Der Papst, das Amt, der liebe Gott und ich

Jetzt ist der Papst wieder weg, und seit gestern kurven einige Gedanken dazu in meinem Kopf herum, die ich hier niederbloggen will, damit ich gleich in Ruhe (und ohne Papst im Kopf) noch mal das schöne Wetter genießen kann.

Der Gedanke, der mir seit gestern im Kopf herum geht, lautet: Der Papst hat euch alle um den Finger gewickelt. Und zwar nicht nur die Christlichen, sondern auch die Atheistischen, die sich – ich habe die Blogs und Tweets dazu so nebenbei verfolgt – an einem bestimmten Punkt aufhielten, der meiner Meinung nach der falsche Punkt ist: Nämlich dem, dass der Papst in seiner Bundestagsrede darauf verwiesen hat, dass es neben dem Recht und der menschlichen Vernunft noch eine andere Instanz gebe, die Natur der Dinge beziehungsweise auch Gott, und dass das einen Rahmen für das ethische Bewusstsein vorgibt, den Menschen nicht einfach nach Gutdünken verändern können.

Viele papstkritische Stimmen haben das so übersetzt: Der Papst behauptet, es gebe eine Natur des Menschen, und deshalb dürfen wir zum Beispiel Homosexualität nicht erlauben und Frauen nicht gleichstellen. Und sie erwidern: Das ist aber Quatsch, denn es gibt eine solche „Natur“ nicht, und außerdem hat der Papst seine homophoben und frauenfeindlichen Ansichten bitte im Privaten (übersetze: innerkirchlich) zu verbreiten und nicht im Bundestag.

Nun ist es ja keine Neuigkeit, dass Joseph Ratzinger behauptet, Homosexualität und die Freiheit der Frauen würden gegen die Natur des Menschen und gegen Gottes Willen verstoßen. Ich bin da anderer Ansicht, denn ich bin – nach ebenso reiflicher Überlegung, Bibelstudium, Beterei etcetera – zu der Auffassung gelangt, dass Gott überhaupt nichts gegen Homosexualität und weibliche Freiheit hat, ganz im Gegenteil. Menschen haben unterschiedliche Ansichten, und über die müssen sie sich halt streiten. Ich streite mich gerne, und je nachdem, mit wem ich es zu tun habe, argumentiere ich mit Gott, der Bibel, der Vernunft, der Natur, dem Grundgesetz, der Bagavadgita oder was auch immer in der jeweiligen Situation dazu beitragen kann, die andere Seite zu überzeugen.

Das Problem ist aber, dass der Papst behauptet, er allein wisse ganz genau, was Gott will. Er muss nicht argumentieren. Beziehungsweise noch nicht einmal das, sondern: Die Struktur der Katholischen Kirche ist derart, dass sie ihre eigene „Unfehlbarkeit“ behauptet, also dass ein Mensch, in diesem Fall Joseph Ratzinger, nur weil er Papst ist, sich anmaßen kann, Gottes Willen zu kennen und daher es nicht mehr nötig hat, sich mit anderen Leuten auseinander zu setzen, die zu anderen Auffassungen kommen. Zum Beispiel mit mir.

Denn ich bin ja nur Antje, und Herr Ratzinger ist der Papst, und darin liegt der Teufel begraben. Denn: Genau diese Hierarchie wird auch durch die oben skizzierte papstkritische Argumentation letztlich bestätigt. Auch die Papstkritiker_innen gestehen ihm die Definitionsmacht zu, Gottes Willen auszulegen. Nur so können sie ja aus dem Inhalt dieser Rede die Schlussfolgerung ziehen, an Gott zu glauben sei gleichbedeutend mit homophob und frauenfeindlich, obwohl der Papst diese Themen ja gar nicht angesprochen hat. Das hat er eben gar nicht nötig, denn alle Welt, die Gläubigen wie die Ungläubigen, gestehen ihm zu, dass seine Ansichten diesbezüglich die Maßgeblichen sind. Was ich zum Beispiel (und ich bin da ja nicht allein) zu dem Thema zu sagen hat, ist uninteressant.

Das Vorhandensein einer obersten institutionellen Instanz, die darüber befindet, was Gott angeblich will, ist der entscheidende Unterschied zwischen katholisch und evangelisch. Es ist im Übrigen auch ein entscheidender Unterschied zwischen katholisch und muslimisch, denn auch der Islam kennt keine solche oberste und unfehlbare Instanz, die festlegt, was alle gefälligst für Gottes Willen oder den „natürlichen“ Lauf der Dinge zu halten haben.

Ich will euch hier ja nicht dauernd mit Simone Weil nerven, aber sie hat auch hierzu wieder kluge Dinge gesagt: Das „Anatema sit“, also die Selbstermächtigung der Institution Katholische Kirche dazu, festzulegen, was „wahrer“ und was „falscher“ Glaube ist, war für sie der entscheidende Grund, dieser Kirche nicht beizutreten. Und dieses Selbstverständnis ist auch meiner Ansicht nach der eigentliche Punkt, an dem man dem Auftreten des Papstes etwas entgegen setzen muss.

Mir war, ehrlich gesagt, fast schon entfallen, wie stark dieses katholische Amtsverständnis noch ist. Die Bundestagsrede des Papstes hat es mir wieder vor Augen geführt: Ihre hauptsächliche und eigentliche Bedeutung hat diese Rede dadurch bekommen, dass es ein Papst war, der sie gehalten hat, und nicht etwa wegen ihres Inhaltes.

Diese Amtsautorität ist etwas, das wir in der evangelischen Kirche schon lange nicht mehr kennen, was auch damit zu tun hat, dass es hier Pfarrerinnen gibt. In einem älteren Vortrag habe ich mal darüber geschrieben und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich mit dem Zugang von Frauen zum Pfarramt etwas Entscheidendes verändert hat: Nicht mehr das Amt trägt den Menschen, der es innehat, sondern der Mensch muss das Amt erst einmal ausfüllen, um Autorität zu haben.

Früher war „Pfarrer“ (auch bei den Evangelischen) per se etwas Besonders. Auch der schlichteste Geist, trug er bloß einen Talar, war eine Autoritätsperson. Frauen hatten diesen „Amtsbonus“ nie. Sie mussten immer erst einmal beweisen, „dass sie das auch können“. Dies hat inzwischen auf die gesamte Amtsstruktur ausgestrahlt – auch ein Mann, der Pfarrer wird, kann sich nicht allein deshalb schon der entsprechenden Aufmerksamkeit und Wichtigkeit sicher sein. Meiner Ansicht nach ist das eine Veränderung zum Positiven. Die im Übrigen sich nicht nur in der evangelischen Kirche so abgespielt hat, sondern auch im Politischen. Seit es etwa Bürgermeisterinnen und Rektorinnen und Richterinnen und was weiß ich gibt, stehen diese Ämter in einem größeren Legitimitätsdruck, kommt es zunehmend darauf an, wie sie von der entsprechenden Person ausgefüllt werden.

Nicht alle finden diese Entwicklung gut, in der evangelischen Kirche (und auch politische Analysten tun das zunehmend) wird gerne über die so genannte „Feminisierung“ geklagt. Das sind Männer, die ihren alten Privilegien hinterher jammern, die die Frauen nie hatten, und die in einer gleichberechtigten und pluralen Gesellschaft nun auch den Männern abhanden kommen.

Und das ist – das habe ich jetzt mit Hilfe des Papstbesuches kapiert – der eigentliche Grund, warum die katholische Kirche sich mit Händen und Füßen gegen die Ordination von Priesterinnen wehrt. Mir war diese Sturheit bisher immer einigermaßen unverständlich, weil alle Argumente dafür (die Bibel, Jesus, die Tradition) ziemlich mager sind. Und weil die diversen katholischen Veröffentlichungen zum Thema Geschlechterverhältnis, wenn man sie genau liest, eigentlich gar nicht so schrecklich sind, wie es in der öffentlichen Debatte darüber manchmal den Anschein hat. (Vgl. zum Beispiel diesen Text von Luisa Muraro: „Wenn Kardinal Ratzinger ein Student von mir wäre“)

Ich glaube, jetzt weiß ich, woher diese strikte Weigerung kommt, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Es hat nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun, sondern damit, dass diese Ämter dann nicht so bleiben könnten, wie sie sind. Das selbstgefällige Getue älterer Herren in Roben (wer sich einmal anschauen möchte, was ich meine, kann diesen Mitschnitt einer Pressekonferenz im Rahmen des Papstbesuches anschauen) könnte keinen Bestand haben, sobald es auch Frauen in solchen Roben gäbe.

Es geht hier – wie bei der weiblichen Freiheit generell – genau nicht um Gleichstellung und Emanzipation. Es geht darum, die alte Verknüpfung von „persönlicher Meinung“  und „Maßgeblichkeit“ in Form von institutionalisierten Ämtern aufzugeben. Eine Verknüpfung, die der Papst nicht aufgeben will, und er weiß auch sehr genau, warum. Das ganze Konstrukt einer Institution, die davon lebt, für alle (Gläubigen) verbindlich den Willen Gottes auszulegen, würde dann nämlich in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus.

Ich glaube, dem lieben Gott würde das gefallen. Und vernünftig wäre es auch.


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Politische Praxis: Regeln ausdenken, ausprobieren, evaluieren

Nachdem ich vorgestern über Parteien und Frauen gebloggt hatte – und in den Kommentaren viel über die Piraten diskutiert wurde – war ich gestern Nachmittag bei einem Arbeitstreffen mit politischen Freundinnen. Wir sprachen auch über die Unterscheidung von Macht und Politik, die ich sehr wichtig finde (ich übersetze zusammen mit Dorothee Markert gerade ein Buch zu dem Thema), die anderen aber standen meinen Thesen skeptisch gegenüber. Sie verwiesen auf die Erfolge, die es in vielen Institutionen, auch bei den etablierten Parteien, durch eine gezielte feministische Machtpolitik gegeben habe.

Eine erzählte zum Beispiel von den guten Erfahrungen, die sie bei den Jusos mit quotierten RednerInnenlisten gemacht hat: Männer und Frauen reden immer abwechselnd, und sobald sich zu einem Thema keine Frau mehr meldet, wird darüber auch nicht weiter diskutiert (ich habe nicht gefragt, ob das andersrum auch für Männer gilt).

Das Verfahren besticht durch seine Einfachheit und seine Vorteile. Bekanntlich ist es ja ein wesentlicher Punkt, der vielen Frauen an der derzeitigen parteipolitischen Kultur nicht gefällt, dass viel über Sachen geredet wird, die die Frauen nicht so wichtig finden, und sie beklagen sich häufig, dass Männer durch lange und redundante Wortbeiträge Sitzungen in die Länge ziehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Parteisitzungen (oder auch die anderer Organisationen), bei denen so verfahren wird, für Frauen attraktiver sind.

Aber natürlich liegen auch die Nachteile auf der Hand. Zum Beispiel ist es ja auch möglich, dass zu einem Thema Männer mehr zu sagen haben als Frauen. Außerdem spitzt ein solches Verfahren die Differenzen zwischen Menschen auf die eine prinzipielle Differenz zwischen Frauen und Männern zu, womit diese Kategorie in gewisser Weise zementiert wird, während andere Unterschiede (Herkunft, Alter, soziale Position) nicht berücksichtigt werden.

Gibt es eine Möglichkeit, aus diesem Dilemma rauszukommen?

Mir fiel auf dem Nachhauseweg ein Text von Chiara Zamboni über politische Praxis ein. Darin schreibt sie: „Eine Praxis ist ein Prozess, der in Gang gesetzt wird, um erfinderisch auf einen bestimmten Kontext zu reagieren und damit dafür zu sorgen, dass er sich verändert. Ihre Auswirkungen sind weder planbar noch vorhersehbar, aber sie können während des Prozesses selbst wahrgenommen und eingeschätzt werden.“

Als Beispiel führt sie eine Praxis der Philosophinnengemeinschaft Diotima an. Eine ihrer Schwierigkeiten war anfangs, dass beim Diskutieren sehr häufig Bezug genommen wurde auf das, was andere („berühmte“) Philosophen gesagt hatten – wie es ja in akademischen Kontexten häufig der Fall ist. Statt also selbst zu sprechen und die eigenen Ideen zu formulieren, wurden die in universitärer Weise immer gleich in Beziehung zu einer vorgegebenen Tradition gesetzt. Das machte die Diskussionen langweilig und unfrei. Daher gaben sie sich eine Regel: Nicht mehr zitieren. Niemals und niemanden.

Diese einfache,  kleine Regel erwies sich im Lauf der Jahre als überaus fruchtbar. Die Denkerinnen lösten sich im Lauf der Zeit von der ständigen Bezugnahme auf die überlieferte symbolische Ordnung und wurden sich selbst (und sich gegenseitig) der Maßstab ihrer Diskussionen. Das in der gegenwärtigen Debatte gesprochene Wort wurde wichtiger als der Bezug auf vorausgegangene und kanonische Texte.

Nachdem das passiert war, wurde die Regel wieder aufgegeben, weil sie nicht mehr nötig war. Die neue Praxis hatte dazu geführt, dass sich die Diskussionskultur auf eine Weise verändert hatte, dass die Bezugnahme auf „berühmte“ Philosophen keine Gefahr mehr für das eigenständige Denken und Sprechen der beteiligten Frauen darstellte.

Ich denke, dass dieser Prozess das eigentliche Wichtige dabei ist, wenn sich Organisationen, die mit einer bestimmten Situation unzufrieden sind, Regeln geben. Der Prozess, dass durch die Regeln eine neue Kultur entsteht, wodurch die Regel als solche dann überflüssig wird.

So wäre das eine Herangehensweise, um das oben angesprochene Dilemma zu lösen. Formale Regeln, die sich eine Partei, eine Organistion gibt, die zum Beispiel unzufrieden damit ist, dass Frauen sich nicht in gleichem Maße beteiligen wie Männer – Quoten, abwechselnde RednerInnenlisten etc. – sind nicht zu verstehen als endgültige Lösungen, sondern als der Versuch, eine neue Praxis auszuprobieren.

Die Frage wäre also nicht, ob Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten per se gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos sind, sondern ob sie in dem bestimmten Kontext hilfreich sind, die Realität in eine bestimmte, gewünschte Richtung zu bewegen. Tun sie das nicht, so besteht die Aufgabe darin, andere Regeln, andere Vereinbarungen zu erfinden. Damit zu experimentieren.

Und noch etwas ist wichtig: Es ist nicht möglich, schon vor der Vereinbarung, eine neue Praxis auszuprobieren, zweifelsfrei vorherzusagen, wie sie sich auswirken wird. Es ist immer ein Experiment, ein Anfang, und man muss beobachten und reflektieren, wie sich das entwickelt.

Regeln als experimentellen Weg für eine politische Praxis zu sehen (und nicht als Patentlösungen) wäre meiner Meinung nach ein Ausweg aus der falschen Alternative, die derzeit zum Beispiel im Zusammenhang mit der niedrigen Attraktivität der Piratenpartei für viele Frauen geführt wird: Frauenquoten einführen oder Nichtstun? Das ist genau nicht die Frage. Jede Organisation muss die für sich und ihren Kontext geeigneten Vereinbarungen und Experimente erfinden (wobei ich aber durchaus der Meinung bin, dass die Piraten sich ruhig für die Erfahrungen, die andere Parteien mit ihren Regeln machen, interessieren könnten).

Wenn bestimmte Kulturen eingeschliffen sind, dann ist Nichtstun jedenfalls keine Option. Das zeigt mir das Beispiel von Diotima, wo es ja noch nicht einmal feministisch geschulten Philosophinnen gelungen ist, sich von der Verhaftung in der traditionellen akademischen Zitiererei zu lösen, ohne sich eine klare, einfache Regel zu geben. Regeln sind natürlich immer eine Einschränkung der situationsbezogenen Freiheit, aber ohne Regeln – oder besser: klare, experimentelle Vereinbarungen zum gemeinsamen Vorgehen – ändern sich eingefahrene Strukturen nun einmal nicht. Weil sie uns allen in Fleisch und Blut und Kopf drinstecken.

Allerdings ist es – und das ist ein Problem, das ich bei den quotierten Parteien beobachte – eben auch nicht damit getan, fixe Regeln wie Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten einzuführen. Das ist nur der Anfang. Genauso wichtig ist, zu beobachten, wie sie funktionieren, ob sie die erwünschte Wirkung haben oder nicht, sie gegebenfalls auch wieder aufzugeben – zum Beispiel dann, wenn sie unerwünschte Folgen haben, wenn sie wirkungslos sind, oder auch (was natürlich das Beste wäre), wenn sie nicht mehr gebraucht werden.


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Die etablierten Parteien, die Piraten, und die Frauen

Oder: Warum es mir nicht gefällt, wenn feministische Argumente im Wahlkampf instrumentalisiert werden.

Gestern habe ich nicht viel Fernsehen geschaut, aber ein bisschen, wegen den Wahlen in Berlin, und mit etwas Amüsemeng habe ich es aufgenommen, dass wer auch immer sich zu den Piraten geäußert hat, auf den mickerigen Frauenanteil dort hingewiesen hat. Die Moderatorin im ZDF, die Claudia Roth, die Renate Künast, und wer auch immer. Und natürlich ist das auch ein Hauptmanko dieser neuen Partei.

Seit zwei Jahren wird das Thema jetzt diskutiert (wie die Zeit vergeht, mein seinerzeitiger Blogpost zur Frage “Kann eine Feministin Piraten wählen” ist tatsächlich schon so lange her – shocking!) Und leider muss man sagen: Ist nicht so viel passiert. Und immer noch rauschen Tweets dazu durch die Timelines, die die trübe “Eine Frau und vierzehn Männer-Bilanz” schönreden mit “15 Piraten und 0 Geschlechter”, haha.

Allerdings bin ich nun nicht gerade in feministische Jubelsprünge ausgebrochen darüber, dass das Thema “Die Piraten haben so wenige Frauen” jetzt in aller Munde ist. Denn ich bin doch eher skeptisch, ob es in den anderen Parteien wirklich so grundsätzlich besser aussieht. Die Grünen zum Beispiel haben ja auch nur deshalb so viele Frauen in ihren Reihen, weil sie eine Quote haben. Und offenbar brauchen sie die Quote auch nach 30 Jahren immer noch, weil ohne solchen äußeren Druck offenbar auch hier die Parteistrukturen und die Art und Weise, wie hier Politik gemacht wird, für Frauen schlicht weniger attraktiv sind als für Männer. Jedenfalls habe ich schon mit vielen grünen Frauen gesprochen, die gesagt haben: Hätten wir die Quote nicht, wären auch unsere Gremien ratzfatz wieder männerdominiert.

In diesem wesentlichen Punkt sind also alle Parteien mehr oder weniger so ähnlich wie die Piraten: Lässt man den Dingen ihren freien Lauf, bleiben die Männer dort eher unter sich. Sicher: Quotenregelungen zwingen Parteien immerhin dazu, sich mit diesem Defizit auseinander zu setzen. Es bleibt auf der Tagesordnung, zum Beispiel, wenn es wieder einmal schwer fällt, genügend willige Kandidatinnen zu finden. Und im Vergleich dazu ist die unter Piraten (wenn auch nicht mehr bei allen) so beliebte Parole, Geschlechter seien doch sowas von vorgestern, natürlich ein Witz.

Aber das sollte jetzt eben nicht dazu führen, dass die politische Debatte über die tendenzielle Unvereinbarkeit zwischen dem, was viele Frauen sich unter Politik vorstellen, und dem, was die derzeitigen Parteistrukturen und -kulturen so zu bieten haben, sich darauf beschränkt, dass die quotierten Parteien sich in die Brust werfen und behaupten, sie hätten ein Problem gelöst, das die Piraten noch nicht mal erkennen. Wobei ich übrigens glaube, dass auch eine ganze Reihe von Männern ein ähnliches Unbehagen haben.

Also: Wenn wir halbwegs paritätische Quotenparteien und unquotierte Männerparteien miteinander vergleichen, dann vergleichen wir meiner Ansicht nach zwei schlechte Lösungen. Und es ist nicht besonders ergiebig, sich hier lange damit aufzuhalten, dass die einen noch ein bisschen schlechter sind als die anderen.

Das Ziel muss meiner Ansicht nach sein, politische Formen zu finden, in denen Frauen und Männer ganz selbstverständlich miteinander arbeiten, und ganz selbstverständlich heißt für mich: Ohne dass es dafür fixe Quotenregelungen braucht. Denn das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schlichtweg bewiesen: Die bloße Anwesenheit von fünfzig Prozent Frauen reicht auch nicht aus, um die dafür notwendigen Veränderungen in der politischen Landschaft herbeizuführen.

Update:

Weil grade schon lauter Fragen dazu zurück kamen, was denn eine Alternative zur Quote wäre, hier ein paar aus der Hüfte geschossene kurze Ideen:

* Sich selber mal vor allem erstmal ernsthaft fragen, ob man sich denn WIRKLICH dafür interessiert, warum die eigene Partei (Organisation) für Frauen unattraktiver ist als für Männer oder ob man sich mit dem Thema nur beschäftigt, weil man das heutzutage eben so macht.

* Aktiv das Gespräch mit partei-/ oder organisationskritischen Frauen führen: Sie fragen, was sie stört, was sie sich wünschen usw.

* Gezielt kritische und distanzierte Frauen fragen, ob sie an der einen oder anderen Stelle mitarbeiten wollen. Also bei der Suche nach geeigneten Kandidatinnen für irgendwelche Posten nicht danach gehen, wie “gut” sie in die vorhandene Kultur passen, sondern auch danach, ob sie Veränderungsvorschläge und Einwände haben.

* Den Dialog zwischen Frauen und Männern üben und bewusst führen (evtl. kann man dabei etwas lernen vom interkulturellen Dialog zwischen Menschen verschiedener Herkünfte usw.)

* Es befürworten und sich darüber freuen, wenn sich Frauen in eigenen Gruppen zusammenschließen, denn die Ergebnisse, die sie da erarbeiten, können gute Hinweise enthalten.

* Untersuchen, warum es in anderen politischen Organisationen (bestimmte Attac-Gruppen, Umweltverbände etc) einen höheren Frauenanteil gibt. Schauen, was machen die anders oder die Frauen dort befragen, warum sie sich da engagieren.

Weitere Vorschläge dürft Ihr gerne in die Kommentare schreiben.


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Louise Aston und die bürgerliche Revolution

Louise Aston ist sicher eine der schillerndsten Personen des Vormärz und der Bürgerlichen Revolution von 1848. Bekannt wurde die 1814 geborene Tochter einer ehemaligen Gesellschafterin und eines Theologen wegen ihres „skandalösen Lebens“ und ihren unkonventionellen Ansichten. Mit 17 an einen viel älteren Mann verheiratet, ließ sich scheiden, heiratete wieder, trennte sich erneut. 1844 zog sie mit einer ihrer drei Töchter nach Berlin und schloss sich linksintellektuellen Kreisen an. Mehrmals wurde sie wegen politischer und moralischer Delikte aus Berlin ausgewiesen. Auch die bürgerliche Frauenbewegung, zum Beispiel Louise Otto, konnte mit der so gar nicht „tugendhaften“ Aston wenig anfangen.

Louise Aston schrieb Romane, in denen sie sich mit den Lebensbedingungen von Frauen und mit politischen Themen allgemein beschäftigt. Der jetzt von Jenny Warnecke im Rahmen ihrer Doktorarbeit neu editierte Roman „Revolution und Contrerevolution“ beschreibt die Ereignisse des Jahres 1848, als ausgehend von der Februarrevolution in Paris in ganz Europa Unruhen losbrachen. Die Protagonistin des Buches, Louises alter Ego Alice von Rosen, ist mittendrin im Geschehen, konferiert und intrigiert mit Fürsten und Proletariern gleichermaßen, gibt sich mal als Frau und mal als Mann aus, kämpft auf den Barrikaden und kümmert sich auch noch um ihre weniger emanzipierten Geschlechtsgenossinnen.

Das Buch ist etwas schwierig zu lesen, wenn man sich in der damaligen aktuellen Tagespolitik nicht auskennt. Zwar hat Jenny Warnecke alles Notwendige in den Anmerkungen erklärt, allerdings sind die erst hinten im Buch aufgelistet, sodass man dauernd blättern müsste, was auch wieder umständlich ist, gerade bei einem Roman, wo man ja auch in einen Lesefluss kommen muss. Aston schreibt in einem fast schon atemlosen Rhythmus, häufig bin ich auch mit den Personen durcheinander geraten und konnte der Handlung nicht mehr richtig folgen. Was die literarische Qualität betrifft, so würde ich doch sagen, dass Aston an ihr französisches Pendant George Sand – mit der sie oft verglichen wird – nicht herankommt.

Trotzdem ist es natürlich höchst interessant, diese Ereignisse aus einer solchen Perspektive geschildert zu bekommen. In dem zweiten Band ordnet Jenny Warnecke Astons Denken in das zeitgenössische Geschehen und die damaligen ideengeschichtlichen Diskussionen ein und analysiert den Roman nach literaturwissenschaftlichen Kriterien. Insgesamt sind diese beiden Bände ein Muss für alle, die sich mit der bürgerlichen Revolution in Deutschland oder mit den politischen Ideen von Frauen im 19. Jahrhundert beschäftigen.

Jenny Warnecke: Frauen im Strudel gewaltiger Thaten / Louise Aston: Revolution und Contrerevolution, beide Ulrike Helmer-Verlag, Sulzbach 2011, 29,95 Euro.


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Inklusive Sprache, jetzt auch automatisiert

Gerade habe ich entdeckt (über eine kurze Notiz in der Zeitschrift “Wir Frauen”), dass es neuerdings ein “Gendering Add-In” für Microsoft Word gibt, das dabei helfen soll, inklusive Sprache zu verwenden. Ich habe es grade mal ausprobiert, und es funktioniert in der Tat ziemlich einfach: Man installiert es, und dann wird, sobald man Word aufruft, ein neuer Reiter namens “Gendering” angezeigt. Wenn man nun irgend einen Text bearbeitet, kann man darauf klicken und alle männlichen Personenbezeichnungen werden angezeigt mit dem Vorschlag, das zu verändern.

Mal abgesehen davon, dass es nur so halbgut funktioniert, nehme ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis. Schon lange warte ich nämlich darauf, dass jemand das “Hineinschreiben” der weiblichen Formen automatisiert. Damit erweist man meiner Ansicht nach dem eigentlichen Anliegen einen Bärendienst. Denn das Anliegen besteht doch eigentlich darin, für die “Männlichkeit” der deutschen Sprache zu sensibilisieren – und nicht darin, sich dieses lästige Thema durch Automatisierung vom Hals zu schaffen.

Der Ursprung des Dilemmas liegt bekanntlich darin, dass die männliche Form in der deutschen Grammatik nicht allein männlich ist, sondern (je nach Bedarf) allumfassend sein kann, also das Weibliche mitumfassen soll. Allerdings nicht immer. Frauen sind manchmal mitgemeint, manchmal aber auch nicht. Das ist nicht nur ein sprachliches Problem, sondern eines unserer Weltsicht allgemein, in dem das Männliche das “Normale” und Allgemeingültige ist, das Weibliche aber – und das ist die Krux – gerade nicht. Es ist für sich genommen erstmal unnormal, und wird normal erst, wenn es dem Männlichen gleicht. Dem ist auf einer nur sprachlichen Ebene nicht beizukommen.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich halte inklusive Sprache für unverzichtbar. Aber sie darf sich eben genau nicht darin erschöpfen, die weiblichen Formen automatisch zu ergänzen. Denn das kann dann auch als Vorwand dienen, das eigentliche Problem gerade nicht anzugehen, weil man nach außen hin der Pflicht genüge getan hat. Wichtiger als die “korrekte” Verwendung inklusiver Sprache ist meiner Ansicht nach, dass Menschen, die sprechen und schreiben, sich darüber bewusst sind, inwiefern das, was sie sagen, Geschlechter betrifft, umfasst, oder eben auch nicht.

Im Übrigen bin ich auch der Ansicht, dass die Tatsache, dass das Deutsche eine “Männersprache” ist (Luise Pusch) dazu geführt hat, dass Frauen flexibler im Denken sind. “Die Hälfte der Flüchtlinge hat in der Heimat eine Frau und Kinder zurückgelassen” las ich zum Beispiel vor einiger Zeit in einer Zeitung.  Wenn wir einen solchen Satz lesen, dann glauben wir keine Sekunde, dass die Hälfte der Flüchtlinge lesbisch sei. Als Frauen haben wir von klein auf geübt, ständig zu reflektieren, ob wir nun “mitgemeint” sind oder eben nicht – und das ist keineswegs ein Defizit in unserem Denken, sondern eine Fähigkeit, die wir schätzen sollten. Und die eigentlich alle Menschen haben sollten.

Männern geht diese Fähigkeit zur Unterscheidung allerdings oft ab. Es fällt ihnen (wie zum Beispiel dem Autor des zitierten Textes) schwer, zu unterscheiden, wann von ihnen als Männern die Rede ist, und wann von Menschen allgemein. Sie glauben, das sei dasselbe, womit sie sich natürlich irren. Wenn ein Mann gegen inklusive Sprache polemisiert, so meine Erfahrung, dann tut er es selten aus bloßer Frauenfeindlichkeit, sondern weil er tatsächlich nicht versteht, was das bringen soll.

Auch viele Frauen mögen allerdings keine inklusive Sprache, und auch das ist ein Phänomen, das ernst genommen werden sollte und dem man nicht mit Moral (oder Word-Add-Ins) beikommen kann. Die Gründe für die weibliche Skepsis gegen weibliche Endungen sind sehr komplex und vielfältig, und sie aufzudröseln würde an dieser Stelle zu weit führen (mach ich vielleicht ein anderes Mal).

Wie auch immer: Wenn Leute bloß in dem Bemühen, politisch korrekt zu sein, beide Formen verwenden, aber eigentlich gar nicht so genau wissen, warum sie das machen sollen, dann schafft das ganz sicher kein Verständnis, sondern verschleiert nur das Problem. Deshalb ist es mir letzen Endes lieber, wenn  jemand in so einem Fall rein männlich spricht. Dann weiß ich wenigstens, wo ich mit ihm – oder ihr – dran bin.

Übrigens ist diese Gewohnheit, männliche Formen für beide Geschlechter zu verwenden, tatsächlich zumindest zum Teil auch  eine Folge der Emanzipation. Denn viele Menschen sehen keinen Grund mehr, warum es heutzutage überhaupt noch notwendig sein sollte, zwischen verschiedenen Geschlechtern zu unterscheiden. Denn es gibt doch gar keinen Unterschied, meinen sie. Ist es nicht völlig irrelevant, ob jemand Frau, Mann oder Eichhörnchen ist? (Danke für diese Inspiration an den Kegelklub der Berliner Piratinnen (Männer und Eichhörnchen sind mitgemeint))

Dass das Sprachgefühl im 19. Jahrhundert noch anders war, darüber stolperte ich kürzlich in dem Roman “Revolution und Contrerevolution” von Louise Aston, den ich gerade lese. An einer Stelle (S. 181) schildert sie eine Zusammenkunft von drei Personen, zwei Männern und einer Frau. Und da sie die Gruppe weder auf einen männlichen noch auf einen weiblichen Nenner bringen will, schreibt sie: “Keines von den Dreien sprach ein Wort”.

Wann eigentlich ist dem Deutschen diese elegante Lösung abhanden gekommen?


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Intimrasuren und Schönheits-OPs an der Vulva

Gerade las ich von einem WDR-Bericht über einen (angeblichen?) Trend unter jungen Frauen zu Schönheits-Operationen an der Vulva. Ein Hauptproblem für sie scheint es zu sein, dass die inneren Schamlippen bei erwachsenen Frauen häufig länger sind als die äußeren. Während Vulva-OPs wohl noch eher selten sind, entnehme ich dem Beitrag (und das trifft sich mit meiner eigenen Anschauung aus den Umkleidekabinen des Fitness-Studios), dass Intimrasuren unter jüngeren Frauen heute bereits völlig normal sind, und Behaarung im Genitalbereich als eklig und unhygienisch gilt.

Das Thema Schönheit interessiert mich schon länger (siehe z.B. hier), und zwar weil Schönheit die Wechselwirkung zwischen Selbst- und Fremdbild betrifft, mit dem Sich-selbst-einordnen in gesellschaftliche Strukturen und insofern etwas mit Beziehungen zu tun hat.

Man könnte ja nun kulturpessimistisch daherkommen und Schönheits-OPs an der Vulva einfach als (evtl. etwas übersteigerten) Ausdruck zunehmender gesellschaftlicher Normierung von Frauenkörpern begreifen. Gewissermaßen als auf die Spitze getriebene Fortentwicklung von Dünnseins-Normen und Bein- und Achsel-Rasuren.

Mir persönlich gehen Schönheits-Normen für Frauenkörper (oder besser: Akzeptabilitätsdefinitionen, die man erfüllen muss, um sich in der Öffentlichkeit zeigen zu können) schon immer auf die Nerven, vor allem, weil sie so viel Arbeit machen. Ich halte mich aber so weit wie nötig daran, weil ich ja auch irgendwie einsehe, dass man sich kämmen und ordentlich anziehen sollte, bevor man auf die Straße geht. Und weil das, was als “normal” gilt, sich immer verändert und Ausdruck allgemeiner Trends ist, habe ich es seit längerem aufgegeben, mich darüber allzu sehr aufzuregen und halte mich der Einfachheit halber an die Norm. Soweit es eben sein muss.

Allerdings finde ich, dass es zwischen Beinhaar-Rasuren und Intimrasuren (oder gar Vulva-OPs) einen gewichtigen Unterschied gibt: Meine nackten Beine sehen im Sommer alle Menschen, denen ich in der Öffentlichkeit begegne. Ich kann es also in gewisser Weise akzeptieren, dass ich mich hier anpasse und ein bisschen Aufwand für mein äußeres Erscheinungsbild betreibe. Meine Vulva sehen im Allgemeinen aber nur sehr wenige Leute. Und für die wenigen erscheint mir der Aufwand doch unverhältnismäßig hoch. Versteht ihr, was ich meine?

Das, wovon ich vorhin schrieb – die Wechselwirkung zwischen Selbstbild und äußerem Bild, die Beziehung der Einzelnen zur Gesellschaft – ist nicht das, worum es bei Intimrasuren und Vulva-OPs geht. Hier geht es um die Beziehungen zwischen einer Frau und ihren (potenziellen) Sexpartnern und -partnerinnen. Also um den privaten, intimen Bereich. Eine Frau, die sich nicht die Vulva rasiert, geht nicht die Gefahr einer öffentlichen Stigmatisierung ein, weil ungefähr 99.9 Prozent aller Menschen, die sie trifft, ja gar nicht wissen, ob sie rasiert ist oder nicht.

Nicht mit gesellschaftlicher Akzeptanz haben wir es hier also zu tun, sondern mit intimbeziehungsmäßiger Akzeptanz. Ich finde das einen sehr wichtigen Unterschied.

Charlotte Roche hat in ihrem neuen Buch Schoßgebete ja sehr anschaulich beschrieben, welchen Aufwand es bedeutet, Intimrasur  zu betreiben. Aber auch für sie gehört das inzwischen zum guten Ton (und, der Gleichberechtigung sei es geschuldet, betreibt der emanzipierte Mann von heute das offenbar auch – Frage in die Runde: Ist das so?). Im Prinzip sagt sie, dass Frauen, die nicht bereit sind, sich hier was von Pornos abzuschauen, sowieso selbst schuld sind, wenn sie keinen guten Sex haben und von ihren Männern verlassen werden.

In der Tat ist die Hauptmotivation ihrer Hauptfigur Elizabeth die Angst, von ihrem Mann (der fast schon, neben der Therapeutin, als ihr Erlöser geschildert wird), verlassen zu werden. Ich weiß nicht, aber ich stehe auf dem Standpunkt: Ein Mann, der mich verlassen will, ist eh nicht der Richtige für mich. Soll er dann doch.

Es ist ja wohl nicht so, dass Männer, die mit mir zusammen sind, mir damit einen Gefallen tun. Mindestens genauso sehr tue ich ihnen einen Gefallen. Ich halte nichts von dem Konzept, dass man sich über Gebühr anstrengen muss, um für den Beziehungspartner (die Beziehungspartnerin) attraktiv zu sein. Ich halte eher was von dem Konzept, dass sich diejenigen Leute beziehungsmäßig zusammentun sollten, die sich ohnehin gegenseitig gefallen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich verstehe nicht so ganz, was hier vor sich geht, in Frauen-, Männer-, Sex- und Beziehungsfragen.

Früher, vor der Frauenbewegung und der Emanzipation, hatten Frauen immerhin einen handfesten Grund, Angst davor zu haben, von ihren Männern verlassen zu werden. Das bedeutete für sie nämlich, dass sie kein Geld mehr hatten, gesellschaftlich geächtet wurden, dass sie ihre Kinder verloren, sofern welche da waren. Heute ist das alles nicht mehr so. Woher also die verzweifelte Angst, verlassen zu werden?

Gleiches gilt für den Druck der anderen Frauen. Schon immer war es der Vergleich mit den anderen Frauen, der eine Frau dem Druck aussetzte, sich innerhalb gesellschaftlicher Frauennormen zu bewegen. Die anderen Hausfrauen kontrollierten die Sauberkeit der Fenster, die Konkurrentinnen auf dem Ehemarkt die äußerliche Attraktivität, und heute kontollieren die anderen Frauen in der  Umkleidekabine (oder Autorinnen wie Roche) den Enthaarungsgrad der Vulva. Das ist nichts Neues.

Aber auch dieser Druck müsste doch eigentlich abgenommen haben, da es doch die “eine” normale Frauenrolle längst nicht mehr gibt und ich heute unter einer Vielfalt aus Frauenszenen auswählen kann. Warum also funktionieren diese Normierungen nach wie vor?

I simply don’t get it.

Auch zum Thema: Postfeministische Maskerade

 

 

 

 

Und hier noch ein aktueller Artikel aus der SZ

 


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Über Urheberschaft, Klarnamen, Sprache und Beziehungen

Who is who?

Die gegenwärtigen Diskussionen über Klarnamen finde ich interessant. Jenseits von kurzen Positionierungen pro oder contra berühren sie nämlich ein Thema, das die Produktion von Kultur betrifft und das durch das Internet sehr im Umschwung ist: Die Frage, auf welche Weise Texte/Werke mit der Person verknüpft sind, die sie geschaffen hat.

Dass Texte unabhängig von ihren Urheber_innen existieren (das ist ja letztlich das Konzept der Anonymität) ist überhaupt nicht neu. Es ist das Prinzip der Schriftlichkeit schlechthin. Lange Zeit wurde bei Büchern nur selten drunter geschrieben, wer der Autor ist, weil man „Urheberschaft“ gar nicht für wichtig hielt. Sehr häufig wurde auch ein falscher oder ein erfundener Name drunter geschrieben: Sei es, dass jemand Briefe schrieb und sie als die des Apostel Paulus ausgab, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen, sei es, dass Frauen unter Männernamen publizierten, weil sie nur so eine Chance hatten, überhaupt gelesen zu werden, sei es, dass in den Texten etwas Verbotenes oder Herrschaftskritisches stand und man nicht gerne dafür ins Gefängnis kommen wollte.

Und selbst, wenn der Name unter publizierten Text drunter stand, war der Autor, die Autorin für die meisten Lesenden unendlich weit weg: Man konnte schließlich Kant nicht mal eben kurz eine E-Mail schreiben, wie genau er das mit der Kritik der reinen Vernunft nochmal gemeint hatte.

Dies war lange Zeit ein kategorialer Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache: Mündliche Sprache findet zwischen zwei (oder mehr) Menschen statt, die sich mit ihren Körpern gleichzeitig im selben Raum befinden. Sie ist direkt, Austausch, Beziehung. Mit der Erfindung der Schrift wurde die Sprache jedoch von den Körpern und von den Beziehungen gelöst und auf einem Medium fixiert, das unabhängig von diesen Körpern in der Welt zirkulierte. Diese Unterscheidung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird durch das Internet tendenziell aufgehoben – und das ist eine enorm interessante Entwicklung.

Es gibt eine sehr lange Debatte über das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, und um die Frage, inwiefern sich Inhalte dadurch verändern, dass sie nicht mehr gesprochen, sondern aufgeschrieben werden. Die bekannteste Auseinandersetzung mit diesem Thema stammt von Platon, der in seinem Dialog Phaidros vier Einwände gegen die Schrift vorbringt. Es ist interessant, sie vor dem Hintergrund des Internet Revue passieren zu lassen.

Sein erster Punkt besagt, dass die Schrift „in die Seelen der Lernenden Vergessenheit einflößen, durch Vernachlässigung der Erinnerung.“ Die Schrift macht uns vergesslich, denn was geschrieben steht, muss nicht erinnert werden. Schon Hannah Arendt hat aber darauf hingewiesen, dass genau das auch eine Stärke des Schreibens ist: Auf die Frage, warum sie überhaupt Bücher schreibt, antwortete sie: Damit ich nicht vergesse, was ich einmal gedacht habe. Genauso geht es mir auch. Und im Internet kann ich sogar vergessen, wo genau ich das, was ich mal gedacht habe, hingeschrieben habe: Ich kann es ja googeln. Also: Ja, die Schrift macht vergesslich – so what?

Der zweite Punkt, den Platon gegen die Schrift vorbringt, ist, dass sie, „wenn man sie etwas fragt, würdevoll schweigt“: Ein Text gibt mir keine Auskunft, sondern wiederholt nur stur immer dasselbe. Wenn ich das nicht verstehe, habe ich Pech gehabt. Das Internet ist nun dabei, dieses Defizit auszumerzen: Auch wenn jemand etwas nicht mir persönlich gesagt, sondern ins Internet geschrieben hat, kann ich direkt bei ihr nachfragen. Wozu gibt es Twitter oder die Kommentarfunktion. Oder meinetwegen auch E-Mail.

Als dritten Punkt nennt Platon die Befürchtung: „Wenn aber einmal etwas geschrieben ist, treibt sich jedes Wort überall herum, gleichermaßen bei den Verstehenden wie auch bei denen, für die es sich nicht gehört, und weiß nicht, zu wem es reden soll und zu wem nicht.“ Schriftliche Zitate können aus dem Zusammenhang gerissen und völlig falsch interpretiert werden. Allerdings: Im Internet ist das nicht mehr so problematisch. Wer Zitate von mir aus dem Zusammenhang reißt, kann sich nicht mehr darauf herausreden, dass das eben in diesem Buch so gestanden hätte. Und selbst, wenn jemand zu faul ist, um sich ein differenzierteres Bild von dem, was ich gemeint habe, zusammenzugoogeln oder mich direkt zu fragen, besteht immer noch die Chance, dass jemand anderes das tut (jemand, die mich kennt zum Beispiel), und das in den Kommentaren richtig stellt.

Das führt direkt zu Platons viertem Punkt, wenn er schreibt: „Wird sie (also die Schrift) aber beleidigt und ungerecht geschmäht, braucht sie immer des Vaters Hilfe. Selbst nämlich kann sie sich nicht schützen noch helfen.“ Auch das ist heute nur noch eingeschränkt wahr: Denn erstens ist die Verfasserin oder der Verfasser niemals ganz weg vom Text, sondern hockt gleich hinter dem nächsten Link. Und zweitens haben Texte heute ganz viele Beschützerinnen und Beschützer – nämlich all diejenigen, die sie sich selbst angeeignet haben. Und die sitzen heute eben nicht isoliert voneinander jede am eigenen Schreibtisch, sondern sie können jederzeit miteinander diskutieren.

All diese Veränderungen lassen sich auf einen Punkt zurückführen: Die kategoriale Trennung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit wird im Internet wieder aufgehoben. Zwar werden Inhalte auf Medien fixiert und zirkulieren losgelöst von den Körpern ihrer Urheberinnen, aber bei Bedarf kann man auf die Autorin oder den Autor zurückgreifen. Die Trennung ist nicht mehr absolut, wir können zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation hin- und herswitchen. Zum Beispiel, wenn Ihr diesen schriftlichen Text hier jetzt lest und wir anschließend in den Kommentaren darüber diskutieren.

Welche positiven Chancen stecken nun  in dieser Entwicklung?

Ich denke, um das zu verstehen, müssen wir uns erst einmal wieder auf die Besonderheiten der Mündlichkeit besinnen. Die haben wir nämlich in der Vergangenheit ziemlich vernachlässigt. Unsere Kultur schätzt das geschriebene Wort symbolisch viel höher ein als das gesprochene. Dabei ist das Sprechen die erste und wichtigste Kulturtechnik, die wir lernen. Sprechen können ist die Voraussetzung für alles.

Sprechen ist riskant, denn Sprache ist niemals eine exakte Abbildung der Wirklichkeit, sondern es gibt immer einen Spielraum. Das heißt, das Wort muss erst noch mit der Realität verknüpft werden: Wie funktioniert das, dass kleine Kinder sprechen lernen?

Würde zum Beispiel eine Mutter, die ihrem Kind den Sinn des Wortes „Stuhl“ erläutern möchte, Definitionen suchen, würde es kompliziert: Ein Stuhl ist ein Möbelstück mit vier Beinen, einer Sitzfläche und unter Umständen einer Lehne. Vielleicht hat er aber auch nur drei oder sogar fünf Beine, und die Lehne kann manchmal auch fehlen. Kein Kind würde das kapieren.

Stattdessen sagt sie: „Das hier ist ein Stuhl.“ Sie bindet das Wort also an eine Realität, die das Kind vorfindet und die es betrifft. Kein Lexikon und kein Google garantiert für die Richtigkeit ihrer Worte, sondern sie mit ihrer Person. Das Kind lernt, dass das hier ein Stuhl ist, nicht, weil es ein abstraktes Konzept verstanden hat, sondern weil es der Mutter glaubt.

Damit das Sprechen funktioniert und Worte nicht nur Worte bleiben, sondern einen Sinn bekommen, ist also nicht nur wichtig, was gesagt wird, sondern auch wer es sagt und zu wem und in welcher konkreten Situation – und zwar nicht nur zwischen Kindern und Eltern, sondern auch später, zwischen Erwachsenen. Autorität entsteht, wenn das Wort einer anderen oder eines anderen mir einen Sinn in der Welt erschließt. Das wissen wir doch alle: Wenn zwei Leute dasselbe sagen, ist es noch lange nicht dasselbe. Sondern welchen Sinn und welche Bedeutung etwas hat, hängt davon ab, wer die beteiligten Personen sind, welche Geschichte sie miteinander haben, ob ich ihnen vertraue, ob sie für mich Autorität haben.

Das Interessante am Internet ist nun, dass wir über die sozialen Netzwerke Beziehungen mit anderen Menschen aufbauen können, die dann in unsere Rezeption ihrer Texte einfließen und ihnen Autorität verleihen: Wir filtern nicht mehr nur die Themen und Schlagworte, die uns interessieren, sondern wir wählen die  Personen aus, und gewichten das, was die eine sagt, als höher als das, was eine andere sagt. Diese Beziehungen hängen nicht von Klarnamen ab und nicht davon, dass ich die bürgerliche Identität der Person kenne, aber sie hängen sehr wohl davon ab, welche Beziehungen sich hier entwickelt haben. Die Autorität einer anderen Person muss sich über einen längeren Zeitraum bewähren, es hat mit Vertrauen und Verlässlichkeit zu tun.

Vor diesem Hintergrund kommen wir nochmal zurück zur Bedeutung von „Originalität“ und Urheberschaft. Ich hörte vor einiger Zeit den Vortrag eines Philosophen, der die These aufstellte, dass gar nicht wir selbst es sind, die sprechen, wenn wir sprechen. Damit wollte er auf die Tatsache hinweisen, dass wir uns unsere Gedanken meistens nicht selbst ausgedacht haben, sondern lediglich wiederholen, was wir von anderen bereits gehört haben. Das stimmt natürlich. Aber es bedeutet noch lange nicht, dass wir nur nachplappern. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen den Worten als solchen, die aus meinem Mund kommen, und der Tatsache, dass sie aus meinem Mund kommen, also dass ich sie auch sage (oder eben, heutzutage, ins Internet schreibe).

Für den Zusammenhang zwischen Autorität und Sprache ist nicht die Originalität des Gesagten oder Geposteten wichtig – meine Mutter hat das Wort Stuhl ja nicht erfunden, als sie mir das Wort beibrachte – sondern dass eine bestimmte Person es ist, die dieses jetzt sagt, die dieses jetzt ins Internet schreibt.

Natürlich habe ich vieles von dem, was ich sage (oder schreibe), mir nicht selbst ausgedacht, sondern es hat sich im Austausch mit anderen entwickelt. Aber das Entscheidende ist, dass ich es in einer bestimmten Situation auch tatsächlich ausspreche, dass ich es mit meiner Autorität und meiner Reputation in ein aktuell stattfindendes Gespräch einbringe. Denn das bedeutet, dass ich bereit bin, mit meiner Person und meinem Körper dafür – im wahrsten Sinn des Wortes – einzustehen.

In den Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam ist es eine verbreitete spirituelle Praxis, heilige Texte laut zu rezitieren. Indem ich das tue, einen Text laut spreche, binde ich das Geschriebene wieder mit meiner Person in der Realität. Es kommt nicht nur darauf an, dass die Worte „dort stehen“, sondern auch darauf, dass sie von Menschen immer wieder ausgesprochen und mit Autorität ausgestattet werden.

Leider ist in der westlichen Kultur diese Verbindung des geschriebenen Wortes mit der Person, die es in einer konkreten Situation ausspricht und damit in der aktuellen Realität verankert, weitgehend verloren gegangen. Schriftliche Texte wurden tendenziell höher bewertet als das mündliche Sprechen, mit fatalen Folgen. Zum Beispiel der, dass „Heilige Texte“ – nicht nur religiöse, sondern auch Gesetze und Verordnungen zum Beispiel – sogar als Argument gegen eine reale Situation herangezogen werden, so als hätten sie eine eigenständige Autorität, die losgelöst von konkreten Menschen und Situationen existiert. Wie gefährlich das ist, können wir ja jeden Tag in der Zeitung lesen.

Schriftliche Texte, die nicht mehr von konkreten Menschen verantwortet werden, sondern denen man eine eigenständige, also im wahrsten Sinne des Wortes unmenschliche Autorität zuspricht, werden zu einer Waffe, mit deren Hilfe man andern Leid zufügen kann, ohne selbst dafür die Verantwortung tragen zu müssen.

Das Internet bietet die Möglichkeit, Text und Körper wieder zusammen zu binden. Texte zirkulieren nicht mehr bezugslos, sondern sie sind jederzeit verknüpfbar mit der Autorin und mit anderen realen Menschen aus Fleisch und Blut, die ihnen Autorität geben (etwa durch Retweets und Posts). Diese große Chance darauf, ein uraltes kulturgeschichtliches Dilemma zu überwinden, sollten wir nutzen.

Das bedeutet nicht, dass man zwangsweise Klarnamen einführen sollte. Klarnamen sind ja nur eine von vielen Möglichkeiten, die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Medienprodukten zu pflegen und ihre Bedeutsamkeit zu würdigen. Worauf es mir ankommt ist, den Wert zu betonen, den diese Möglichkeit der Verknüpfung von Person und medial fixiertem Wort für einen echten Austausch hat. Wir sollten sie bewusst pflegen.


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