Silencing the Queen: die Domestizierung der Frauengeschichte

9783868930719Schon vor einiger Zeit habe ich dieses Buch über „Geschlechtergerechtigkeit: Herausforderung der Religionen“ gelesen und versäumt, gleich darüber zu bloggen, sondern mir nur Notizen auf dem Handy gemacht. Zwischenzeitlich habe ich das Handy leider in einem Wasserbad versenkt, sodass die Notizen nun weg sind und ich mich nicht mehr an vieles erinnere, außer dass ich die Aufsätze insgesamt für einen Tagungs-Sammelband ziemlich gut und interessant fand.

Aber ein Gedanke ist mir geblieben, den ich hier notiere (und nicht drüben im Gottblog), weil dieser Mechanismus für eine androzentrische Geschichtsschreibung generell typisch ist und nicht nur speziell für die Geschichte der Religionen. Er stammt von der Berliner Judaistik-Professorin Tal Ilan und sie stellt ihn an den Anfang ihres Aufsatzes „Biblische Frauen in Schrift und Tradition in jüdischer Perspektive“. Sie schreibt:

Einer der wichtigsten Erträge langjähriger Erforschung der Darstellung von Frauen und Gender in der Literatur hat mit Rezeption zu tun: Gleichgültig, ob es sich um einen heiligen oder profanen, einen literarischen oder einen Rechtstext handelt und ob und wann er gelesen wurde, werden spätere Generationen seine Gender-Konzepte nicht wirklich verstehen, sondern sofort versuchen, sie zu domestizieren. Jede neue Generation hat sehr genaue Vorstellungen davon, was Frauen tun können und tun sollten, und wenn sich Frauen, denen man in älteren Texten begegnet, anders verhalten, beginnt man unversehens, dieses Verhalten zu korrigieren.

In einer Untersuchung mit dem Titel Silencing the Queen (Tübingen 2006) habe ich beschrieben, wie diese Domestizierung ablief: Frauen wurden entweder – durch Zensur oder „Herausschreiben“ – vollständig aus dem Text verdrängt, oder ihre Taten wurden kleingeredet, oder sie wurden einem männlichen Beschützer unterstellt, der die Verantwortung für ihr Handeln übernahm, oder sie wurden zu Männern gemacht. Das muss nicht heißen, dass frühere Generationen Frauen wohlwollender gesonnen waren als spätere. Jede Generation erzählt ihre eigenen Geschichten, in denen sie Frauen – oftmals reale Frauen, oder fiktive Frauen, die nach realen Vorbildern entworfen sind – Außergewöhnliches sagen oder tun lässt. Den Autoren selbst entgehen die Anomalien, die sie auf diese Weise erschaffen. Wenn sie aber in den Werken ihrer Vorgänger auf solche Anomalien stoßen, drängt es sie, das Anomale zu bändigen.

Die feministische Frauenforschung hat in den 1980er und 1990er Jahren versucht, diesen Mechanismus zu durchbrechen, indem sie versucht hat, alte Texte, in denen Frauen vorkommen, historisch-kritisch zu analysieren beziehungsweise solchen Anomalien nachzugehen. Man kann diesen Mechanismus auch anwenden, um zu Beispiel Texte zu datieren: Wenn man verschiedene Versionen derselben Geschichte hat, aber nicht weiß, in welcher Reihenfolge sie entstanden sind beziehungsweise wer von wem abgeschrieben hat, so ist wahrscheinlich diejenige die ältere, in der die Frauen unkonventioneller auftreten.

Ich glaube, diese Art der Textinterpretation und Analyse lässt sich nicht nur auf eine zeitliche, historische Differenz anwenden, sondern auch auf eine kulturelle. So tendiert etwa eine eurozentristische Lesart dazu, Frauen in den Erzählungen anderer Kulturen zu domestizieren. Vor dieser Gefahr ist im übrigen auch eine feministische Interpretation nicht gefeit, wenn sie nämlich den Grad der „Emanzipation“ von Frauen daran misst, inwiefern sie ähnliche emanzipatorische Forderungen erheben oder sich auf eine Weise „emanzipiert“ verhalten, wie das in der Heimatkultur der lesenden Feministin üblich ist. Während die angemessene Art und Weise wäre, das Handeln von Frauen eben in den Kontext ihrer eigenen Zeit oder ihrer eigenen Kultur einzubinden.

Christoph Elsas, Edith Franke, Angela Standhartinger (Hg): Geschlechtergerechtigkeit: Herausforderung der Religionen. EBVerlag, Berlin 2014, 354 Seiten, 23 Euro.

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