Balken im Auge

Man könnte darüber diskutieren, ob Homosexualität und andere nicht-traditionelle sexuelle Identitäten in der deutschen Schulbildung als „normal“ akzeptiert werden sollten, oder ob man ihr Vorkommen nur unter gewissen Voraussetzungen tolerieren will. Das genau ist nämlich die Frage, um die es im Kern bei der Auseinandersetzung in Baden-Württemberg über den von der grün-roten Landesregierung beschlossenen Bildungsplan 2015 geht.

Der derzeitige Stand des deutschen Mainstream ist wohl der, dass Homosexualität zwar nicht mehr verboten sein soll und dass man Schwule, Lesben, Transsexuelle oder andere „Queers“ auch nicht mehr aktiv diskriminieren will, dass aber gleichzeitig doch große Uneinigkeit darüber besteht, inwiefern diese sexuelle Vielfalt tatsächlich auch als ganz genauso „normal“ angesehen werden soll wie das klassische biologisch definierte Mann-Frau-Paar.

Eher nicht für „normal“ gehalten wird Homosexualität (und Queerness generell) jedenfalls von einer Mehrheit der Christinnen und Christen. Zwar gibt es auch christliche Gruppierungen und Einzelpersonen, die der Auffassung sind (mit guten christlichen Begründungen), dass sexuelle Vielfalt vorbehaltlos akzeptiert und unterstützt werden muss – inklusive der dafür notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen wie etwa modifizierter Bildungspläne. Diese Fraktion ist im Übrigen gar nicht so klein, wie viele glauben, es gehören zahlreiche normale Kirchenmitglieder dazu, kirchliche Angestellte (wie ich), auch viele Pfarrerinnen und Pfarrer, und sogar einige hohe kirchenleitende Amtspersonen.

Aber es wäre doch albern, zu behaupten, dass wir die christliche Mehrheit repräsentieren. Der Mainstream der Kirchennahen sieht es eher so, dass nicht-heteronormkonforme Lebensweisen und Identitäten halt irgendwie Realität, aber trotzdem „nicht ganz normal“ sind. Die Palette reicht dabei von schlichtem Desinteresse über Ignoranz gegenüber Homophobie bis hin zu offenen Vorbehalten. Es gibt im Übrigen leider auch noch christliche Kreise, die Homosexualität am liebsten wieder verbieten würden.

Und natürlich haben die Kirchen wie jeder andere gesellschaftliche Akteur das Recht, ihre Meinung öffentlich zu vertreten und in die allgemeine Debatte einzubringen. Niemand zwingt sie, „dem Zeitgeist hinterherzulaufen“, wie immer unterstellt wird. Was ich mich frage, ist: Warum, um Himmels willen, tun sie das nicht?

Warum vertreten sie nicht offen und argumentativ ihre Ansichten zum Thema sexuelle Vielfalt? Vielleicht, weil sie ahnen, dass sie damit nicht mehr den gesamtgesellschaftlichen Mainstream treffen würden? (Ob das so wäre, weiß ich nicht). Oder weil sie keine wirklich plausiblen und haltbaren Argumente haben, sondern ihre Ansichten darüber eher Gewohnheit, Bequemlichkeit, Weltfremdheit sind? Sicher ist: Sie würden sie sich angreifbar machen. Sie müssten sich für ihre Ansichten zur Verantwortung ziehen lassen. Es würden innerchristliche Konflikte aufpoppen. Und das ist natürlich unbequem.

Stattdessen lenken sie vom Thema ab und reden über „Indoktrination“, die angeblich vom baden-württembergischen Bildungsplan 2015 ausgeht. In einer gemeinsamen Stellungnahme der evangelischen und katholischen Kirche in Baden-Württemberg zum Thema heißt es: „Jeder Form der Funktionalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität.“

Hooray, könnte man da aus queerer Sicht eigentlich jubeln. Ist das denn nicht genau das, was wir auch wollen? Dass Kinder nicht mehr vom ersten Tag an in blaue oder rosane Geschlechtsrollen hineinerzogen werden? Dass sie nicht mehr in Büchern und Lehrplänen mit einem einzigen als „normal“ behaupteten Lebensstil namens heterosexuelle Ehe indoktriniert werden? Dass Unterricht nicht mehr ideologisch darauf abzielt, irgendwelche angeblich „natürlichen Geschlechterordnungen“ zu stabilisieren? Ist denn nicht genau das die Absicht, die hinter dem neuen Bildungsplan steht? Zu verhindern, dass weiterhin – wie in den vergangenen Jahrhunderten, auch und gerade seitens der Kirchen – funktionalisierend, ideologisierend und indoktrinierend auf die Herausbildung der sexuellen Identität von Kindern eingewirkt wird?

Aber so, als queeres Manifest, ist die kirchliche Stellungnahme natürlich nicht gemeint. Was schön klingt, wenn man es im Wortlaut zitiert, wurde von den Medien sofort – und zu Recht – als Kritik am Bildungsplan aufgefasst. Denn mit dieser Wortwahl solidarisieren sich die Kirchen mit einer homophoben Petition, die derzeit von der „christlichen Basis“ in Baden Württemberg vorangetrieben wird – mit oberkrassesten Begründungen – und die den Bemühungen des Bildungsplanes – genau – Indoktrination und Ideologie unterstellt.

Und sorry, das ist unverschämt. Das ist eine arrogante Herablassung, die die Argumente der anderen noch nicht einmal wenigstens zur Kenntnis nehmen will. Da hilft es dann auch nicht, wenn sich die Stellungnahme im Schlusssatz von „Hetzportalen und diffamierenden Blogeinträgen“ distanziert. Denn in der Substanz hat sie sich die Sichtweise der Petition zu eigen gemacht.

Die baden-württembergischen Kirchen hätten sich besser an Angela Merkel ein Beispiel genommen und eingestanden, dass sie sich mit der Akzeptanz von Homosexualität „nicht ganz wohl fühlen“. Ich zumindest hätte ihnen das nicht übelgenommen. Aufgrund ihrer Geschichte, und auch angesichts einer weltweiten christlichen Ökumene, in der sogar das Tolerieren von Homosexualität noch weithin abgelehnt wird, wäre das doch durchaus zu verstehen.

Niemand erwartet von den Kirchen, dass sie sich zur Speerspitze der deutschen Queerbewegung machen. Sie repräsentieren nun einmal vorwiegend konservative, bürgerliche Milieus. Sie hätten also sehr gut eine vom derzeitigen „Zeitgeist“ abweichende Positionierung in Sachen Queer einnehmen können und sich damit als genau als das erwiesen, was sie sind: einer von vielen gesellschaftlichen Akteuren, die eine spezielle Sichtweise auf ein Thema haben.

Aber sie diskutieren nicht, und sie argumentieren nicht. Stattdessen spielen sie mit Muskeln, stellen sich über ihre Gegner_innen und behaupten, diese wären nicht satisfaktionsfähig, weil sie ja „Indoktrination und Ideologie“ betreiben würden.

Liebe Kirchen in Baden Württemberg: Lest doch vielleicht nochmal die Stelle mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen.

PS: Lest auch das Interview mit Nele Tabler im Missy Magazine

Foto: fraencko/Flickr.com

Bekenntnisse

Ich habe noch nicht viel von Jerusalem gesehen, nur die Busfahrt in die Stadt hinein und dann den Fußweg vom Lions Gate zum österreichischen Hospiz, wo ich die nächsten drei Tage wohne. Aber schon ist mir aufgefallen, dass ich es unangenehm finde, dass ich den meisten Menschen hier schon von Ferne ansehe, zu welcher Religion sie gehören.

Da ich noch auf mein Zimmer warten muss, habe ich Zeit, das kurz zu bloggen.

Die Bekenntnisse sind nicht nur visuell, sondern auch akustisch aufdringlich. In der Cafeteria kommen Strauss-Walzer aus den Lautsprechern, aus der Moschee nebenan tönt der Muezzin.

Das stört mich alles. Ich fühle mich wie von Schubladen umgeben. In Wien stören mich Strauss-Walzer hingegen nicht, in Sarajevo fand ich die häufigen Gebetsrufe von den Moscheen richtig schön.

Vielleicht lässt sich mein Unbehagen gerade an diesem Vergleich gut beschreiben. In Sarajevo empfand ich die Gebetsrufe deshalb angenehm, weil sie mich (und das ist doch auch der Sinn) fünfmal am Tag daran erinnerten, dass es Gott gibt. Mir wurde dabei zwar auch jedesmal die kulturelle Differenz zwischen mir und meiner muslimischen Umgebung bewusst, aber das empfand ich nicht als störend. Die wesentliche Botschaft des Muezzinrufs galt auch für mich, auch wenn ich sie in meine eigenen kulturellen Formeln übertragen musste.

Hier hingegen habe ich den Eindruck, dass die sichtbaren Bekenntnisse eher der Abgrenzung dienen. Ich bin keine Österreicherin, ich bin keine Muslimin, sagen sie mir.

Ich weiß noch nicht genau, was ich aus diesem erst einmal spontanen Unbehagen machen soll. Vielleicht kommt es auch daher, dass ich es bevorzuge, “undercover” zu sein. Wenn ich reise, bin ich gerne unauffällig, ich passe mich gerne auch äußerlich den Gepflogenheiten an, weil die wesentlichen Differenzen doch nicht die des Labels sind, sondern der Haltung.

Ich käme auch nie auf die Idee, mir ein Kreuz anzuhängen oder ein Frauenzeichen, außer, ich bin in dezidiert christlichen oder feministischen Kontexten. Dann sind diese Signale ein Zeichen der Verbundenheit, aber eher in der Bedeutung von Zugehörigkeit als in der Bedeutung von Übereinstimmung. Mit den meisten Christ_innen und den meisten Feminist_innen stimme ich ja gar nicht überein (in den meisten Fragen).

Andererseits habe ich kein Problem, mir ein Kopftuch umzubinden oder einen Rock anzuziehen, wenn ich in einer Gegend bin, wo man das eben so macht.

Hier in Jerusalem wird mir das wohl nicht gelingen, denn es gibt nichts, woran ich mich anpassen könnte. Ich muss mich bekennen, es gibt hier keinen Mainstream. Oder vielleicht doch, und ich habe ihn nur noch nicht entdeckt?

Ich bin gespannt auf die nächsten Tage. Vielleicht könnte ich mich als Touristin verkleiden.

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Vollkommen schamlos

sufi

Achtung, dieser Blogpost enthält Spuren von Frömmigkeit.

Nachdem mir ja das Kirchentagsprogramm keine große Hilfe im Auffinden interessanter Veranstaltungen war, benutzte ich gestern Abend einfach die Funktion „In der Nähe“ der Kirchentags-App und besuchte die einzige Veranstaltung in der Gegend meines Hotels: „Drehtanz aus der Sufi-Tradition zum Mitmachen“ in der Apostelkirche in Eimsbüttel.

Und was soll ich sagen? Es war eine gute Wahl (bzw. eben keine Wahl meinerseits, sondern göttliche Fügung, haha. Kein Scherz).

Sufi ist ja eine muslimische Variante der Mystik, also eine Praxis, wie man unmittelbare Verbindung zu Gott bekommen kann („unmittelbar“ heißt, ohne Vermittlung etwa über eine Heilige Schrift oder einen Priester etc.). In diesem Fall besteht diese Praxis darin, sich dauernd im Kreis zu drehen, und zwar immer in dieselbe Richtung, zu einer meditativen Musik.

In der Apostelkirche waren eine Art „Sufi-Band“ und einige professionelle Sufi-Tänzerinnen und Tänzer, die genaue Einführung habe ich nicht mitbekommen, weil ich zu spät kam, aber sie hat auch nicht lange gedauert, das meiste war tatsächlich das Tanzen. Oder sich im Kreis drehen. Dazu gab es keine Anleitung oder so, es ging einfach die Musik los und dann haben die Leute aus dem Publikum angefangen zu tanzen, je nachdem wie sie Lust hatten. Natürlich nicht alle, aber doch viele, im Übrigen auch viele Männer. Einige schienen auch schon Erfahrung darin zu haben, anscheinend gibt es in Deutschland Kurse für Sufitanz. Erkennbar waren die „Profis“ daran, dass sie Spezialschuhe trugen, Spezial-Sufi-Schuhe, eine Art Mischung aus Ballerinas und Stiefeletten.

Wie auch immer, ich selbst tanzte nicht mit, sondern saß nur da und schaute mir das an, allerdings zweieinhalb Stunden lang praktisch bewegungslos, wodurch ich auch ein bisschen in Trance geriet. Ein paar der Mantras habe ich mitgesungen. Allah u Allah.

Und irgendwann merkte ich, dass ich richtiggehend glücklich war, genau an diesem Ort zu sein. Vor meinen Augen hatte ich all die Klischees, die über die evangelische Kirche so kursieren, die Männer-Softies in unmodischen Cordhosen und Blazern über Rollkragenpullis, die dicken Frauen in den wallenden Leinenkleidern, die hageren Betschwestern und so weiter, ja, sie alle waren da, und nicht nur das, sie tanzten da auch noch nach irgendwelchen orientalischen Klängen albern im Kreis herum. Sie wären ein gefundenes Fressen gewesen für jeden taz- oder Titanicreporter.

Aber diesen Menschen war das völlig egal. Sie kannten keine Scham. Sie bewegten ihre alten und jungen, weiblichen und männlichen, sehr sehr dicken und sehr sehr dünnen, eleganten und plumpen, beweglichen und steifen Körper durch diese Kirche, mit albernen Gesichtern und komischen Verrenkungen, manche schnell und souverän, andere im Schneckentempo, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, darüber zu lachen. Es war einfach keinerlei Coolness im Raum. Und selbst die wenigen, die sich möglicherweise ein wenig eitel darin gefielen, das Sufitanzen schon besonders gut zu beherrschen, störten das Gesamtgeschehen nicht. Wenn überhaupt, dann waren eher sie es, die ein bisschen lächerlich wirkten, aber nicht mal das. Gestern Abend, an diesem Ort, brauchte sich niemand wegen irgendetwas zu schämen, nichtmal wegen eventueller Eitelkeit. Ich saß zweieinhalb Stunden auf meinem Hintern, hörte die Musik, sah den Menschen zu, und war glücklich.

„Und sie kannten keine Scham“ wird über Eva und Adam im Paradies gesagt. Und ich glaube, das ist wirklich etwas, das paradiesische Zustände beschreibt: ein Ort, wo niemand sich schämt, wo alle so sind, wie sie sind, ohne beurteilt zu werden. Ein Ort, wo man sicher sein kann, dass jemand zu Hilfe kommt, wenn man hinfällt (und es sind gestern Abend einige hingeknallt, die vermutlich ihre Fähigkeit überschätzt hatten, sich ohne schwindlig zu werden dauernd in dieselbe Richtung zu drehen), und zwar ohne dass die Frage der Schuld überhaupt nur von Ferne im Raum steht. Ein Ort, wo die Körperlichkeit des Menschen zentral wichtig ist und geschützt wird, ohne dass damit irgendwelche Normierungen und Erwartungen und Ideale in irgendeiner Weise verbunden sind.

Einen Ort, an dem wir wirklich „nackt“ sein können, so nackt, wie sich die Menschen bei diesem Sufitanzen gemacht haben, obwohl sie natürlich Kleider am Leib hatten. Also ehrlich, ich glaube, ich war gestern Abend kurz im Paradies.

Nachklapp zum Thema Gott oder was auch immer

Ich bin  ziemlich überwältigt von der zahlreichen Resonanz auf meine Frage nach dem Atheismus und danke allen, die kommentiert haben. Mir ist beim Lesen eurer Schilderungen und Berichte vieles durch den Kopf gegangen, und einiges davon möchte ich hier schonmal festhalten.

Einige Punkte sind ja häufiger gesagt worden, zum Beispiel, dass der Atheismus oder das Nicht-Glauben eigentlich der „Normalzustand“ bei der Geburt ist und der Glaube an irgendwas erst durch die Erziehung oder „Indoktrination“ von Eltern und Umwelt implementiert wird. Das sehe ich auch so, wobei ich allerdings glaube, dass „Indoktrination“ (ich würde eher sagen: das Vermitteln von kulturellem Wissen oder persönlichen wie gesellschaftlichen Wertvorstellungen) im Moment der Geburt unweigerlich losgeht. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, aufzuwachsen, ohne „indoktriniert“ zu werden. Die spannende Frage ist, ob das auf eine freiheitliche oder unfreiheitliche Weise passiert, wobei das in der Realität wohl meistens ein Mix von beidem ist. Aber ich halte es für unmöglich, dass Menschen bis zu dem Zeitpunkt, wo sie eigene Überzeugungen entwickeln können, „unindoktriniert“ bleiben. Einfach deshalb, weil alle Erwachsenen, mit denen sie zu tun haben, bereits eigene Überzeugungen ausgebildet haben, und Lernen nur zu einem kleinen Teil über bewusste Reflektion und zu einem größeren Teil über Nachahmung und Imitation vonstatten geht.

Interessant fand ich den häufigen Verweis auf „Märchen und Sagen“, so als wäre das ein Argument gegen Religion – ich nehme an, der Grund war, dass innerhalb von Religionen oft behauptet wird, ihre Geschichten wären etwas völlig anderes als Märchen und Sagen, nämlich „wahr“? Das werde ich mal im Hinterkopf behalten.

Ich denke eigentlich auch, dass die Bibel oder auch allgemein religiöse Erzählungen und Gleichnisse über Gott im Prinzip so etwas sind wie Märchen und Sagen, aber ich finde nicht, dass das gegen sie spricht. Auch Märchen und Sagen sind ja nicht zu Unterhaltungszwecken erfunden worden, sondern weil damit Erkenntnisse und Ansichten über Gut und Böse und das  Zusammenleben der Menschen transportiert werden sollten. Nehmen wir zum Beispiel das Märchen von „Hans im Glück“ – darin steckt eine Botschaft, eine Wertüberzeugung über den Umgang mit materiellem Reichtum, und diese Botschaft ist doch das Zentrale und nicht, ob es einen solchen Hans „wirklich“ gegeben hat.

Biblische Geschichten sind von der Gattung her nicht etwas prinzipiell anderes als „Märchen und Sagen“, nur dass ihr Thema eben „Gott“ ist. Ein Hauptmissverständnis liegt glaube ich darin, dass zu der Zeit, in der sie entstanden sind, die Frage „ob es Gott gibt oder nicht“ niemand ernsthaft gestellt hat. Bis zur Neuzeit haben sich die Leute nicht darüber gestritten, ob es Gott gibt (davon sind sie als selbstverständlich ausgegangen), sondern darüber, was genau man sich unter „Gott“ vorstellen soll.

Eine Erzählung wie die von den „Arbeitern im Weinberg“ zum Beispiel vertritt die Ansicht, Gott würde allen Menschen dasselbe geben, unabhängig von ihrer Leistung (in dem Gleichnis bekommen die Arbeiter, die nur eine Stunde arbeiten, denselben Lohn wie die, die den ganzen Tag gearbeitet haben). Wenn man davon ausgeht, dass es Gott eventuell gar nicht gibt, ergibt die Erzählung logischerweise gar keinen Sinn. Sie ist nur sinnvoll innerhalb einer Debatte, in der zwar alle davon ausgehen, dass es Gott gibt, aber nicht darüber einig sind, wie Gott agiert (vermutlich waren damals viele der Ansicht, Gott würde die Menschen eher „leistungsbezogen“ aka „gerecht“ belohnen, und denen widerspricht dieses „Märchen“).

Von daher ist es heute tatsächlich schwierig bis unmöglich, solche Geschichten einfach weiter eins zu eins zu erzählen. Das Missverständnis ist sozusagen schon einprogrammiert. Ich selber kam als Jugendliche auch irgendwann an den Punkt, wo ich „das alles, was mir da erzählt wurde“ nicht mehr geglaubt habe, und ich habe auch keine befriedigenden Antworten von Kirchenleuten darauf gefunden. Meine Reaktion war dann aber nicht, Atheistin zu werden, sondern Theologie zu studieren, und ich bin heute an einem Punkt, wo mir die Rede von Gott nicht sinnlos erscheint sondern sinnvoll. Aber ich habe gleichzeitig gemerkt, dass ich überhaupt keine Lust habe, andere diesbezüglich zu überzeugen.

Um bei dem Beispiel mit den Arbeitern im Weinberg zu bleiben: Ich habe durchaus einen „missionarischen Eifer“, wenn es darum geht, dafür einzutreten, dass es falsch ist, Geld rein entlang von Leistungskriterien zu verteilen, weswegen ich etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen bin. Aber dafür brauche ich die Denkfigur „Gott“ nicht unbedingt (was ich allerdings hin und wieder mache, ist, Argumente wie das von den Arbeitern im Weinberg in Diskussionen mit „Leistungsfetischisten“ anzubringen, die von sich selbst sagen, wie wären Christ_innen).

Überhaupt finde ich – und eure Kommentare haben mich in dieser Ansicht bestärkt – dass die entscheidenden Wertedebatten und -kontroversen heute nicht entlang der Frage verlaufen, ob Menschen das Wort „Gott“ benutzen, um bestimmte Phänomene des Lebens zu beschreiben, sondern entlang ganz anderer Kontroversen (Umgang mit sozialer Ungleichheit, Anerkennung weiblicher Freiheit, Wertschätzung von Pluralität usw.). Weshalb ich auch den Ärger gut verstehen kann, wenn behauptet wird, außerhalb von Religion gäbe es keine Moral und Ethik. Das ist natürlich falsch, logisch wie empirisch.

Für mich selbst kann ich das Wort „Gott“ jedoch weiterhin gut gebrauchen. Eine jüngst erlebte Geschichte dazu: Ich war im Urlaub, und bei der Abreise aus einer Pension, in der es mir gut gefallen hat, verabschiedete ich mich von der Köchin, indem ich zu ihr sagte: „Ich komme sicher nochmal wieder her.“ Woraufhin sie mir entgegnete: „So Gott will“. Und da war ich tatsächlich ein bisschen beschämt, weil meine Behauptung ohne einen Zusatz dieser Art natürlich leicht größenwahnsinnig gewesen war. Ich kann ja nicht wissen, ob ich nochmal wieder komme, denn das hängt nicht nur von mir ab, sondern von allem Möglichen, worauf ich keinerlei Einfluss habe. Ich fand es gut, dass sie mich darauf hingewiesen hat (und damit vielleicht auch darauf, dass ich selbst schon eine halbe Atheistin geworden bin).

Natürlich ist dieser „Gott“, der eventuell verhindert (oder es ermöglicht?), dass ich noch einmal in diese Pension fahre, kein Oberzampano, der das nach irgendwelchen mysteriösen Prinzipien entscheidet, sondern jeder einzelne dieser eventuellen Hinderungsgründe wird irgendwas innerweltlich vollkommen Logisches sein. Aber ich finde es durchaus praktisch, dieses „große Umunsherum“ (das ist ein Ausdruck von Ina Praetorius), worauf ich keinen Einfluss habe, das aber mein Leben und seine Entwicklungen prägt und beeinflusst, einfach „Gott“ zu nennen. Ich sehe darin nichts Einhorn- oder Elfenmäßiges.

Dieses Wissen und die Berücksichtigung des Faktes, dass nicht alles von uns selbst abhängt, sondern dass wir mit allem, was wir tun, eingespannt sind in ein Geflecht von allem Möglichen – dem, was andere Menschen machen, dem Zufall, guten oder schlechten Gelegenheiten, Glück und Pech, Trallala und so weiter – das ist mir allerdings in der Tat auch gesamtgesellschaftlich wichtig und erscheint mir momentan kulturell etwas unterentwickelt zu sein.

Es wird doch ziemlich oft so getan, als könnte man Sachen „im Griff haben“, es werden „sichere Lösungen“ angeboten für Sachen, für die es rational betrachtet keine sicheren Lösungen geben kann. Jüngstes Negativbeispiel ist ein Plakat der Deutschen Krebshilfe, auf dem ein kleiner Junge zu sehen ist mit dem Spruch „Jan, 8, hat erfolgreich seine Leukämie bekämpft.“ Ich frage mich, wie so ein Bild auf Menschen wirkt, denen es nicht gelingt, ihre Krankheit „erfolgreich zu bekämpfen“, oder auf Eltern, deren Kinder an Leukämie gestorben sind. Hätten die sich nur ein bisschen mehr anstrengen müssen? So ein altmodischer Zusatz wie „mit Gottes Hilfe“ würde mir da ganz gut gefallen.

Oder wie auch immer wir das heute ausdrücken wollen würden, wenn uns das G-Wort nicht mehr brauchbar erscheint.

Meine Lieblingsfrage: Die Gretchenfrage

Jetzt hier mal was ganz anderes, aber doch der Vollständigkeit halber: Es gibt ein neues Buch von mir, das heißt “Frankfurter Antworten auf die Gretchenfrage” und versammelt Interviews mit Menschen aus den allerverschiedensten Religions- und Glaubensgemeinschaften in Frankfurt.

Für alle, die grade nicht wissen, was die Gretchenfrage ist: “Wie hältst du’s mit der Religion?” und gestellt wird sie in Goethes Faust von Gretchen, die das geklärt haben will, bevor sie sich auf eine Beziehung mit dem Wissenschaftler Faust einlässt.

Heute sind ja alle in der Regel der Ansicht, Religion sei Privatsache (das Private ist politisch, haha). Religion und Politik gelten beim Smalltalk als “Geht-gar-nicht-Themen”, aber ich finde Gespräche über Religion und Politik viel spannender als welche über, sagen wir, Fußball oder das Wetter. Vielleicht bin ich deshalb so inkompatibel in Punkto Smalltalk.

Jedenfalls: Diese Interviewreihe machte ich im Verlauf der letzten zwei Jahre für die Zeitung, bei der ich Redakteurin bin, und das verschaffte mir die Gelegenheit, 15 sehr interessante Leute, vom hinduistischen Afghanen bis zur Mormonin über alle möglichen christlichen oder muslimischen Richtungen bis zu den Bahai oder den Sikhs oder orthodoxem bis egalitärem Judentum darüber auszufragen, was sie denn glauben und was es mit ihrer Religion so auf sich hat, auszufragen. Yeah.

Die Buchpräsentation ist heute um 17 Uhr in Frankfurt, im Dominikanerkloster am Börneplatz (Kurt-Schumacher-Straße 23), es gibt Häppchen und wer großes Interesse bekundet, kann wahrscheinlich auch ein Buch ergattern. Ansonsten kann man das natürlich kaufen, im Buchhandel oder einfach per Mail mit Adresse an mich, kosten tut es 12,80 Euro.

Problematische Kreuzessymbole in Wikipedia

Mein Kuschelkreuz.

Gestern und heute habe ich die Abschrift einer Podiumsdiskussion redigiert, an der ich zusammen mit Björn Beck und Ina Praetorius im April teilgenommen habe.

Es ging um das Thema Kreuzestheologie, und unsere Debatte war extrem spannend.Irgendwann, irgendwann, wird das auch im Internet nachzulesen sein, wahrscheinlich passend zur Passionszeit im Frühjahr 2013. Und ein Buch wirds auch geben.

Einen Aspekt möchte ich hier aber schon kurz verbloggen, weil vielleicht jemand das liest, der den Gedanken weitertragen und sich drum kümmern kann.

Und zwar hat Björn Beck (der für die jüdische Gemeinde Wiesbaden mit auf dem Podium war), darauf hingewiesen, dass in Wikipedia die Todesdaten auch von Juden und Jüdinnen mit einem Kreuzessymbol dargestellt werden (zum Beispiel hier bei Regina Jonas). Und dass das aus jüdischer Sicht sehr problematisch sei.

Problematisch nicht unbedingt deshalb, weil das Kreuz ein speziell christliches “Logo” ist, sondern weil die Kreuzigung damals ein Symbol der Ausstoßung aus dem Volk Israel war. Einen Juden, eine Jüdin am Kreuz sterben zu lassen, war also nicht einfach nur eine Form der Hinrichtung, sondern “eine unglaubliche Demütigung”, wie Beck es sagte. Aus jüdischer Sicht ist es deshalb nicht möglich, das Kreuz einfach als neutrales Symbol zu sehen, denn es ist nicht “fremd” und ein Symbol von anderen, das eine selbst nichts angeht (wie zum Beispiel für Buddhisten), sondern ein bereits mit einer anderen Bedeutung als der christlichen besetztes Symbol. Ich hatte das zwar mal irgendwann im Theologiestudium gelernt, aber mir die alltagsrelevanen Konsequenzen ehrlich gesagt gar nicht so klar gemacht.

Jedenfalls finde ich, dass es wirklich nicht geht, zum Beispiel bei Rabbinerinnen in der Wikipedia das Todesdatum mit einem Kreuz zu markieren. Vor allem war ich wirklich überrascht, dass das in Wikipedia tatsächlich so gehandhabt wird, ich dachte wohl, der Atheismus wäre schon verbreiteter, als er ist, lol.

Jedenfalls schlage ich vor, das zu ändern, da ich aber vor Wikipedia Angst habe (Achtung, Ironie), mag das vielleicht jemand anderes anstoßen.

PS.

Als Christin finde ich es übrigens auch nicht gut, dass das Kreuz zum Synonym für Tod geworden ist. Das ist noch Auswuchs der sehr problematischen Interpretation des damaligen Geschehens, die ungefähr im 11. Jahrhundert entstanden ist, wonach Gott Jesus quasi stellvertretend “für uns” ans Kreuz geschickt hätte. Hat er nicht, das waren die Römer. Und wir müssen uns deshalb nicht schuldig fühlen. Die feministische Theologie hat das schon lange problematisiert, so richtig wurde es mir aber erst klar, seit ich das Buch “Saving Paradise”lese, in dem die Autorinnen zeigen, dass in den ersten zehn Jahrhunderten Christentum die Kreuzigung keine zentrale Rolle gespielt hat.

PPS.

Nicht, dass ich meine, man müsste das Kreuz jetzt ganz abschaffen. Ich habe mir bei dieser Podiumsdiskussion damals sogar eins gekauft, und zwar ein Kuschelkreuz des Darmstädter Künstlers Ralf Kopp. Es hängt jetzt in meinem Arbeitszimmer. Fight ALL the Dogmatism.

PPPS.

Zur Kreuzigung hatte ich auch hier schonmal gebloggt.

Liebe Atheist_innen, wir müssen reden

Zum allgegenwärtigen Gesprächsthema Vorhaut-Beschneidungen hätte ich noch ein hübsches Fundstück beizusteuern, das ich am Freitag im Stift Melk gesehen habe: Es ist eines von 16 Altarbildern eines Flügelaltars von Jörg Breu dem Älteren aus dem Jahr 1502 und zeigt die Beschneidung von Jesus. Besonders nett finde ich, wie der kleine Racker mit einem roten Apfel abgelenkt wird.

Ansonsten habe ich mich diesbezüglich ja schon in unserem Podcast „Besondere Umstände“ um Kopf und Kragen geredet. Meine These, dass es nicht funktioniert, per Gesetz etwas festzulegen, das nicht vorher schon von einer sehr großen Mehrheit der Bevölkerung geteilt wird, hat sich inzwischen nochmal bestätigt. Demnächst wird es in Deutschland wahrscheinlich ein Gesetz geben, das Beschneidungen aus religiösen Gründen ausdrücklich erlaubt.

Ich möchte an dieser Stelle noch etwas hinzufügen an die Adresse der Atheist_innen, deren entrüstete Tweets und Kommentare ich im Zuge dieser Debatte mit immer größerer Verwunderung lese. Und zwar wundere ich mich über den Absolutheitsanspruch, ja, die Arroganz, mit der sie ihre Ablehnung der religiösen Beschneidung argumentativ vertreten (beziehungsweise nicht vertreten). Ich kann hier keinerlei Bemühen erkennen, die eigene Sicht der Dinge argumentativ plausibel zu machen – und zwar nicht nur vor denen, die sowieso derselben Ansicht sind, sondern den „Andersgläubigen“ gegenüber.

Wie ich im Podcast schon gesagt habe, teile ich inhaltlich die atheistische Position weitgehend. Ich finde – soweit ich das überhaupt beurteilen kann, aufgrund von Gesprächen, die ich darüber mit Männern geführt habe – auch, dass die Vorhautbeschneidung an kleinen Kindern ohne medizinischen Anlass problematisch ist. Als religiöse Feministin habe ich sogar noch einen weiteren Kritikpunkt vorzubringen, nämlich den, dass mit der Beschneidung immer auch Männlichkeit religiös konstruiert wird, und zwar teilweise auf eine Art und Weise, die ich kritisiere.

Kleiner Exkurs an dieser Stelle: Ich habe mir auch schon überlegt, ob das Bedürfnis nach äußerlich sichtbaren Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft vielleicht ein speziell männliches Bedürfnis sein könnte, denn es ist aus meiner Sicht durchaus erklärungsbedürftig, warum die abrahamitischen Religionen sich für den „Bund mit Gott“ ausgerechnet ein körperliches Zeichen ausgesucht haben, das sich nur an Männerkörpern anbringen lässt und an Frauenkörpern nicht. Noch etwas wilder spekulierend weitergedacht könnte man das sogar in einen Zusammenhang mit der sich verbreitenden Praxis muslimischer Frauen bringen, ein Kopftuch zu tragen. Ist dieser Trend vielleicht gar nicht die Bekräftigung einer Geschlechter-Trennung, wie man oberflächlich vermuten könnte, sondern ganz im Gegenteil ein Hinweis auf eine Veremanzipierung der Musliminnen? Nämlich insofern sich dieses Bedürfnis des „Zeichen Tragens“, der demonstrativen Religionszugehörigkeit, nun auch unter Frauen ausbreitet?

Aber zurück zu meinem Thema, dem atheistischen Diskurs oder vielmehr dessen Verweigerung. Denn die Mehrheit der atheistischen Beiträge war, soweit ich es wahrgenommen habe, von einer krassen Unfähigkeit geprägt, auch nur irgendeinen Weg der Vermittlung der eigenen Ansicht zu suchen. Das Bild, das sie von heutiger Religiosität zeichnen, ist derart holzschnittartig und vereinfachend, dass sich kein religiöser Mensch ernsthaft davon angesprochen fühlen kann. Es gibt praktisch keinen Versuch, auf die Argumente und Bedürfnisse der Gegenseite einzugehen oder die eigenen Ansichten so zu begründen, dass dadurch irgendjemand zum Nachdenken angeregt werden könnte.

Stattdessen wird auf „Wahrheiten“ und „wissenschaftliche Tatsachen“ rekurriert, die angeblich nicht diskutabel sind – woraus sich dann logisch die Forderung aufbaut, diese mit Hilfe des starken Armes des Gesetzes durchzudrücken.

Nun, der Versuch ist gescheitert. Und nicht nur in Deutschland, und nicht nur in Sachen Beschneidung. Gerade las ich in der Zeitung, dass in Großbritannien ein Gesetz geplant ist, das die Rechte von Arbeitnehmer_innen, bei der Arbeit religiöse Symbole zu tragen, ausdrücklich schützt.

Ich glaube, die Atheist_innen leben derzeit ziemlich in einer (Berliner?) Filterbubble, was dazu führt, dass sie die gesellschaftliche Relevanz ihrer Weltanschauung grandios überschätzen. Sie versuchen, einen Machtkampf gegen die „Religiösen“ zu führen und deren Befindlichkeiten aus dem öffentlichen Raum konsequent zu verdrängen, übersehen aber, dass sie bei diesem Machtkampf aller Wahrscheinlichkeit nach unterliegen werden. Denn Recht haben nutzt überhaupt nichts, wenn die anderen – und in diesem Fall sehr viele anderen, nämlich die Mehrheit – die Sache anders sieht. Eine politische Ansicht lässt sich nicht „beweisen“, man muss dafür werben. Es gibt im Bereich des Politischen nicht „wahr“ und „falsch“, sondern nur „mehrheitsfähig“ oder „nicht mehrheitsfähig“.

Und so hat der atheistische Ruf danach, dass der Staat und der Gesetzgeber religiöse Befindlichkeiten in öffentlichen Angelegenheiten nicht mehr berücksichtigen soll, lediglich dazu führt, dass religiöse Befindlichkeiten erst recht sichergestellt und gesetzlich verankert werden. Ende der Debatte.

Da ich keine Angst vor Religionen habe, weil ich weiß, dass religiöse Menschen keine fanatischen Dummköpfe auf dem Stand eines mittelalterlichen Denkens sind, könnte mir diese absehbare Niederlage des atheistischen Kampfes für den Laizismus erstmal egal sein. Aber ich finde es dennoch bedauerlich, weil ich die atheistische Rationalität nämlich eigentlich schätze, ebenso wie die Bereitschaft, angebliche unverrückbare Wahrheiten zu hinterfragen und zu kritisieren. Ich wünsche mir, dass sie einen ernstzunehmenden Anteil am öffentlichen Diskurs hat. Auch weil in der Auseinandersetzung mit den fundamentalistischen Anteilen und Trends innerhalb der Religionen, die freiheitlich gesonnene Menschen wie ich innerhalb ihrer eigenen Glaubensgemeinschaften ja ständig führen (müssen), ein bisschen Rückenstärkung aus dieser Ecke schon ganz gut wäre.

Wirklich schade, dass da wenig Brauchbares kommt.

Nein, nein, das ist nicht Religion!

Asghar Ali Enineer bei seiner Keynote zum Symposium "Heimat - christlich - Abendland" in Dürnstein. Foto: WWW.PHOTO-GRAPHIC-ART.AT, mit frdl. Genehmigung.

Nun will ich aber auch noch etwas Inhaltliches zu diesem Symposium schreiben, an dem ich derzeit teilnehme. Das Thema lautet „Heimat – christlich – Abendland“, und es geht um eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Trends auf konservativer Seite, „Werte“ (zumal christliche) zu instrumentalisieren, um Fremdes abzuwehren oder nationalistische Politik zu betreiben. Ich habe in den vergangenen Tagen schon so viel Interessantes gehört, dass ich gar nicht recht weiß, wo anfangen, ich brauche sicher noch ein paar Blogposts, um das zu verarbeiten.

Also fange ich einfach mit der Keynote an. Die hielt Asghar Ali Engineer, ein im interreligiösen Dialog engagierter Muslim aus Indien, der eingeladen war, weil man in Indien ja deutlich mehr Erfahrung mit Multikulturalität und Multireligiosität hat als ein unseren trotz mancher Verschiebungen doch immer noch kulturell sehr homogenen Gesellschaften in Deutschland bzw. Österreich.

Engineer hat eine klare Position, die ich sehr sympathisch finde, wobei aber noch ein paar Fragen offen bleiben. Seiner Ansicht nach ist Religion etwas radikal Individuelles und muss von Politik klar getrennt sein. Sobald sich Religion als Institution oder auch nur als Gruppe organisiert, ist sie mehr an ihrer Macht und ihren Interessen orientiert als an religiösen Werten. Und damit ist sie für Engineer eigentlich keine Religion mehr.

Er versteht es sehr gut, das immer wieder an Beispielen anschaulich zu machen: Solange es Hunger und Leid und Ungerechtigkeit auf der Welt gibt, sollen religiöse Menschen sich erst einmal darum kümmern, das abzuschaffen, anstatt über Gott oder unterschiedliche religiöse Konzepte zu diskutieren.

Vier Grundhaltungen braucht ein religiöser Mensch, um bei Engineer als solcher durchzugehen: Respekt für die Wahrheit, Demut (Humbleness), aktives Mitgefühl (Compassion) und „Subversivität“, weil sich ein religiöser Mensch gegen Ungerechtigkeit engagiert und damit unweigerlich die bestehenden weltlichen Institutionen unterhöhlen muss. Beispiele für solche wahrhaft religiösen Menschen sind für ihn Buddha, Jesus, Mohammed, Ghandi. Sie alle hätten tätig religiös gelebt und keine religiöse Institution begründet. Die das hinterher in ihrem Namen gemacht hätten, seien nicht wirklich religiös.

Hierin zeigt sich schon, dass der Hinweis, Religion müsse „unpolitisch“ sein, sich für ihn nur auf das politische Agieren von religiösen Gruppen bezieht. Religiöse Individuen hingegen werden eminent politisch handeln, um die Welt besser zu machen.

Ganz ähnlich wie Engineer argumentierte auch die indonesische Muslimin Siti Musdah Mulia, die in ihrem Vortrag unterschied zwischen einer „intrinsischen“ und einer „extrinsischen“ Religiosität, also einer, die aus eigener innerer Motivation hervorgeht und einer, die aus äußerem Druck resultiert.

Mir ist diese Position, wie gesagt, sehr sympathisch, schließlich denke ich, dass die Institutionen, so wie wir sie kennen, ohnehin ihrem Ende zugehen. Allerdings erinnerte ich mich dabei auch immer ein bisschen an dieses Kommunismus-Plakat, das bei allen negativen Aspekten immer zu der Aussage „Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus!“ führt.

Ist es nicht etwas zu einfach, einfach allen problematischen Erscheinungsformen von Religion das Religionsein abzusprechen? In dieser Frage zeigt sich natürlich auch, dass unsere gesellschaftlichen Kontexte sehr verschieden sind. Engineer und Mulia sprechen vor dem Kontext von Gesellschaften, in denen Atheismus praktisch nicht existiert. Das Problem sind hier feindselige und gewalttätige Auseinandersetzungen, die mit religiösen Argumenten bemäntelt werden. „Nein, nein, das ist nicht Religion!“ ist da ein guter Einwand.

In Deutschland oder Österreich hingegen gibt es praktisch keinen äußeren Druck mehr, der Menschen dazu zwingt, religiös zu sein. Hier sieht sich Religion atheistischen Gegenfragen ausgesetzt, die logischerweise nicht die innere spirituelle Aufrichtigkeit einzelner Menschen problematisieren, sondern die äußerlichen Erscheinungsformen von Religion in Form von Schulunterricht, Kirchensteuern oder Anti-Abtreibungs-Kampagnen zum Beispiel.

„Nein, nein, das ist keine Religion!“ wäre da ein Scheinargument, das nicht plausibel ist. Man muss hierzulande als religiöser Mensch auch Verantwortung für die Fehler religiöser Institutionen übernehmen.

Morgen früh bin ich noch einmal bei einem Abschlusspodium mit Asghar Ali Engineer und mit Siti Musdah Muliah, vielleicht können wir das Thema der Institutionalisierung von Religion da noch einmal ansprechen.

(Falls jemand zufällig in der Nähe ist: Morgen, Sonntag, 26. Februar, 10.30 Uhr, Stift Dürnstein, Dürnstein in der Wachau, Niederösterreich)

Gott im Gendertrouble

Nicht erst seit dem berühmten Satz von Mary Daly „Wenn Gott männlich ist, dann ist das Männliche Gott“ ist das Geschlecht Gottes ein wichtiges Thema in der feministischen Theologie. Speziell der christlichen, denn im Unterschied zum Judentum und zum Islam ist der christliche Gott sozusagen ganz besonders männlich. Zum einen, weil Jesus als die Person, in der „Gott Mensch geworden ist“ ein Mann war, und zweitens, weil es im Christentum kein Bilderverbot gab, was bedeutet, dass Legionen von Künstlern Gott gemalt und in Stein gehauen haben, und zwar so gut wie immer in männlicher Gestalt.

Mein Theologiestudium liegt ja jetzt schon ein paar Jährchen zurück, und umso interessanter finde ich ein Buch zu lesen, in dem die Autorinnen der Frage nachgehen, was sich in den letzten Jahren – auch ausgelöst vom Gender-Trouble des Dekonstruktivismus – so in punkto Gott und Gender getan hat. Ich bin erst halb durch, aber ich das Buch enthält so viele kluge Gedanken, dass ich schon mal ein paar aufscheiben muss, um nicht alles wieder zu vergessen.

Helga Kuhlmann beschäftigt sich in ihrem Aufsatz mit der Frage „Wird Gott in Jesus Christus zum Mann?“. Die theologische Frage, die dahinter steckt, ist diejenige, ob das Geschlecht von Jesus sozusagen zufällig männlich war (nach dem Motto: Gott wollte Mensch werden, und da es die nur in den Varianten Mann und Frau gibt, musste er sich halt für eines entscheiden, er hätte genauso gut eine Frau werden können), oder ob Gott mit Absicht eine männliche Inkarnation gewählt hat, also eben nicht Mensch, sondern dezidiert Mann geworden ist.

Letzteres behaupten zum Beispiel diejenigen, die aus der Männlichkeit Jesu den Ausschluss der Frauen aus dem Priesteramt begründen (mit dem Argument, die Priester, die sozusagen stellvertretend für Christus das Abendmahl praktizieren, müssten diesem „ähnlich“ sein, und Männer seien ihm eben ähnlicher als Frauen). Diese Auffassung ist zwar auch heute noch verbreitet, aber natürlich nicht in der feministischen Theologie. Sie ist ja auch zu offensichtlich ein Deckmäntelchen, damit man sich nicht von alten patriarchalen Gewohnheiten trennen muss. Also sozusagen keiner echten Auseinandersetzung wert. (Oder höchstens ein Anlass, aus der Kirche auszutreten, was ja auch viele Frauen gemacht haben).

Die emanzipiert gebügelten Theologen von heute betonen natürlich, dass sie Gott keineswegs als männlich ansehen, benutzen aber dennoch weiter männliche Metaphern (Herr, Richter, König und so weiter) und sprechen von Gott immer als „er“ und nie als „sie“. Rein zufällig und bloß pragmatisch. Das ist die „Versuchung des Neutrums“, die glaubt, das Weibliche in männlichen Metaphern und männlicher Sprache mitmeinen zu können, was aber nicht funktioniert.

Neuerdings wird das noch weiter gedreht, wie Kuhlmann am Beispiel des Heidelberger Systematikers Wilfried Härle zeigt: Er verteidigt die männlichen Metaphern für Gott, weil dadurch eine größere Distanz zwischen Gott und den Menschen betont werde. Die Argumentation geht dann ungefähr so: Wenn wir alle Gottes Kinder sind, ist es besser, sich Gott als Vater vorzustellen, denn Mütter kümmern sich um einen, während Väter distanzierter sind und man sich auch ein bisschen vor ihnen fürchtet. So wie man es auch mit Gott tun soll. Diese Argumentation fällt natürlich in dem Moment in sich zusammen, wo Väter anfangen, sich anders zu verhalten als die patriarchalen Väter von früher. Die Metapher von „Gott als strengem Vater“ wäre demnach ein Auslaufmodell, das sich (hoffentlich) bald von selbst überholt, weil es keine patriarchalen, sondern nur noch fürsorgliche, quasi „mütterliche“ Väter gibt. Theologisch wäre dagegen einzuwenden, dass man hier mal über das Gottesbild diskutieren müsste. Ist es wirklich angemessen, sich Gott als distanziert, streng und ein bisschen zum Fürchten vorzustellen? Nö. Jedenfalls nicht angemessener, als sie sich als fürsorglich, helfend, schutzgebend vorzustellen.

(Kleiner Einschub: In demselben Band zeigt Gerlinde Baumann in ihrem Aufsatz „Ist der Gott des Alten Testaments männlich?“, dass Gott dort zwar als dezidiert „männlich“ geschildert wird, aber eher im Sinne von „königlich“. Sie stellt die kluge Überlegung an, dass die meisten Attribute von „herrschaftlich-königlicher Männlichkeit“ damals – wie übrigens auch heute – auf die meisten real-existierenden Männer gar nicht zutreffen).

Aber zurück zur Männlichkeit Jesu und was sie bedeutet. Helga Kuhlmann schlägt da eine dritte Denkrichtung vor (neben: Sie war Zufall und: Sie war Absicht), und zwar die Möglichkeit, dass sich in Jesus eine gegen den Strich gebügelte Männlichkeit zeigt. Jesus ist zwar unbestreitbar ein Mann, aber so wie er in den Evangelien geschildert wird, wird er nicht gerade als Paradebeispiel von „doing male gender“ geschildert. Sondern zum Beispiel als schutzbedürftiges Kind, als Weisheit (die weibliche Sophia), als Mitfühlender und so weiter. Kuhlmanns Argument ist, dass vor allem die „Leiblichkeit“ Jesu betont wird, und dass deshalb die Geschlechterdifferenz (er ist ein Mann und keine Frau) in der christlichen Systematik keine Rolle spielen sollte: Gott, so ihre Schlussfolgerung, wird in erster Linie Mensch und nicht Mann.

So sehr ich die Argumentation nachvollziehen kann und auch teile, so melden sich bei mir an dieser Stelle doch meine differenzfeministischen Fragezeichen. Denn die Männlichkeit Jesu bleibt dennoch eine Tatsache, auch wenn sie performanzmäßig unterlaufen wird und mir die Betonung von Jesu Menschlichkeit und Leiblichkeit durchaus Anknüpfungs- und Identifizierungsmöglichkeit gibt, auch wenn ich kein Mann, sondern eine Frau bin. Aber die Differenz ist damit ja längst nicht aufgehoben, denn wir beide – sowohl Jesus als auch ich – haben nach wie vor die ganze geschlechterdifferente Geschichte der vergangenen 4000 Jahre plus auf dem Buckel.

Mit anderen Worten: Ich werde mich mit Jesus niemals so identifizieren können, wie ein Mann es kann, da gebe ich dem Vatikan vollkommen Recht. Ich bin Jesus nicht in derselben Weise „ähnlich“, wie ein Mann es ist. Da ich aber natürlich die Schlussfolgerung des exklusiv männlichen Zugangs zum Priestertum (und den ganzen übrigen Rattenschwanz an Frauenfeindlichkeit, die das faktisch nach sich zog) nicht teilen kann, muss ich mir eine andere überlegen. Und  zwar zunächst einmal die, dass die Männlichkeit Jesu für Frauen – und damit für das Christentum allgemein – ein PROBLEM bleibt, das sich nicht postgendermäßig auflösen lässt.

Nicht in dem Sinne, dass das Christentum deshalb für Frauen prinzipiell ungeeignet wäre. Auch nicht in dem Sinne, dass irgendjemand daran Schuld ist, denn ich sehe schon ein, dass Gott eben irgendetwas werden musste. Gott ist faktisch ein Mann geworden, was im Übrigen angesichts der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen vor 2000 Jahren auch keineswegs Zufall war. Und damit müssen wir nun irgendwie zurechtkommen.

Dass an einem Problem niemand Schuld ist und dass man es nicht hätte verhindern können, bedeutet ja nicht, dass es kein Problem mehr wäre. Die Männlichkeit Jesu bleibt ein Problem, und diesem Problem muss man sich stellen, es lässt sich nicht de-konstruieren. Ich vermute, es lässt es sich auch nicht lösen. Möglicherweise könnte man das aber sogar zu einem Vorteil wenden im Vergleich zu den „geschlechtsneutraleren“ Varianten Judentum und Islam. Denn die Männlichkeit Jesu bleibt uns Christinnen ein ständiger Stachel im Fleisch und verhindert, dass wir uns in angeblich geschlechtsneutralen, faktisch aber eben doch männlich konnotierten Gottesmetaphern bequem einrichten.

Gerlinde Gerber, Silke Petersen, Wolfram Weiße (Hg): Unbeschreiblich weiblich? Neue Fragestellungen zur Geschlechterdifferenz in den Religionen. Berlin 2011.

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