Normalerweise finde ich solche Bücher ja schrecklich: Ratgeber, die Frauen beibringen, im Berufsleben genauso statusfixiert, ellenbogenmentalisiert, rangordnungshickhackig zu sein wie Männer. Und allein schon der Titel: „Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf“ – Arrrrrgghhhh!
Nun war mir das Buch aber empfohlen worden, es war Wochenende, schlechtes Wetter, den Roman, den ich grade am Lesen war, hatte ich woanders liegen lassen – und so blätterte ich halt mal rein. Und stellte fest, dass der Inhalt des Buches besser war, als das Cover versprach.
Ein Hauptgrund dafür war, dass das Buch, anders als die ähnlichen Themas, die ich früher gelesen hatte, nicht von einer Frau, sondern von einem Mann geschrieben worden war. Peter Modler schreibt, wie er sich darüber geärgert hat, dass gute Ideen und Initiativen von Frauen in vielen Unternehmen und Institutionen oft kein Gehör finden und sich fragte, woran das liegt. Die Botschaft ist also nicht die Aufforderung von Frauen an andere Frauen, sich doch bitte endlich an die Welt der Männer anzupassen, sondern das Bemühen eines Mannes, Verständigungsschwierigkeiten zwischen Frauen und Männern zu verstehen und mitzuhelfen, dass sie überwunden werden. Ein wichtiger Unterschied.
Diese dezidiert „interkulturelle“ Perspektive hat es mir ermöglicht, mich auf die Sichtweise einzulassen. Außerdem ist das Buch weniger von abstrakten Theorien denn von konkreten Beispielen geprägt. Das bietet vielerlei Anknüpfungsmöglichkeiten.
Die Frage ist also nicht: Müssen oder sollen Frauen sich in ihren Kommunikationsformen an die Welt der Männer anpassen? Sondern: Worauf müssen Frauen sich einstellen, wenn sie innerhalb einer von Männern dominierten Kultur sichtbar und einflussreich werden wollen?
Die konkreten Anregungen und Beispiele sind nicht wirklich neu und wohl viele Frauen, ich selbst auch, haben ähnliche Situationen schon erlebt: dass für die Männer, mit denen man es zu tun hat, Status und Hierarchie wichtiger sind als für eine selbst, dass Sachargumente nicht gehört werden, dass unterschwellige Botschaften und Rituale von größerer Bedeutung sind als die sachlichen Themen.
Insofern ist das Buch nicht nur hilfreich für Frauen, die „mehr Erfolg im Beruf“ haben wollen. Wer es liest, vesteht auch, warum sich viele Frauen aus solchen Situationen zurückziehen und wenig Ambitionen haben, dort mitzuspielen (was ich an anderer Stelle schon mal problematisiert habe). Von daher ist das Buch übrigens dringend auch Männern zur Lektüre empfohlen, die sich darüber wundern, ständig keine Frauen zu finden, die bei ihren Projekten gerne mitmachen würden.
Ein Punkt ist mir nach der Lektüre besonders klar geworden, und zwar, dass es so oder so um einen Konflikt zwischen einer weiblichen und einer männlichen Kultur geht (was nicht deckungsgleich sein muss mit realen Frauen und Männern). Einen Konflikt, der nicht wegdiskutiert werden kann, sondern ausgetragen werden muss. Es geschieht nicht „einfach so“, dass Frauen sich entweder an die Spielregeln einer männlichen Kultur anpassen müssen oder aber dort wenig Einfluss haben (und also nicht aufsteigen, wenig Geld verdienen, weggehen und sich eigene Nischen suchen). Sondern es hat Gründe, und diese Gründe liegen weniger in einem bösen Willen seitens der einzelnen betreffenden Männer, sondern in klar beschreibbaren Unterschieden in Gewohnheiten, Verhaltensweisen und so weiter.
Von daher ist dieses Buch gerade auch für Frauen interessant, die nicht einfach „Erfolg im Beruf“ wollen, sondern die Dinge verändern und in Frage stellen wollen. Denn es zeigt die Rahmenbedingungen, unter denen sich diese Veränderungen abspielen. Modler gibt Hinweise darauf, mit welchen Missverständnissen und Hürden Frauen zu rechnen haben, wenn sie sich entscheiden, es anders zu machen und die Regeln nicht einzuhalten.
Allerdings würde ich an einem wichtigen Punkt dem Autor widersprechen. Ich meine nicht, dass es sich einfach um eine „männliche“ und eine „weibliche“ Art der Kommunikation handelt, die so wertfrei nebeneinander stehen wie etwa Deutsch und Japanisch. Sondern die „männliche“ Kultur ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht schädlich – nicht nur für die Frauen, sondern, was viel schlimmer ist, für die Welt insgesamt. Das Problem ist nicht bloß, eine Übersetzung zu finden, sondern man muss das, was hier als „männlich“ bezeichnet ist, grundlegend kritisieren und verändern.
Eindrücklich etwa ist dafür das Beispiel, in dem eine Frau zur Abteilungsleiterin aufsteigt und dann angesichts der prekären Lage der Firma gerne auf den dazugehörigen fetten Dienstwagen verzichten will – eine rationale und verantwortliche Haltung in dieser Situation. Aber, so Modlers Rat, das darf sie um Himmels willen nicht tun, weil es ihren Status unter den anderen Abteilungsleitern beschädigen würde und dann niemand mehr auf sie hören würde. Das mag zwar so sein. Die Anpassung der Frauen an so einen Blödsinn wäre aber nun wirklich überhaupt keine Lösung (höchstens vielleicht für die Frau selbst, aber gewiss nicht für die Firma).
Die Statusbesessenheit der männlich geprägten Kultur ist nicht einfach wertneutral, sondern schädlich – wie wir an der Finanzkrise ja eindrücklich gesehen haben – und sie muss verändert werden. Natürlich ist sie eine Realität, und jede Frau, die die symbolische Ordnung der Männer in Frage stellt, muss mit Widerstand und Hindernissen rechnen. Und vielleicht muss sie auch manches strategisch einkalkulieren. Das ist aber nur von Wert, wenn sie dabei nicht aus den Augen verliert, dass es eigentlich darum geht, bessere Wege zu finden, eine Veränderung einzuleiten.
Gefragt ist also nicht Anpassung, sondern Konflikt, Auseinandersetzung, politisches Aushandeln von Differenzen. Diesen Konflikt thematisiert das Buch – wie alle anderen in der Rubrik „Ratgeber für Karrierefrauen“ – nicht, sondern definiert ihn auf die Ebene von bloßen Verständigungsschwierigkeiten herunter. Trotzdem hat es mir geholfen, zu verstehen, mit welchen interkulturellen Hürden wir bei diesem Konflikt rechnen müssen.
Peter Modler: Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf. Krüger 2009, 16,95 Euro.

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