Ein paar Gedankensplitter zum Thema Beruf und Vereinbarkeit

Heute war ich bei der Jahrestagung zum 25. Jubiläum des Deutschen Ingenieurinnenbundes in Höchst in Odenwald und habe einen Vortrag gehalten zum Thema “Konkurrenz ist unlogisch”. Leider habe ich vergessen, mitzuschneiden, sodass der Vortrag nicht im Podcast kommen wird, aber das Manuskript könnt Ihr immerhin nachlesen, auch wenn ich beim Reden dann immer nochmal andere Sachen sage, als im Manuskript stehen :)

Anschließend war ich dann noch beim Vortrag von Gisela Notz, die unter dem Titel “Yes, she can!?” über die geschlechtsspezifischen Auswirkungen globalisierter Märkte und Arbeitsverhältnisse gesprochen hat. Daraus ergab sich eine interessante Diskussion unter den anwesenden Ingenieurinnen, aus der ich einige neue Ideen und Argumentationslinien mitgenommen habe, die ich hier kurz verblogge, um sie nicht zu vergessen.

Überrascht (im positiven Sinne, denn ich sehe das auch so) hat mich eine mehrfach vorgebrachte Skepsis gegen die allzu enge Verknüpfung des Themas “Frauen in technischen Berufen” – und man kann das meiner Meinung nach auf alle ehemals männerdominierten Bereiche verallgemeinern – mit dem Thema “Vereinbarkeit von Beruf und Familie”. Eine ganze Reihe von Rednerinnen erkannten in dem Mantra “Die geringe Beteiligung bzw. die Probleme von Frauen in Männerdomänen ist vor allem eine Folge der Vereinbarkeitsproblematik” ein Scheinargument.

Eine Frau wies zum Beispiel darauf hin, dass in Frankreich, wo ja außerfamiliäre Kinderbetreuung und damit auch Berufstätigkeit von Müttern normaler ist als in Deutschland, der Anteil von Frauen in technischen Berufen trotzdem genauso niedrig ist. Ein starker Beleg dafür, dass die Vereinbarkeitsprobleme nicht die hauptsächliche Ursache sind. (Übrigens auch nicht nur die fehlende Ausbildung, denn, wie Gisela Notz sagte, sind unter den ausgebildeten Ingenieurinnen in Deutschland ungefähr 20 Prozent Frauen, unter denen mit versicherungspflichtigem Arbeitsvertrag nur 11 Prozent).

Eine andere wies darauf hin, dass das Vereinbarkeitsargument neuerdings auch häufig von Arbeitgebern angeführt wird, um den niedrigen Frauenanteil in ihrem Unternehmen zu rechtfertigen, nach dem Motto: “Der Staat soll erst mal Kinderbetreuungsmöglichkeiten schaffen, dann kommen die Frauen schon von ganz alleine zu uns.” Eine elegante Möglichkeit, die Verantwortung von sich zu weisen, und ein weiteres Beispiel dafür, wie geschickt bestimmte Leute darin sind, feministische Argumente für sich zu vereinnahmen.

Als ich das eben einem Freund erzählte, macht er mich noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam: Dass nämlich diese Verknüpfung von “Frauenmangel” und “Vereinbarkeitsproblem” bei gutwilligen Arbeitgebern leicht zu Enttäuschungen führen kann. Wenn die etwa, um weibliche Fachkräfte zu bekommen, Kinderbetreuungsmöglichkeiten schaffen – und das dann womöglich gar nicht den gewünschten Erfolg bringt. Weil die Ursachen für die fehlenden Bewerbungen qualifizierter Frauen zumindest teilweise noch ganz woanders liegen. Wenn es jemand gibt mit Erlebnissen, Erfahrungen, Wissen zu diesem Punkt, bitte in die Kommentare schreiben.

Eine weitere Teilnehmerin erzählte von einem großen Technikunternehmen, das vor einigen Jahren Schwierigkeiten hatte, qualifizierte Ingenieur_innen zu finden. Schließlich kamen sie auf die Idee, Teilzeitstellen auszuschreiben – die es offenbar im Ingenieursbereich fast gar nicht gibt – und wurden daraufhin überschwemmt von Bewerbungen, die genau auf diese Möglichkeit der Teilzeitarbeit verwiesen, und zwar Bewerbungen von Frauen UND Männern. Für mich heißt das: Das Gejammere über Fachkräftemangel braucht man eigentlich nur dann ernst zu nehmen, wenn die Unternehmen selbstverständlich Teilzeitstellen anbieten, auf allen Qualifikationsniveaus.

Mehrere Teilnehmerinnen wendeten sich schließlich auch gegen das Argument, dass qualifizierte Arbeitnehmerinnen auf keinen Fall eine Weile aus dem Beruf aussteigen dürfen, wenn sie den Anschluss nicht verlieren wollen. Denn die wichtigste Qualifikation, die man heute im Berufsleben brauche, sei die Fähigkeit, Neues zu lernen. Auch wenn man ein Projekt wechselt, müsse man sich immer wieder in neue Gegebenheiten einarbeiten. Meist seien es ganz andere Gründe, weshalb Arbeitgeber Leute mit einer “Biografischen Pause” nicht in Betracht ziehen.

Das scheint mir auch recht plausibel. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Arbeitgeber es einfach nicht gerne sehen, wenn Menschen sich eine “Auszeit” nehmen – sei es nun wegen Kindern oder aus irgend einem anderen Grund – und zwar deshalb, weil das beweist, dass die betreffenden Arbeitnehmer_innen sich nicht mit Haut und Haaren ihrem Beruf hingeben, sondern auch noch andere Interessen und Prioritäten haben. Sie sind daher auch nicht so leicht lenkbar, nicht so abhängig, funktionieren nicht so gut. Nicht, weil ihnen inhaltliches Wissen fehlt – das kann man sich nämlich wieder aneignen – sondern weil sie eine gewisse innere Unabhängigkeit von ihrem Beruf haben.

In diese Richtung müsste man weiterdenken. Und immer schön aufpassen, dass die eigenen feministischen Argumente nicht neoliberal vereinnahmt werden, also dazu beitragen, die totale Auslieferung der Menschen an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes immer weiter voranzutreiben. Und diesen Prozess dann auch noch mit dem Gütesiegel der Emanzipation zu versehen.

Der Papst, der Professor, und die Welt da draußen

Sind drei Tage lang zusammen im Vatikan eingesperrt: zig Kardinäle und ein Psychoanalytiker. Den spielt Nanni Moretti selber.

Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Nanni Moretti. Deshalb bin ich auch in „Habemus Papam“ gegangen (in eine Preview, in die Kinos kommt der Film in Deutschland am 8. Dezember). Obwohl die Kritiken schlecht waren. Flache Komödie, schwülstig, nichts Besonderes, hieß es.

Natürlich kann man den Film so sehen. Man kann ihn lesen als eine müde Inszenierung alter Streitereien. Hier die Kirche, da die säkulare Welt. „Sie wissen ja, dass das Konzept der Seele mit dem des Unbewussten nicht zu vereinbaren ist“, belehrt zum Beispiel ein Kardinal den Psychoanalytiker (gespielt von Moretti selber). Dieser „Professor“, wie der Analytiker (jedenfalls in der italienischen Fassung) nur genannt wird, ist in den Vatikan gerufen worden, um den neu gewählten Papst zu therapieren. Denn derjenige, auf den die Wahl unerwartet fiel, behauptet, er könne die Last der Verantwortung nicht tragen. Er weigert sich, auf den Balkon des Petersdoms zu treten und sich den Gläubigen zu zeigen. Stattdessen haut er ab, raus, auf die Straßen Roms.

Genau das ist das Setting des Films: Die Papstwahl ist vollzogen, der weiße Rauch war zu sehen, und das „Habemus Papam“ ist verkündet. Aber die Öffentlichkeit weiß noch nicht, wer es ist. Dass der Papst verschwunden ist, wird geheim gehalten. Und im Vatikan weiß niemand, wie es weitergehen soll. So ein Fall ist im Protokoll nicht vorgesehen.

In den drei Tagen, die die Filmhandlung beschreibt, dürfen die Kardinäle und der Professor den Vatikan nicht verlassen. Das Konklave ist noch nicht beendet, also kein Kontakt zur Außenwelt. Zwei Männer-Kulturen begegnen sich hier, und das ist in vielen kleinen Details wunderschön inszeniert. Zum Beispiel in folgender Szene: Der Professor veranstaltet mit den versammelten Kardinälen ein Volleyballturier, um die Zeit zu vertreiben. Einer der alten Herren fragt, ob man denn nicht stattdessen Völkerball spielen könne. „Völkerball spielt man schon seit fünfzig Jahren nicht mehr!“ entgegnet der entgeisterte Professor. Ein winziger Satz, der gleichzeitig die Weltfremdheit der einen zeigt wie auch die Bedeutungslosigkeit der anderen, die sich allen Ernstes etwas darauf einbilden, dass sie Völkerball durch Volleyball ersetzt haben.

Wer in dem Film nur diese Begegnung zwischen einer alten und einer neuen Variante von „Patriarchat“ erkennt, mag ihn wirklich für belanglos halten. Doch das ist nur der Nebenschauplatz. An dem mir übrigens gut gefallen hat, dass die Welt der Kardinäle ohne Häme gezeigt wird, ohne Besserwisserei, ohne billige Anti-Kirchen-Polemik, ohne allzu viele erwartbare Klischees. Man mag die alten Männer irgendwie, man sieht ihre Menschlichkeit und ihr Bemühen, gut zu sein.

Der neu gewählte Papst sucht Zuflucht im richtigen Leben.

Doch das eigentliche Geschehen spielt sich anderswo ab, vor den Mauern der Kirche. Zwischen dem entflohenen Papst und der wirklichen Welt. Einer Welt, die von Frauen bevölkert ist. Frauen, die sich aufmerksam um den alten Mann kümmern, ohne ihn aber allzu wichtig zu nehmen. Sie wissen ja nicht, dass es der Papst ist, und deshalb können sie den Menschen sehen. Sie fragen ihn ganz normale Dinge: Wo denn seine Familie ist und seine Freunde, ob er schon mal mit jemandem über seine Probleme gesprochen hat, ob er ein Glas Wasser will. Sie leihen ihm ihr Handy. Sie sind nett zu ihm, aber sie brauchen nichts von ihm. Sie haben ihre eigenen Sachen zu tun.

Etwas Angst hatte ich vor dem Schluss des Films. In einer Besprechung hatte ich gelesen, der Papst würde am Ende eine große Rede halten, man verglich sie sogar mit der berühmten Rede am Ende von Chaplins „Der große Diktator“. Ich befürchtete, eine solche Rede würde den ganzen Film ruinieren.

Ein alter Mann, allein unter einer Milliarde Gläubigen.

Aber ich hätte eigentlich wissen können, dass Nanni Moretti mich nicht enttäuscht.

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Die Männer und das Patriarchat

Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com

In einer der letzten Ausgaben von „Via Dogana“, der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens (Juni 2011), gibt es einen Artikel von Riccardo Fanciullacci, der sich unter dem Titel „Das Patriarchat ist zu Ende. Und wir?“ mit der Frage beschäftigt, mit welchen Themen und Herausforderungen es Männer heute zu tun haben. Mir scheinen seine Überlegungen interessant, und vielleicht sind sie das ja auch für den ein oder anderen Mann im deutschen Kontext. Wobei er aus der Position eines Mannes schreibt, der vom Feminismus viel gelernt hat, der die Freiheit von Frauen als Chance und nicht als Bedrohung sieht und an konstruktiver Zusammenarbeit mit Frauen interessiert ist – alle anderen brauchen hier bitte auch gar nicht erst weiterlesen.

Fanciullacci unterrichtet Philosophie an der Universität von Verona und daher bezieht er sich zunächst auf eine These, die vom italienischen Differenzfeminismus angestoßen wurde, aber hier in Deutschland nicht so bekannt ist, weshalb ich sie vorab kurz rekapituliere. Der Gedanke, dass das Patriarchat möglicherweise schon zu Ende ist, stammt von Luisa Muraro, die ihn 1996 in einem Artikel namens „Freudensprünge“ formuliert hat (in deutscher Übersetzung abgedruckt in: Diotima: Die Welt zur Welt bringen, ich habe darüber 1998 ein Interview mit ihr geführt) und der dann auch Grundlage einer Flugschrift des Mailänder Frauenbuchladens wurde, dem so genannten „roten Sottosopra“ mit dem Titel „Es ist passiert – nicht aus Zufall“.

Gemeint ist offensichtlich nicht, dass mit dem Ende des Patriarchats das Paradies auf Erden angebrochen sei, sondern dass die Aufgabe, vor der freiheitsliebende Frauen stehen, nicht länger die bloße Kritik an patriarchalen Zuständen ist, sondern dass „die konstruktive Arbeit an einer erneuerten symbolischen Ordnung wichtiger wird als die Kritik an der vergehenden Zweiteilung“ – so formuliert es Ina Praetorius in ihrem neuen Buch, die dafür im deutschsprachigen Raum auch den Begriff des „postpatriarchalen Denkens“ geprägt hat.

Mir hat damals der Gedanke, dass der Kampf gegen das Patriarchat längst nicht mehr der Anknüpfungspunkt für feministisches Handeln sein sollte, sofort eingeleuchtet, aber es war schwer, das in Deutschland zu vermitteln (was ich eine Zeitlang versucht habe). Aber der Widerstand gegen diesen Gedanken war groß und die Diskussionen meist unfruchtbar, zu fest verankert war im Feminismus die Idee, dass „das Patriarchat“ noch immer in voller Blüte stünde.

Inzwischen meine ich, dass – auch wenn die Formulierung vom „Ende des Patriarchats“ im deutschen Feminismus noch immer oft zu Stirnrunzeln führt – die konkreten Entwicklungen diese Diagnose bestätigt haben. Denn so unterschiedlich die Aktionsweisen und Denkansätze von politisch aktiven Frauen auch sind, so offensichtlich ist es doch, dass sie alle der Arbeit an einer postpatriachalen Gesellschaft faktisch den Vorrang vor dem Kampf gegen klassische „Männerherrschaft“ geben:

Zum Beispiel, wenn Feministinnen keine Lust mehr haben, Männern weiterhin zu erklären, worum es eigentlich geht, sondern sie darauf verweisen, dass das längst überall nachgelesen werden kann. Oder wenn Frauen sich von der Politik der Separation verabschieden und den starken Wunsch haben, die Gestaltung der Welt gemeinsam mit Männern in Angriff zu nehmen. Oder wenn sie keine Lust mehr haben, sich an gläsernen Decken in Institutionen abzuarbeiten, sondern die Angelegenheit jetzt endlich mal mit Hilfe einer fixen Quote hinter sich bringen wollen. Oder wenn ein „sexpositiver“ Zugang zu Pornografie verlangt wird, weil sich das Thema nun wirklich nicht in der Kritik an gewaltförmigen Sexdarstellungen erschöpft. Oder wenn Politikerinnen von Angela Merkel bis Marina Weisband ganz selbstverständlich mit vollster Autorität agieren, ohne aus ihrem Frausein ein Geheimnis oder ein großes Bohei zu machen.

Ich bin bekanntlich nicht mit allem davon einverstanden, und teilweise sind die Anliegen dieser Frauen auch miteinander unvereinbar, aber das Gemeinsame daran ist, dass die Kritik an Männerherrschaft nicht mehr im Zentrum ihrer Interessen steht, sondern dass sie darüber hinaus wollen. Dass für sie die weibliche Freiheit nichts mehr ist, was gerechtfertigt und erklärt werden muss, sondern der selbstverständliche und nicht zur Diskussion stehende Ausgangspunkt.

Das heißt natürlich nicht, dass es nicht noch Relikte von patriarchalen Mustern gibt, die sehr gefährlich und problematisch sein können. Aber der Umgang mit ihnen ist – von Seiten der Frauen – von einem inhaltlichen Herzensanliegen zu einem pragmatischen In-die-Schranken-Weisen geworden, ob nun Merkel die Patriarchen in ihrer Partei auf Eis legt oder ob feministische Blogs entsprechende Kommentare einfach bei hatr.org abliefern. Die Überreste des Patriarchats sind heute nicht mehr Gegenstand ernsthafter feministischer Analyse, sondern ein Ärgernis wie schlechtes Wetter, mit dem man zwar rechnen und gegen das man etwas unternehmen muss, wobei aber die eigentlichen Aufgaben längst ganz andere sind.

Die These von Riccardo Fanciullacci ist nun, dass Frauen sich diese pragmatische Abwendung vom „Patriarchat“ als Kategorie leisten können, weil für sie das Thema tatsächlich in dem Moment inhaltlich erledigt ist, in dem sie patriarchalen Denkmustern die Glaubwürdigkeit entziehen. Männer hingegen nicht. Männer könnten nicht bloß pragmatisch mit den Ausläufern des Patriarchats umgehen, weil sie in ihrem eigenen Mannsein davon betroffen sind. Freie, also postpatriarchale Männer, so seine These, können sie nur werden, wenn sie „die Aufarbeitung der dunkelsten und tiefgreifenden Wurzeln der patriarchalen symbolischen Ordnung wieder aufnehmen. Die kritische Arbeit am männlichen Symbolischen könnte für uns Männer der direkteste Weg sein, um uns weiterzubringen und die Formen zu verändern, die unseren inneren Weg und unser Begehren prägen.“

Er hat dabei natürlich den Berlusconismus vor Augen, der ein extremes Beispiel für ein „Neopatriarchat“ ist, das politische Verantwortungslosigkeit direkt mit Männlichkeit verknüpft – Berlusconi ist ja nicht einfach nur ein schlechter Politiker gewesen, sondern er hat sein Handeln konsequent mit einer bestimmten Performanz von Männlichkeit verbunden. Auch in Deutschland gibt es Beispiele für eine solche Vermischung von gesellschaftsschädlichem Verhalten mit Männlichkeit, zum Beispiel in Teilen der Männerbewegung oder im organisierten Antifeminismus, aber auch in bestimmten Toppositionen der Wirtschaft oder in bestimmten Bereichen der Populärkultur. Deshalb, so Fanciullacci, sei es für Männer heute notwendig, das Wort „Patriarchat“ weiter zu verwenden, als Analysekriterium, um sich „von einer Erbschaft zu lösen, die ohne eine genaue symbolische Vermittlungsarbeit nicht verschwinden wird.“

Der Weg, den er dafür vorschlägt ist, eine Art und Weise zu finden, sich „auf nicht patriarchale Weise zu einer Frau in Beziehung zu setzen.“ Dafür gebe es keine bestimmte Methode und keine festen Regeln, und vor allem dürfe man nicht allgemein „die Frauen“ dabei im Blick haben. Sondern es gehe darum, sich in der konkreten Beziehung zu einer bestimmten Frau ihrer „jeweils einzigartigen Weise, Frau zu sein“ auszusetzen, und zwar „mit ein bisschen Liebe“. Dafür sei es notwendig, „Vertrauen zu haben in ihre Fähigkeit, uns zu sagen, wenn die Art und Weise, mit der wir ihr begegnen, nicht in Ordnung ist“.

Aber das sei nicht alles. Ein Hauptproblem des patriarchalen Erbes sei es, dass „Männer die außerordentliche Fähigkeit haben, jede Frau in die Position der Mutter zu bringen, und sei sie auch zwanzig Jahre jünger: Um diese Dynamik abzuschalten ist es notwendig, darauf vorbereitet zu sein, indem man sich bemüht, das Knäuel zwischen der jeweils besonderen Form des eigenen Begehrens und dem, was von historisch bedingten symbolischen Ordnungen herrührt, zu entwirren“.

Zum Schluss schlägt Fanciullacci drei Ziele vor, um die es aus seiner Sicht bei der „Transfomation des männlichen Selbst“ geht, und die ich hier zum Schluss wörtlich zitiere:

Erstens: Zu lernen, vor einer Frau zu stehen und ihre Erfolge, ihre Bewegungsfreiheit und die Interessen, die sie irgendwo hin führen, wahrzunehmen, ohne die leiseste Sehnsucht aufkommen zu lassen nach dem alten Bild der Frau als Spiegel, die dem Mann seine eigene Figur in doppelter Größe zurückwirft.

Zweitens: Zu lernen, ihr unsere Bedürftigkeit zu zeigen, ohne gleichzeitig von ihr zu verlangen, unsere Mutter zu sein; oder auch: Die eigene Mutter zu lieben, ohne von jeder anderen Frau die Liebe einer Mutter zu erwarten.

Drittens: Zu lernen, ihr eine hingebungsvolle und ernst gemeinte erotische Kreativität anzubieten, die nicht die Liebe kleinmacht und an ihrer Stelle den immer wieder selben sexuellen Phantasien Raum gibt.

Mein Problem mit Post-Privacy

Prima leben ohne Privatsphäre? Ja. Aber.

„Prima leben ohne Privatsphäre“ hat Christian Heller sein Buch über Post-Privacy genannt, und das meiste davon kann ich unterschreiben. Er hat im Grunde zwei Thesen:

Erstens:  Die technische Entwicklung des Internet (bzw. der prinzipiellen Digitalisierbarkeit aller Daten) führt unweigerlich dazu, dass das, was wir derzeit als „Privatsphäre“ bezeichnen, verschwinden wird. Einfach deshalb, weil das Bemühen, Daten vor einer Veröffentlichung und damit dem Zugriff der anderen zu schützen, immer aufwändiger wird und negative Begleiterscheinungen hat, sodass es letztlich auf einen Kampf gegen Windmühlen hinausläuft.

Zweitens: Diese Entwicklung hat positive Aspekte, denn sie kann uns zu einer kulturellen Neuausrichtung führen, die letzten Endes nicht weniger, sondern mehr Freiheit mit sich bringt.

Soweit gehe ich im Großen und Ganzen d’accord.

Meine Zweifel setzen an dem Punkt an, wo aus der Verfügbarkeit von Daten Prognosen für die Zukunft abgeleitet werden. Denn hier gerät ein wesentlicher Aspekt aus dem Blickfeld. Verdaten und damit digitalisieren lässt sich nämlich nur Vergangenes, im äußersten Fall die Gegenwart. Die Zukunft steht aber nicht fest. Sie lässt sich auch nur als Wahrscheinlichkeitsrechnung prognostizieren. Alle diese Prognosen sind unweigerlich falsch, weil sie eine grundlegende Fähigkeit außer Acht lassen, die wesentlich zum Menschsein dazu gehört: Die Fähigkeit, Neues in die Welt zu setzen.

Auf die Spitze getrieben schildert Heller die Illusion, Datenbestände in die Zukunft zu katapultieren, am Beispiel eines Science Ficition-Romans (Accelerando von Charles Stross), wo Persönlichkeiten früherer Zeiten „resimuliert“ werden. Die Idee ist: Wenn man nur sämtliche verfügbaren Daten über einen Menschen sammelt, dann kann man – ungeheure technische Fortschritte vorausgesetzt – diesen Menschen irgendwann später wieder „resimulieren“, also neu zusammensetzen.

Ich will gar nicht bestreiten, dass man das vielleicht kann. Aber ich stelle mir vor, ich würde das so machen: Sämtliche über mich verfügbaren Informationen würden irgendwo abgespeichert und ich sterbe. In hundert Jahren wird das dann alles wieder zusammengebaut. Wäre das dann wieder ich? Wäre das die Unsterblichkeit?

Nö. Ich wäre weiterhin so tot wie eh und je, nur eine Simulation meiner selbst würde dann herumlaufen. Das wäre mir aber vollkommen egal, denn ich würde das ja nicht mehr mitbekommen.

Und zwar deshalb, weil es „in mir“ etwas gibt, das sich nicht verdaten lässt. Und  zwar das, was zwar „in mir steckt“, aber gewissermaßen noch nicht rausgekommen ist, sich noch nicht materialisiert hat, und damit auch nicht „verdatbar“ ist und also nicht abgespeichert werden kann.

Nun könnte man das als Spitzfindigkeit abtun, aber das Ganze ist wichtig, weil die „Privatsphäre“ dafür doch wieder entscheidend ist. Und zwar an dem Punkt, wo das „Neue“, das ich in die Welt setzen könnte, gerade erst im Entstehen begriffen ist. Neues kommt ja nicht mit Donnerschlag auf die Welt, sondern in einem Prozess. Und meine These ist, dass es gerade für diesen Prozess des Gebärens von Neuem unabdingbar ist, dass er nicht in der Öffentlichkeit stattfindet.

Nehmen wir zum Beispiel eine Idee, eine Ahnung, eine Intuition, eine Erfahrung, aus der irgendwann vielleicht mal ein neuer Text, eine neue Theorie, ein neues Argument hervorgehen kann – also etwas, das ich dann ins Licht der Öffentlichkeit entlasse. Dieser Prozess von der Idee zur öffentlich vertretbaren „Äußerung“ ist prekär, verletzlich, heikel. Vielleicht ist ja die Idee falsch, die Intiution ein Vorurteil. Vielleicht ist sie sogar gefährlich. Vielleicht hat sie das Potenzial, andere zu gefährden. Vielleicht macht sie die Welt schlechter und nicht besser, wie ich es eigentlich vorhabe.

Meiner Erfahrung nach sind auch solche „falschen“ – oder zumindest teilweise falschen – Ideen notwendig, um etwas Neues hervorzubringen. Und genau dafür brauche ich Privatsphäre. Einen Raum, in dem ich mit Sachen experimentieren kann, die potenziell falsch und gemeingefährlich sind.

Wenn ich etwas Neues erfinde, dann brauche ich auf jeden Fall Austausch mit anderen. Ich muss meine steilen Thesen und unbewiesenen Intuitionen mit anderen diskutieren, muss sie in gegebenen Situationen ausprobieren. Ich kann sie nicht allein in meinem Kopf ausbrüten, sondern ich  muss sie sozusagen in einem begrenzten Feldversuch in Kontakt mit der Welt bringen.

Normalerweise passiert das in geschützten Räumen. In Gesprächen mit Freunden am Küchentisch. In kleinen Treffen mit feministischen Denkfreundinnen. In Texten, die ich in den Computer tippe und dann wieder lösche, bevor die Welt sie gesehen hat. In einem solchen Rahmen kann ich „frei von der Leber weg“ reden. Es ist nämlich nicht so, dass Gedanken im Kopf entstehen, sie entstehen erst beim Sprechen. Ideen formen sich durch die Begegnung mit der Welt. Allerdings nicht mit der ganzen Welt, nicht mit der Öffentlichkeit. Sondern mit einer kleinen Welt. Ich kann sie äußern gegenüber Menschen, die mir wohlgesonnen sind, die mich verstehen, die behutsame und kluge Hebammen für diese Ideen und Gedanken sind.

In diesem „privaten“ Raum reifen diese Ideen dann heran zu etwas, für dessen „Veröffentlichung“ ich bereit bin, Verantwortung zu übernehmen. Indem ich es der ganzen Welt zumute. Und ab da habe ich es nicht mehr in der Hand, was daraus wird. Wenn eine Idee erst einmal öffentlich ist, können alle damit machen, was sie wollen. Sie können sie missverstehen zum Beispiel. Sie können davon auf eigene Ideen gebracht werden, gute wie schlimme. Genau so charakterisiert Hannah Arendt das Handeln (im Unterschied zum Herstellen und zum Arbeiten) – als etwas, auf dessen Folgen man keinen Einfluss mehr hat, weil nun die Freiheit der anderen zum Zug kommt, die das, was man selbst gesagt oder getan hat, aufgreifen und weiter führen wie sie wollen. Aber man trägt natürlich trotzdem dafür Verantwortung. Deshalb darf man dabei nicht leichtfertig sein.

Deshalb stelle ich es mir sehr problematisch vor, wenn eine Idee schon öffentlich wird, bevor sie das entsprechende Reifestadium erreicht, in dem ich mich dazu entscheide, diese Verantwortung für alles, was daraus folgt, zu übernehmen. Dieses Bewusstsein der Verantwortung für das, was man tut und sagt, ist leider jetzt schon im Internet ziemlich unterbewertet. Ich finde, man muss es kultivieren, also das Bewusstsein für diesen Übergang vom Privaten ins Öffentliche pflegen.

Und zwar besorgt mich dabei nicht einmal so sehr dieser Prozess der „falschen“ Verwendung meiner „falschen“ (weil noch unfertigen) Gedanken, obwohl das schon schwerwiegend genug wäre. Was mich noch viel mehr besorgt ist die Befürchtung, ich könnte solche Ideen vielleicht erst gar nicht mehr hervorbringen. Ich würde die „Zensur“, die mich heute davon abhält, zum Beispiel alles in diesen Blog zu schreiben, was mir durch den Kopf geht, nicht erst an dieser Stelle einsetzen (also bei der Frage: Ist es schon reif zur Veröffentlichung oder noch nicht?), sondern bereits früher, nämlich bevor ich mir die Idee überhaupt irgendwo zu haben erlaube.

Wenn wir in einer Kultur leben, in der jede Äußerung per se öffentlich ist, dann, so glaube ich, schränken wir unser Potenzial zum Hervorbringen von Neuem drastisch ein. Weil wir unweigerlich bei allem die Reaktionen der anderen (und zwar aller anderen) mitbedenken müssen. Weil wir keine Orte mehr haben, an denen wir mit Unfertigem experimentieren können. Dann wird unsere Kultur noch vorhersehbarer, noch langweiliger als sie ohnehin schon geworden ist.

Und dann sind wir tatsächlich nicht mehr wir selbst. Sondern nur noch eine müde Simulation aller unserer Daten.

Öffentliche Räume bewohnen: 20 Jahre Labyrinthplatz Zürich

Die Labyrinthdame. Das Logo entwarf Agnes Barmettler für den Labyrinthplatz in Zürich.

Labyrinthe im öffentlichen Raum, meist von Frauen initiiert und gestaltet, sind inzwischen an vielen Orten zu finden. Das erste dieser Art entstand vor zwanzig Jahren in Zürich, auf einem ehemaligen Kasernengelände. Einige Frauen hatten das Projekt im Zuge der 700-Jahr-Feiern der Stadt vorgeschlagen und konnten es mit städtischer Unterstützung realisieren.

In diesem schön gestalteten Band mit vielen farbigen Fotos erläutern die Initiatorinnen ihr Konzept, erzählen von Begegnungen und Diskussionen, ziehen Bilanz ihrer Arbeit und ihres Engagements.

Dabei wird deutlich, dass es hier um eine politische und kulturelle Intervention geht. Die Schweizer Labyrinthbetreiberinnen verstehen sich als „öffentliche Hausfrauen“, die sich dem Pflanzen und Ernten, dem Wohnlichmachen von Räumen und der Pflege von Beziehungen widmen, zum Beispiel zu den Anwohnerinnen und Anwohnern, den Randständigen, die in der Nachbarschaft des Labyrinths ihre Tage verbringen, zu Durchreisenden oder zu den Gästen bei den zahlreichen Veranstaltungen dort.

Das Buch enthält außerdem Beiträge zur historischen Bedeutung von Labyrinthen, zur Arbeitsweise des Projektes und sogar ganz praktische Anleitungen, wie man ein Labyrinth entwirft und realisiert.

Agnes Barmettler u.a.: Erzähl mir Labyrinth. 20 Jahre Labyrinthplatz Zürich. Christel Götter Verlag, Rüsselsheim 2011, 25 €

Zum Weiterlesen:

http://www.labyrinthplatz.ch/

Ursula Knecht: Öffentliche Räume „bewohnen“

Gespräch zwischen Cornelia Jacomet und Ursula Knecht zur Frage, ob Labyrinthe spirituelle Orte sind

Zeitreise. Vor fünfzig Jahren.

Demnächst vor fünfzig Jahren (am 14. November 1961) gab es in Deutschland die erste Bundesministerin: Elisabeth Schwarzhaupt, Applaus, Applaus, Applaus.

Besser als jede Würdigung ist dieses zeithistorische Dokument aus der Westerwälder Zeitung, das darüber berichtet. Liebe Lehrerinnen und Lehrer – wäre das nicht was für die Diskussion eines Quellentextes im Geschichtsunterricht aus diesem Anlass?

Nur so ne Idee…