Erstmals hat das statistische Bundesamt jetzt eine Erhebung gemacht zu der Frage, wie viele Kinder Mütter in Deutschland haben. Das heißt, es wurde nicht wie sonst nur die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau erhoben, sondern auch die Entwicklung innerhalb der Gruppe der Mütter selbst untersucht. Als ich vor drei Jahren mein Buch „Methusalems Mütter“ schrieb, lagen solche Zahlen noch nicht vor, also war ich besonders gespannt auf das Ergebnis und habe mir heute die Zahlen einmal genauer angeschaut (nachzulesen sind sie unter www.destatis.de).

Vergleicht man die Frauen der Jahrgänge 1933 bis 1968 (die Jüngeren sind zwar auch befragt worden, jedoch kann man daraus nicht wirklich etwas schließen, weil sie ja noch weitere Kinder bekommen können, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht berücksichtige), so zeigt sich, dass es innerhalb der Mütter zu einer klaren Verschiebung hin zur „Norm-Mutter“ gegeben hat: nämlich der, die ein oder zwei Kinder hat. Ihr Anteil ist im Vergleich zu der Generation der heute 70 bis 75-jährigen Frauen um jeweils rund fünf Prozent gestiegen, und zwar von 25 auf knapp 30 Prozent bei den Müttern mit einem und von 39 auf knapp 44 Prozent bei den Müttern von zwei Kindern. Allerdings ging diese Veränderung nicht linear vonstatten, sondern relativ rasch im Verlauf von nur zehn Jahren: Schon die heute 60 bis 64 Jahre alten Mütter hatten zu 30 Prozent ein Kind und zu 45 Prozent zwei Kinder, und dies ist seither stabil geblieben.
Rasant zurückgegangen ist hingegen der Anteil der Frauen, die drei oder mehr Kinder haben: Er liegt bei den 70 bis 75 Jahre alten Müttern noch bei 35 Prozent und ist, ebenfalls relativ rasch (in einem Zeitraum von 20 Jahren), auf um die 20 Prozent gefallen, wo er bis heute liegt. Das ist ein Rückgang um satte 15 Prozent, wobei er unter den Frauen mit vier oder mehr Kindern mit 18 Prozent noch einmal deutlicher ausgefallen ist.
Ebenfalls klar angestiegen ist der Anteil der Frauen ohne Kinder, er ist von 11 Prozent bei den älteren Frauen auf heute um die 20 Prozent gewachsen. Ein interessanter Unterschied in der Verschiebung ist aber, dass anders als bei den Umschichtungen innerhalb der Gruppe der Mütter, dies eine kontinuierliche Entwicklung war: ein stetiger Anstieg über die Jahrzehnte.
Manche Zeitungen, zum Beispiel die taz, ziehen aus diesen Zahlen die Schlussfolgerung, das „Problem“ der sinkenden Geburtenraten (ich würde in diesem Zusammenhang überhaupt nicht von einem Problem sprechen) liege nicht so sehr in einem Trend zu weniger Kindern, sondern im Anstieg des Anteils kinderloser Frauen. Ich habe dieser These schon in meinem Buch vehement widersprochen und bleibe auch nach diesen Zahlen dabei. Zwar ist es natürlich richtig, dass die zunehmende Kinderlosigkeit auf die Geburtenrate drückt. Aber es ist gleichwohl nicht sinnvoll, hier den Fokus der Familienpolitik anzusetzen.
Denn eine Frau, die keine Kinder will, weil sie zum Beispiel andere Prioritäten in ihrem Leben setzt, wird sich auch mit bester Kindergartenausstattung nicht zum Mutterwerden überreden lassen. Dass dies bei Akademikerinnen oder ansonsten beruflich engagierten Frauen häufiger vorkommt als bei anderen, ist auch keine wirklich große Überraschung. Insofern ist der Anstieg der Kinderlosigkeit aus Sicht der Frauen durchaus auch ein positives Zeichen: Kinderlos zu sein ist heute kein Stigma mehr, und dass Frauen auch ohne Kinder zufrieden sind und sich als vollwertig begreifen, ist definitiv ein Grund zur Freude. Anzunehmen, dass unter den Müttern der älteren Generationen ein gewisser Anteil ungewollt Mutter geworden war, ist sicher nicht abwegig. Der höhere Anteil kinderloser Frauen ist definitiv auch darauf zurückzuführen, dass ungewollte Mutterschaften heute viel seltener sind als früher. Und das ist auch gut so.
Natürlich gibt es daneben auch eine große Gruppe von Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Und zwar eine kleinere, bei denen das medizinische Ursachen hat, und eine deutlich größere, die Kinder nur gemeinsam mit einem Partner großziehen wollen, aber keinen Mann finden, der diesen Wunsch mit ihnen teilt. Aber auch in diesen beiden Fällen kann die Politik kaum Einfluss nehmen. Allenfalls besteht die Möglichkeit, die „Zeugungsunlust“ der Männer irgendwie zu bearbeiten, aber für einen der wesentlichen Gründe, warum Männer heute zögerlich sind, ein Kind in die Welt zu setzen, ist ja keine Lösung in Sicht, ganz im Gegenteil: die wirtschaftliche Unsicherheit, die bei der Familienplanung wohl aus Sicht der Männer noch mehr als aus Sicht der Frauen ins Gewicht fällt, nimmt derzeit ja nicht ab, sondern zu.
In meinem Buch hatte ich deshalb dafür plädiert, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, die Situation von Müttern möglichst zu verbessern, denn eine Frau, die sich schon einmal grundsätzlich für Kinder entschieden hat, sollte nicht aus organisatorischen und finanziellen oder sozialen Gründen gezwungen sein, auf ein drittes, viertes oder fünftes Kind zu verzichten. Wenn ich diese Zahlen nun sehe, muss ich zugeben, dass das vermutlich auch unrealistisch ist. Denn wenn der Trend weg von der Vielkinder-Familie eigentlich gar kein (kontinuierlicher) Trend ist, sondern ein Umbruch in den Familienstrukturen, der bereits vor vierzig bis fünfzig Jahren weitgehend abgeschlossen war, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich an diesem Rad noch etwas drehen lässt.
Von daher würde ich aus dieser neuen Studie die Schlussfolgerung ziehen, dass eine gute Familienpolitik vielfältig sein und aus der Fixierung auf die „Normfamilie“ mit zwei Kindern herauskommen muss. Jeder Kinderwunsch einer Frau ist möglichst zu unterstützen, ob es nun das erste, zweite, dritte, vierte oder fünfte Kind ist. Keinesfalls brauchen wir noch mehr Fixierung auf die typische Vater-Mutter-zwei Kinder-Konstellation, sondern eine Vielfalt von Lebensformen, mehr Akzeptanz sowohl für Vielkind-Familien als auch für lesbische Mütter und schwule Väter und vor allem für die wachsende Gruppe der so genannten „Alleinerziehenden“ (die übrigens in den seltensten Fällen ihre Kinder tatsächlich „allein“ erzieht, sondern nur halt eben nicht im typischen Kleinfamilien-Rahmen).
Unter demografischen Gesichtspunkten (also im Hinblick auf die Frage, wie sich das Generationengefüge heute und in den kommenden Jahrzehnten sinnvoll in gesellschaftlichen Strukturen abbilden lässt) ist ohnehin die Bildungsfrage und nicht die Geburtenfrage die entscheidende: Auch die neue Studie hat wieder ergeben, dass der Kinderanteil in sozial schwachen Familien tendenziell höher ist als in sozial besser gestellten, und zusammen mit der sozialen Auslese, von der unser Bildungssystem immer noch geprägt ist, sind da die Probleme der Zukunft vorprogrammiert. Auf den Punkt gebracht heißt das: Es ist vor allem notwendig, den Kindern, die geboren werden, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft eine gute Ausbildung und gesellschaftliche Perspektiven zu bieten. Dazu gehört übrigens auch, ihnen nicht durch verfehlte Politik immer mehr Schulden und sonstige Altlasten aufzubürden.
Jedenfalls werden sich die Kinderzahlen auch mit bester Eltern-Förderungspolitik nicht entscheidend nach oben treiben lassen. Dass unsere Gesellschaft veraltet, also im Durchschnitt älter wird (was ohnehin vor allem an der Lebenserwartung und nicht an den Kinderzahlen liegt) ist eine Tatsache. Eine Katastrophe wird das nur, wenn wir uns dieser Tatsache nicht stellen, sondern uns immer weiter der Illusion hingeben, dass die Herausforderungen wie ein Hokuspokus verschwinden würden, würden wir nur mehr Kinder in die Welt setzen.

Was meinst du?