Lesetipp: Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung

DownloadDie Diskussion über Abtreibung hat auf feministischer Seite eine Schwachstelle, auf die Kirsten Achtelik mit ihrem Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ hinweist: und war eine, freundlich ausgedrückt, nicht sehr klare Haltung zu eugenischen Argumentationslinien in der Pro-Choice-Haltung.

Was in den 1970er Jahren noch offen ausgesprochen wurde – dass es nämlich doch selbstverständlich eine Zumutung sei, ein behindertes Kind zu bekommen – wird heute etwas verschämter formuliert, nämlich als zu erwartende psychische Belastung für die Mutter. Aber gleichzeitig hat sich die Pränataldiagnostik praktisch zur Standardprozedur entwickelt, entsprechende Untersuchungen werden von den Krankenkassen bezahlt und als „Prävention“ verkauft, dabei handelt es sich keineswegs um Prävention, sondern um Selektion: Das Auffinden von „Abnormalitäten“ beim Fötus dient ja in nicht dazu, eine Krankheit oder Behinderung zu heilen oder besser versorgen zu können, sondern in der Regel als Entscheidungsgrundlage für eine Abtreibung. Es geht also um eugenische Selektion, nicht um Vorsorge.

Kirsten Achtelik nimmt in ihrem Buch eine klare Haltung gegen solche behindertenfeindlichen, „ableistischen“ Narrative und Praktiken ein. Sie zeigt, dass das möglich ist, ohne den feministischen Grundkonsens – nach Abschaffung des Paragrafen 218 – aufzugeben: Man kann kohärent argumentieren sowohl für reproduktive Selbstbestimmung von Frauen* als auch gleichzeitig gegen Behindertenfeindlichkeit. Was umso wichtiger ist, als gerade konservative Abtreibungsgegner_innen sich derzeit als Vorkämpfer für die Lebensrechte behinderter Menschen inszenieren.

Die Grenze, zeigt Achtelik, ist dabei relativ leicht zu ziehen: Geht es darum, dass eine Schwangere aus Gründen, die sie selbst betreffen, entscheidet, kein Kind haben zu wollen und also abzutreiben? Für dieses Recht einzutreten, ist vollkommen legitim. Oder aber geht es darum, aus Gründen abzutreiben, die eben nichts mit der Schwangeren selbst zu tun haben, sondern mit einer (nicht zufriedenstellenden) Beschaffenheit des noch ungeborenen Kindes? Dies ist abzulehnen. Die Parallele, die Achtelik hier zieht zwischen einer pränatalen Geschlechtsselektion (die von Feministinnen übereinstimmend kritisiert wird) und einer Selektion in Bezug auf Behinderung (die von vielen Feministinnen als Teil der legitimen reproduktiven  Selbstbestimmung gesehen wird), finde ich völlig richtig.

Zumal man sich auch mal klarmachen muss, dass es hier nicht, wie man meinen könnte, um gravierende Fälle von schwersten Behinderungen geht. Weit über 90 Prozent von Embryonen, bei denen Trisomie21 diagnostiziert wird, werden abgetrieben – und das ist ja nun ganz offensichtlicherweise keine Behinderung, bei der das Leben nicht mehr lebenswert wäre. Achtelik zitiert eine Studie, wonach sogar mehr als die Hälfte der Befragten angibt, dass sie es für einen Abtreibungsgrund halten würden, wenn bei einem Embryo vorhergesagt werden könnte, dass das Kind später einmal Übergewicht hat.

Also, hier ist ein blinder Fleck  eine Leerstelle in der feministischen Debatte um „Selbstbestimmung“, wobei man fairerweise sagen muss, dass Feministinnen auch die ersten waren, die Anfang der 1980er Jahre vor den erwartbaren Folgen von Gen- und Reproduktionstechnologie gewarnt haben.

Auch all diese historischen Fakten lassen sich in diesem Buch wunderbar nachlesen: Die Abtreibungskampagnen (inklusive der Details zur „eugenischen Indikation“), die Entwicklung und Ausbreitung vorgeburtlicher Untersuchungen, ein historischer Rückblick zum Thema Eugenik insgesamt, die Aktivitäten der Krüppelbewegung, die feministischen Kongresse gegen Reproduktionstechniken, die Argumentationen der so genannten „Lebensschützer“ und schließlich aktuelle feministische Kontroversen.

Am Ende macht Achtelik konkrete Vorschläge dafür, wie reproduktive Selbstbestimmung ohne Selektion umgesetzt werden kann: Abschaffung der Krankenkassenfinanzierung für selektionsorientierte pränatale Diagnostik, bessere Aufklärung und Beratung von Schwangeren bereits vor den Untersuchungen (und nicht erst nach einem positiven Befund), Abschaffung des Paragrafen 218, Einsatz für eine wirklich inklusive Gesellschaft. Sehr lesens- und bedenkenswert!

Kirsten Achtelik: Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung. Verbrecher-Verlag, Berlin 2015, 222 Seiten, 18 Euro.

Update: Hier ist noch ein Interview mit Kirsten Achtelik

35 Gedanken zu „Lesetipp: Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung

  1. Unter den Menschen, die ich im Internet kenne, ist in aller Regel Konsens, dass eine Behinderung des Kindes kein Grund für eine Abtreibung sein sollte, aber im gewöhnlichen Leben bin ich jetzt zwei Frauen begegnet, für die das nicht so war: Die eine erzählte von ihrem Sohn, der eine genetisch bedingte Krankheit von seinem Vater geerbt hat, mittlerweile schwer behindert ist und wahrscheinlich wie sein Vater früh sterben wird, und sie meinte: damals konnte man so etwas eben noch nicht feststellen. Ich war entsetzt, dass sie nicht sagte: auch wenn mein Sohn behindert ist und früh sterben wird, bin ich doch froh, dass es ihn gibt. Ich habe mittlerweile überhaupt keinen Kontakt mehr zu der Frau, weil ich aufgrund anderer Ereignisse zu dem Schluss gekommen bin, dass sie ziemlich rechts ist.

    Das andere ist eine junge Frau, die gerade schwanger geworden ist und für die (und für ihren Freund auch) völlig klar ist, dass sie abtreiben, wenn das Kind behindert ist. Sie würde das nicht schaffen. Ich weiß nicht, wie sie handeln würde, wenn geschlechtsspezifische Selektion erlaubt wäre: Vor allem ihr Freund wünscht sich einen Sohn. (Ich denke, eigentlich ist sie überhaupt noch zu jung – wenn man einem Kind bekommt, muss man darauf eingestellt sein, dass es nicht so wird, wie man es gerne hätte, und zwar grundsätzlich.)

    Und da bin ich wieder beim Text: So wie ich deine Zusammenfassung verstanden habe, geht es darum, dass jede Frau frei darüber entscheiden sollte, ob sie ein Kind bekommt oder nicht – aber nicht darüber, was für ein Kind sie bekommt. Sie muss nehmen, was kommt.

    Ob die Maßnahmen – nämlich die krankenkassenfinanzierte Diagnostik – dazu ausreichen, weiß ich nicht. Wer genug Geld hat, kann sich die Diagnostik selbst finanzieren. Besser wäre gesellschaftliches Umdenken, so dass einerseits die Abtreibung behinderter Menschen als genauso verwerflich gilt wie die Abtreibung aufgrund des Geschlechts, und eine bessere Versorgung von Menschen mit Behinderung. Aber zur Zeit gilt es umgekehrt als normal, behinderte Föten abzutreiben.

  2. Ich habe in meinem Buch über die deutsche Frauenbewegung den Verdacht geäußert, dass die apodiktische, scheinbar unambivalente Haltung der Siebzigerinnen, die sich unter dem Slogan „Mein Bauch gehört mir“, gesammelt haben, eine Nachwirkung der Euthanasiepolitik im sog. Dritten Reich war. Das hieße auch: Eine weniger maximale Forderung damals hätte uns weiter gebracht, dann wäre das Bundesverfassungsgericht nicht sofort eingeschritten, und wir hätten vermutlich heute eine liberalere Regelung.

  3. Ich bin der Meinung , dass es einzig und alleine eine Entscheidung der Frau ist ob sie einen Fötus abtreibt oder behält. Die Motive gehen keinen was an. Und wer Lust hat sich über die Motive moralisch zu aufzuregen oder sich für moralisch überlegen zu halten kann das sehr gerne tun.
    Es ist nämlich NICHT konsistent: Entweder Abtreibung ist moralisch in Ordnung,dann sind die Motive völlig egal und zwar wirklich völlig, einschließlich ich hab schon einen Urlaub gebucht oder halt nicht.
    Und nichtbehinderte Kinder sind wünschenswerter als behinderte Kinder, sonst könnten und müssten wir ja Sauerstoffmasken bei der Geburt verbieten (bringen wir damit nicht zum Ausdruck, dass wir Hirnschäden für etwas nicht wünschenswertes halten und diskriminieren so hirngeschädigte Menschen?)
    Was mir wirklich auf das Gemüt schlägt ist diese ungeheure Verharmlosung der Trisomie 21
    https://de.wikipedia.org/wiki/Down-Syndrom
    die Krankheit ist mit erheblichem Leiden verbunden.
    Wenn ich diese Krankheit hätte würde ich seit 8 Jahren unter Alzheimer leiden (fast 100%) und hätte noch 10 Jahre zu leben.
    Wer behauptet, das das nichts mit Leiden zu tun hat hat ………
    Die Pränataldiagnostik nicht mehr von der Kasse bezahlen zu lassen ist auch eine kuriose Idee.
    Dann wird Trisomie 21 ein Phänomen der unteren Schichten.

    Also: Das was die Frau entscheidet gehört zu 100% respektiert. Egal wie sie sich entscheidet.

  4. Ich finde es ganz und gar nicht konsistent, dass die Abtreibung eines gesunden Fötus aus egal welchen Grund in Ordnung ist, die Abtreibung eines kranken Föten aber nicht. Und das dies wie Susanna schreibt im Internet Konsens ist ist kurios, da in der realen Welt praktisch keine Kinder mit Trisomie 21 geboren werden. Da scheint zumindest bei einigen Menschen eine leichte Diskrepanz zwischen Worten und Taten zu bestehen.
    Ich persönlich finde, dass Abtreibung egal aus welchem Grund Entscheidung der Frau ist und als solche egal wie sie sich entscheidet respektiert gehört.
    Ich persönlich finde nicht , dass Sauerstoffflaschen auf Geburtsstationen eine Diskriminierung von hirngeschädigten Kindern darstellen und hirngeschädigten Kindern auch nicht das Lebensrecht absprechen obwohl man mit diesen Sauerstoffflaschen doch SEHR deutlich zum Ausdruck bringt, dass man hirngeschädigte Kinder für etwas nicht wünschenswertes hält.
    Genauso verhält es sich mit Trisomie 21. Hätte ich die hätte ich seit ungefähr 8 Jahren Alzheimer und noch 10 Jahre zu leben. Das halte ich für etwas nicht wünschenswertes. Insofern kann ich jede Frau verstehen die sich entscheidet einen Menschen den so etwas erwartet gar nicht erst entstehen zu lassen.

  5. Es gibt eine Reihe ganz komischer Nachwirkungen des Dritten Reichs in der Frauenbewegung. Zur Zeit erinnere ich mich immer wieder mit Schrecken an meine jahrelange Verbundenheit mit der spirituellen Frauenbewegung, die auch so allerlei antisemitische Fragmente weitertransportierte, und bei der Aufarbeitung der Hexenprozesse wurde, wie ich fürchte, die NS-Geschichte der Erforschung der Hexenprozesse auch nicht genug beachtet.

    Ob bei der Forderung „mein Bauch gehört mir“ ebenfalls das Dritte Reich eine Rolle spielte, weiß ich nicht – der radikale Individualismus dieser Forderung scheint mir dagegen zu sprechen. Während des Dritten Reiches wurde schließlich erwartet, dass gesunde deutsche Frauen gesunde deutsche Kinder zur Welt bringen, gerne auch außerhalb der Ehe. Also: mein Bauch gehört meinem Volk, und ob ich ein Kind auf die Welt bringe oder nicht, entscheidet sich nach dem Nutzen des Kindes für dieVolksgemeinschaft. Aber vielleicht weißt du mehr Details als ich.

  6. @skeptischerchrist – sorry, aber es ist Blödsinn (bzw. ein gutes Beispiel für das, was in dem Buch kritisiert wird), den Versuch, eine Behinderung zu minimieren oder die Lebensqualität eines Menschen zu verbessern gleichzusetzen mit der Entscheidung darüber, ob dieser Mensch es überhaupt wert ist, geboren zu werden. Wenn man einen Embryo abtreibt, hat man nicht dessen Leben verbessert, sondern verhindert.
    Dass die Entscheidung von Frauen zu akzeptieren ist in jedem Fall bestreitet ja auch niemand, die Forderung ist ja auch Abschaffung des 218. Aber Jemandem eine Entscheidung zuzugestehen heißt aber doch nicht, dass man über das Thema nicht diskutieren kann oder Maßstäbe dafür entwickeln kann. also es heißt nicht, dass jede Entscheidung, egal wie sie ausfällt, gleichermaßen gut zu finden ist. Zumal es “freie” Entscheidungen in dem Sinn eh nicht gibt sondern sie sind immer vom gesellschaftlichen Klima beeinflusst.

  7. Danke für den Hinweis auf dieses wichtige Thema. Die Frauen werden wirklich völlig unvorbereitet zu diesen Untersuchungen geschickt. Über den ethischen Aspekt wird gar nicht gesprochen. Allerdings möchte ich ergänzen, dass es doch auch Krankheiten gibt, die bereits intrauterin behandelt werden können bzw. direkt nach der Geburt. Die häufigere Konsequenz ist allerdings leider die Abtreibung.

  8. „Oder aber geht es darum, aus Gründen abzutreiben, die eben nichts mit der Schwangeren selbst zu tun haben, sondern mit einer (nicht zufriedenstellenden) Beschaffenheit des noch ungeborenen Kindes? “
    Und da wird’s imho doch kompliziert. Es kann Frauen und Paare überfordern, wenn diese Fragen nur individualethisch angegangen werden – sie sind auch sozialethische Fragen. Sind wir gemeinsam bereit, Eltern zu unterstützen, die ein behindertes Kind haben? Wollen wir als Mehrheitsgesellschaft Menschen mit Behinderung einen Platz zugestehen in unserer Gesellschaft? Ich möchte es. Für mich selbst käme auch Pränataldiagnostik nicht in Frage. Aber im Moment werden, so mein Eindruck, Frauen / Paare mit dieser Entscheidung sehr allein gelassen. Bis hin zu offenem Ableismus a la „War es denn wirklich nötig, den Steuerzahlenden diese Kosten zuzumuten?“

  9. Sorry für das Doppelposting, ich dachte das erste wäre verlorengegangen. Diese Lebenswertdiskussion finde ich problematisch. Wenn ein Fötus kein Leben darstellt ist es absolut statthaft einen Fötus der z.B. ein erhöhtes Brustkrebsrisiko hat wegzuselektieren. Klar trifft man damit die Entscheidung ein bestimmtes Leben gar nicht erst entstehen zu lassen aber diese Entscheidung ist nun mal eben moralisch völlig unproblematisch. Treffen Menschen andauernd, wenn man nicht grade als Frau 20 Kinder bekommt oder als Mann 20 zeugt trifft man bei jedem Geschlechtsverkehr die Entscheidung ein potentielles leben nicht zu zeugen.
    Wie geschrieben: Die Entscheidung die Abtreibung vorzunehmen oder nicht vorzunehmen ist in beide Richtungen neutral.
    Natürlich kann man Maßstäbe entwickeln, aber Sorry die Begründung für eine moralische Bewertung halte ich für ziemlich mau.
    Und das mit der nicht freien Entscheidung ist Binse, gilt für alle Entscheidungen. Und da gibt es in dieser Gesellschaft natürlich eine extreme Doppelmoral, einerseits wird real von den Frauen in der Tat quasi erwartet , dass sie kranke Föten abtreiben. Gleichzeitig werden sie aber auch für diese Entscheidung verurteilt.

  10. @skeptischerchrist Ich habe nicht behauptet, dass meine Internetfilterbubble ein repräsentativer Querschnitt der Bundesrepublik Deutschland ist.

    Miriam Gebhardt kritisiert die damalige Forderung der deutschen Frauenbewegung als zu radikal, aber mein Eindruck aus Diskussionen in englischsprachigen Diskussionen ist der, dass die Diskussion um Abtreibung dort viel polarisierter ist: Auf der einen Seite diejenigen, die den Embryo von Anfang an als Menschen mit sämtlichen Menschenrechten betrachten, auf der anderen Seite diejenigen, die dies nicht tun und daher der Ansicht sind, Abtreibung müsse ohne wenn und aber erlaubt sein. Die deutsche Regelung anerkennt, dass es ein Dilemma gibt und versucht, diesem Rechnung zu tragen. Dies sieht so aus, dass wir de facto eine Fristenregelung für gesunde Embryonen haben. Bei einem gesunden Embryo hat die Frau also (trotz Beratungspflicht) innerhalb der Frist eine freie Entscheidung, selbst wenn es nur um den bereits gebuchten Urlaub geht.

    Äh, und ja, ich bin eine Person, die sich Gedanken über Moral macht. Tut mir leid, wenn du damit ein Problem hast.

  11. @susanna14
    Prinzipiell habe ich keine Probleme mit Moralvorstellungen.
    In dem Fall finde ich aber zwei Aspekte besonders problematisch:
    Erstens betrifft das eine schwangere Frau die unter extremen Zeitdruck eine sehr schwierige Entscheidung treffen muss.
    Zweitens betrifft diese Entscheidung letzendlich wirklich nur die Frau (und wir müssen jetzt wirklich davon ausgehen, dass der Fötus wirklich keinerlei Rechte hat ansonsten wird es sehr sehr schwierig zu begründen warum überhaupt abgetrieben werden darf)
    Eine Frau mit eigenen moralischen Vorstellungen in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen ist nicht in Ordnung. Die Frau muss mit dieser Entscheidung leben. Nicht ich. Es geht mich schlicht nichts an wie sie sich entscheidet.
    Moralischer Druck führt dazu, dass eine Frau ein Kind zur Welt bringt das sie nicht will. Oder eine Frau ein Kind abtreibt das sie will.
    Beides nicht wünschenswert wie ich finde.

  12. Als eine, die sich nie vorstellen konnte, ein (gesundes) Kind zu haben, täte ich mich schwer, Menschen moralisch zu verurteilen, die sich das Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können und wollen.

    Die angeblich leicht zu ziehende Grenze zwischen Gründen, die die „in der Frau selbst“ liegen und solchen, die die Beschaffenheit des erwarteten Kindes betreffen, ist eine Spitzfindigkeit, die mit dem Leben wenig zu tun hat. Was ist denn NÄHER AN IHR SELBST als das Kind? Sie kann nicht aus dem Kindbett einfach aufstehen und weiter leben wie bisher. Insofern hat das Kind und auch dessen Beschaffenheit den denkbar größten Einfluss auf die Frau.

    Oder etwa nicht?

  13. Nochmal: Ich glaube, es geht hier nicht darum, Frauen, die entscheiden, abzutreiben, aus welchen Gründen auch immer, moralisch zu verurteilen. Sondern es geht um den gesellschaftlichen Kontext und die symbolische Ordnung, innerhalb derer das Thema organisiert und diskutiert wird – die natürlich auf die involvierten Frauen Auswirkungen hat. Es ist verkürzt, das als Frage individueller Moral zu diskutieren.

  14. “Oder aber geht es darum, aus Gründen abzutreiben, die eben nichts mit der Schwangeren selbst zu tun haben, sondern mit einer (nicht zufriedenstellenden) Beschaffenheit des noch ungeborenen Kindes?”
    Wieso meinst Du, dass eine Behinderung des späteren Kindes nichts mit der Schwangeren zu tun hat? Die Auswirkung auf das spätere Leben sowohl vom Kind als auch der ganzen Familie (Mutter, Vater und Geschwister) können, je nach Behinderung, ganz beträchtlich sein. Und ich würde das definitiv in meine Überlegungen mit einbeziehen.

    “sorry, aber es ist Blödsinn (bzw. ein gutes Beispiel für das, was in dem Buch kritisiert wird), den Versuch, eine Behinderung zu minimieren oder die Lebensqualität eines Menschen zu verbessern gleichzusetzen mit der Entscheidung darüber, ob dieser Mensch es überhaupt wert ist, geboren zu werden.”
    Ein Embryo ist meiner Meinung noch kein Mensch (er kann einer werden), und so, wie Du den Satz schreibst, setzt Du die zwei gleich.

    “Wenn man einen Embryo abtreibt, hat man nicht dessen Leben verbessert, sondern verhindert.”
    Das ist richtig, aber es ermöglicht die Chance, dass stattdessen ein nicht behindertes Kind auf die Welt kommt. Anders als Geschlecht, Haar- und Augenfarbe hat ja eine Behinderung sehr große Auswirkungen auf das Leben von Kind und Familie.

  15. Ich hätte gern ein Kind gehabt (oder mehrere), aber meine Lebenssituation war nie so, dass ich guten Gewissens eines in die Welt hätte setzen können, also habe ich keines.

    Auf die Gefahr hin, dass sich mehrere Leute hier angegriffen und verurteilt vorkommen: Wenn ich mir nicht vorstellen kann, ein behindertes Kind zu haben, sollte ich besser überhaupt kein Kind bekommen. Es kann nämlich jederzeit vorkommen, dass ein Kind, das während der Schwangerschaft völlig gesund war, durch Komplikationen bei der Geburt oder einen Unfall im späteren Leben oder eine nicht vorhersehbare Krankheit behindert ist. (Tatsächlich lernen die meisten Eltern, damit umzugehen, auch die, die es sich vorher nicht vorstellen konnten.)

    Ich denke schon, dass es Zwischenpositionen gibt zwischen „sämtliche Menschenrechte“ und „völig rechtlos“. Mit Tieren darf man schließlich auch nicht alles machen, was man will. (Das soll nur demonstrieren, dass es Zwischenpositionen gibt,)

  16. Meine Frauenärztin hat in ihrem Wartezimmer ein Buch, in dem Eltern von Down-Syndrom-Kindern kurze Texte zu Bildern ihrer Kinder geschrieben haben. Es ist ein hoffnungsvolles Buch, das mir — die ich bei beiden Schwangerschaften auf alle extra Pränataldiagnodtik verzichtet habe, weil wir entschlossen waren, jedes Kind zu bekommen und zu lieben, das da kommen mag — endlich mal den Eindruck vermittelt hat, auch ein Leben mit einem behinderten Kind kann glücklich sein.
    Gleichzeitig jedoch muss ich sagen, dass ich mit einer Historie von seelischen Erkrankungen ebenfalls Verständnis aufbringe für Menschen, die sich der Herausforderung nicht gewachsen sehen, die ein Kind mit Down-Syndrom mit sich bringt. Es gibt auch dabei ja unterschiedlich schwere Begleiterkrankungen… Ein Kind auszutragen, dass kurz nach der Geburt bereits nicht mehr lebensfähig ist, dazu hätte ich zB auch nicht die Kraft gehabt.

  17. Ich bin selbst zwar noch viel zu jung für ein Kind und werde hoffentlich eine solche Entscheidung nie treffen müssen, dennich denke ich das Frauen ein gutes Recht auf diese Vorsorgeuntersuchungen haben. Denn falls ein Fötus, tatsächlich solch schwerwiegende Genfehler besitzt, dass ein „glückliches“ Leben nicht garantiert werden kann würde ich mir selbst tatsächlich überlegen ob ich dem Kind das antun möchte, meiner Familie und mir selbst. Dazu würde ich mich vorher wegen der Pflege und der Kosten informieren. Heutzutage ist es ja leider so, dass vieles von den staatlichen Krankenkassen nicht übernommen wird und die meisten Therapien nur etwas für Millionärsfamilien sind. Als normal Verdienender kann man sich diese dann kaum leisten.

    Ich finde jeder Frau sollte selbst überlassen werden, ob sie ihr Kind bekommen möchte oder nicht. „Schwerbehindert“ oder nicht…

  18. „…. es geht um den gesellschaftlichen Kontext und die symbolische Ordnung, innerhalb derer das Thema organisiert und diskutiert wird – die natürlich auf die involvierten Frauen Auswirkungen hat.“

    Ja, sehe ich auch so. Daher vermute ich auch einen Zusammenhang hinsichtlich der vorherrschenden Waren-Ideologie mit ihrer vermarkteten Gesellschaft, die ihre Spuren bis ins Vorgeburtliche zieht.Der Kapitalismus macht auch aus Menschen Waren. Die “beschädige Ware Mensch” ist in dieser Logik nur als profitsteigerndes Moment interessant. Siehe Apparatemedizin
    und Versicherungswirtschaft. Eine Art von Moral in dieser Logik ist dann , dass mannfrau ein Recht auf ‚unbeschädigte Ware‘, sprich nicht behindertes Kind hat.

    Folgender Beitrag steigert diese Perversität in eine Art von “Gesundheitsmoral” , zur Förderung des profitgetriebenen Wirtschaftswachstums:
    http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2015/11/12/artikel/wie-moral-und-gesundheit-das-wirtschaftswachstum-foerdern-koennten.html

  19. Ich habe in der 14. SSW eine Nackenfaltenmessung durchführen lassen, einfach, weil mir von vornherein klar war, dass ich niemals ein behindertes Kind haben könnte. Eine Woche später habe ich den Fötus abtreiben lassen. Ich sage das ganz ehrlich: aus egoistischen, hedonistischen Gründen. Ich könnte mit einem behinderten Kind nichts anfangen.

  20. @susanna14
    “Wenn ich mir nicht vorstellen kann, ein behindertes Kind zu haben, sollte ich besser überhaupt kein Kind bekommen. Es kann nämlich jederzeit vorkommen, dass ein Kind, das während der Schwangerschaft völlig gesund war, durch Komplikationen bei der Geburt oder einen Unfall im späteren Leben oder eine nicht vorhersehbare Krankheit behindert ist.”
    Diese zwei Sätze haben für mich nichts miteinander zu tun. Bei der Pränataldiagnostik geht es um Risikominimierung bzw. Aufklärung, also darum zu vermeiden, behinderte Kinder zu bekommen, und nicht um Ablehnung von Behinderten. Ich halte Pränataldiagnostik für ein sinnvolles Instrument, das Leid minimieren kann, wie z. B. Impfungen auch. Warum ist es aus moralischer Sicht nicht besser Behinderungen zu vermeiden, falls das möglich ist, wie Polioimpfungen Querschnittslähmungen verhindern?

    “Ich denke schon, dass es Zwischenpositionen gibt zwischen “sämtliche Menschenrechte” und “völig rechtlos”. Mit Tieren darf man schließlich auch nicht alles machen, was man will.”
    Tiere sind alleine lebensfähig, ein Fötus (bis zu einen bestimmten Zeitpunkt) nicht, das ist für mich der klare Unterschied zwischen beiden und der Grund, wieso Abtreibung für mich nichts mit Tötung zu tun hat. Der Fötus ist Teil des Organismus der Mutter und ohne die Mutter während des Gros der Schwangerschaft nicht lebensfähig.

  21. @japanjedi

    1. Ich glaube, Antje Schrupp hat schon mehrfach erklärt (unter anderem im Originaltext: „Es geht also um eugenische Selektion, nicht um Vorsorge“), dass es nicht darum geht, eine Krankheit zu heilen oder ihr vorzubeugen, sondern darum, dass dieses spezielle behinderte Embryo nicht leben darf. Du nennst es so nett „Leidminderung“ – dann ist aber auch Euthanasie „Leidminderung“.

    2. Ich hatte mir ja überlegt, ob es nötig sein wird, zu erklären, dass ich Embryonen und Tiere nicht gleichsetzen will, sondern dass es mir nur darum geht, deutlich zu machen, dass es Zwischenpositionen zwischen „sämtliche Menschenrechte“ und „völlig rechtlos wie ein Gegenstand“ gibt, aber dann habe ich es sein gelassen, weil ich dachte, das ist schon verständlich, so wie ich es ausgedrückt habe. War es anscheinend nicht.

  22. Ein hier bisher nicht, aber vielleicht im besprochenen Buch erwähnter Unterschied zwischen erwartetem Geschlecht und prädiagnostizierter Trisomie ist die unterschiedlich große Chance auf Adoption, sollten sich die biologischen Eltern, insbesondere natürlich die Schwangere, entscheiden, das Kind zwar auszutragen, aber nicht aufziehen zu wollen.
    Das ist aber ohnehin ein gesellschaftliches Tabu. Eine Abtreibung aus egoistischen Motiven wird viel besser akzeptiert – allerdings auch viel einfacher vertuscht – als eine Freigabe zur Adoption aus analogen Gründen, was angesichts der vielen erfolglos Adoptionswilligen umso unverständlicher ist.

    Natürlich kann man auch mit (egal ob angeborener oder erworbener) Behinderung oder chronischer Krankheit glücklich und oftmals auch für die Gesellschaft netto-nützlich sein – vor allem letzteres ist für *jeden* Menschen nahezu unmöglich vorherzusehen. Es ist aber absolut unfair, Schwangeren unterschiedslos die moralische (oder sogar rechtliche) Pflicht zum Gebären jedes sie nicht direkt gefährdenden Kindes aufzwingen zu wollen, obwohl Gebären und Aufziehen moralisch nicht entkoppelt sind, denn das geborene Kind kann gleichsam zur körperlichen und seelischen (Über-)Belastung anderer Familienmitglieder führen (also über den normalen Rahmen hinaus). Wenn die potentiell werdenden Eltern das nach bestem Wissen und Gewissen annehmen oder auch nur befürchten müssen, ist es ihre moralische Pflicht, diese Gefahr von sich, ihren anderen Kindern und auch dem Ungeborenen abzuwehren, indem sie es entweder abtreiben oder adoptieren lassen. Solange sie allerdings außerdem annehmen müssen, dass sich keine adäquaten Adoptiveltern für das Kind finden würden, ist die terminale Variante vielleicht sogar die humanere und sozialere.

    PS: Wir haben (auch aus Feigheit vor der Entscheidung) auf die Nackenfaltenmessung immer verzichtet, aber es gibt ja noch ein paar andere Pränataldiagnosen, die ggf. helfen, sich auf Komplikationen frühzeitig vorzubereiten, und Schrecksekunden vermeiden (bspw. Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten) oder sogar tatsächlich intrauteral behandelt werden können.

  23. @ C.Päper – ja, natürlich ist es ein gesellschaftliches Thema, keines einer individuellen moralischen Forderung an die Schwangere. Daher nochmal zur Erinnerung: sowohl die Autorin des Buches als auch ich sind für eine ersatzlose Streichung des Paragraf 218!

    Die Beobachtung ist nur die, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen pränataldiagnostik und dem Ende einer gesellschaftlichen Debatte. Die „Vermeidung“ der Geburt eines behinderten Kindes durch entsprechende medizinische „Vorsorge“ wird quasi zur individuellen Sache und in gewisser Weise sogar schon Pflicht. Die ein behindertes Kind haben, werden dann gefragt: also muss sowas heute denn noch sein?

    Ansonsten stimmt eben, was Susanna schrieb: jede Schwangere (und andere, die sich fürs Elternsein entscheiden) muss eigentlich prinzipielle dazu bereit sein auch behinderte Kinder aufzuziehen, weil vieles erst während oder nach der Geburt auftritt. Man kann durch pränataldiagnostik ja nur einen Teil selsktieren, daher wiegt sie eigentlich auch in falscher Sicherheit.

  24. @susanna14
    Zu 1. Antje hat das Argument mehrmals wiederholt, aber für mich ist es nicht überzeugend. Die Analogie zur Eugenik zieht für mich nicht, weil man Menschen mit einem Fötus vergleicht — der für mich für einen großen Teil der Schwangerschaft kein eigenständiges Lebewesen ist, sondern Teil des Organismus der Mutter. Und für mich ist es keine Leidminderung, sondern Leidvermeidung, ein großer Unterschied. Euthanasie ist etwas vollkommen anderes und Unrecht.

    Zu 2. Wenn Du meine Argumentation genau verfolgst, treffe auch ich eine Unterscheidung, wo aus meiner Sicht eine Trennlinie zu ziehen ist, und zwar die Lebensfähigkeit. Ab diesem Zeitpunkt sollte der Fötus mehr Rechte haben (das spiegelt sich auch in der Rechtsprechung wider). Grundsätzlich bin ich also ähnlicher Auffassung, ich fand‘ nur den Vergleich zu Tieren in diesem Kontext etwas, naja, seicht und unpassend.

    @Antje
    “Man kann durch pränataldiagnostik ja nur einen Teil selsktieren, daher wiegt sie eigentlich auch in falscher Sicherheit.”
    Was soll das mit falscher Sicherheit zu tun haben? Ich habe nicht den Eindruck, dass Leute Pränataldiagnostik als Allheilmittel sehen, um Behinderungen bei Kindern zu vermeiden.

  25. Ich bin wie immer spät dran mit meinem Kommentar, aber vielleicht liest das noch die/der eine oder andere 😉
    Was in den Kommentaren bisher keine Rolle gespielt hat: die Pränataldiagnostik wiegt Eltern nicht nur in falscher Sicherheit, sondern führt häufig zu Fehldiagnosen in die andere Richtung. Ich kenne erstaunlich viele Menschen mit gesunden Kindern, denen aber in der Schwangerschaft zum Teil schwere Behinderungen diagnostiziert wurden, die sich dann später als Inexistent erwiesen haben. Warum ich diese Menschen kenne? Weil ich Mutter von Zwillingen bin (unter anderem 🙂 und daher viele Mehrlingsmütter kenne. Diese gelten gemeinhin als Risikoschwangerschaft, daher wird von Haus aus schon immer maximale Diagnostik angeboten. Viele dieser Frauen haben sich entschieden, ihre Kinder dennoch zu bekommen und die meisten davon sind heute kerngesund. Was ich damit sagen will: wenn eine, wie ich selbst vor über 20 Jahren, für sich entscheidet, dass sie auf gar keinen Fall ein Kind bekommen will, dann spielt es keine Rolle, ob das Kind gesund oder krank, männlich oder weiblich, dick oder dünn sein wird.

    Meine (geborenen) Kinder waren Wunschkinder und ich habe mich entschieden,wie eine*r meiner Vorschreiber*innen keine Pränataldiaeägnostik durchführen zu lassen.Hauptsächlich, weil ich eine solche Entscheidung nicht treffen wollte.
    Jede Entscheidung ist natürlich zu akzeptieren, aber mich interessiert dennoch, warum eine so und nicht anders entscheidet. Und ob es ihre freie Entscheidung ist oder ob es nur sozusagen gesellschaftlicher Konsens ist. Ob zum Beispiel Frauen, die nicht wie ich einen medizinischen Beruf haben, sich der Folge der Pränataldiagnostik bewusst sind und wissen, dass es sein kann, dass sie genau deswegen die Entscheidung treffen müssen, ob sie ihr Kind, das vielleicht ihr größter Wunsch ist, austragen oder nicht.

    Danke an Antje für den Buchtipp. Ichh merke, dass ich bei dem Thema aus persönlichen Gründen sehr emotional bin und glaube daher, dass eine objektivere Beschäftigung mit der Thematik mir gut tun würde.

  26. @japanjedi

    3. Ich fange mal mit dem an, was du an Antje addressiert hast. Natürlich gibt es Leute, die ihr das ungeborene Kind auf Downsyndrom untersuchen lassen und ganz genau wissen: Es kann immer noch an allen möglichen anderen Behinderugen leiden. Es gibt aber auch solche, die sich generell ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen können (kleiner Tipp: Thread lesen.)

    2. Ich habe in den vergangenen Tagen über deine Trennlinie nachgedacht und mich gefragt, ob Lebensfähigkeit als Trennlinie haltbar ist. Man müsste dazu nachsehen, wie Menschenrechte (etwa das Recht auf Leben) von verschiedenen philosophischen Theorien begründet werden.

    Ich wollte schon lange nachfragen, wie das mit der aktuellen Rechtslage ist. Mein Wissensstand ist der folgende:
    a) Im allgemeinen darf nicht abgetrieben werden, aber unter bestimmten Umständen, nämlich innerhalb der ersten zwölf Wochen und nach einer Beratung durch eine zertifizierte Beratungsstelle, bleibt die Abtreibung straffrei.
    b) Falls Leben oder Gesundheit der Mutter gefährdet sind, darf bis kurz vor der Geburt abgetrieben werden.

    Ich weiß jetzt auch nicht, wie der aktuelle Stand der Wissenschaft ist, ob etwa das Downsyndrom mittlerweile innerhalb der 12-Wochen-Frist diagnostiziert werden kann. Vor zwanzig Jahren, als ich mich noch mehr für dieses Thema interessierte als jetzt, war dies noch nicht möglich, das heißt, die Abtreibung eines Fötus musste mit einer möglichen Gefährdung der psychischen Gesundheit der Mutter begründet werden, was aber ohne weiteres akzeptiert wurde. Ist das immer noch so?

    1. Innerhalb deiner Argumentation, derzufolge der Fötus Teil der Mutter ist, ist die Abtreibung eines behinderten Fötus natürlich Leidminderung – der Mutter. Aber eben nicht Leidminderung des betreffenden Fötus.

  27. „Die “Vermeidung” der Geburt eines behinderten Kindes durch entsprechende medizinische “Vorsorge” wird quasi zur individuellen Sache und in gewisser Weise sogar schon Pflicht. Die ein behindertes Kind haben, werden dann gefragt: also muss sowas heute denn noch sein? “

    Das ist die Realität. Die Mehrheit der weiblichen Individuen (und auch der männlichen, soweit sie in die Entscheidung einbezogen werden) praktiziert das so. Wie Christine schreibt:

    „Eine Woche später habe ich den Fötus abtreiben lassen. Ich sage das ganz ehrlich: aus egoistischen, hedonistischen Gründen. Ich könnte mit einem behinderten Kind nichts anfangen.“

    Das ist Realität. Die kriegen wir auch nicht mehr weg! Das ist die Herrschaft des instrumentellen rechnenden Denkens, der einst Heidegger mit seiner „raunenden Sprache“ vom Seyn etwas entgegen setzen wollte – aber nicht dran glaubte, dass es nützt. „Nur noch ein Gott kann uns retten“ – das sagte er als Ungläubiger.

    Wir ergeben uns nicht mehr demütig einem Schicksal, sondern wollen und praktizieren Kontrolle mit Hilfe der Technik.

    Schlimm, ja – aber wer könnte von sich sagen, darüber erhaben zu sein?

  28. @ClaudiaBerlin – Ja, aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist, nach welchen Werten und sozialen Vorstellungen vom „Guten“ wir diese souveränen Entscheidungen treffen. Ich will auch möglichst selbst über mein Schicksal bestimmen, aber das bedeutet ja nur angesichts einer bestimmten gesellschaftlichen Kultur, dass zum Beispiel die Sorge für ein behindertes Kind dabei störend ist. Hätten wir ein Grundeinkommen, wäre materieller Konsum nicht so wichtig, würden Fürsorgearbeit anders geschätzt und als Grundlage der Ökonomie gesehen usw.usw. gäbe es vielleicht gar keine Gründe mehr, die Geburt eines behinderten Kindes als übergroße Belastung anzusehen.

    Deshalb ist für mich die Alternative zur derzeitigen Selektion („Wir sorgen mit Technik dafür, dass nur voll funktionstüchtige Kinder, die unseren Idealen vom „richtigen Menschsein“ entsprechen, geboren werden“) nicht ein Zurück in die alte Schicksalsergebenheit („Das Schicksal hat es so gewollt und ich ergebe mich brav). Sondern die Alternative ist eine andere Vorstellung von dem, was wir unter „gutem Leben“ verstehen, d.h. eine Gesellschaft, in der die Befriedigung der Bedürfnisse von Menschen im Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Bemühungen steht und nicht das Reichwerden von manchen. Insofern kann man hier auch die individuelle Entscheidung und die gesellschaftlichen Umstände nicht voneinander trennen.

    Das ist für mich auch das Interessante an dem Buch hier gewesen: Dass die Autorin zeigt, wie bestimmte feministische Argumentationslinien (auch) bei diesem Thema schon die neoliberale Weltsicht (das größte Glück der Einzelnen liegt darin, möglichst wenig Verantwortung zu haben und dabei möglichst schnell reich zu werden) einfach so zugrunde legen, als sei die ein Naturgesetz.

  29. @susanna

    Ad 3) Als Sauerstoffmangelkind musst Du mir nicht erklären, dass es nichtgenetische Ursachen für Behinderungen gibt. (Ich hatte relatives Glück, ich musste nur vom 3. bis zum 6. Lebensjahr mehrmals in der Woche in die Physiotherapie.) Es geht um die Minimierung von Risiken, nicht um die Eliminierung. Ich habe auch den Thread gelesen und hätte auch so gewusst, dass sich einige Leute das Aufziehen von behinderten Kindern nicht vorstellen können. Ich finde es vollkommen moralisch legitim, sich aus diesen Gründen für eine Abtreibung zu entscheiden.

    Ad 2) Menschenrechte greifen erst, wenn Du etwas als Mensch siehst. Lebensfähigkeit ist mein Vorschlag, aber wenn Du einen anderen hast, dann bin ich ganz Ohr — zwischen einer Anhäufung von wenigen Zellen nach der Befruchtung und einem Fötus im achten Monat ist ein weiter Weg. Aber Du musst einen Zeitpunkt definieren, vor allem wenn Du für das Recht auf Abtreibung bist.

    Im Detail weiß ich nicht, ab wann und wie zuverlässig das Downsyndrom diagnostiziert werden kann. Allerdings werden Tests schneller, günstiger und zuverlässiger. Das könnte Paaren helfen, bei denen mindestens eine Seite genetisch vorbelastet ist. In der Familie einer sehr engen Freundin von mir grassiert auf mütterlicher Seite eine Nervenkrankheit. Die Tante ist mit 40 daran gestorben, die Mutter sitzt mehreren Jahrzehnten im Rollstuhl. Weil es aber viele Unterarten dieser Erbkrankheit gibt und für jede Unterart ein anderes Gen verantwortlich ist, sind Tests schwierig und teuer (im Falle meiner Freundin waren alle Tests bei ihr und der Mutter negativ).

    Es gibt ein anderes Argument bestimmte Erbkrankheiten nicht zu eliminieren: beispielsweise haben Studien belegt, dass Trägner des Gens, das für Tay-Sachs-Syndrom verantwortlich ist, resistenter gegen Tuberkulose-artigen Bakterien sind (http://the-magazine.org/24/carry-on). Es kann sein, dass Gene, die für Erbkrankheiten verantwortlich sind, auch andere, positive Effekte haben können.

    Ad 1) Da bin ich anderer Meinung: für mich gibt es kein Leid, wenn das Leben nie gelebt worden ist.

  30. Ich habe auch den Thread gelesen und hätte auch so gewusst, dass sich einige Leute das Aufziehen von behinderten Kindern nicht vorstellen können. Ich finde es vollkommen moralisch legitim, sich aus diesen Gründen für eine Abtreibung zu entscheiden.

    Es ging darum, dass ich gesagt hatte, dass Menschen, die sich ein behindertes Kind nicht vorstellen können, sich überlegen sollen, ob sie überhaupt ein Kind wollen.

    Mensch ist, wer zur Art der Menschen gehört. Aus dieser Perspektive heraus ist folgerichtig, dass das Abtreibungsrecht einen Kompromiss zwischen Rechten des Kindes und Recht der Frau auf Selbstbestimmung darstellt (eben darauf, nicht Wohnung oder Behältnis für ein Kind sein zu müssen, ohne es zu wollen.) Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien die Frist für die Fristenregelung festgelegt wurde, aber die gegenwärtige Regelung bedeutet nicht, dass das Kind erst nach dieser Frist als Mensch angesehen würde. Gerade die absurde Formulierung, dass eine Abtreibung verboten, aber straffrei sei, zeigt dies.

    Der Embryo ist von Anfang an nicht einfach Teil der Schwangeren. Ich glaube, man kann das sogar biologisch zeigen: der Körper muss einige seiner eigenen Mechanismen zur Abwehr von Fremdkörpern austricksen, um das Kind überhaupt behalten zu können. Aber so genau kenne ich mich da nicht aus.

  31. Pingback: Care-Krise gelöst: Wir sind alle psychisch krank | Aus Liebe zur Freiheit

  32. Danke für diesen kritischen und nötigen Artikel und Statement von Deiner Seite zu diesem Thema > eugenische Selektion.
    Ich darf das Thema erweitern auf Trans- und Intersexualität.
    Transsexualität ist unsichtbar, wird daher erst „nach“ der Geburt „behandelt“. Politisch behandelt. Denn LGBT und deren Ablehnung ist ein Politikum, kein medizinisches Problem.
    Intersexualität jedoch wird bereits „pränatal behandelt“, spätestens kurz nach der Geburt im Babyalter (pseudointentierte angleichende Genitaloperationen beim Baby) genau wie Du schreibst über die Argumentationsschiene der Befindlichkeit der Eltern.
    Das Kind würde ja „später“ desshalb in der Gesellschaft leiden durch Diskriminierung, Da die Kinder später diskriminiert werden leiden die Eltern durch diese „Zukuntsvision“ und die Gespräche des Artzes laufen darauf hinaus, dass er „rät“, die OP „im Sinne des Kindes“ vornehmen zu lassen.
    Perfider geht es nicht mehr.
    Den Aggressoren, in dem Fall eine völlig intolerante, normgenitalefaschistoide (hier kann das Wort nicht hart genug gewählt werden) Gesellschaft, die jegliche Abweichungen ihrer körperlichen Frauen- Männerdefinition ausgrenzt, und zwar medizinisch, sozial und politisch, dieser normrassistischen Gesellschaft wird nachgegeben und damit gerechtfertigt, ein gesundes Kind zu zerstümmeln, wenn es nicht bereits abgetrieben wird, falls frühzeitig festgestellt wird, dass „etwas nicht stimmt“. Dass (Genital)Normen nicht eingehalten werden.

    Wenn wir den Fall auf sexuelle Präferenzen übertragen sprechen wir von Homophobie, Lesbophobie. (Für Bisexualität wurde noch kein Begriff eingeführt in der Gesellschaft, der die Ablehnung von Bimenschen beschreibt, diese ist aber immanent vorhanden)
    Wir müßten nun für Trans- und Intersexen und deren Ablehnung einen Begriff einführen: Sagen wir Genitalabweichungsphobie.
    Denn nur das Genital macht Trans- und Intersexphänomene für Normaldenkende sichtbar. Der Komplex geht aber viel weiter und erstreckt sich über Hormonlage, Chromosomen, Gonaden, sekundäre und primäre Geschlechtsmerkmale, eher männliche, ode eher weibliche Gehirnaspekte.
    Wenn wir also von einer Genitalabweichungsphobie sprechen und diese unter dem Problemfall der eugenischen Selektion zusammenfassen, sehen wir, wer der Täter und das Opfer ist.
    Gesunde Intersexen werden bereits im Babyalter traumatisiert, dass es Intersexuelle gibt, die sogar ihre Zweigenitalität (nicht automatisch zweigeschlechtliche Identität) befürworten, das wird genauso ignoriert wie die Tatsache, das ein gesundes Baby zu verstümmeln ein Gewaltakt darstelllt, von Abtreibungen aus jeglichem anderen Grund gar nicht gesprochen.
    Unstrittig ist hier, dass Gewalt dadurch legitimiert wird, damit Normen erfüllt werden, damit wiederum Gewalt abgewendet wird (die seelische Gewalt der Diskriminierung nämlich).
    Eine ganz besondere versteckte Art von Normrassismus innerhalb der Gesellschaft.
    Und noch am Ende meines Artikels möchte ich anführen, dass Normmenschen, die nicht fähig sind, Normabweichungen sichtlich zu ertragen und diese von irgendeiner Norm abweichenden Menschen krank sind. Es sind Gewalttäter.
    Wir erleben diese Gewalt auch im sozialen Bereich. Im 19 Jhd war es üblich und für die „Täter“ noch rühmlich und ehrenhaft, Bettler, Kranke, Behinderte, alleinerziehende Frauen, Prostituierte, Obdachlose durch Fingerzeig ohne Gerichtsurteil in ein Zuchthaus zu bringen. Dort wurden sie dann der Wertschöpfung des Privatbesitzers dieses Etablissements zugeführt, der sie für sich arbeiten ließ. Soziale Eugenie der Superlative.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Zuchthaus
    Bridewell Prison > Zuchthaus für verarmte Frauen mit Kindern, denen der Mann davongelaufen war oder die verstossen wurden:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Bridewell_Palace
    Eine Frau ohne Mann in höherem Alter wurde noch bis in die 60iger Jahre in Provinzgegenden diskriminiert: „alte Jungfer… hat wohl keinen abbekommen“…
    Gerade diese Frauen wurden gerne von Männern für Dates aufgesucht, da diese Frauen den Status eines Mannes nicht mehr beflecken konnten. Quasi Sex ohne Folgen für den ehrenhaften Mann (>Patriarchats-Artefakte)
    (Norm)Genitalismus ist die Säule des Patriarchat, da der Penis als Unterscheidungsmerkmal gilt – > Ursache der Tabuisierung von Trans- und Intersexualität (OP-Zwang von Transfrauen in Deutschland bis 2011 zur Anerkennung des weiblichen Personenstandes, der Penis darf nicht auf die „andere Seite“ mitgenommmen werden, da dadurch die Legitimierung von Männern sich für das Patriarchat ausuzuweisen, nicht mehr mögilch wäre > Angriff auf das Patriarchat > LGBT ist politisch)
    Intersexen lösen sichtbar das Patriarchat auf, allein durch ihre körperliche Beschaffenheit, desshalb werden sie bis heute bekämpft. (Patriarchat als Ursache von „eugenischer Selektion“)

  33. Pingback: Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung – Rezension | Jochen König

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