsch, in dem er sich allgemeiner mit diskriminierender Sprache  beschäftigt.

Widersprechen möchte ich ihm jedoch an dem Punkt, wo er in Frage stellt, ob die geschlechtliche Unterscheidung von Personen in der Sprache überhaupt sinnvoll ist:

Es gibt sicher einige wenige Situationen, in denen es eine Rolle spielt, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist (für viele Menschen spielt das bei der Partnerwahl eine Rolle und für Versicherungen ist es aufgrund der unterschiedlichen Lebenserwartung interessant). Aber objektiv betrachtet sind diese Situationen insgesamt recht selten. Es ist unsere Sprache, die uns einredet, es handle sich um einen wichtigen, alles durchdringenden Unterschied, und es ist unsere Sprache, die uns dazu zwingt, diesen Unterschied stets und ständig zu erwähnen, auch dort, wo er absolut nichts zur Sache tut.

Das sehe ich anders. Die Geschlechterdifferenz durchzieht unsere Kultur auf eine ganz grundlegende Weise, wie wir seit de Beauvoirs Analyse in „Das andere Geschlecht“ wissen. Mir fällt kein einziges Thema ein, in dem sie keine Rolle spielt, von der Politik über Stadtplanung bis zur Mathematik. Es ist also kein Defekt der Sprache, dass sie mit dem Bezeichnen von Geschlechtern so einen Murks macht, sondern dieser sprachliche Murks bildet nur den realen Murks ab, mit dem wir es an diesem Punkt zu tun haben. Das Problem lässt sich daher auch nicht auf einer sprachlichen Ebene allein lösen. Die Sprache zu verändern, ist lediglich EIN wichtiger Punkt, an dem man dabei ansetzen kann. Aber nicht als Lösung, sondern um uns für die Realität zu sensibilisieren. Ich habe neulich schonmal darüber gebloggt, warum es zum Beispiel nichts hilft, einfach schematisch die männlichen Personenbezeichnungen mit weiblichen zu ergänzen.

Aber ich finde auch ein anderes Vorgehen interessant, das zum Beispiel die Bundesgeschäftsführerin der Piraten, Marina Weisband, in einem Vortrag anwendet: Nämlich die strikt männliche Form zu benutzen, sie aber mit weiblichen Bildern zu konterkarieren – also von „dem Politiker“ zu sprechen und dabei Folien von einer Frau zu zeigen. Auf diese Weise erzwingt sie die gedankliche Anstrengung, die empirisch notwendig ist, um sich unter einem Maskulinum eine Frau vorzustellen. Frauen haben diese Stilmöglichkeit generell, denn sie können ja ihre eigene körperliche Erscheinung ins Spiel bringen, wenn sie sich selbst als „Mathematiker“ präsentieren. Alle SEHEN dann ja, dass da eine Frau steht, trotz männlicher Bezeichnung. Männer haben diese Möglichkeit allerdings nicht – es sei denn, sie sprächen von sich in einer weiblichen Form, also im generischen Femininum. Ich habe aber noch nie gesehen, dass einer das getan hat.

Jedenfalls denke ich, es ist eine Illusion, das Dilemma unserer Kultur, wonach das Männliche die Norm, das Weibliche aber die Abweichung darstellt, mit einer pauschalen sprachlichen Strategie lösen zu können. Was wir brauchen, das ist mehr Einfallsreichtum und vor allem Kreativität in konkreten Kontexten. Was in der einen Situation eine gute Strategie ist, kann in einer anderen Situation möglicherweise nicht funktionieren.

Denn dass Frauen „mitgemeint“ sein sollten, ist ja nur das eine. Ein viel schwerwiegenderes Problem ist meiner Ansicht nach in der Tat, dass es kein „generisches Femininum“ gibt, das heißt, dass Frauen beziehungsweise weibliche Bezeichnungen niemals für das Allgemeine stehen können. Das führt dazu, dass bestimmte Sachverhalte gar nicht ausgedrückt werden können, zum Beispiel ist es unmöglich, eine Frau aus einer gemischten Gruppe herauszuheben. So stellte die taz neulich „Die einzige Plattenladenbesitzerin“ Deutschlands vor – gemeint war ganz offensichtlich die einzige weibliche Plattenladenbesitzerin. Hier ist das generische Maskulinum keine Lösung, denn “Der einzige Plattenladenbesitzer” hätte eine ganz andere inhaltliche Bedeutung – diese Formulierung bezeichnet einen Mann, der sich aus einer gemischten Gruppe hervorhebt.

Wie aber drücken wir es aus, wenn eine Frau besonders ist im Bezug auf eine gemischte Gruppe? Oder wenn ein Mann besonders ist, aber nur im Bezug auf andere Männer? Bisher geht das, rein sprachlich, überhaupt nicht.

Doch die Welt ändert sich. Die Notwendigkeit auch das generische Femininum denken zu können, wird immer wichtiger werden, wenn Frauen zunehmend öffentliche Positionen einnehmen. Der Sprache wird etwas dazu einfallen, ich bin mir ganz sicher.

Inklusive Sprache, jetzt auch automatisiert

Gerade habe ich entdeckt (über eine kurze Notiz in der Zeitschrift “Wir Frauen”), dass es neuerdings ein “Gendering Add-In” für Microsoft Word gibt, das dabei helfen soll, inklusive Sprache zu verwenden. Ich habe es grade mal ausprobiert, und es funktioniert in der Tat ziemlich einfach: Man installiert es, und dann wird, sobald man Word aufruft, ein neuer Reiter namens “Gendering” angezeigt. Wenn man nun irgend einen Text bearbeitet, kann man darauf klicken und alle männlichen Personenbezeichnungen werden angezeigt mit dem Vorschlag, das zu verändern.

Mal abgesehen davon, dass es nur so halbgut funktioniert, nehme ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Schon lange warte ich nämlich darauf, dass jemand das “Hineinschreiben” der weiblichen Formen automatisiert. Damit erweist man meiner Ansicht nach dem eigentlichen Anliegen einen Bärendienst. Denn das Anliegen besteht doch eigentlich darin, für die “Männlichkeit” der deutschen Sprache zu sensibilisieren – und nicht darin, sich dieses lästige Thema durch Automatisierung vom Hals zu schaffen.

Der Ursprung des Dilemmas liegt bekanntlich darin, dass die männliche Form in der deutschen Grammatik nicht allein männlich ist, sondern (je nach Bedarf) allumfassend sein kann, also das Weibliche mitumfassen soll. Allerdings nicht immer. Frauen sind manchmal mitgemeint, manchmal aber auch nicht. Das ist nicht nur ein sprachliches Problem, sondern eines unserer Weltsicht allgemein, in dem das Männliche das “Normale” und Allgemeingültige ist, das Weibliche aber – und das ist die Krux – gerade nicht. Es ist für sich genommen erstmal unnormal, und wird normal erst, wenn es dem Männlichen gleicht. Dem ist auf einer nur sprachlichen Ebene nicht beizukommen.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich halte inklusive Sprache für unverzichtbar. Aber sie darf sich eben genau nicht darin erschöpfen, die weiblichen Formen automatisch zu ergänzen. Denn das kann dann auch als Vorwand dienen, das eigentliche Problem gerade nicht anzugehen, weil man nach außen hin der Pflicht genüge getan hat. Wichtiger als die “korrekte” Verwendung inklusiver Sprache ist meiner Ansicht nach, dass Menschen, die sprechen und schreiben, sich darüber bewusst sind, inwiefern das, was sie sagen, Geschlechter betrifft, umfasst, oder eben auch nicht.

Im Übrigen bin ich auch der Ansicht, dass die Tatsache, dass das Deutsche eine “Männersprache” ist (Luise Pusch) dazu geführt hat, dass Frauen flexibler im Denken sind. “Die Hälfte der Flüchtlinge hat in der Heimat eine Frau und Kinder zurückgelassen” las ich zum Beispiel vor einiger Zeit in einer Zeitung.  Wenn wir einen solchen Satz lesen, dann glauben wir keine Sekunde, dass die Hälfte der Flüchtlinge lesbisch sei. Als Frauen haben wir von klein auf geübt, ständig zu reflektieren, ob wir nun “mitgemeint” sind oder eben nicht – und das ist keineswegs ein Defizit in unserem Denken, sondern eine Fähigkeit, die wir schätzen sollten. Und die eigentlich alle Menschen haben sollten.

Männern geht diese Fähigkeit zur Unterscheidung allerdings oft ab. Es fällt ihnen (wie zum Beispiel dem Autor des zitierten Textes) schwer, zu unterscheiden, wann von ihnen als Männern die Rede ist, und wann von Menschen allgemein. Sie glauben, das sei dasselbe, womit sie sich natürlich irren. Wenn ein Mann gegen inklusive Sprache polemisiert, so meine Erfahrung, dann tut er es selten aus bloßer Frauenfeindlichkeit, sondern weil er tatsächlich nicht versteht, was das bringen soll.

Auch viele Frauen mögen allerdings keine inklusive Sprache, und auch das ist ein Phänomen, das ernst genommen werden sollte und dem man nicht mit Moral (oder Word-Add-Ins) beikommen kann. Die Gründe für die weibliche Skepsis gegen weibliche Endungen sind sehr komplex und vielfältig, und sie aufzudröseln würde an dieser Stelle zu weit führen (mach ich vielleicht ein anderes Mal).

Wie auch immer: Wenn Leute bloß in dem Bemühen, politisch korrekt zu sein, beide Formen verwenden, aber eigentlich gar nicht so genau wissen, warum sie das machen sollen, dann schafft das ganz sicher kein Verständnis, sondern verschleiert nur das Problem. Deshalb ist es mir letzen Endes lieber, wenn  jemand in so einem Fall rein männlich spricht. Dann weiß ich wenigstens, wo ich mit ihm – oder ihr – dran bin.

Übrigens ist diese Gewohnheit, männliche Formen für beide Geschlechter zu verwenden, tatsächlich zumindest zum Teil auch  eine Folge der Emanzipation. Denn viele Menschen sehen keinen Grund mehr, warum es heutzutage überhaupt noch notwendig sein sollte, zwischen verschiedenen Geschlechtern zu unterscheiden. Denn es gibt doch gar keinen Unterschied, meinen sie. Ist es nicht völlig irrelevant, ob jemand Frau, Mann oder Eichhörnchen ist? (Danke für diese Inspiration an den Kegelklub der Berliner Piratinnen (Männer und Eichhörnchen sind mitgemeint))

Dass das Sprachgefühl im 19. Jahrhundert noch anders war, darüber stolperte ich kürzlich in dem Roman “Revolution und Contrerevolution” von Louise Aston, den ich gerade lese. An einer Stelle (S. 181) schildert sie eine Zusammenkunft von drei Personen, zwei Männern und einer Frau. Und da sie die Gruppe weder auf einen männlichen noch auf einen weiblichen Nenner bringen will, schreibt sie: “Keines von den Dreien sprach ein Wort”.

Wann eigentlich ist dem Deutschen diese elegante Lösung abhanden gekommen?


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