Liebe ohne Objekt. Eine Erinnerung an Margarete Porete.

Margarete Porete nach einem Gemälde von Hans Memling, ca. 1470

Vor 700 Jahren, am Pfingstmontag des Jahres 1310, wurde in Paris eine etwa fünfzig Jahre alte Frau auf dem Scheiterhaufen verbrannt: Margarete Porete hatte ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ nicht widerrufen, obwohl eine kirchliche Kommission nach langer Prüfung festgelegt hatte, dass einige seiner Thesen gotteslästerlich seien. Die Ermordung der Autorin konnte aber nicht verhindern, dass der „Spiegel“ von vielen Menschen gelesen wurde und die christliche Mystik (und darüber auch weite Teile vor allem der weiblichen Philosophie bis heute) stark beeinflusst hat.

In dem Buch geht es um die Suche nach Gott. Das klingt in den Ohren vieler Leute heute wahrscheinlich antiquiert. Aber im Mittelalter war Gott noch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Dispute, bei denen sich Gelehrte darüber stritten, ob er existiert oder nicht und wie man das eine oder das andere beweisen könnte. „Gott“ war eher ein Wort, das für einen bestimmten Aspekt der Realität stand. Praktisch alle waren sich darüber einig, dass es sinnvoll ist, dieses Wort zu benutzen, und dass es erstrebenswert ist, Gottes Willen zu tun. Man war sich nur nicht einig darüber, woher man wissen soll, was Gott will. Heute könnten wir vielleicht sagen, es ging dabei um die Frage, was „richtig“ ist und woher man das wissen kann.

Für Margarete Porete ist es keine Lösung, sich einfach nach den Autoritäten zu richten: Es steht so im Gesetz, es ist nicht verboten, mein Chef will das so (damals: die Sitten sind so, der Fürst will es, die Kirche sagt es). Sie geht davon aus, dass Menschen eine Beziehung zu Gott haben können, das heißt also wissen, was „richtig“ ist, ohne auf die Vermittlung kirchlicher Autoritäten angewiesen zu sein. So gesehen könnte sie auch als eine frühe Vorläuferin der Reformation gelten.

Porete geht aber noch einen Schritt weiter als später Martin Luther, denn sie stellt auch zwei andere Wegweiser hin zum „Guten“ und „Richtigen“ in Frage, auf die ja auch heute noch gerne verwiesen wird: die Vernunft und die Tugend. Der Verstand, schreibt Porete, sieht immer nur „das Grobe“. Und die „Tugend“ sei zwar lobenswert – habe aber nichts mit Gott zu tun. Ihr persönlicher Weg führte sie vielmehr hin zu der Erkenntnis, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als Gott zu lieben.

Ich finde das einen genialen Dreh und auch heute noch eine hilfreiche Denkfigur. Das „Richtige“ zu finden ist keine Angelegenheit von äußerlichen Fähigkeiten, von genialer Wissenschaft und moralischer Tugend, sondern eine Frage der „Liebe“, also der inneren Haltung, die eine Person hat, und zwar genau hier und jetzt, in einer konkreten Situation: Wenn ich vor eine Entscheidung gestellt bin, dann kann ich das „Richtige“ tun, wenn ich liebe – und zwar nicht irgend etwas liebe (nicht einmal das „Richtige“ – das ist der Punkt, wo die Analogie nicht mehr stimmt) sondern eben „Gott“, also das, was gerade kein Objekt ist. Liebe „einfach nur so“ würden wir heute vielleicht sagen. Eine Liebe, die „im Nichts befestigt“ ist, wie Porete schrieb.

Es geht ihr nicht darum, ein philosophisches Denkgebäude zu zimmern, sondern sie beschreibt einen praktischen, experimentellen Weg (darin ist sie der Literatur der Frauenbewegung aus den 1970er-Jahren ähnlich). Deshalb ist das Buch auch nicht als Traktat geschrieben, sondern in Dialogform: Die Liebe, die Vernunft und die Tugenden diskutieren miteinander; auch die Seele, der Heilige Geist, die Kirche und die Wahrheit mischen sich ein. Dazu gibt es Selbstreflektionen und Schilderungen des eigenen Erkenntnisweges. Kein belehrendes Kompendium eben, sondern ein Dokument, das die Leserinnen und Leser an den Gedankenprozessen der Autorin teilnehmen lässt.

Es ist offensichtlich, dass so eine Philosophie bei Autoritäten nicht gut ankommt. Wenn „Gott“ (also das, was „richtig“ ist) nur über die Liebe gefunden werden kann – dann gibt es nämlich keine objektive „Ordnung“ mehr, die aufrechterhalten werden muss. Sondern alles hängt an den Fähigkeiten der Beteiligten, der einzelnen Menschen, in einer bestimmten, konkreten Situation das Richtige zu tun. Man kann daraus keine Gesetze machen, keine Regeln, keine abstrakten Konzepte. Jede Situation ist anders. Was man braucht, das sind selbstbewusste, gebildete, offenherzige, mutige Menschen. Menschen, die lieben können „einfach nur so“, also ohne ihre Liebe auf ein bestimmtes Objekt zu richten. Ich finde, das ist immer noch eine sehr anspruchsvolle Lebenshaltung.

Margarete Porete war mit ihren Ideen dabei keineswegs alleine. Als Begine gehörte sie zu einer religiösen Bewegung und Lebensgemeinschaft von Frauen, die im späten Mittelalter sehr bedeutend war. Später wurden die Beginenhäuser entweder verboten oder in die offizielle Kirche eingereiht.

Der „Spiegel der einfachen Seelen“ war durch die Jahrhunderte hinweg eine Art internationaler Bestseller, Übersetzungen in Latein, Englisch und Italienisch entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Nach der Hinrichtung seiner Autorin wurde das Buch anonym verbreitet und man vergaß, wer es geschrieben hatte. Im Lauf der Zeit wurde es verschiedenen religiösen Autoritäten zugeschrieben, bis eine Historikerin 1946 Margarete Porete zweifelsfrei als die Autorin identifizierte.

Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Buch auch mit katholischer Druckerlaubnis verlegt. Eine broschierte Neuauflage ist soeben im Topos-Verlag erschienen.

Einen ausführlicheren Text zu Margarete Porete hat Irmgard Kampmann geschrieben

6 Gedanken zu „Liebe ohne Objekt. Eine Erinnerung an Margarete Porete.

  1. Margarete Porete war mir noch nicht bekannt. Danke für diese kurze Einführung in ihr Leben und Werk. Eine sehr interessante Betrachtung von Religion und Gott, sowie dem, was „richtig“ ist. Interessanterweise steht das Thema „Woher weiß man, was richtig ist?“ auf meiner To-Write-Liste … 🙂 Dieser spannende Beitrag passt also sehr gut in mein momentanes „Ideen & Möglichkeiten sammeln“. Danke dafür.

  2. Auch sehr gern gelesen.

    Meine Frage: Wie kann man die Texte in die heutige Zeit „übersetzen“? Ich denke mir,daß Sprache, Sprachbilder und Begriffe untrennbar mit der Zeit verknüpft sind, in der sie entstanden sind.
    Du übersetzt ja in Deinem Text hier auch Begriffe vorsichtig-gewagt in unsere heutige Sprache.
    Was ist z.B. mit „der Verstand sieht immer nur „das Grobe““ gemeint?
    Hast Du mehr an mitteralterliche Texte gelesen, um die „Übersetzbarkeit“ einzuschätzen?

    Gruß
    Gerhard

  3. Das stimmt natürlich, allerdings finde ich es auch immer ein bisschen schade, wenn wir so tun, als seien die Gedanken von Menschen aus früheren Jahrhunderten so unendlich weit weg und hätten mit uns heute eigentlich gar nichts zu tun und seien nur noch bildungsbürgerlich-historisch von Interesse. Aber ich interpretiere die Menschheitsgeschichte auch nicht als eine des unentwegten Fortschritts, sondern ich glaube, dass wir uns Wesentlich immer mit ähnlichen Fragen beschäftigen, nur in je nach dem anderen Kontexten und Sitten.
    „Der Verstand sieht nur das Grobe“ wird nicht genauer erläutert. Überhaupt ist Margaretes Text an vielen Stellen rätselhaft, und ich glaube, dass das nicht nur die mittelalterliche „Distanz“ ist, sondern dem Thema angemessen, also verweist darauf, dass es kein rationeller Zugang sein kann. Viele mystische Texte später sind ja auch so, und auch noch heutige literarische Texte oft. Von daher kann ich nicht sagen, wie Margarete Porete es genau meinte, aber wie ich es verstehe: Der Verstand gibt uns schon grobe Hinweise darauf, was „wahr“ im Sinne von „richtig“ ist. Also: Dass man Leute nicht einfach umbringen soll, dass Aberglaube und Scharlatanerie Unfug sind, dass zwei plus zwei vier ist. Aber das hilft gewissermaßen nur, um die Welt „grob“ zu erfassen. Sobald man ins Detail geht, oder vor einer komplexeren Situation steht, kommt man damit nicht mehr zu angemessenen Entscheidungen, dann braucht es noch „mehr“. Heute ist es ja leider schon so, dass wir es nicht mal schaffen, dieses „Grobe“, das die Vernunft uns tatsächlich zeigt, dann auch umzusetzen, Beispiel Klimawandel oder so 🙂

  4. Ich würde meinen, mit dem Groben ist das „Grobstoffliche“ gemeint (auch so ein moderner Begriff!) – man denkt in rationalen Begriffen.
    Bei all dem denke ich, die liebe Margarete würde uns bei unseren Interpretationen ganz schön auf die Finger klopfen…was sie natürlich nicht täte!

    Gruß
    Gerhard

  5. Der Verstand kann Wissen schaffen, eben Wissenschaft betreiben. Und das geht, wir wissen das genauer erst seit Kant, ausschließlich über die Empirik. Was wir nicht sehen können, nicht schmecken oder riechen, nicht hören und auch nicht anfassen – das können wir gar nicht „erfassen“. Das bemerken wir nicht einmal. Damit bleibt Wissenschaft in ihren Möglichkeiten sehr begrenzt. Ebenso begrenzt bleiben die Fähigkeiten (Optionen) des Verstandes, auch dann, wenn er in der Philosophie sich selbst, sein Philosophieren und und die Fähigkeit des Denkens reflektiert.Das alles kann man so wenig empirisch „fassen“ wie Zeit und Raum, von denen wir ebenfalls seit Kant wissen, daß wir sie a priori akzeptieren müssen, weil sonst „gar nichts mehr geht“. Trotzdem ist das alles noch grob genug, um unserer gedanklichen Welt „sinnvoll“ und „notwendig“ zu erscheinen…

    Gott gehört nicht mehr in diese „sinnvolle“ und „notwendige“ Gruppe unbeweisbarer aber a priori zu akzeptierender „Dinge“. So weit kann Verstand einfach nicht mehr fassen. Dafür bleibt er als Werkzeug stets zu grob.

    Grüß Gott
    und Glückauf
    Friederich Prinz

  6. Zitat: „Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Buch auch mit katholischer Druckerlaubnis verlegt“. Das ist ist ja wirklich grotesk und ein Skandal, dass sie die gute Margarete zuerst verbrennen und ihre Schrift verbannen – und 700 Jahre später glauben, immer noch über sie bestimmen zu können. Das Buch hätte in unserer Zeit sicher auch ohne jegliche Erlaubnis erscheinen können. Hier der link zum Buch: „Der Spiegel der einfachen Seelen: Mystik der Freiheit“ von Marguerite Porete, · ISBN-10: 3865392539 / ISBN-13: 978-386539253

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