Die Piratenpartei steht momentan unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck: Sie hat keine einzige Frau in ihrem Bundesvorstand. Das ist ziemlich merkwürdig für eine Partei, die sich als „postgender“ versteht. Von außen gesehen ist es tiefstes 19. Jahrhundert – mir fällt auf Anhieb keine einzige andere gesellschaftlich relevante Institution ein, bei der die Männerdominanz so stark ist. Abgesehen vielleicht von der katholischen Kirche, bei der die Ursache aber organisationstechnisch ist: Frauen dürfen hier ja qua Gesetz nicht Priester werden. An der Basis braucht sich die katholische Kirche über fehlendes weibliches Engagement dennoch nicht beklagen.
Noch interessanter ist aber die Erklärung, die seit der gestrigen Wahl immer wieder vorgetragen wird: Die Frauen hätten nicht genug „Mut“ gehabt, um zu kandidieren. Das ist einerseits interessant, weil es der „postgender“-These natürlich diametral entgegen steht: Wären die Piraten tatsächlich „postgender“, dürfte es so einen auffälligen „Mutunterschied“ unter ihren Mitgliedern ja gar nicht geben. Gibt es ihn, sind sie offensichtlich nicht „postgender“.
Ich halte die Erklärung aber auch für falsch. Immerhin leben wir in einer Gesellschaft, die gerade mehrere Jahrzehnte Gleichstellungspolitik hinter sich hat. Frauen haben heute zu allem möglichen genug „Mut“, sie werden Soldatinnen, Bundeskanzlerinnen, gehen in Vorstände von Dax-Unternehmen und was nicht noch alles. Und da soll ihnen der „Mut“ fehlen, für den Vorstand der Piratenpartei zu kandidieren? Das erscheint mir nicht sonderlich plausibel.
Wahrscheinlich ist der Grund einfach, dass Frauen kein Interesse haben, sich in der Piratenpartei zu engagieren. Nicht genug Interesse jedenfalls. Nicht genug Interesse insofern, als schon unter den Wählern, Mitgliedern und Sympathisanten der Piratenpartei der Frauenanteil sehr niedrig ist – und entsprechend niedrig ist dann eben auch der „Pool“, aus dem man schöpfen kann. Nicht genug Interesse vermutlich auch auf Seiten der Piratinnen selbst. Soweit ich es mitbekommen habe, haben die Teilnehmerinnen am Bundesparteitag sich fast nur bei der Befragung von Leena Simon überhaupt mit Wortbeiträgen beteiligt. Warum nicht sonst? Fanden sie die anderen Themen uninteressant?
Leena Simon war mit feministischen Begründungen angetreten (wie etwa der, dass ansonsten nur Männer kandidiert hätten) und ist genau dafür heftig kritisiert worden. Aus feministischer Sicht waren ihre Anliegen relativ moderat, jedenfalls im Vergleich zu dem, was andernorts diskutiert wird. Aber es war doch deutlich, dass viele von den Frauen, die bei den Piraten aktiv sind, sich dezidiert nicht als Feministinnen verstehen wollen. Sie wollen das Geschlecht nicht thematisieren – und warfen Leena Simon vor, dass sie es tut.
Diese Haltung ist unter Frauen auch sonst nicht selten anzutreffen, unter Piratinnen scheint sie aber besonders verbreitet zu sein. Die frauenpolitischen Erfahrungen anderer Parteien zeigen aber deutlich, dass Frauen eine viel geringere Neigung haben, sich für Ämter zur Verfügung zu stellen als Männer. Sie bevorzugen andere Arten, politisch aktiv zu sein. Der Anreiz, ein Amt zu bekleiden, ist für sie aus vielen Gründen (die zu analysieren wäre ein anderes Thema) weniger hoch als für Männer.
Lässt man den Dingen einfach ihren Lauf, sind Männer deshalb überall klar in der Überzahl. Wenn man Frauen in Ämtern haben will, muss man also mehr tun, als ihnen die Kandidatur einfach zu erlauben. Das mag man gut oder schlecht finden, es ist einfach eine Tatsache. Verschiedene Parteien und Organisationen haben darauf unterschiedlich reagiert – von einer 50-ProzentQuote bei den Grünen über diverse „Quoren“ oder die Gründung von Frauen-Unterverbänden bis hin zum Aufbau einer eigenen Netzwerkstruktur.
Aus feministischer Sicht kann man solche Versuche der klassischen patriarchalen Institutionen, Frauen in ihre Strukturen zu „integrieren“ (Parteien sind von ihrem Prinzip her zu Zeiten entstanden, als nur Männer da aktiv waren) ambivalent gegenüber stehen. Ich persönlich beurteile Quoten skeptisch, weil sie sozusagen das Unbehagen vieler Frauen gegen diese Strukturen künstlich aushebeln – und mir wäre es lieber, wir würden Parteien und Politik viel grundsätzlicher verändern, sodass Quoten als Krücke nicht mehr notwendig sind.
Fakt ist aber: Ohne irgendeine explizite Auseinandersetzung mit dem Thema der sexuellen Differenz bekommt man keine Frauen – oder jedenfalls nur sehr wenige – in solche Strukturen hinein. Und da die Piraten eine explizite Auseinandersetzung mit dem Thema nicht führen, ist die logische Konsequenz, dass die Männer hier eher unter sich bleiben (Ausnahmen gibt es immer).
Und damit haben die Piraten ein ernstes Problem. Reine Männervereinigungen können heutzutage schlichtweg nicht mehr den Anspruch erheben, für die Gesellschaft allgemein zu sprechen. Sie wirken anachronistisch, bleiben partikular, rangieren in der öffentlichen Wahrnehmung – vor allem in der Wahrnehmung der Mehrheit der Frauen – als eine Art Männerhobby. Tendenziell uninteressant. Ich finde, mit Recht. Alle Erfahrung mit anderen Organisationen zeigt schließlich: Wo der weibliche Input fehlt, ist das Ergebnis nicht so gut, wie es sein könnte.
Solange die Piraten ein so stark dominierter Männerverein bleiben, werden sie deshalb niemals den gesellschaftlichen Einfluss haben, den sie haben könnten. Sie schießen sich somit selbst ins Knie, wenn sie die wenigen Frauen, die mit feministischen Impulsen in die Partei kommen, nicht freudig begrüßen, sondern ihnen im Gegenteil auch noch Steine in den Weg legen. Man muss sich nur mal vorstellen, dass eines der positivsten Voten zu Leena Simon war, sie hätte wirklich „Eier in der Hose“. Hallo? Überall sonst in der Gesellschaft sind die Zeiten, in denen es als Lob für Frauen gelten konnte, ihnen zu sagen, dass sie „ihren Mann stehen“, lange vorbei. Das Männliche als Maßstab hat bei allen, die auch nur das allerkleinste Einmaleins des Feminismus kennen, schon seit Jahrzehnten ausgedient.
Eine gewisse Hoffnung gibt es ja noch, weil immerhin knapp 30 Prozent Leena Simon gewählt haben. Mal sehen, ob sie das Thema „Warum sind wir als Partei für Frauen und speziell für Feministinnen so uninteressant?“ in den zukünftigen Parteidiskussionen wach halten können. Nicht, um den Frauen irgendwie einen Gefallen zu tun. Sondern aus purem Eigeninteresse. Gelingt ihnen das nämlich nicht, dann bleiben die Piraten ein gesellschaftliches Randphänomen, das mich ungefähr so sehr interessieren muss wie Formel Eins-Rennen.


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