„Alle haben jetzt Jungen“. Geschlechtsselektion und weibliche Freiheit

(Tl;dr) Vorgeburtliche Geschlechtsselektion ist längst eine Tatsache. In Asien wählen die Eltern Jungen, in den USA wählen sie Mädchen. Beides ist fatal für das gesellschaftliche Zusammenleben. Was jetzt zu tun wäre.

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Mara Hvistendahl: Das Veschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen. dtv, München 2013, 424 Seiten, 24,90 Euro.

Mara Hvistendahl: Das Veschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen. dtv, München 2013, 424 Seiten, 24,90 Euro.

Die Verbreitung von Reproduktionstechnologien (Ultraschall, Abtreibung unerwünschter Föten, künstliche Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik) hat in vielen Teilen der Welt zu einem massiven Ungleichgewicht zwischen Geburten von Mädchen und Geburten von Jungen geführt. Vor allem in drei Regionen ist die vorgeburtliche Geschlechterselektion stark verbreitet: China und die südlich angrenzenden Länder, vor allem Vietnam, Indien und Pakistan, sowie Westasien (Armenien, Aserbaidschan, Georgien).

Ohne medizintechnische Manipulation beträgt das Verhältnis der Geschlechter bei Geburten ungefähr 100 Mädchen zu 105 Jungen. In manchen Regionen der Welt werden aber inzwischen bis zu 170 oder sogar noch mehr Jungen pro 100 Mädchen geboren.

Die Wissenschaftsjournalistin Mara Hvistendahl hat diese Entwicklung im Detail untersucht. Ihr (manchmal etwas reißerisch geschriebenes, aber lesenswertes) Buch ist vor allem deshalb interessant, weil sie auf zahlreiche Vorurteile und Fehlschlüsse hinweist, die in der Debatte über dieses ja schon länger bekannte Phänomen auftauchen. Und weil ihr Maßstab, anhand dessen sie die Entwicklungen bewertet, nicht bevölkerungspolitische Kriterien sind, sondern die Frage, was das für die Freiheit der Frauen bedeutet.

Geschlechterselektion ist ein Import aus dem Westen

Das erste Vorurteil, das Hvistendahl entlarvt, ist die Behauptung, es würde sich dabei um althergebrachte vormoderne Geschlechterordnungen handeln, die bei zunehmender Modernisierung und Säkularisierung von selbst verschwinden. Im Gegenteil ist die Geschlechtsselektion eine Begleiterscheinung der Modernisierung und ein Import westlicher Machbarkeitsphilosophien.

Es sind vor allem die modernen, an westlichem Lebensstil orientierten Mittel- und Oberschichtsfamilien, die Geschlechtsselektion betreiben, und keineswegs die „einfachen Leute“.  Zwar stimmt es, dass viele Kulturen traditionsgemäß dem männlichen „Stammhalter“ einer Familie großen Wert beimessen, aber solange Paare vier, fünf oder sechs Kinder haben, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin mindestens ein Junge dabei. Es gibt keinen Grund für vorgeburtliche Geschlechtselektion. Der Wunsch nach gezielter Abtreibung weiblicher Föten entsteht erst dann, wenn die Zahl der Kinder auf eins oder zwei pro Familie beschränkt werden soll oder muss.

Ältere Brüder gibt es nicht mehr – nur noch kleine Prinzen

Dass Geschlechtselektion nicht generell Jungen bevorzugt, sondern die Geburt eines „Statthalters“ sicherstellen soll, zeigt sich daran, dass sie  nicht bei allen Geburten gleichermaßen angewendet wird. Das erste Kind wird meist noch auf üblichem Weg gezeugt. Ist es ein Junge, folgen keine weiteren Kinder, ist es ein Mädchen, wird weiterprobiert und mit zunehmender Kinderzahl umso radikaler selektiert. Entsprechend ist das Geschlechterverhältnis bei Erstgeburten nur leicht zugunsten von Jungen verschoben, doch das Ungleichgewicht steigt von Mal zu Mal an: Bei Dritt- oder Viertgeburten gibt es fast keine Mädchen mehr.

Das aber hat Auswirkungen auf die Familienkonstellationen, nämlich: Ältere Brüder gibt es praktisch nicht mehr. Jungen wachsen entweder als Einzelkinder auf oder haben ältere Schwestern – sie sind also die Prinzen, um die die anderen sich kümmern. Fast alle Mädchen hingegen haben jüngere Brüder, die – im Gegensatz zu ihnen – sehnlichst erwartet wurden. Es ist nicht schwer, sich die negativen Auswirkungen solcher „Default-Konstellationen“ auf die Entwicklung von Geschlechterrollen vorzustellen.

Der Westen wollte Geburten senken – um jeden Preis

Das Horrorszenario einer Überbevölkerung der Welt wird im Westen seit den 1960er Jahren diskutiert. Von hier aus ging die Idee um die Welt, dass die Zahl der Geburten um jeden Preis gesenkt werden müsse – und zwar nicht nur mit Hilfe sozialpolitischer Maßnahmen wie Bildungschancen für Frauen oder familienunabhängige Altersvorsorge, sondern mit jedem nur denkbaren Mittel.

Seither wird fieberhaft an medizintechnologischen „Lösungen“ geforscht. Abtreibung galt in den 1960ern in den USA (und dort auch unter Rechten) noch als probates Mittel, zumal wenn es um die Bevölkerung der „Dritten Welt“ ging. Nachdem in den 1970er Jahren in Indien eine Kampagne zur Zwangssterilisierung von Männern erheblich zum Untergang der Regierung von Indira Gandhi beitrug, konzentrierte sich das auf weibliche Körper: Frauen zur Abtreibung zu zwingen schien ein gangbarerer Weg zu sein, als Männer ihrer „Potenz“ zu berauben.

Gleichzeitig wurde – ebenfalls vom Westen aus – die Ultraschaltechnologie in alle Welt verbreitet. Dass beides zusammen zu einer Geschlechterselektion führen würde, also zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten, war natürlich abzusehen und wurde damals auch offen diskutiert. Viele (westliche) Bevölkerungsexperten erhofften sich davon ganz ungeniert (es war noch die Zeit vor der Frauenbewegung) einen positiven Nebenaspekt: Je weniger Frauen, desto weniger Geburten, ist doch toll! Dass eine solche Entwicklung auch soziale und kulturelle Auswirkungen hätte, hatten sie nicht im Blick und es interessierte sie auch nicht.

Bald schon waren in Ländern wie Korea oder China mobile Abtreibungskliniken unterwegs, die aus westlichen Geldern finanziert wurden. Fötusuntersuchungen mit sofortiger Abtreibung bei unerwünschtem, weil weiblichem Geschlecht wurde eine gängige Praxis. Diese Abtreibungen fanden oft erst im zweiten oder sogar letzten Drittel der Schwangerschaft statt, denn je später, umso sicherer kann per Ultraschall das Geschlecht bestimmt werden.

Dass Frauen als Mangelware ihren „Wert“ steigern, ist Bullshit

Eine besonders dämliche Theorie ist die aus dem ökonomistischen Kurzschlussdenken stammende Vorstellung, der Rückgang von Frauen würde deren Wert steigern und damit ihre gesellschaftliche Stellung anheben. Das stimmt allerhöchstens für eine sehr kleine Gruppe von Frauen, nämlich für Frauen aus gehobenen sozialen Schichten, die einen Mann heiraten und Kinder haben möchten. Sie können jetzt in der Tat aus einem größeren „Angebot“ an Kandidaten wählen. Für Lesben hingegen oder für Frauen, die aus anderen Gründen nicht den Weg der „Ehefrau und Mutter“ gehen möchten, ist die Entwicklung fatal, denn der soziale Druck auf sie, einen rollenkonformen Lebensweg zu gehen, wird immer stärker.

Ebenso teuer kommt ihr „Wert“ Frauen aus ärmeren Schichten oder Ländern zu stehen. Sie haben es schwer, ihre eigenen Wünsche durchzusetzen, wenn sie durch eine Heirat mit einem zahlwilligen Kandidaten ihrer Familie zu materieller Besserstellung verhelfen können. Die Heiratsvermittlung ist inzwischen ein riesiger Markt und führt zu großen sozialen Verwerfungen. Zu Beispiel dazu, dass fast alle Frauen bei Heirat weit weg von ihrer Herkunftsfamilie ziehen: Vietnamesinnen gehen nach China, aber auch innerhalb der riesigen Länder ziehen Frauen aus ärmeren Regionen in reichere Regionen um.

Dabei ist nur selten offener Zwang im Spiel, denn die meisten Frauen heiraten „freiwillig“, weil sie den realen Vorteil für ihre Familie wichtiger finden als die Verfolgung eigener Lebenspläne. Aber was bedeutet es für den gesellschaftlichen Einfluss von Frauen, wenn die Männer „Einheimische“ sind, die meisten Frauen aber „Zugewandert“ ohne soziales Netz und eigene Beziehungen?

Ebenfalls schlecht ergeht es Männern, die über keine Finanzmittel verfügen. Da die traditionell üblichen „Brautpreise“ inzwischen explodiert sind, haben sie praktisch keine Chance, jemals zu heiraten. Entsprechend boomt die Prostitution. Frauen haben es aber – da es ihnen ja an gut betuchten Heiratskandidaten nicht mangelt – eigentlich nicht mehr nötig, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen. Deshalb sind Bordelle oft nur noch mit Zwang zu bestücken: In manchen Gegenden können junge Frauen nicht mehr allein aus dem Haus gehen, weil sie ständig in Gefahr sind, verschleppt und zur Prostitution gezwungen zu werden.

Auch linke und feministische NGOs verdrängen das Problem

Was kann man gegen diese Entwicklung tun? Hvistendahl kritisiert auch linke und feministische NGOs, die sich des Themas nur zögerlich annehmen, weil sie eigentlich selbstbestimmte Reproduktion, also Abtreibung, befürworten. Denn es ist ja nicht so, dass die schwangeren Frauen mit dem Messer auf der Brust zum Abtreiben weiblicher Föten gezwungen würden. Sie selbst sind es, die sich einen Sohn wünschen. Bei den Familien, die Geschlechtsselektion betreiben, ist auch kaum ein Unrechtsbewusstsein da, da sie ja meist bereits ein, zwei Töchter haben – subjektiv stellt sich die gezielte Produktion eines Jungen für sie so dar, als würden sie lediglich ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herstellen.

Der zögerliche Umgang der linken und feministischen NGOs mit diesem Thema rächt sich inzwischen, denn seit einiger Zeit nutzen die rechten Anti-Abtreibungs-Organisationen das Thema Geschlechterselektion, um Abtreibung generell abzuschaffen. Das ist umso fataler, als derzeit das Pendel in einigen Ländern wieder umschlägt, wie etwa in Südkorea. Dort war zu Zeiten der Anti-Geburten-Propaganda Abtreibung gang und gäbe und staatlich geduldet, offiziell jedoch blieb sie immer verboten. Inzwischen ist in Südkorea die Geburtenrate so sehr gesunken, dass eine starke Veralterung der Gesellschaft droht – und seither wird das Abtreibungsverbot wieder strikt kontrolliert, natürlich aber nicht nur bei geschlechtsselektiver Abtreibung, sondern generell.

Im Westen hätten Eltern lieber Mädchen

Auch im Westen verbreitet sich die Geschlechtsselektion immer mehr, allerdings nicht in Form von Abtreibungen unerwünschter Föten sondern durch Präimplantationsdiagnostik. Per künstlicher Befruchtung werden dabei im Labor Embryonen hergestellt (In-Vitro-Fertilisation) und dann auf unerwünschte Eigenschaften selektiert – zum Beispiel eben das Geschlecht. Es werden dann nur diejenigen Embryonen in die Gebärmutter einsetzt, die die erwünschten Merkmale aufweisen.

In Europa ist die Präimplantationsdiagnostik bislang offiziell nur erlaubt, um schwere Krankheiten auszuschließen, in den USA hingegen ist diese Art der Geschlechterselektion inzwischen gang und gäbe und wird von Kliniken offen beworben. Es gibt sogar schon Paare, die durchaus per Geschlechtsverkehr ein Kind zeugen könnten, aber dennoch die In-Vitro-Fertilisation bevorzugen, weil sie so das gewünschte Geschlecht sicherstellen können.

Allerdings liegen in den USA die Präferenzen genau andersrum: Hier wünschen sich 80 Prozent der Paare lieber Mädchen als Jungen. Doch das ist keineswegs ein Zeichen für grassierenden Feminismus. Als Grund für die Bevorzugung von Mädchen wird nämlich genannt, dass man sie so hübsch anziehen kann, dass sie fleißig und unproblematisch sind. Was aber, wenn das Mädchen trotzdem lieber im Schlamm spielt und keine Lust hat zum Lernen? War dann die ganze Investition umsonst?

Geschlechtsselektion ist Realität – let’s deal with it

Momentan ist diese Entwicklung in den USA noch in den Anfängen, da die künstliche Befruchtung bislang sehr teuer ist. Aber wie jede Technologie wird auch diese mit der Zeit billiger werden. Und auch wenn in Europa die Warnung, mithilfe von Präimplantationsdiagnostik würden „Designerbabies“ hergestellt, noch entrüstet zurückgewiesen wird, so ist doch klar, dass man sich auf Dauer dem Druck der Ökonomie nicht entziehen wird. Wenn mit Geschlechtsselektion Geld verdient werden kann, dann werden das auch europäische Kliniken im Zuge ihrer „Wettbewerbsfähigkeit“ in ihr Angebot aufnehmen.

Ich glaube kaum, dass diese Entwicklung sich aufhalten lässt. Aber vielleicht lässt sie sich weniger leidvoll gestalten, wenn wir der Realität ins Auge sehen und uns die Dinge nicht schönreden.

Als Maßstab zur Beurteilung von Positionen und Maßnahmen in diesem Bereich scheint mir Folgendes wichtig zu sein: das Bewusstsein, dass technologische Maßnahmen und Entwicklungen niemals losgelöst von gesellschaftlichen Prozessen beurteilt werden können. Sie haben immer soziale und kulturelle Begleitumstände und Auswirkungen haben, die mitgedacht werden müssen.

Unsere Aufgabe wäre es also, durch politische Debatten solche sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Tatsache der allgemein verbreiteten Geschlechterselektion nicht die negativen Auswirkungen auf das gute Leben aller hat, wie sie derzeit zu beobachten und zu befürchten sind. Gleichzeitig sollte es aus meiner Sicht auch Verbote und Gegenkampagnen geben, nicht weil ich glaube, dass die die Geschlechtsselektion langfristig verhindern können, sondern um ihre Ausbreitung zu verlangsamen, damit wir mehr Zeit haben, die dafür notwendigen Kulturpraktiken zu entwickeln.

24 Gedanken zu „„Alle haben jetzt Jungen“. Geschlechtsselektion und weibliche Freiheit

  1. Meiner Meinung nach müßte über allem das Ziel stehen, dass das biologische Geschlecht keine Rolle mehr spielt und endlich humanistisches Denken und Verhalten wichtiger ist. Das betrifft beide Geschlechter übrigens, Männer sollten lernen, sich empathischer, sozialer, weniger hierarchisch usw zu verhalten, und Frauen selbstbewusster und mutiger im öffentlichen Raum werden. Ansonsten kommt man aus dem überkommenen Rollenverhalten nicht raus, oder? Natürlich sehe ich ein, dass das in einigen Ländern Utopie ist, aber wir könnten doch ein Vorbild sein darin.
    Schöne Grüße aus Hamburg
    Anna

  2. @Anna-Katharina – Auf jeden Fall, denn je weniger Rollenklischees den Geschlechtern gesellschaftlich zugewiesen werden, umso weniger Grund gibt es, auf das Kriterium Geschlecht hin zu selektieren. Dass das biologische Geschlecht „gar keine Rolle“ spielen kann, bezweifle ich aber, weil ja die Sache mit dem Schwangerwerdenkönnen weiterhin bestehen bleibt. Zusätzlich zur Abschaffung von Geschlechterstereotypen und Klischees muss also auch diskutiert werden, wie das Kinderkriegen und Kinderversorgen gesellschaftlich organisiert wird und zwischen denjenigen, die das Kind geboren haben, und den anderen verteilt wird.

  3. vielleicht gibt es aber noch dieses ungleichgewicht, mütter haben sich 1870 für einen muttertag eingesetzt, weil sie nicht wollten, dass ihre unter schmerzen geborenen söhne in kriegen geschlachtet weren. und es stimmt, eltern haben im westen lieber mädchen, weil sie in dieser konkurrenzgesellschaft nicht so sehr behaupten müssen, der artikel mit dem gehirnforscher gerald hüther in der FAZ kommt zu dem schluss jungen müssen anders wie bisher gefördert werden, da sie bis jetzt noch den drang haben, sie im aussen durch ihre „leistungen“ beweisen zu müssen und welche leistungen häufen sich?
    wir können das eine nicht von dem anderen trennten, sondern müssen genauer schauen was wirklich ist, meinung helfen uns nicht unsere natur zu erhalten sondern nur das tun, oder ist das eher männlich?
    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/jung/hirnforscher-huether-ueber-jungs-das-wichtigste-waere-ein-richtig-guter-vater-1867114.html so setze ich auf motoren der veränderung
    der dreifache grillokomplott http://qpress.de/2013/02/28/schramm-pelzig-pispers-treten-zur-bundestagswahl-2013-grillo-effekt/

  4. Pingback: Fragewürdige Ermittlungen gegen Teresa Z., Geschlechtsselektion & Menstruationstabu « Reality Rags

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  6. Die Geschlechtsselektion ist nicht überall das Ergebnis westlicher Reproduktionsmedizin, da gibt es doch auch noch andere Gründe. In China z.B. ist die Ein-Kind-Politik in Verbindung mit dem Wunsch nach einem Stammhalter der Grund für das Ungleichgewicht. Dabei werden die Mädchen nicht nur vor der Geburt ausgemustert, sondern auch noch danach. Ich erinnere mich an die Frau mit den furchtbaren Schmerzen, die von den vielen Näh-Nadeln herrührten, die ihre liebenden Großeltern ihr als Baby in den Leib gesteckt hatten, weil sie lieber einen Jungen haben wollten.
    Geburtenkontrolle ist nach wie vor notwendig in Ländern, in denen ein Großteil der Bevölkerung hungert. Angesichts der hart umkämpften Ressourcen, der Energie-Krise, der Massen-Armut und mangelnder Bildung in besonders bevölkerungsreichen Ländern scheint mir aufgeklärte Reproduktionsmedizin ein notwendiger Weg zur Lösung all dieser Probleme. Vor allem aber ist Bildung für die Mädchen und jungen Frauen der beste Weg zu einem auf vernünftige Weise herbeigeführten Geburtenrückgang.
    Wenn es so viele Männer in China und so viele Frauen in USA gibt, ist das aber ja vielleicht ein Mittel zur Völkerverständigung. ;–)

  7. Ich glaube nicht an die Segnungen von irgendwelchen Bevölkerungspolitiken noch an eine aufgeklärte Reproduktionsmedizin.
    Beide sind klassistisch, haben den Hang zum Rassismus und bedienen gerne die eigenen Lebensoptimierung auf Kosten anderer.

    Es gab wahrscheinlich schon immer Geschlechterselektion vor und bei der Geburt.
    Es gibt auch genügend Methoden dies mit natürlichen Mitteln zu manipulieren
    .
    Da die männlichen Spermien schneller beim Wo-ist-das-Ei-Wettrennen sind aber weniger lange leben, kann man die Wahrscheinlichkeit ein Junge oder ein Mädchen zu bekommen ein klitzeklein wenig in die gewünschte Richtung verschieben in dem man den Zeitpunkt für Sex geschickt wählt. Während des Eisprungs erhöht sich leicht die Wahrscheinlichkeit einen Jungen zu bekommen, wenige Tage vor dem Eisprung hingegen bekommt man kein Kind oder mit Sicherheit ein Mädchen.

    Es wird immer wieder darüber gerätselt warum in Krisenzeiten oder nach Kriege
    mehr Jungen geboren werden als Mädchen . Man ist sich nicht sicher ob es biologische Ursachen (verursacht durch Stress) oder ob hier Geschlechterselektion betrieben wird. Ich glaube, dass die Geschlechterverteilung immer schon geschwankt hat. Und das Streben von Eltern in Entwicklungsländern nach männlichen Nachwuchs, der sie im Alter ernährt, macht in ihrer Situation durchaus Sinn. Genauso wie es Sinn macht, in einer befriedeten, abgesicherten, und alternden Gesellschaft, die zunehmend beziehungsloser wird, ein Mädchen zu bekommen.
    Das verheerende aber sind die Folgen einer von oben verordneten Bevölkerungspolitik, sie sind die Ursache dafür, dass eine kleine Manipulation in eine gewünschte Richtung plötzlich eine großen wird.

    Immer wieder wird von Bevölkerungswachstum geredet. Aber wo findet er statt ?

    Indien hat mittlerweile eine Geburtenrate von 2,9 genauso Bangladesch. Und das bei immer noch hoher Säuglings/Kindersterblichkeit. Diese Gesellschaften sind unglaublich jung (35% der Menschen in Bangladesch sind unter 15 Jahre) sie wachsen nur durch den Zuwachs der Lebenserwartung.

    Nicht die Bevölkerungspolitik oder Zugang zu Verhütungsmittel/Sterilisationen/Abtreibungen sondern Bekämpfen der Säuglingssterblichkeit, Zugang zu Arbeit und Bildung für Frauen…. dies sind die Faktoren die Bevölkerungen stabilisieren und sie wirken auch gegen Geschlechterselektion.

    Und ja, auch wir hier haben ein Problem mit Geschlechterselektion. Und wir sollten uns darüber Gedanken machen, warum wir lieber Mädchen wollen und wie es den Jungs so geht, bei dem Gedanken eigentlich eher unerwünscht zu sein.

    .

  8. Dass hierzulande eher Mädchen erwünscht sind, ist mir schon vor Jahren aufgefallen, als mein Kind geboren wurde. „Hauptsache gesund!“, habe ich damals geantwortet.
    Mittlerweile verstehe ich diesen Wunsch – als Mutter kann ich mir sicher sein, dass ich einer Tochter etwas weitergeben kann, und ich kann mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass ich für die Tochter Bezugsperson sein werde, bis sie erwachsen ist, Krankheit & Unfall mal ausgenommen. Aber ein Sohn braucht – ich kann nur auf den Artikel von Hüther verweisen, der oben verlinkt ist – einen guten Vater oder sonst eine gute, zugewandte männliche Bezugsperson, um sich optimal zu entwickeln. Und wenn ich mich als Mutter auf den Kopf stelle, diese männliche Perspektive und auch Reibefläche kann ich einfach nicht bieten. Wenn ich mich im Bekanntenkreis umsehe, und auch in meiner eigenen Familie, tauchen Männer überwiegend in folgenden Funktionen auf:

    – abwesend
    – desinteressiert
    – unsicher bis hilflos
    – vor dem Fernseher bzw. Computer verschollen
    – ewiger Teenager und Egomane

    Die Ausnahmen sind in meinem Durchschnittsmittelklassebekanntenkreis an zwei Händen abzuzählen!
    Indem ich einen Sohn zur Welt bringe, setze ich ihn also von Vornherein dem Risiko aus, subobtimale bis erschwerte Bedingungen für seine Entwicklung vorzufinden, weil sich der Vater irgendwann auf den Weg zur Zweitfamilie macht und nur mehr 3x im Jahr anruft, falls überhaupt, oder sich im Büro oder hinter dem Fernseher vergräbt.

    Und, ebenso toll, natürlich stehe ich dann als Mutter mit dem vom Vater vernachlässigten Sohn und allen seinen Problemen alleine da.

    Dann doch lieber die Tochter – sollte ich heute noch einmal schwanger werden, würde ich mir definitiv ein Mädche wünschen.

    PS: Fairerweise muss ich sagen, dass mir die jüngereVätergeneration von 25 bis 30 wesentlich zugewandter und interessierter an ihren Kindern erscheint als die Männer um die/ab 40, die ich in meinem Bekanntenkreis so erlebe.

  9. @Teresa:

    Es schmerzt, sagen zu müssen, dass an Deiner Situationsbeschreibung etwas dran ist – allerdings glaube ich auch, dass sich da eben einmal gebildete schlechte Angewohnheiten von Generation zu Generation vererben.

    Viele heute vierzig-jährige Männer sind selber schon ohne Vater aufgewachsen und ihnen fehlt schlicht die Sicherheit eines geliebten Vorbilds, und oft genug aus Gründen, die nicht allein von den Vätern zu verantworten sind.

    Diese Delegation der Verantwortung und Sorge für die eigene Kindheit – die sich im eigenen Kind wiederholt – an Frauen/Mütter, die diesen Job nunmal bestenfalls nur so gut es eben geht erfüllen können, ist in meinen Augen eine wirkliche menschliche Katastrophe.

  10. PS. Ich erinnere mich an Umfragen unter älteren Männern danach, was sie in ihrem Leben anders machen würden, könnten sie es noch einmal leben – sehr sehr viele beklagten nicht unnötige Geldausgaben, Krankheiten etc., sondern schlicht die Tatsache, dass sie keine oder nur eine kühle Beziehung zu ihren Kindern haben.

  11. Gleichzeitig wurde – ebenfalls vom Westen aus – die Ultraschaltechnologie in alle Welt verbreitet. Dass beides zusammen zu einer Geschlechterselektion führen würde, also zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten, war natürlich abzusehen und wurde damals auch offen diskutiert.

    Dass Ultraschallgeräte zu Zwecken der Bevölkerungspolitik exportiert wurden, wie der Eintrag andeutet, klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie. Die Sonografie ist ja keine explizite Reproduktionstechnologie, sondern spielt in unterschiedlichen Bereichen der Diagnostik eine Rolle.

    Laut Wikipedia wurde Ultraschall zuerst im Militär, und im medizinischen Bereich zuerst bei Herzuntersuchungen eingesetzt.

    Wer gesund ist und keine moderne Diagnostik braucht, hat leicht auf die Machbarkeitsphilosophie (was immer das sein mag) schimpfen.

  12. @Irene – ich wollte nicht sagen, dass man Ultraschall nicht hätte verbreiten sollen. Was mich schockiert hat, ist, dass damals schon die Möglichkeit /Wahrscheinlichkeit diskutiert wurde, dass das zu Geschlechtsselektion führen würde und man nur mit: so what? Ist doch toll, weniger Frauen! reagiert hat. Mein Punkt ist, dass Technologie immer Wechselwirkung mit Kultur hat und dass man bei ihrem Einsatz das mit berücksichtigen muss.

  13. Pingback: Selektive Abtreibung nach Geschlecht | Alles Evolution

  14. „Mein Punkt ist, dass Technologie immer Wechselwirkung mit Kultur hat und dass man bei ihrem Einsatz das mit berücksichtigen muss.“

    Welche Schlussfolgerung würden Sie denn aus der Aussage ziehen? Für mich klingt es wenig wie in einem alten ZDF (?) Beitrag über die Grünen im Bundestag die im Hinblick auf Computer zuerst eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Technologie fordern und erst dann eine „Zulassung“ erteilen wollen.
    Ich bezweifle irgendwie ernsthaft, dass die Auswirkungen, gerade die mittel- bis langfristigen, schon vorher absehbar sind.

    Daher finde ich solche Forderungen immer etwas merkwürdig.

  15. Ziemlich am Anfang dieses Artikels findet sich eine „Ebenen-Verwechslung“ bzw. Ignoranz, die ich so nicht stehen lassen würde:

    „Das erste Vorurteil, das Hvistendahl entlarvt, ist die Behauptung, es würde sich dabei um althergebrachte vormoderne Geschlechterordnungen handeln, die bei zunehmender Modernisierung und Säkularisierung von selbst verschwinden. Im Gegenteil ist die Geschlechtsselektion eine Begleiterscheinung der Modernisierung und ein Import westlicher Machbarkeitsphilosophien“.

    Da ist nix „Gegenteil“ – es ist schlicht so, dass die Technik, die Wissenschaft und ihre in die Anwendung gehenden Methoden jenen althergebrachten, vormodernen Vorstellungen zur effektiven UMSETZUNG verhelfen! Die Moderne verhilft der Archaik zu neuer (Sumpf-)Blüte.

    Mittels moderner Technik können jetzt alle, die bezahlen können, das umsetzen, was sie aufgrund ihrer Traditionen für das Richtige und Wünschenswerte halten. Eine global akzeptierte Ethik, die da Grenzen setzen könnte, gibt es (noch) nicht.

    Also müssen alle da durch! Man muss offenbar die Wunscherfüllungen und ihre Folgen ERLEBEN, um vielleicht irgendwann umzudenken.

  16. Hinzu kommt noch, dass durch radioaktive Belastungen (man nimmt an, vor allem durch Neutronenstrahlungen) an einigen Ort der Erde, u.a. auch in Gorleben kaum noch Mädchen geboren werden. Medizinisch wird von den „verschwundenen Mädchen“ gesprochen.

  17. Antje: Was mich schockiert hat, ist, dass damals schon die Möglichkeit /Wahrscheinlichkeit diskutiert wurde

    Verstehe ich und hat mich im ersten Moment auch verblüfft. Verrät die Autorin, wer die Akteure ware, wer da diskutiert hat?

    Warum wird der Begriff westlicher Machbarkeitswahn eigentlich vor allem zur Diskreditierung von Naturwissenschaft und Technik (die je nach Anwendung auch nützlich ist) verwendet? Kann man nicht auch einem Heilpraktiker, der großspurig verspricht, schwere Erkrankungen heilen zu können (ob mit aus dem Westen stammender Homöopathie oder aus China stammender TCM) und schon mal vorsorglich empfiehlt, die Tabletten der bösen Pharmaindustrie abzusetzen, nicht auch westlichen Machbarkeitswahn vorwerfen? Oder Esofeministinnen, die die Atomindustrie durch Rituale am AKW schwächen wollen? Oder Leuten, die Israel von der Weltkarte boykottieren wollen?

  18. Interessant fand ich, erstmals so eine Zahl zu lesen: 105:100 geborene Männer und Frauen im Normalverhältnis. Das wollte ich schon lange wissen! Jetzt zum Thema: Ganz erheblich wir die Problematik natürluich durch China’s 1-Kind-Politik gefördert. In solchen Ländern sollte man Abtreibungen wegen ‚des falschen Geschlechts‘ schwer unter Strafe stellen.

    lg Nina ❤

  19. Pingback: Kurz gefasst im Mai 2013 | Mama hat jetzt keine Zeit…

  20. Dafür gibt es in den Industrienationen immer mehr Mädchen, das wird auch noch ein sehr großes Problem werden!!!!!!!! Es liegt an der Hormonbelastung, da erstens Weichmacher im Kunststoff, zb Verpackungen von Lebensmitteln enthalten sind und durch die Luft und den Verzehr der Lebensmittel aufgenommen werden. Diese Weichmacher (Phtalate) haben hormonähnliche, nämlich östrogenartige Eigenschaften. Zweitens werden Rückstände der Antibabypille, ebensfalls Östrogen durch das Grundwasser aufgenommen. Beides führt bei Männern zur Verweiblichung und vermehrten Zeugung von MÄdchen. Dagegen hilft meiner Meinung nach nur ein Verbot von Kunststoffen sowie der Antibabypille.

  21. Pingback: Kurz gefasst im Mai 2013 | Mama hat jetzt keine Zeit

  22. Pingback: Lesetipp: Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung | Aus Liebe zur Freiheit

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