Der deutsche Pazifismus als säkularisiertes Christentum

These: Ein Grund, warum der deutsche Pazifismus als Idee momentan so wenig überzeugt, weil ihm in der akuten Kriegssituation nicht viel anderes einzufallen scheint, als die Angegriffenen aufzufordern, sich dem Aggressor zu unterwerfen (oder das vielleicht nicht direkt fordert, aber der Aufruf, ihnen nicht bei der Verteidigung zu helfen, läuft natürlich auf genau dasselbe hinaus), liegt glaube ich auch darin, dass keine alternativen Vorstellungen von Gerechtigkeit und wie man sie effektiv erreicht entwickelt wurden.

Der Fokus wurde darauf gelegt, potenzielle Aggressoren abzurüsten, die Nato, die USA, die Bundeswehr. Und das ist ja auch keine schlechte Idee. Was dieser ganzen Perspektive aber zugrunde liegt ist die Überzeugung, dass man selbst auf der Seite der Stärkeren ist, also derer, die potentiell Gewalt ausüben und nicht derer, die potentiell Gewalt erleiden. Das liegt natürlich daran, dass wir Erb*innen des Nazi-Täter-Volkes sind, aber es liegt auch an einer gewissen Überheblichkeit im Geist, man ist schlicht aufgrund der eigenen Privilegiertheit gar nicht emotional in der Lage, sich in die Situation der Machtlosen hineinzuversetzen.

Entsprechend hat man auch nicht auf diejenigen gehört, die darüber gesprochen haben, was Opfer von Aggressivität brauchen. Man hat nicht darüber nachgedacht, welche Bedeutung „Gerechtigkeit“ hat. Bei der Kirchendekade „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ (der immerhin zugute gehalten werden muss, dass Gerechtigkeit neben Frieden explizit genannt wird) wurde der Aspekt Gerechtigkeit meiner Erinnerung nach praktisch allein auf ökonomische/materielle Gerechtigkeit zugespitzt, auch da sahen wir selbst uns auf Seiten derer, die Haben und nicht auf Seiten derer, die Brauchen.

Aber Gerechtigkeit betrifft nicht nur materielle Verhältnisse, es betrifft auch symbolische Aspekte von Anerkennung, Gehörtwerden, Verurteilung von Schuldigen. Statt über Gerechtigkeit zu sprechen, haben wir „Versöhnung“ hochgehalten, letztlich ist das ja eine Aufforderung an die Opfer, auf Gerechtigkeit zu verzichten. Und wir haben, statt Schuldige zur Verantwortung zu ziehen, die Idee in die Welt gesetzt, dass an einem Konflikt „immer beide Seiten“ beteiligt seien.

Im Nachhinein kommt mir, je mehr ich darüber nachdenke, es umso schleierhafter vor, wie diese Art der Sicht auf die Dinge nach dem Holocaust plausibel sein konnte, aber zeitlich ist sie wohl so in den 1980ern zu verorten. Ich sehe da eine klare Verantwortung der Friedensbewegung, die ihre eigenen Thesen nicht zu Ende gedacht hat. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht.

Ich glaube, ein Faktor dabei ist auch die Säkularisierung christlicher Überzeugungen (andere Wange etc), christliche Ideenwelt war ja sehr stark in der Friedensbewegung der 1980er, ist dort aber ihrer religiösen und theologischen Kontexte entledigt worden und sozusagen nur noch als Behauptung in säkularisierter Variante zum Einsatz gekommen. Das hat die Analysen auch nicht grade klüger gemacht, weil es irgendwie so schien, als müsse man die Behauptungen, die man aufstellt, gar nicht weiter begründen.

Damit sind wir dann wieder bei den derzeitigen Äußerungen von Pazifist*innen zu aktuellen Krieg in der Ukraine: Es sind letztlich keine Argumentationen, sondern Bekenntnisse. Es werden die alten Versatzstück-Wahrheiten aus den 1980er Jahren hervorgekramt und gepostet (es sind ja fast ausschließlich Zitate von früher) so als wären sie kontextfreie überpolitische Glaubenswahrheiten. Dass es keine politischen Argumente, sondern Glaubensbekenntnisse sind, zeigt sich auch darin, dass die Leute, die zu einer anderen Einschätzung kommen (Baerbock vor allem, mit auch noch klar misogynem Einschlag) nicht als politische Gegner, sondern als Apostaten adressiert werden, also solche, die vom wahren Glauben abgefallen sind, mit allen Diffamierungen und Höllendrohungen. Auch das ein deutliches Zeichen dafür, wie stark traditionell christliche Symbolik und Praxis sich im Pazifismus erhalten hat.

PS: Was in dem Zusammenhang auch interessant ist, die Auseinandersetzungen darüber in den 1980ern. Es gab ja im selben Milieu auch solche, die z.B. „Waffen für El Salvador/Nicaragua“ unterstützt haben. Stärker als heute war in den linken Bewegungen damals noch die reale Erfahrung präsent, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben, die Erinnerung an Franco, der erst wenige Jahre zuvor gestorben war, die Exilant*innen aus Chile, Iran usw. sowieso die ganzen Diktaturen in Lateinamerika. Das waren ja sehr kontroverse und auch heftig geführte Debatten, von denen eigentlich wenig überliefert wurde, irgendwann sind diese Milieus zusammengeschmolzen und dann war das Ganze seit 1989 irgendwie kein Thema mehr. Ich denke, wenn diese realen Erinnerungen an Repression, politische Morde, Verschleppungen, (sexualisierte) Folterungen etc, die das Leben in einer Diktatur bedeutet, in der deutschen Linken noch lebendig wären, wäre das Argument „Die Ukrainer*innen sollen sich ergeben“ vermutlich weniger plausibel.

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Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

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