In der Serie „Orange is the new black“, die in einem Frauengefängnis spielt, gibt es eine Liebesgeschichte zwischen einer Inhaftierten (Daya) und einem Wärter (John). Sie hatten Sex, Daya ist schwanger. Gegen Ende der zweiten Staffel fordert Daya John auf, öffentlich zu seiner Vaterschaft zu stehen, aber er hat Angst, weil er höchstwahrscheinlich selbst im Knast landen würde, denn Sex zwischen Wärtern und Inhaftierten gilt prinzipiell als Vergewaltigung. Daraufhin bietet Daya, die die Heimlichtuerei nicht mehr möchte, ihm eine Alternative an: Er könne die Beziehung auch beenden, sie würde nichts verraten. Er sagt entrüstet: „Do you think I would walk away from my child?“ Sie antwortet: „Wenn mir jemand die Möglichkeit geben würde, das Ganze zu vergessen, würde ich mit Sicherheit darüber nachdenken.“
Es ist klar: Daya hat diese Möglichkeit nicht. Die Option „to walk away from her child“ existiert für sie nicht, denn das Kind ist in ihrem Bauch, ein Teil ihres Körpers. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Vaterschaft und Mutterschaft: Vaterschaft konstituiert sich nicht automatisch durch den biologischen Zeugungsakt, es muss ein Prozess der sozialen Anerkennung hinzukommen. Es gibt die Möglichkeit, dass die Beteiligten sich gegen die Vaterschaft des biologischen „Erzeugers“ entscheiden. Sie – oder die Gesellschaft – können auch einen anderen Mann zum Vater küren (in der Realität gilt oft der Mann als Vater, der mit der Schwangeren verheiratet ist, egal ob das Kind tatsächlich „von ihm“ ist. Im konkreten Fall der Fernsehserie ist ein konkreter Kandidat ein anderer Wärter, mit dem Daya ebenfalls Sex hatte, und der von sich selbst fälschlicherweise glaubt, der Vater zu sein).
In Bezug auf Mutterschaft gibt es diese Möglichkeit, quasi „per Abmachung“ zu entscheiden, nicht. Man kann das befruchtete Ei nicht im Lauf der Schwangerschaft in einen anderen Körper transferieren (vielleicht kommt das ja noch). Wer die biologische Mutter eines Kindes ist, ist eine evidente, für alle offensichtliche Tatsache: diejenige, in deren Körper das Kind heranwächst und die es schließlich zur Welt bringt. Selbstverständlich ist Mutterschaft auch sozial geprägt. Aber sie ist eben dennoch und gleichzeitig ein materieller Fakt: dieser schwangere Körper und dieses Kind, das daraus geboren wird.
Andersrum ist natürlich auch die biologische Vaterschaft feststellbar (wenn auch erst seit kurzem), allerdings nicht einfach per Anschauung, sondern nur mit technologischem Aufwand. Es muss ein Vaterschaftstest gemacht werden, was aber nur im Streitfall geschieht. Es geschieht zum Beispiel nicht, wenn sich alle Beteiligten auf einen Vater „einigen“. Und es geschieht auch dann nicht, wenn gar kein Kandidat vorhanden ist. Es ist ja zum Beispiel möglich (und kommt auch öfter mal vor), dass weder die schwangere Frau noch der Mann, mit dem sie Sex hatte, an dieser konkreten Vaterschaft ein Interesse haben – und deshalb schlicht darüber schweigen.
Die soziale Konstruktion von Vaterschaft bedeutet: Jemand muss sagen „Dieser Mann ist der Vater meines Kindes“ oder „Ich bin der Vater dieses Kindes“ – wenn das nicht geschieht, gibt es keinen Vater. Im Fall von Mutterschaft aber muss niemand etwas sagen. Eine Mutter gibt es immer, denn andernfalls wird gar kein Kind geboren. Eine Mutterschaft zu verheimlichen ist zwar nicht völlig unmöglich, setzt aber einen ziemlichen organisatorischen Aufwand voraus.
Derzeit ist die Art und Weise, wie Vaterschaft sozial konstruiert wird, stark im Umbruch und damit in der Debatte. Unter dem Titel „Lasst Väter Vater sein“ hat Barbara Streidl eine Streitschrift vorgelegt, in der sie vehement und engagiert dafür plädiert, die Rolle von Vätern zu stärken. Sie wünscht sich – wie wohl viele heutzutage – dass Väter eine aktive und von Umfang und Qualität her ähnliche Verantwortung für Kinder annehmen und zugesprochen bekommen wie Mütter. Sie fordert die Frauen, die Männer und die Gesellschaft insgesamt auf, die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Doch allein schon die Häufigkeit und Vehemenz, mit der sie immer wieder betont „Kinder brauchen Väter“, „Väter sind wichtig!“ ist ein Beleg dafür, dass dieses Brauchen und diese Wichtigkeit gerade nicht evident sind. Diese Sätze sind ein Appell, nicht die Feststellung einer Tatsache.
Sollen Väter also wichtig sein? Ich bin in dieser Frage nicht so klar entschieden wie Barbara Streidl. Aber so oder so: Jede gesellschaftliche Debatte darüber, was Vaterschaft sein soll, wird nicht darum herumkommen, sich dem Thema von Schwangerschaft und Geburt zu stellen, also die damit verbundenen körperlichen Unterschiede von Mutterschaft und Co-Elternschaft wahrzunehmen. Diesen Part der Co-Elternschaft müssen ja auch nicht unbedingt die Väter übernehmen, es gibt auch lesbische Co-Mütter oder Poly-Familien und alle möglichen anderen denkbaren Konstellationen. Aber sie alle haben eines gemeinsam: den Unterschied zwischen den Co-Eltern und der Person, die das Kind austrägt und gebiert. Diese Unterschiede spielen eine Rolle, wenn man sinnvoll darüber diskutieren will, wie Elternschaft kulturell gestaltet werden soll: Let’s talk about Schwangerwerdenkönnen!
Erstaunlicherweise kommt aber genau dieses Thema in Streidls Buch nicht mit einem Wort vor. Es scheint sich dabei wirklich um eines der größten Tabus unserer Zeit zu handeln. Vor einiger Zeit wunderte ich mich bereits über ein feministisches Mädchenbuch, das in großer Ausführlichkeit über alle möglichen Dinge und auch die körperlichen Aspekte des weiblichen Erwachsenwerdens spricht – aber das Schwangerwerdenkönnen mit keiner Silbe erwähnt. Und nun gibt es ein Buch über Vatersein und Muttersein, das genau dieselbe Leerstelle aufweist. Der riesige Elefant im Raum. Was ist an ihm eigentlich so gefährlich?
In Bezug auf die soziale Konstruktion von Vater- und Mutterschaft, um die es in Streidls Buch geht, ist relativ klar, wo das Problem liegt: Die klassische patriarchale Aufteilung von Mutter- und Vaterrolle in Bezug auf die Kindererziehung wurde schließlich genau mit dem Schwangersein und Gebären begründet, aus dem dann allerlei angeblich naturgegebene Unterschiede für die Zeit nach der Geburt abgeleitet wurden. Doch die körperliche Evidenz des Mutterseins endet mit der Geburt. Nach der Geburt ist alles in der Tat verhandel- und veränderbar, es gibt zum Beispiel keine biologische Notwendigkeit, dass die Person, die schwanger war und das Kind geboren hat, auch diejenige ist, die es anschließend versorgt.
Doch das bedeutet nicht, dass das Thema Schwangerschaft für die Verhandlung von Vater- und Mutterschaft unwichtig wäre. Denn worum es hier geht, das sind vor allem die Beziehungen zwischen der Mutter und dem – potenziellen – Vater. Diese Beziehung ist von einer ganzen Reihe an Ungleichheiten geprägt. Zum Beispiel kann die schwangere Frau nicht sicher sein, dass der Mann, von dem sie schwanger ist, auch bis zur Geburt anwesend bleibt (er muss sie gar nicht mal unbedingt verlassen, er kann auch sterben zum Beispiel). Ein Mann wiederum kann prinzipiell nicht allein entscheiden, ein Kind zu bekommen – er ist darauf angewiesen, dass eine Frau nicht nur mit ihm Sex hat (darauf ist eine Frau ebenfalls angewiesen), seine Sexpartnerin muss das Kind anschließend auch austragen. Sie kann das Kind nämlich auch abtreiben, eine Entscheidung, die (faktisch) allein bei ihr liegt, auch wenn sie normalerweise seine Meinung dazu wohl irgendwie berücksichtigt. Aber es ist ihr Körper. Andersrum heißt das auch: Wenn die Schwangere ein ungeplant gezeugtes Kind gebären möchte und ihr Sexpartner nicht – dann kann er das nicht verhindern.
Vater- und Mutterrollen werden also nicht erst ab dem Moment der Geburt verhandelt, sondern spätestens ab dem Moment der Zeugung, unter Umständen sogar schon vorher. Geburten haben eine Vorgeschichte, die von einer wesentlichen Ungleichheit geprägt ist: der Ungleichheit zwischen derjenigen Person, die schwanger ist und eventuell ein Kind zur Welt bringt, und einer (oder mehreren) anderen Personen, die das nicht sind, aber dennoch eine Beziehung zu diesem Kind haben möchten. Die mit all dem verbundenen Verhandlungen und Abmachungen sind von dieser Ungleichheit geprägt und müssen ihr deshalb Rechnung tragen – Daya und John aus der Fernsehserie sind da keine Ausnahme.
Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein. Beltz 2015, 167 Seiten, 16,95 Euro.
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