Schwanger werden können? Gibt’s nicht!

Puppenstube, Kinderwagen, Schürzchen – die Erziehung von Mädchen war früher unerträglich darauf ausgerichtet, sie schon von frühestem Alter an auf ihre spätere Rolle als „Hausfrau und Mutter“ vorzubereiten und darauf festzulegen.

Deshalb war ich – auch im Zusammenhang mit meiner Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen“ – sehr gespannt, als kürzlich gleich zwei neue Mädchenbücher herauskamen.

„Glückwunsch – du bist ein Mädchen“ von den Missy-Macherinnen Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger richtet sich an Mädchen selbst, „Das Mädchenbuch“ von  Elisabeth Raffauf hingegen an Eltern. Beide haben den Anspruch, neues Material zur Verfügung zu stellen, das den veränderten Geschlechterrollen, der weiblichen Freiheit und den inzwischen gewonnenen Einsichten über die Konstruktion von Geschlecht gerecht wird.

Wie wird das Schwangerwerden heute also thematisiert? Wie könnten Mädchen und ihre Eltern dabei begleitet werden, wenn die erste Menstruation kommt? Wie ist die lange feministische wissenschaftliche und politische Auseinandersetzung mit dem Thema in populäre Bücher eingeflossen? Darauf war ich sehr gespannt.

Einigermaßen schockiert war ich dann aber, als ich feststellte: Das Thema kommt überhaupt nicht vor. Null. In beiden Büchern. Und das, obwohl sich beide keineswegs nur an Mädchen vor dem Teenager-Alter richten, sondern es geht ganz explizit auch um Jugendliche bis 18. Themen wie Körpernormen und Sexualität werden auch ausführlich behandelt. Und dann steht da der Satz:

„Bei all dem irren Spaß, den man beim Sex haben kann, gilt es zwei Dinge nie zu vergessen: Aus Sex können sowohl Babys wie auch Krankheiten entstehen.“ (Glückwunsch, S. 122)

Das ist alles, was Mädchen über ihr Schwangerwerdenkönnen erfahren sollen? Babys werden in einem Atemzug mit Geschlechtskrankheiten genannt – und zwar NUR da? In dem Buch für Eltern kommt zwar das Stichwort „Menstruation“ vor, aber nur unter der Fragestellung, dass die „Periode“ heute im Schnitt früher eintritt als ehemals.

Ich kann mir das nicht ganz erklären, denn ansonsten sind beide Bücher – und besonders das „Glückwunsch“-Buch für Mädchen – ganz hervorragend. Nur dass eben ein Kapitel fehlt.

Ist der Grund, dass vor lauter Queerness in Vergessenheit geraten ist, dass Mädchen beim Sex schwanger werden können – und dass das etwas ziemlich anderes ist als eine Geschlechtskrankheit? Ist es heute nicht mehr nötig, sie damit vertraut zu machen, dass Schwangerwerdenkönnen etwas ist, womit man sich auseinandersetzen sollte? Wollen wir den Mädchen nicht sagen, dass dieses Potenzial durchaus auch etwas Schönes hat? Wenn man feministisch bewusst damit umgeht? Wäre das nicht auch ein guter Anlass gewesen, zwei, drei Worte über das Thema Abtreibung zu verlieren? Darüber, dass Schwangerwerdenkönnen heute, der Frauenbewegung sei Dank, nicht mehr bedeuten muss, schnurstracks am Herd zu landen?

Bedeutungslos ist das Thema jedenfalls nicht. Denn auch wenn der Anteil der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig ist, so werden doch (ich habe nur Zahlen von 2007 gefunden) ungefähr acht von tausend 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger, drei bis vier davon tragen die Schwangerschaft aus, fünf treiben ab.

Und sicher gibt es eine ganze Reihe mehr Mädchen, die vielleicht mal befürchten, schwanger zu sein, und es sich dann als falscher Alarm herausstellt. Wäre da nicht ein Kapitel gut gewesen: Was mache ich, wenn meine Periode mal ausbleibt oder sich verspätet? Mit wem kann ich reden, muss ich es dem Jungen sagen, mit dem ich geschlafen habe, sowas in der Art?

Ich glaube, beim Thema Schwangerwerdenkönnen haben wir es momentan mit einem fetten Tabu zu tun. Denn dass ein entsprechendes Kapitel in beiden Büchern fehlt, ist ja nicht einfach Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit seitens der Autorinnen. Es verweist auf eine allgemeine Leerstelle im gesellschaftlichen Diskurs.

Ansonsten aber sind beide Bücher wirklich empfehlenswert. Hier ist zum Beispiel eine ausführliche Rezension des Glückwunsch-Buches und hier ein Interview mit Elisabeth Raffauf über ihr Mädchenbuch.

Sonja Eismann, Chris Köver, Daniela Burger: Glückwunsch – du bist ein Mädchen. Eine Anleitung zum Klarkommen. Beltz & Gelberg, 2013, 16,95 Euro.

Elisabeth Raffauf: Das Mädchenbuch. Die neuen Mädchen – was sie für ihren Weg ins Leben brauchen, Beltz, 2013, 16,99 Euro.

25 Gedanken zu „Schwanger werden können? Gibt’s nicht!

  1. Das finde ich zunächst einmal interessant, weil meine Kritik an der Sexualaufklärung, die ich als ’84 Geborene in den 90ern erlebte, kein anderes Thema kannte als „schwanger werden“ und Sexualität damit darauf verkürzt wurde und extrem angstbesetzt war: Habt bloß nicht zu früh Sex, ihr könntet ja schwanger werden. Ich habe das verstärkt vor allem über die Erziehung durch meine Mutter erfahren, die kaum eine andere Sorge hatte, die sie wohl erst verlassen hat, als meine Schwester und ich das 25. Lebensjahr überschritten hatten. Kein Vertrauen, obwohl sie kluge Mädchen großzog. Das Fehlen der Teile könnte ich daher vielleicht durch eine Abwehrreaktion erklären oder als Prioritätenverlagerung. Ich würde mir wünschen, dass Aufklärung und das Kennenlernen des eigenen Körpers zunächst ganz andere Schwerpunkte hat. Ja, schwanger werden kannst du auch, aber „das hat Zeit“. Ich würde mir heute wünschen, Mädchen würden vor dem ersten Sex mit wem oder welcher auch immer masturbieren und in Ruhe den eigenen Körper kennenlernen, bevor sie sich vor dem ersten Sex über Pille, Kondome oder was auch immer sorgen. Und ich würde heute gegenüber Mädchen auch immer ganz bewusst ansprechen: Schwanger werden ist eine der vielen Optionen, die du als Frau hast. Solange es in dieser Gesellschaft aber immer noch bedeutet, auf einmal ganz viele Wahlmöglichkeiten weniger zu haben, schau dir doch erst einmal alle anderen Möglichkeiten an. Vielleicht ist es daher gar nicht so schlecht, wenn Mutterschaft aus Mädchenbüchern ausgeklammert ist. Schauen wir doch einmal in die Jungsbücher, ob Vater werden darin vorkommt.

  2. @Tessa – Aber um Mädchen zu vermitteln, dass Schwangerwerden eine von vielen Optionen ist, müsste man es ja zunächst einmal ansprechen. Man könnte dann auch die Angst nehmen und eben die Möglichkeit einer Pille danach etc. erwähnen. Und wenn es dann vom Platz her so eine Wichtigkeit bekäme wie zwei von 150 Seiten, wäre das doch eine gute Relation… –

    Ich finde übrigens nicht, dass „Vaterwerden“ das männliche Pendant zu „Schwangerwerden“ ist. Es wäre das Pendant zu „Mutterwerden“ 🙂 _ Und dass Schwangerwerden und Mutterwerden nicht dasselbe ist, müsste in so einem Kapitel ja grade drinstehen!

  3. Vielleicht sind die Bücher als Ergänzung zum Schulstoff gedacht, der sich ohnehin ausgiebig der Fortpflanzung widmet?

    Was mache ich, wenn meine Periode mal ausbleibt oder sich verspätet?

    Hm, eine solide Antwort dürfte sehr medizinisch werden: Schilddrüsenprobleme, Sexualhormone, Essstörungen…

  4. Man hätte es mehr thematisieren sollen. Nicht dramatisieren wie früher, aber auch nicht totschweigen.
    Nur weil man etwas totschweigt, ist es nicht weg.
    Eine ungewollte Schwangerschaft ist eine handfeste Lebenskrise, und das sollte man nicht unter den Teppich kehren. Schon gar nicht, ohne darüber aufzuklären, welche Wahlmöglichkeiten man hat und welche Konsequenzen es jeweils gibt.
    Stand alles schon in meinem Aufklärungsbuch, das ich mit 12 gschenkt bekam drinnen. Sogar mit Telefonnummern sämtlicher Organsationen im Anhang, für den Fall, dass man Hilfe braucht.

  5. Ich glaube auch, dass das dringend thematisiert werden müsste. Erstens, weil nicht alle Mädchen gleichermaßen informiert sind und sich wilde Mythen tummeln, wie und wovon frau denn schwanger wird. Ich hab mal in einer Biostunde die Lehrerin vertreten, und da gab’s natürlich drei Wortführerinnen, die sich voll auskannten (bis hin zu „Meine Mama hat keine Gebärmutter mehr.“), aber auch ein paar Stille, die das ganze Thema massiv peinlich fanden und die Ohren fest auf Durchzug geschaltet hatten.
    Zweitens, weil ungewollt schwanger werden echt eine Katastrophe bedeuten kann – das sollten Teenies sich schon mal klar machen, bevor sie zur Tat schreiten!
    Drittens, weil schwanger werden können eine wunderschöne Möglichkeit sein kann, wenn frau denn ihr Leben so gestalten will. Das ist etwas völlig Irres, ein Wunder! Darüber darf man schon mal auch ein positives Wort verlieren!

    Ich kann da halbwegs kompetent mitreden, weil ich sehr jung schwanger geworden bin, trotz Aufklärung durch Buch, Film, Freundinnen und Mutter. Dass ich so echt schwanger werden könnte, war mir trotzdem nicht klar. Also, besser mehr Zeilen darüber als weniger (oder gar keine!)!

  6. „Schauen wir doch einmal in die Jungsbücher, ob Vater werden darin vorkommt.“

    Da ich Vater von zwei Söhnen in einem Alter bin, in dem die Frage relevant ist, kann ich nur sagen, dass ich bisher nichts gefunden habe.

    Die entstprechenden Gespräche muss man mit seinen Kids schon selber führen – und sie z.B. darauf hinweisen, dass mit einer ungewollten Vaterschaft unsere Gesellschaft ihr Leben zu ruinieren bereit ist, ohne dass sie jenseits des Beischlafs irgendein Mitspracherecht haben.

  7. PS. Allerdings muss ich ganz pessimistisch auch sagen, dass Vater-sein leider keine besonders tolle Möglichkeit der Lebensgestaltung ist – nicht vom Potential her, aber von den realen Möglichkeiten her.

    Ich glaube, Bücher für Jungens thematisieren das Thema auch deswegen nicht, weil es realistisch gesehen wenig Gründe gibt, Jungen irgendetwas anderes zu raten als „Sieh zu, dass Du nicht vor Deinem siebzigstem Lebensjahr Vater wirst.“.

  8. Es wird einfach immer und immer wieder bestätigt, dass die meisten „Denkapparate“ von der jeweiligen Gesellschaftsform/-herkunft manipuliert sind/wurden, auch die der „Intellektuellen“, Frau wie Mann!
    Die „Mächtigen/Veranwortlichen“ wollen gar keine wissenden/bewussten Bürger_innen, und die Autoren_innen wollen/müssen Geld verdienen um einigermaßen überleben zu können. Sie werden ja NICHT gedruckt, wenn sie – immer noch/wieder – TABU-Themen ausführlich in Wort und Schrift „niederlegen.“ Außerdem will sich die Mehrheit gar NICHT mit der Realität auseinandersetzen. Es soll möglichst ALLES so bleiben wie bisher, was das Verlieben/Heiraten/Kinder kriegen anbelangt. Vor allem der äußerde Schein/“Luxus“ muss gewahrt sein/werden. Warum sind die Hochzeiten der „Adligen“ so gefragt, nicht nur in den Medien? Wir müssen NICHT nur der Gesellschaft „gerecht“ werden, sondern den Anforderrungen der Eltern/Sippe! „Blut ist dicker als Wasser.“ Ich hätte mir mein „Steine werfen“ mit den daraus führenden Konsequenzen in den 60-ziger Jahren eigentlich sparen können.

  9. Sie werden ja NICHT gedruckt, wenn sie – immer noch/wieder – TABU-Themen ausführlich in Wort und Schrift “niederlegen.”

    Ach komm, es gibt diverse feministische und sonstige Kleinverlage unterschiedlichster Strömungen, und es gibt heute sehr unkomplizierte Möglichkeiten des Eigenverlags, die auch ohne Eigenkapital realisierbar sind.

  10. (@irene_muc) Natürlich gibt es diverse femininistische und sonstige Kleinverlage unterschiedlichster Strömungen und sehr unkomplizierte Möglichkeiten des Eigenverlages – doch – ich weiß es aus meiner jahrelangen, ehrenamtlichen Tätigkeit als Lesepatin in einer Förderschule: die „Verantwortlichen“ dort – meist junge Lehrerinnen – kaufen nur das Material von den bekannten Verlagen!
    Die o.g. Bücher sind in dem bekannten Verlag „Beltz“ erschienen.
    Erlebe/te keine mutige Lehrerin, zwar sehr System engagierte, und dies ist NICHT nur mit einer Förderschule zu verbinden.
    Da ich mich mehr mit den, mir nachfolgenden, jüngeren, weiblich „gebildeten“ Generationen konfrontiere, ist mir die Lebensrealität überhaupt nicht fremd, und mutig sein – in der wirtschaftlichen Diktatur unseres Landes – geht meist mit massiven Existenzängsten wie -bedrohungen einher.
    Vor allem – immer noch – für unser Geschlecht, als Mutter/Ehefrau/zeitweise Lebenspartnerin, und somit abhängig in irgendeiner Form.
    Ich sehe und lese natürlich auch die Mutigen, wie z.B.: Antje/Mädchenmannschaft, Frauenverlage, etc. und die Frauen in den herkömmlichen Redaktionen.
    Im Verhältnis zur Mehrheit, ein immer wieder verschwindend und immer noch bedrohter Anteil auch in Deutschland.
    Es hält mich aber nicht davon ab, die Lebenslügen in meiner kleinen Umwelt tagtäglich zu benennen.

  11. @Barbara
    Ich glaube kaum dass Schwangerwerdenkönnen, Abtreibung, Verhütung und Mutterschaft gesellschaftliche TABU-Themen sind, und schon gar nicht in einem Staat der offen Bevökerungspolitik betreibt.

    Sehr wohl kann ich mir vorstellen, dass dieses Thema von Queers eher gemieden wird. Wenn einerseits Heteronormativität bekämpft und somit soziale Elternschaft vor biologische gestellt werden soll .,…
    ist die eigene Schwangerschaft ein Relikt an einen überkommenen Biologismus und muß überwunden werden.
    Und wieder beißt sich die Katze in den Schwanz, denn wer bekommt am Ende die Kinder und für wen ?

  12. Das das Thema Schwangerschaft, Schwangerwerden können und auch Kinderwunsch nicht vorkommen ist sehr schade. In vielen jungen Frauen gibt es einen starken Kinderwunsch, diesen mit der Realität zu vereinbaren ist nicht einfach. Das Thema gehört zum erwachsen werden für Frauen einfach dazu, auch als Vorbereitung auf die Konflikte die eine erwachsene Frau erwarten (Kinder ja oder nein, wann und ist es überhaupt möglich) und der Druck der von außerhalb ausgeübt wird.

    Zum Thema Aufklärung für Jugendliche kann ich das Buch „Make love“ von Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski (ISBN 978-3-95403-002-6) empfehlen. Diese Buch erklärt sehr schön was beim Sex passiert, wie toll Masturbation ist, das Pornos nicht böse sind, aber ganz bestimmt nicht die Realität erzählen. Auch auf Äußerlichkeiten und Druck von außen wenn man nicht der „Norm“ entspricht wird eingegangen. Es enthält auch viele Adressen im Anhang von entsprechenden Beratungsstellen. Und, in Knallrot, ein Kapitel zum Thema Grenzüberschreitung, Konflikte und Verführung.
    Ich habe extra noch einmal nachgesehen nach dem ich den Beitrag hier gelesen habe, es gibt neben ausführlichen Erklärungen von Menstruation und Befruchtung eine Seite mit dem Titel „Schwanger, was nun?“ die auch Abtreibung erwähnt (aber nicht die Pille danach, die wird im Kapitel Verhütung beschrieben), vor allem wird geraten sich Hilfe bei einer Vertrauensperson oder Beratungsstelle zu suchen.

    Insgesamt kann ich dieses Buch nur empfehlen, auch für Erwachsene. Es spricht sehr offen von allen möglichen Themen ohne Druck oder Peinlichkeiten auf zu bauen. Es versucht ein positives Körperbild zu vermitteln und Hilfestellung zu bieten die eigene Sexualität zu entwickeln.

  13. Pingback: Prism auf Steroid, Rentner-RAF & Goldener Medienpimmel 2013 « Reality Rags

  14. @baumann

    Oh Gott, dieser Artikel auf der Weltwoche…der ist ja echt furchtbar.
    Man fragt sich, warum er nicht als Fazit vorschlägt, in Zukunft möge der Mann animalisch brüllend und lediglich mit Fellen bekleidet die Frau an den Haaren in die nächste Höhle schleifen…und alle sind wieder glücklich, weil sie sein dürfen, was die Natur ihnen vorschreibt

    *throws up a little

  15. @Andreas mag sein daß man rechtlich als Vater ziemlich schlecht gestellt ist, aber es gibt ja dennoch noch Frauen die eine klassische Familie und einen Vater für ihre Kinder wollen. Also ich finde Vater sein bislang super. Klar, die Launen der Frau hängen immer wie ein Damoklesschwert über allem, aber man(n) kann doch nicht einfach die Hoffnung aufgeben. Und sollte es zum äussersten kommen, würde ich auch gegen die widrigen Umstände für mein Kind kämpfen.

  16. Ich denke, dass auch nicht-schwanger-werden-können ein großes Tabuthema ist. Meine Frau und ich wünschen uns ein Kind, können aber aus verschiedenen gründen nicht schwanger werden. Als wir uns entschieden, damit offen und direkt umzugehen, freunde und Familie mit einzuweihen, stießen wir vor allem auf sprachlose Erschütterung. Die meisten, vor allem die mit Kindern, wussten gar nicht, wie sie reagieren sollten. Man kommt sich dann wie biologische Versager vor, während um einen rum das Leben sprießt. Befasst man sich aber eingehender mit dem Thema, findet man viele viele ungewollt kinderlose Paare, die aber alle still vor sich hinleiden, so als sei das eine absolute Privatsache. Ist es aber eben nicht. Denn Schwangerschaft und Kinder finden immer gut sichtbar im öffentlichen Raum statt und definieren eine Art Druck, der so nicht da wäre, wenn es nicht ein solches Tabu wäre, über seine unerfüllbaren Kinderwünsche zu reden. Ist das jetzt off-topic?

  17. @Berndt – nein, ist nicht off-topic. Gehört sicher in den Komplex „Schwangerwerden als Tabu“ und zeigt, das es nicht immer „einfach so“ machbar ist. Auch lesbische Paare können ja nicht „einfach so“ schwanger werden und Schwule können es gar nicht. Wie verhält sich Elternschaft zu „Schwangergewordensein“ wäre auch noch mal ein breites Thema.

  18. Für Mütter ist dieses Thema überhaupt kein Tabu, sondern Alltag und sehr zentral.
    Niemand denkt daran, dass die meisten Schwangerschaftsabbrüche bei Müttern (weit über 2/3 ) vorgenommen werden, und eben nicht bei Minderjährigen.
    Geburtenplanung/Kontrolle/Abtreibung, Schwangersein, Geburt das sind „die Gespräche“, neben Kindererziehung und Partnerschaft/Finanzen auf den Kinderspielplätzen.
    Aufklärung der Pubertären, Bereitstellung von Verhütungsmittel, erster Frauenarztbesuch, Frage wann Jugendlichen erlaubt wird mit Freund/Freundin zuhause zu übernachten und auch Gespräche mit anderen Müttern über den Fall aller Fälle, das findet statt und zwar generationsübergreifend.
    Mir kommt es eher vor, dass niemals zuvor soviel über dieses Thema geredet wurde.
    Alte Frauen der Kriegsgeneration fangen plötzlich an über Vergewaltigung, Hungersnot und frühere Abtreibungen zu erzählen, gerade auch wegen der Filme über Kriegs und Nachkriegszeit.
    Kinderreiche Familien beschäftigen sich mit dem Thema wie ihre Kinder in Zukunft Familie überhaupt Familie leben können und welche Herausforderungen auf die Jugend zukommt, gerade auch unter dem Aspekt Generationengerechtigkeit und Demographie. Das Thema ist unter den meisten Familien virulant und omnipresent.
    Ich denke, dieses Thema wurde innerhalb der Familien noch nie so offen besprochen, auch wegen der allgemeinen Zukunftsverunsicherung und der Sorge um die Jugend.

  19. @Björn:

    Es ging ja um junge Leute und das, was man denen raten soll – klar, wenn man erstmal Kids hat, wissen die ganz genau. dass man sie nicht mehr wegwünscht, mit der Folge z.B. bei meinen Kindern, dass sie den Eindruck haben, „Vater-sein“ würde so viel Spass machen, dass sie jedenfalls auch alle ein paar Kids in die Welt setzen wollen.

    Das ist einfach eine Frage der Wahlfreiheit, in meinen Augen – die unsichere rechtliche Situation eines Vaters ist da nur ein Punkt. Hinzu kommt, dass man in jungen Jahren in der Regel noch nicht soviel Geld hat, dass man finanziell unbeschwert lebt, man kann sich das Leben in kinderfreundlichen Umgebungen nicht unbedingt leisten, man wird erpressbar im Job, weil der Chef ganz genau weiss, dass man sich einen Jobwechsel in Richtung schlechteres Verdienst, aber mehr Freiheit, nicht leisten kann und in der Regel wird ein Halbtagsjob weder von der Gattin ( die gerne zuhause bleiben will ) noch von den Kollegen noch vom Arbeitgeber toleriert.
    Bei jungen Männern kommt noch hinzu, dass der Gesetzgeber sie im Zweifel sogar zwingen kann, eine Ausbildung abzubrechen, um für die Mutter und das Kind Geld ranzuschaffen.

    Deswegen spricht in meinen Augen vieles dafür, Kinder zu bekommen, wenn z.B. mal die Karriere in trockenen Tüchern ist, finanziell die Lage entspannt ist ( was mit Kindern oft nicht möglich ist ), man auch einfach mal ein paar Jahre aussetzen kann, ohne auf eine finanzierende Gattin angewiesen zu sein usw. usf.

    Also jenseits der fünfzig, normalerweise ( mit siebzig war eher eine Übertreibung ) … ich denke, das Vatersein lässt sich dann sehr viel unabhängiger von Mutter und Arbeitgeber gestalten.

    Aber – und das war ja die Frage – eine Diskussion von Für und Wider ( und was mache ich, wenn ) findet man in den meisten Büchern für Jungen vergeblich – da wird wirklich nur Mist a la „Du musst jetzt ganz nett sein zu Deiner Freundin“ etc. vermittelt, soweit ich das Thema überhaupt mal angesprochen gefunden habe.

  20. Ich halte dieses Fehlen in den Büchern auch für bedenklich. Besonders im Buch für die Eltern, denn diese zeigen „ihren Mädchen“ ja erst alle Möglichkeiten auf. Und wenn sich Eltern selber Möglichkeiten verschliessen (zwischen: austragen kommt nicht infrage bis Abtreibung kommt nicht infrage) steht das Mädchen schon auf einen leicht verlorenen Posten. Und das Thema „wiegt so schwer“, daß eine Auseinandersetzung von Eltern neben den obligatorischen sonstigen Dingen schon dazu gehört. Und sei es eben auch erst mal untereinader „was passiert eigentlich, wenn jetzt unsere Kleine „doch“ schwanger wird.“ – Dann erst unsicher rumrudern gibt dem Kind nicht das, was ich zumindest meinen Kindern geben möchte. (Selbst)Sicherheit.

  21. @Björn

    Was mir hier ein bisschen sauer aufstößt, sind die „Launen der Frau“, die da als großes Damoklesschwert angeprangert werden.
    Ich kenne keine einzige Frau, die aus einer Laune heraus sich die Freuden der Alleinerzieherschaft angetan hat – genauso, wie wir unswahrschienlich einig sind, dass kein Mann sich „aus einer Laune heraus“ vom Acker macht.

    Die Leute haben in der Regel Gründe für das, was sie tun. Das können wir sicherlich respektieren, auch wenn wir die Gründe nicht immer nachvollziehen können.

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