Politische Praxis: Regeln ausdenken, ausprobieren, evaluieren

Nachdem ich vorgestern über Parteien und Frauen gebloggt hatte – und in den Kommentaren viel über die Piraten diskutiert wurde – war ich gestern Nachmittag bei einem Arbeitstreffen mit politischen Freundinnen. Wir sprachen auch über die Unterscheidung von Macht und Politik, die ich sehr wichtig finde (ich übersetze zusammen mit Dorothee Markert gerade ein Buch zu dem Thema), die anderen aber standen meinen Thesen skeptisch gegenüber. Sie verwiesen auf die Erfolge, die es in vielen Institutionen, auch bei den etablierten Parteien, durch eine gezielte feministische Machtpolitik gegeben habe.

Eine erzählte zum Beispiel von den guten Erfahrungen, die sie bei den Jusos mit quotierten RednerInnenlisten gemacht hat: Männer und Frauen reden immer abwechselnd, und sobald sich zu einem Thema keine Frau mehr meldet, wird darüber auch nicht weiter diskutiert (ich habe nicht gefragt, ob das andersrum auch für Männer gilt).

Das Verfahren besticht durch seine Einfachheit und seine Vorteile. Bekanntlich ist es ja ein wesentlicher Punkt, der vielen Frauen an der derzeitigen parteipolitischen Kultur nicht gefällt, dass viel über Sachen geredet wird, die die Frauen nicht so wichtig finden, und sie beklagen sich häufig, dass Männer durch lange und redundante Wortbeiträge Sitzungen in die Länge ziehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Parteisitzungen (oder auch die anderer Organisationen), bei denen so verfahren wird, für Frauen attraktiver sind.

Aber natürlich liegen auch die Nachteile auf der Hand. Zum Beispiel ist es ja auch möglich, dass zu einem Thema Männer mehr zu sagen haben als Frauen. Außerdem spitzt ein solches Verfahren die Differenzen zwischen Menschen auf die eine prinzipielle Differenz zwischen Frauen und Männern zu, womit diese Kategorie in gewisser Weise zementiert wird, während andere Unterschiede (Herkunft, Alter, soziale Position) nicht berücksichtigt werden.

Gibt es eine Möglichkeit, aus diesem Dilemma rauszukommen?

Mir fiel auf dem Nachhauseweg ein Text von Chiara Zamboni über politische Praxis ein. Darin schreibt sie: „Eine Praxis ist ein Prozess, der in Gang gesetzt wird, um erfinderisch auf einen bestimmten Kontext zu reagieren und damit dafür zu sorgen, dass er sich verändert. Ihre Auswirkungen sind weder planbar noch vorhersehbar, aber sie können während des Prozesses selbst wahrgenommen und eingeschätzt werden.“

Als Beispiel führt sie eine Praxis der Philosophinnengemeinschaft Diotima an. Eine ihrer Schwierigkeiten war anfangs, dass beim Diskutieren sehr häufig Bezug genommen wurde auf das, was andere („berühmte“) Philosophen gesagt hatten – wie es ja in akademischen Kontexten häufig der Fall ist. Statt also selbst zu sprechen und die eigenen Ideen zu formulieren, wurden die in universitärer Weise immer gleich in Beziehung zu einer vorgegebenen Tradition gesetzt. Das machte die Diskussionen langweilig und unfrei. Daher gaben sie sich eine Regel: Nicht mehr zitieren. Niemals und niemanden.

Diese einfache,  kleine Regel erwies sich im Lauf der Jahre als überaus fruchtbar. Die Denkerinnen lösten sich im Lauf der Zeit von der ständigen Bezugnahme auf die überlieferte symbolische Ordnung und wurden sich selbst (und sich gegenseitig) der Maßstab ihrer Diskussionen. Das in der gegenwärtigen Debatte gesprochene Wort wurde wichtiger als der Bezug auf vorausgegangene und kanonische Texte.

Nachdem das passiert war, wurde die Regel wieder aufgegeben, weil sie nicht mehr nötig war. Die neue Praxis hatte dazu geführt, dass sich die Diskussionskultur auf eine Weise verändert hatte, dass die Bezugnahme auf „berühmte“ Philosophen keine Gefahr mehr für das eigenständige Denken und Sprechen der beteiligten Frauen darstellte.

Ich denke, dass dieser Prozess das eigentliche Wichtige dabei ist, wenn sich Organisationen, die mit einer bestimmten Situation unzufrieden sind, Regeln geben. Der Prozess, dass durch die Regeln eine neue Kultur entsteht, wodurch die Regel als solche dann überflüssig wird.

So wäre das eine Herangehensweise, um das oben angesprochene Dilemma zu lösen. Formale Regeln, die sich eine Partei, eine Organistion gibt, die zum Beispiel unzufrieden damit ist, dass Frauen sich nicht in gleichem Maße beteiligen wie Männer – Quoten, abwechselnde RednerInnenlisten etc. – sind nicht zu verstehen als endgültige Lösungen, sondern als der Versuch, eine neue Praxis auszuprobieren.

Die Frage wäre also nicht, ob Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten per se gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos sind, sondern ob sie in dem bestimmten Kontext hilfreich sind, die Realität in eine bestimmte, gewünschte Richtung zu bewegen. Tun sie das nicht, so besteht die Aufgabe darin, andere Regeln, andere Vereinbarungen zu erfinden. Damit zu experimentieren.

Und noch etwas ist wichtig: Es ist nicht möglich, schon vor der Vereinbarung, eine neue Praxis auszuprobieren, zweifelsfrei vorherzusagen, wie sie sich auswirken wird. Es ist immer ein Experiment, ein Anfang, und man muss beobachten und reflektieren, wie sich das entwickelt.

Regeln als experimentellen Weg für eine politische Praxis zu sehen (und nicht als Patentlösungen) wäre meiner Meinung nach ein Ausweg aus der falschen Alternative, die derzeit zum Beispiel im Zusammenhang mit der niedrigen Attraktivität der Piratenpartei für viele Frauen geführt wird: Frauenquoten einführen oder Nichtstun? Das ist genau nicht die Frage. Jede Organisation muss die für sich und ihren Kontext geeigneten Vereinbarungen und Experimente erfinden (wobei ich aber durchaus der Meinung bin, dass die Piraten sich ruhig für die Erfahrungen, die andere Parteien mit ihren Regeln machen, interessieren könnten).

Wenn bestimmte Kulturen eingeschliffen sind, dann ist Nichtstun jedenfalls keine Option. Das zeigt mir das Beispiel von Diotima, wo es ja noch nicht einmal feministisch geschulten Philosophinnen gelungen ist, sich von der Verhaftung in der traditionellen akademischen Zitiererei zu lösen, ohne sich eine klare, einfache Regel zu geben. Regeln sind natürlich immer eine Einschränkung der situationsbezogenen Freiheit, aber ohne Regeln – oder besser: klare, experimentelle Vereinbarungen zum gemeinsamen Vorgehen – ändern sich eingefahrene Strukturen nun einmal nicht. Weil sie uns allen in Fleisch und Blut und Kopf drinstecken.

Allerdings ist es – und das ist ein Problem, das ich bei den quotierten Parteien beobachte – eben auch nicht damit getan, fixe Regeln wie Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten einzuführen. Das ist nur der Anfang. Genauso wichtig ist, zu beobachten, wie sie funktionieren, ob sie die erwünschte Wirkung haben oder nicht, sie gegebenfalls auch wieder aufzugeben – zum Beispiel dann, wenn sie unerwünschte Folgen haben, wenn sie wirkungslos sind, oder auch (was natürlich das Beste wäre), wenn sie nicht mehr gebraucht werden.


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8 Gedanken zu „Politische Praxis: Regeln ausdenken, ausprobieren, evaluieren

  1. Wo ich jetzt die beiden Artikel in einem Rutsch gelesen habe, finde ich diesen Artikel eher weniger gut. Zwar werden aus meiner Sicht relevante Vorschläge zur Problemlösung, als auch zu Problemen mit den Lösungsideen angesprochen, doch finde ich das Verhältnis dieser kritisch.
    Zum einen: was ist „feministische Machtpolitik“ und was unterscheidet sie von anderer Interessen- und Machtpolitik?
    Ebenso: was ist „feministisch geschult“ und was unterscheidet bei solch politisch gefärbten Themen Vokabeln wie „geschult“, „geprägt“, „indoktriniert“, „inspiriert“, „informiert“, „vorgebildet“,…?

    Bei den quotierten RednerInnenlisten erschreckt mich doch sehr, das hier sehr personen- und nur wenig themenbezogen agiert wird. Wäre es hier nicht zweckführender, auf die schriftliche Kommunikation zu wechseln? Zwar gibt es Nachteile wie verschiedene Fähigkeiten des schriftlichen Ausdrucks unabhängig von der Idee, aber diese Problematik ist auch im mündlichen gegeben. Da aber Texte, so digital gespeichert, sich gut durchsuchen lassen, ein höheres Maß an Verbindlichkeit haben und sich auch Wiederholungen vermeiden helfen (andernfalls lassen sie sich gut nachweisen), sollte das doch eine Diskussion, welche von den Personen teilweise gelöst wird ermöglichen.
    Denn gerade in verbalen Vorträgen ist oft weniger die Aussage als viel mehr die Art und Weise der Präsentation das, was das Publikum überzeugt.
    In den anderen Punkten bin ich doch geneigt zuzustimmen, Respekt auch für die gute Lesbarkeit.

  2. @Anderer Gast – Feministische Machtpolitik unterscheidet sich imho durch nichts von anderer Machtpolitik, außer dass da das Thema eben die Anliegen von Frauen bzw. eben feministische Inhalte sind. Ich persönliche find feministische Machtpolitik ja genauso problematisch wie jede andere Art von Machtpolitik. Feministisch „geschult“ ist eine flapsige Bezeichnung für Menschen, die sich seit vielen Jahren mit der Frage beschäftigen, wie Frauen ihre Anliegen besser in diese Welt einbringen können, deren Institutionen und Organisationen historisch auf dem Ausschluss der Frauen beruhen und daher eigentlich für ihre Anliegen unpassend sind. Also Leute, die sich mit diesem Thema in all seiner Komplexität schon lange beschäftigt haben, und auch die verschiedenen Argumente pro und contra dies und jenes schon hundertmal gehört haben. Wenn die dann jetzt – zum Beispiel bei den Piraten – plötzlich wieder Thesen hören, die als neu und modern daher kommen („Geschlecht spielt keine Rolle“), aber in Wirklichkeit eben uralt und schon tausendmal durchgekaut sind, dann reagieren die natürlich genervt und sind nicht besonders interessiert.

    Zur Frage schriftliche Kommunikation statt quotierter Rednerlisten. Ich bin ja der Meinung, dass der mündliche Austausch sehr produktiv ist, wenn es darum geht, neue Ideen hervorzubringen. Daher würde ich darauf nicht verzichten wollen. Eine interessante Frage ist natürlich, inwiefern das Internet eine „dritte“ Art der KOmmunikation zwischen Schriftlich und Mündlich ermöglicht, vgl. hier

  3. Ich freue mich sehr über diesen Text, weil du an dem Beispiel RednerInnenliste so gut erklärst, was Chiara Zamboni über die Erfindung praktischer Verfahren zur Veränderung einer unbefriedigenden Situation geschrieben hat. Würden wir das öfter anwenden, müssten wir gar nicht diese unerfreulichen Debatten über vieles führen, sondern könnten einfach ganz unaufgeregt experimentieren, die Ergebnisse betrachten und dann wieder neue Verfahren erfinden.

  4. Übrigens erzählte mir mal ein grüner Freund, dass Rednerliste und Frauenauszeit eine beliebtes Mittel grüner Frauen sind, um das zu erreichen, was ich in einem anderen Thread beschrieb: Eben zu verhindern, dass Männer institutionell über ihre Belange reflektieren.

    Das funktioniert so: Ein Mann bringt ein Thema auf den Tisch, bei dem die Frauen denken, dass sie, würde es diskutiert, wohl nur Rückzieher machen könnten. Also fordern sie eine Auszeit, bei der sie vereinbaren, sich nicht zur Rede zu melden. Nach der Rednerliste kann daher auch kein Mann sich dazu zu Wort melden.

    Thema effektiv torpediert !

  5. PS. Wer es nicht weiss: Grüne Frauen können Versammlungen unterbrechen, um sich in einer nur Frauen offenen Veranstaltung über das weitere Vorgehen abzustimmen. Männer können das nicht.

  6. @Andreas – Das ist ein gutes Beispiel, das illustriert, was ich mit diesem Blogpost sagen wollte. Ob das, was dein grüner Freund da schildert, wirklich ein „beliebtes Mittel grüner Frauen“ ist (das glaube ich nicht), oder ob es hin und wieder vorkommt (das glaube ich sofort), sei mal dahin gestellt. Aber wenn das passiert, dann bedeutet es, dass die betreffenden grünen Frauen in diesen Situationen die quotierten RednerInnenlisten nicht als politische experimentelle Praxis begreifen, sondern als Machtinstrument. Die Antwort auf ein solches Vorgehen dürfte dann aber nicht sein, dass man diese RednerInnenlisten nun ebenso pauschal in Bausch und Bogen verdammt, sondern dass man analysiert, wann und wo sie funktionieren und wann und wo sie negative Auswirkungen haben (und da wären sowohl Frauen als auch Männer in der Pflicht).

    Jedenfalls wollte ich genau das sagen: Die Frage ist nicht: Ist eine solche Regel absolut allgemein prinzipiell gut oder schlecht? Sondern: Hilft sie uns konkret eine unbefriedigende Situation zu verbessern? Die Antwort darauf ist offen – wie gesagt, es ist immer ein Experiment.

  7. Parteien wollen mitgetalten mit eigenem Profil, jetzt erkläre mir mal einer wie das gehen soll, wenn sie ihr Profil nicht klar bekommen? Da Frauen wie Männer ihre Bezüge zu ihrer Natur z.g.T. verloren haben, können sie nur noch im Sinne des Konstrutivismus an ihren übereinstimmenden Landkarten basteln, und das vor der Bekanntgabe an die Öffentlichkeit, damit überhaupt eine gemeinsame Landkarte zu erstellen ist. Hier liegt der Schlüssel für Machtpolitik, die in jedem Fußballverein existiert.

  8. @AntjeSchrupp:

    Ich gebe da nur weiter, was ich von einem Mitglied der Grünen gehört habe – im übrigen gibt es auf Grund dieser machtpolitischen Möglichkeiten, die obige Verfahren den grünen Frauen eröffnen, ganze Themenbereiche, in denen Versammlungen aller nur noch abnicken, was Zirkel von Frauen only vorab beschlossen haben. Anderes zu beschliessen ist gar nicht möglich.

    Ich würde trotzdem gerne noch einmal die Frage nach der Verhältnissmäßigkeit an Dich stellen und die gleich mit meiner Behauptung verbinden, dass Frauen Ansprüche stellen und Männer für deren Erfüllung einstehen sollen, was ich ja – wie schon mehrfach gesagt – für ein Charakteristikum ( wenn nicht das Einzige übergreifende ) des Feminismus halte.

    Generell halte ich Deinen Gedanken, dass man experimentieren muss, um politische Partizipation von Frauen zu erreichen, ja für gar nicht so schlecht.

    Nur – wo bleibt bitte die Verhältnismäßigkeit, wenn Männern wg. der ansonsten angeblich (!) befürchteten Langeweile bei ein paar Frauen Redeverbot erteilt wird? Soll so ein schlicht mehr oder weniger patzig von einem Grünen aus dem mittleren Parteimanagement dahingeworfener Interview-Quark tatsächlich die Begründung für derartig drastische Eingriffe in die Redefreiheit liefern?

    Und welches Experiment führen eigentlich die Frauen dabei aus? Muss man wirklich Männer einschränken, um Platz für ein paar Frauen zu schaffen?

    Wieso können Frauen ihre angebliche Gelangweiltheit nicht schlicht aushalten, wenn sie sich politisch betätigen wollen?

    Wieso können Frauen auch eigentlich nicht die vielen langweiligen und bürokratischen Aufgaben übernehmen – die sind bei der SPD wie bei den Grünen fest in der Hand der männlichen Mitglieder; hat noch nie sich eine Frau für eine Quote in dem Bereich stark gemacht, so weit ich das mitbekomme.

    Vielleicht sind das Problem ja gar nicht die Männer, sondern das Problem ist die politische Lethargie von Frauen, die man denen mit geeigneten Maßnahmen austreiben muss, statt dass man Männer in ihrem Betätigungsdrang aufhalten muss.

    Und vielleicht ist das Problem ja auch gar nicht die politische Lethargie von Frauen, sondern eben die Tatsache, dass Frauen gar keine politische Vertretung wollen, sondern eine die lobbyistisch bleibt, weil sie so sich nicht um Konsistenz bemühen muss und jeden Scheiss zum Frauenanliegen machen kann?

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