In Italien gibt es ein neues „Sottosopra“

In diesen Tagen veröffentlichen die Frauen des Mailänder Frauenbuchladens ein neues „Sottosopra“. Mit diesen programmatischen Flugschriften (Sottosopra heißt in etwa: „drunter und drüber“ oder auch: „das untere nach oben bringen“) mischen sie sich schon seit Jahren immer wieder in den politischen Diskurs ein, etwa mit dem „grünen“ Sottosopra (Mehr Frau als Mann) oder dem „roten“ Sottosopra (Das Patriarchat ist zu Ende), die beide auf Deutsch übersetzt sind. Das neue Sottosopra heißt „Stell dir vor, dass die Arbeit….“, und wird mit der Beobachtung eingeleitet, „dass der Gleichheitsdiskurs an allen Ecken und Enden hinkt und uns der Feminismus nicht mehr reicht“. Ihr Ausgangspunkt ist, dass auch wenn Frauen im Arbeitsleben noch nicht 100-prozentig „gleichberechtigt“ sind, sie doch inzwischen genug Erfahrungen gesammelt haben, um eine Bilanz zu ziehen: nicht nur darüber, wie weit sie „gekommen“ sind (im Vergleich zu den Männern), sondern auch darüber, was ihnen an der Erwerbsarbeit, so wie sie ist, nicht gefällt. Ich habe das Sottosopra letzte Woche gelesen und finde

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„Die Liebe der Frauen zur Freiheit hat die Welt verändert“: Zehn Jahre Flugschrift

Auf das zehnjährige Jubiläum des Büchleins „Liebe zur Freiheit – Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ haben dreißig Frauen aus verschiedenen feministischen Kontexten am Wochenende in den Räumen des Rüsselsheimer Christel Göttert-Verlags angestoßen. Im Rahmen einer Tagung des Online-Forums http://www.bzw-weiterdenken.de zum Thema „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen“ (über die demnächst noch ausführlicher berichtet wird) feierten wir auch die vielfältigen Initiativen und Beziehungen, die die Flugschrift angestoßen hat. Bzw-Redakteurin Astrid Wehmeyer zog in ihrem Eingangsvortrag eine Linie von der Flugschrift hin zu den heutigen feministischen Bewegungen und betonte, wie viele der Flugschrift-Thesen heute immer noch aktuell sind (der Vortrag wird demnächst in „Beziehungsweise Weiterdenken“-Forum dokumentiert). Dorothee Markert, die (neben Ulrike Wagener, Andrea Günter und mir selbst) eine der Autorinnen der Flugschrift war, schilderte den Entstehungsprozess des Textes, der das Ergebnis eines „gemeinsamen Denken und Schreibens“ war. Bei mehreren Wochenendtreffen haben wir die Thesen diskutiert und schließlich formuliert. Dorothee betonte zum Jubiläum auch, dass es nicht darum ging,

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„Es geht um eine neue Praxis des Philosophierens“

Eben habe ich zufällig gesehen, dass es ein Video gibt, auf dem Chiara Zamboni, eine der Mitbegründerinnen der philosophischen Gemeinschaft Diotima an der Universität von Verona, erklärt, wie Diotima entstanden ist und welche Entwicklung dieser Richtung des italienischen Feminismus seither genommen hat. Die Frauen von Diotima sind ja durch persönliche Kontakte und durch ihre Bücher, die teilweise ins Deutsche übersetzt wurden, auch hier zu Lande bekannt. Über ihre Mitbegründerin Luisa Muraro sind sie auch eng mit dem Mailänder Frauenbuchladen verbunden. Auch wenn das Video auf Italienisch ist, ist es für manche vielleicht spannend, Chiara Zamboni mal „live“ zu hören. Sie erzählt in dem Video, wie sich die Diotima-Philosophinnen, ausgehend von dem Wunsch, philosophisch zu arbeiten und dabei gleichzeitig die Tatsache, eine Frau zu sein, präsent zu halten, einen symbolischen Ort an der Universität und in der Welt geschaffen haben. Dabei kommt es nicht nur auf die Inhalte des Philosophierens an, sondern vor allem auf eine andere Praxis: Die Abkehr vom Zitatenwissen,

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Die Politik der Frauen

In den vergangenen Wochen habe ich das neue Buch der italienischen Philosophin Chiara Zamboni gelesen, in dem es um das „Denken in Anwesenheit“ geht. Ihre These ist, dass Denkprozesse anders ablaufen, je nachdem, ob zwei oder mehr Menschen sich persönlich kennen (und körperlich anwesend sind), oder ob es ein einsamer Schreibprozess am Computer ist. Von dieser Lektüre war schon mein Blogeintrag „Ich weiß, was du gestern Abend getwittert hast“ inspiriert. Nun habe ich eine weitere Passage übersetzt, die ich interessant finde, und die sich mit der „Politik der Frauen“ beschäftigt. Die Politik der Frauen verbreitet sich über Ansteckung und persönlichen Kontakt. Es ist kein Zufall, dass sich der Feminismus nicht in Parteien oder Organisationen strukturiert hat. Auch wenn er die Auseinandersetzung mit Frauen und Männern innerhalb repräsentativer Organen nicht zurückweist, hat er doch die eigene spezifische Kraft in den individuellen Verbindungen zwischen Frauen gefunden, die sich über persönliche Bekanntschaft verbreiten, in der die beiderseitige Anwesenheit zählt. Die Politik der Frauen wächst

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Viel mehr als Gleichberechtigung…

Seit zehn Jahren gibt es im Christel Göttert-Verlag eine Reihe mit kleinen, quadratischen philosophischen Bändchen mit aktuellen Impulsen feministischer Denkerinnen. Soeben sind zwei neue erschienen: „Mutter, Sprache, Autorität“ von Andrea Günter (das bespreche ich später an dieser Stelle auch noch), sowie eines von Ina Praetorius mit dem Titel „Weit über Gleichberechtigung hinaus. Das Wissen der Frauenbewegung fruchtbar machen“. Als ich das gestern in der S-Bahn anfing zu lesen, war ich zwar gespannt, aber nicht sehr: Schließlich kenne ich Ina seit Jahren und wusste also schon ungefähr, was da drin stehen würde. Trotzdem habe ich die knapp 70 kleinen Seiten dann in einem Rutsch verschlungen. Denn die Art, wie Ina Praetorius schreibt, ist einfach schön: Klar, auf den Punkt, witzig, ohne Schnörkel. Ihr Thema ist, wie das Wissen der Frauenbewegung nun endlich einmal für die Weltgestaltung fruchtbar gemacht werden kann. Denn natürlich war die Gleichberechtigung nie ein Zweck an sich. Sondern es ging um mehr, um Glück, um gutes Leben für

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Zwanzig Jahre „Mailänderinnen“ und zehn Jahre „Flugschrift“

Die Frage, wie Frauen politisch sichtbar und einflussreich sein können, ohne sich anzupassen, beschäftigt uns immer wieder im Internetforum http://www.bzw-weiterdenken.de. Deshalb veranstalten wir im Oktober in Rüsselsheim eine kleine Tagung für Selbst- und Weiterdenkerinnen. Gefeiert werden sollen dabei auch zwei Jubiläen, die in diesem Jahr anstehen: 1989, also vor zwanzig Jahren, erschien auf Deutsch das wegweisende Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“ des Mailänder Frauenbuchladens, und 1999, also vor zehn Jahren, unsere Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn“. Herzliche Einladung also an alle, die Interesse an einer persönlichen Begegnung und intensivem feministischen Austausch haben. Alles weitere hier.

Was kommt nach der Genderforschung?

Die Kategorie „Gender“ dominiert die Debatten in der akademischen Forschung seit gut 15 Jahren. Eingeführt wurde sie, inspiriert aus den USA, aus zweierlei Gründen: Von „Gender“ zu sprechen (statt von Frauen und Männern, von männlich und weiblich) sollte jedem Verdacht des Essenzialismus entgegentreten, also der Auffassung, es gebe „natürliche“ oder „wesensmäßige“ Eigenschaften der Geschlechter, die unveränderbar seien. „Gender“ hingegen verweist bereits als Begriff auf das sozial konstruierte Geschlecht, im Gegensatz zu „Sex“, dem biologischen, körperlichen Geschlecht. Der zweite Grund, warum seinerzeit aus der „Frauenforschung“ die „Genderforschung“ wurde, war der, dass die Forscherinnen hofften, auf diese Weise auch die Männer für ihre Arbeit und ihre Anliegen zu interessieren: Wenn es nicht mehr speziell um Frauen ginge, sondern um das Verhältnis der Geschlechter zueinander (also auch um Männer), dann, so die Vermutung, würden sich auch mehr Männer angesprochen fühlen. Dann stünde die feministische Forschung nicht länger in dem Ruf, lediglich partikulare „Fraueninteressen“ zu vertreten, sondern wäre als „allgemeine“, also alle betreffende Forschungsrichtung

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