Anarchismus und Geschlechterverhältnisse

Philippe Kellermann hat ein Buch herausgegeben über „Anarchismus und Geschlechterverhältnisse“ – Teil 1 (ein zweiter ist offenbar zu erwarten). Ich habe dafür noch einmal ausführlich das Thema „Feminismus und die Politik von Frauen in der Pariser Kommune“ aufgeschrieben, aber es gibt außerdem zahlreiche andere lesenswerte Texte in dem Band.

anarchismus_und_geschlechterverhaeltnisse_1In diesem Blog habe ich ja schon öfter über den fahrlässigen Umgang von anarchistischer Theoriebildung mit dem Erbe Proudhons gemeckert, hier ist endlich mal ein lesenswerter Text dazu drin: „Die Ökonomie der Liebe oder Pierre-Joseph Proudhons Frauenfrage“ von Werner Portmann. Portmann stellt nicht nur klar, dass Proudhons Frauenhass – erstens – nicht einfach zeitbedingt war, sondern auch für seine Zeit besonders krass (und entsprechend auch bei seinen politischen Verbündeten für Irritationen sorgte) und dass er – zweitens – eine zentrale Rolle für Proudhons politische Theorie spielte und daher nicht einfach „herausgekürzt“ werden kann. Der Beitrag bietet auch eine ideengeschichtliche Einbettung und versucht, zu erklären, woher diese extreme Einstellung bei Proudhon kommt und wie sie in einen ideengeschichtlichen Diskurs eingebettet ist.

Aktuell ist das, weil sich hier bereits etwas abzeichnet, das auch heute noch eine Rolle spielt, nämlich ein „antifrauenemanzipatorischer Unterschichtenreflex“, eine Abneigung des „kleinen Mannes“ gegen „bessergestellte emanzipierte Frauen“ wenn ich das mal etwas unfertig so formulieren kann, was sich in Proudhons Verhältnis zu George Sand zeigt. Dieses diskursive Feld von „Frauenemanzipation ist was für Bessergestellte und Intellektuelle, die keine anderen Sorgen haben, aber der gesunde Menschenverstand der normalen Leute fällt nicht darauf rein“ ist auch heute noch leicht zu aktivieren, nicht nur bei Pegida und AfD, sondern auch in zahlreichen anderen kulturellen Milieus. Er wird bei antifeministischen Bedarf auch gerne in den Feuilletons aktiviert, wenn es gegen „zu viel Radikalität“ geht. Von daher ist das alles nicht nur ein historisches Thema.

Ebenfalls interessant fand ich die beiden Texte über Elisée Reclus (von John Clark, leider zu kurz) und Gustav Landauer (von Siegbert Wolf), zwei anarchistische Vordenker mit feministischen Anliegen und Ideen. Besonders Landauers „Differenzfeminismus“, der auch an die jüdische Philosophie angelehnt ist und Berührungspunkte mit dem Denken Margarete Susmanns und natürlich dem seiner Lebensgefährtin Hedwig Lachmann aufweist, verdient eigentlich noch nähere Betrachtung.

Mir wurde beim Lesen wieder einmal klar, wie breit gefächert das diskursive Feld zu der Frage „wie weibliche Freiheit entsteht“ vor hundert Jahren noch war. Das macht mich ein bisschen sehnsuchtsvoll. Natürlich ist es schön, dass wir heute im Sinne der Emanzipation und der Gleichberechtigung weiter gekommen sind. Allerdings ist die Palette des Sagbaren und Denkbaren dabei durchaus auch eingeschränkt worden, und zwar leider oft ohne, dass das, was als „selbstverständlich“ oder „unhintergehbar“ behauptet wird, tatsächlich mit einer entsprechenden kulturellen Praxis unterfüttert wäre. Gerade zurzeit wirkt die Emanzipation der Frauen für mich oft wie ein Kartenhaus, das „der Westen“ sich errichtet hat, aber ohne es ausreichend zu befestigen und zu verankern, sodass es beim leisesten Windzug wieder umgeblasen werden kann. Auch diesen Text fand ich jedenfalls aktueller als vermutet.

Die beiden Aufsätze „Die Konstruktion von Maskulinität in der spanischen Arbeiterbewegung“ (von Richard Cleminson) und „Mann aus Stahl. Männlichkeits- und Weiblihckeitsbilder in der anarchistischen Literatur des Spanischen Bürgerkriegs“ (von Martin Baxmeyer) fand ich etwas zu beispielhaft und punktuell, zu dem Thema hätte ich mir mehr Analyse gewünscht. Zum Beispiel würde ich gerne wissen, inwiefern sich Männlichkeitskonstruktionen im anarchistischen Milieu von denen in anderen Milieus unterscheiden oder unterschieden haben. Aber die historische Männlichkeitsforschung steckt halt noch in den Kinderschuhen.

Unbekannt war mir bisher E. Armand (Künstlername von Ernest Juin), der 1922 so eine art libertinären sexfreizügigen Klub gegründet hat „E. Armand und die „Liebeskameradschaft“. Revolutionärer Sexualismus und der Kampf gegen die Eifersucht“ heißt der Beitrag von Gaetano Manfredonia und Francis Rosin. Armands Projektversuch ist ein interessantes Beispiel dafür, wie sich das männliche Begehren nach leichterem Zugang zu Sex in einer revolutionäre Theorie kleidet und damit legitimiert. Armands Projekt scheiterte unter anderem daran, dass, welch Wunder, sein Club nicht genügend weibliche Mitglieder fand. Auf den Gedanken, dass ein Konzept von „freier Liebe“ vielleicht nicht allein von Männern erdacht werden kann, sondern dass dabei auch das Begehren von Frauen dabei mit einbezogen werden müsste, zumindest wenn es nicht um homosexuelle „Liebeskameradschaften“ gehen soll, kam Herr Armand nicht. Ein trauriger Vorschein auf entsprechende Defizite bei den 68ern. Jedenfalls: Wenn jemand mal eine Forschungsarbeit macht zum Thema „vielversprechende Männerideen, die aufgrund von Ignoranz gegenüber der weiblichen Differenz leider gescheitert sind“, bitte E. Armand nicht vergessen!

Schließlich gibt es in dem Buch neben mir auch noch eine zweite Autorin: Vera Bianchi schreibt über „Anarchistinnen, Humanismus und Geschlechterverhältnis: Die Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg“. Auch bei diesen spanischen Anarchistinnen finden sich, ähnlich wie bei Landauer, interessante differenzfeministische Gedankengänge, die sich vom bürgerlichen Emanzipationismus abgrenzen und auf diese Weise auf den ersten Blick an die heutige Diskussion nicht mehr anschlussfähig scheinen – aber vielleicht, wenn man weiter in die Tiefe ging, robustere Wege zur Freiheit der Frauen weisen könnten, als der aktuelle Status Quo.

Philippe Kellermann (Hg): Anarchismus und Geschlechterverhältnisse, Band 1. Edition AV, Lich 2016, 201 Seiten, 16 Euro.

 

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