„Gegenderte“ Sprache: Es geht nicht um Diskriminierung, sondern um Sichtbarkeit

Nele Pollatschek hat im Tagesspiegel einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer“. Darin weist sie auf den Umstand hin, dass durch sprachliche Verwendung von weiblichen und männlichen Formen (statt des generischen Maskulinums) das Geschlecht von Personen eine größere Bedeutung annimmt, weil man ständig darauf hingewiesen wird, und stellt deshalb die These auf, dass inklusive Sprache die Diskriminierung von Frauen erhöhe und nicht bekämpfe (Ich finde das Wort Gendern falsch, weil auch das generische Maskulinum eine gegenderte Sprache ist).

Anatol Stepanowitsch hat aus linguistischer Sicht bereits einige Gegenargumente hier gesammelt.

Mir ist aber etwas anderes wichtig. Und zwar die Erinnerung daran, dass Pollatscheks Argumentation nicht neu ist, sondern in den 1990ern innerhalb des Feminismus stark diskutiert wurde, vor allem auch in Auseinandersetzung zwischen Feministinnen aus BRD und DDR, da in der DDR genau jenes „Frauen mitmeinende Maskulinum“ üblich war, das Pollatschek nun in Großbritannien auch wiedergefunden hat. Zu sagen „Ich bin Ingenieur“ war für Frauen in der DDR ganz üblich, und selbstverständlich hat dieses sprachliche „Mitgemeintsein“ genau das Potenzial zu Gleichstellung, das Pollatschek in ihrem Artikel beschreibt (mit den Einschränkungen, auf die Stepanowitsch hinweist).

Aber: Genau das, nämlich Gleichstellung und Aufhebung von Diskriminierung, war eben nicht das (alleinige) Anliegen des Feminismus in den 1980er und 1990er Jahren. Ich kann mich zum Beispiel an eine Diskussion erinnern, wo Feministinnen vehement einen Redner geschimpft haben, der geschlechtsneutrale Formen (wie: Studierende) verwendet hat, weil dies ebenso wie das generische Maskulinum eben die Geschlechterdifferenz unsichtbar machen würde.

Feminismus, hat Luisa Muraro einmal gesagt, ist nicht eine Bewegung von unterdrückten Frauen, die für ihre Emanzipation kämpfen, sondern eine Bewegung von emanzipierten Frauen, die um ihre Freiheit kämpfen. Feminismus ist eine Folge der Emanzipation, nicht ihre Voraussetzung.

Emanzipierte Frauen geben sich nicht mehr damit zufrieden, mit den Männern gleichgestellt zu sein und in ihren Bezeichnungen, Systemen und Gesetzen mitgemeint und zugelassen zus ein. Sondern sie wollen darüber hinaus mit ihren eigenen Wünschen und Projekten und Anliegen sichtbar und anerkannt sein, auch dann, wenn sie sich möglicherweise von den althergebrachten der Männer unterscheiden.

Deshalb „Differenzfeminismus“. Nicht, wie man ihn denunziert hat, um irgendwelche angeblich biologischen oder ontologischen Unterschiede zwischen Geschlechtern zu zementieren. Sondern um sichtbar zu machen, dass die patriarchale, auf Männer zugeschnittene Welt und symbolische Ordnung, von der Frauen sich emanzipiert hatten, nicht die beste und idealste aller Welten ist weshalb wir es gar nicht erwarten können, endlich auch dabei sein zu dürfen. Sondern weil es darum geht, eine andere Welt zu bauen, in der die Wünsche, Ansichten und Ideen aller Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und Pluralität einen Platz haben. Insofern geht es bei der sprachlichen Differenzierung nicht nur um die Sichtbarkeit des Weiblichen, sondern auch um die Markierung des Männlichen als Partikulares.

Dabei gibt es offensichtliche Parallelen und damit eben auch Koalitionen und gemeinsame Anliegen zwischen Feminismus und Antirassismus beziehungsweise Postkolonialismus und anderen Bewegungen, die heute unter dem Label der „Identitätspolitik“ ebenso denunziert werden, weil sie Wert darauf legen, in ihrer Differenz zum Althergebrachten sichtbar zu sein und nicht einfach mitgemeint. Auch hier geht es darum, nicht nur die eigene Gleichheit zu behaupten, sondern eine Kultur zu hinterfragen und zu dekonstruieren, in der Herrschaft darüber ausgeübt wurde, dass eine bestimmte Gruppe von sich selbst behauptete, das Allgemeine zu sein und damit für Andere sprechen zu können.

Diese Dekonstruktion gelingt aber nicht, wenn wir dafür keine Sprache haben. (Gerade die Bundeskanzlerin Angela Merkel ist dafür im Übrigen ein gutes Beispiel.)

PS: Warum es nicht um das Mitgemeintsein von Frauen geht habe ich hier schon einmal aufgeschrieben inklusive einem Lösungsvorschlag für das von Pollatschek aufgeführte Problem!

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

10 Gedanken zu “„Gegenderte“ Sprache: Es geht nicht um Diskriminierung, sondern um Sichtbarkeit

  1. Wenn gendergerechte Sprache die Diskriminierung erhöht oder nicht zu ihrer Beseitigung beiträgt oder sie zum »Nebenwiderspruch« degradiert, ist es dann nicht sinnvoller, auf die Sichtbarkeit zu verzichten zugunsten des Kampfes gegen die Diskriminierung? Und Partikularisierung sichtbar machen halte ich für die ohnehin aus immer kleineren, gegnerischen Gruppierungen bestehende Gesellschaft schädlich, zumindest wenn es einer/em um das Streben und Wirklichwerden von Einheit geht.

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  2. Da auch auf Rassismus hingewiesen wird – sollten PoC auch in jeder Diskussion, egal welchen Inhalts, als PoC angesprochen / benannt werden? Also zum Beispiel eine Podiumsdiskussion zum Thema Architektur. Die Architektin wird als Architektin angesprochen, der Architekt als Architekt. Aus oben genannten Gründen. Nun sitzt aber auch ein dunkelhäutiger Architekt auf dem Podium. Soll der auch stets (irgendwie) als „dunkelhäutiger Architekt“ angesprochen und benannt werden? „Was denken Sie als dunkelhäutiger Architekt über Stahlbeton?“

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  3. @Marela – darauf ist ja Anatol Stefanowitsch in dem verlinkten Thread hingewiesen, dass dieser Vergleich etwas hinkt, weil die Differenzierung nach Geschlecht in der Sprache angelegt ist, jedoch nicht die Differenzierung nach anderen Merkmalen. Allerdings gibt es auch in diesen anderen Themenbereichen Versuche der Sichtbarmachung, zum Beispiel wenn Nelson Mandela absichtlich nicht im schwarzen Anzug, sondern im buntgemusterten Hemd zu offiziellen Terminen ging. Die Sichtbarmachtung von Differenz ist ja ein politischer Akt, der kann sich auf viele verschiedene Weisen vollziehen, und Sprache ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Der Punkt ist, dass Nele Pollatschek in ihrem Text die Unsichtbarmachung von Differenz als vielversprechende Strategie vorgeschlagen hat.

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  4. @Jörg Peter – Nein, für mich nicht, weil ich nicht Diskriminierung für das hauptsächliche Problem halte, das der weiblichen Freiheit entgegen steht. Ich halte die Einverleibung der weiblichen (und anderer) Differenzen in eine historisch und strukturelle behauptete „universale Männlichkeit“ für das größere Problem. Deshalb die andere Strategie .

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  5. @Antje – der Punkt ist doch, so wie ein dunkelhäutiger Architekt nicht stets als dunkelhäutiger Architekt angesprochen werden will (wenn er bspw. nach seiner Meinung über Stahlbeton gefragt wird), will vielleicht auch nicht jede Frau bei egal welchem Thema >als Frau< angesprochen werden. Auf Differenz hinweisen mag in vielen Fällen politisch wünschenswert sein, aber manchmal auch durchaus nicht. Und diese Differenzierung sollte m.E. sprachlich ermöglicht werden.

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  6. Vielen Dank für die wieder einmal sehr anregenden Überlegungen.

    An anderer Stelle* hatten Sie die Idee von Heinz-Jürgen Voß, Homosexualität zu „verlernen“ begrüßt. Läuft diese Idee aber nicht auf genau die Unsichtbarmachung und Differenzleugnung hinaus, die Sie bezüglich der Frauen hier – meiner Meinung nach zu Recht! – kritisieren?

    Leider waren Sie damals nicht auf entsprechend kritische Kommentare eingegangen, deshalb würde ich hier gern noch einmal nachfragen: Was genau unterscheidet denn das Sichtbarkeitsbedürfnis von Frauen und das von Schwulen und Lesben? Oder habe ich die Idee des „Homosexualität Verlernens“ nur anders verstanden als Sie?

    *) https://antjeschrupp.com/2016/11/26/homosexualitaet-verlernen-gute-idee/

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  7. Ja, aber dann müssen wir das generische Maskulinum abschaffen und stattdessen eine zwischen neutraler und männlicher Bezeichnung differenzieren. Luise Pusch hat dazu Vorschläge gemacht. Ich hatte darüber auch in einem der verlinkten Artikel geschrieben – also man bräuchte etwa eine neutrale Form – Schüler – eine weibliche – Schülerin – und eine männliche – Schülerich. Lies mal meine Argumentation hinter dem Link: Das Problem ist, dass die derzeitige Sprache Männliches unsichtbar macht beziehungsweise das Neutrale vom Männlichen okkupiert wird. Das wäre auch meine favorisierte Lösung. https://antjeschrupp.com/2018/03/14/sprache-es-geht-nicht-um-das-mitgemeintsein-von-frauen/

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  8. @fink – Ja, die Problematik ist dabei so ähnlich. Letztlich gibt es auf diese Fragen keine „richtigen“ Antworten, sondern es ist immer eine der Prioritätensetzung. Man muss entscheiden, welche von zwei unguten Möglichkeiten jetzt die weniger ungute ist. Das Verlernen von Homosexualität darf natürlich nicht bedeuten, dass wieder Hetero-Normativität eintritt. Sondern es müsste in der Praxis mit einer permanenten Dekonstruktion der Hetero-Normativität einhergehen. Ebenso wäre der Vorschlag, das generische Maskulinum auch für weibliche Formen zu übernehmen, nur gangbar, wenn man gleichzeitig permanent den Universalanspruch des Männlichen dekonstruiert. Das erscheint mir aber ganz und gar unmöglich, weil selbst mit all den weiblichen Formen udn weibicher Sichtbarkeit wir diesen Universalanspruch des Männlichen noch kaum angekratzt haben. Und: Die Verwendung des generischen Maskulinums – also letzlich der „unsichtbarmachende“ Vorschlag – ist ja in unserer Kultur gang und gäbe, es ist nicht etwas Besonderes und Unübliches, das heißt wir alle haben diese Handlungsmöglichkeit jederzeit zur Verfügung, das heißt, wir entscheiden uns permanent, so oder so zu sprechen oder nicht. Bei der Unsichtbarmachung von Homosexualität ist das anders, meiner ANsicht nach. Dass die Kategorie Homo/Heterosexualität als Kategorie abgeschafft werden könnte ist nicht eine allgemein verfügbare politische Handlungsoption, ja viele kämen gar nicht auf die Idee, dass das möglich sein könnte. Insofern war es mir wichtig, diese Idee stark zu machen: Gerade damit man in einer konkreten Situation entscheiden kann, wie man handeln will.

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  9. Danke für die schnelle Antwort!

    Es geht in beiden Fällen um Dilemmata, bei denen man immer den einen oder anderen Preis zahlen muss, das sehe ich auch so.

    „Das Verlernen von Homosexualität darf natürlich nicht bedeuten, dass wieder Hetero-Normativität eintritt. Sondern es müsste in der Praxis mit einer permanenten Dekonstruktion der Hetero-Normativität einhergehen.“

    Okay, auch da stimme ich zu (mit einer leicht hochzuckenden Braue beim Wort „wieder“). Meiner Ansicht nach ist es dann aber ziemlich problematisch und mindestens missverständlich, ausgerechnet davon zu reden, _Homosexualität_ zu „verlernen“, wenn es doch eher darum gehen soll, _Heteronormativität_ zu bekämpfen. Verstehen Sie ein bisschen, weshalb ich bei der ersten Formulierung das ungute Gefühl bekomme, meine politische Positionierung als „schwul“ solle delegitimiert werden, während die Heteronorm gleichzeitig (zumindest dem expliziten Wortlaut nach) unhinterfragt bleibt? Ich unterstelle nicht, dass Sie das so meinen, mich hatte nur damals sehr gewundert, weshalb Sie sich dieser in meinen Augen extrem unglücklichen Formulierung so ausdrücklich anschließen.

    „Die Verwendung des generischen Maskulinums – also letzlich der “unsichtbarmachende” Vorschlag – ist ja in unserer Kultur gang und gäbe“

    Auch heteronormatives Sprechen ist gang und gäbe. Aber wenn ich es richtig lese, sehen die den entscheidenden Unterscheid zwischen der Unsichtbarmachung des Schwul-/Lesbischseins einerseits und des Frauseins andererseits darin, dass sich das eine „nur“ inhaltlich und das andere zusätzlich auch rein sprachformal im täglichen Sprachgebrauch ausdrückt. Dem würde ich zustimmen.

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  10. @Antje Das Beispiel mit „Schüler“ ist prima! Ich fände es erst mal wichtig, dass es eine neutrale Form gibt. Ob man dann zur Sichtbarmachung auch noch die „Schülerin“ und den „Schülerich“ (hihi) dazunimmt, wäre danach zu diskutieren. Da sehe ich aber das Problem, dass dann auch andere Gruppen mit irgendeiner eigenen Endung sichtbar gemacht werden wollen – man öffnet ein Fass ohne Boden.

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