
Bei den Piraten wird das ungleiche Geschlechterverhältnis in ihren Reihen ernst genommen. Jedenfalls ist die relative Abwesenheit von Frauen, soweit ich mitbekomme, Gegenstand von Nachdenken und Diskussionen. Schön.
Allerdings bin ich eher skeptisch über die Richtung. Ein Diskussionsstrang dabei ist derzeit das Bemühen, die eher „schüchternen“ Parteimitglieder mehr zu motivieren, sich „in die erste Reihe“ zu stellen. Auf diese Weise soll offenbar vermieden werden, von „den Frauen“ und „den Männern“ zu sprechen, sondern das Problem soll unabhängig vom Geschlecht auf sachliche Kriterien zurückgeführt werden.
Natürlich wissen wir aber in Wirklichkeit alle ganz genau, wer mit den „Schüchternen“ gemeint ist. Die Frauen eben. Es wird vermutet, sie seien schüchterner als Männer und deshalb so selten in Ämtern vertreten.
Aber ist das plausibel? Wo bitte sehr sind Frauen heutzutage schüchtern? Und schon gar junge? Man liest es doch überall: Junge Frauen können besser reden, sind besser ausgebildet, sind selbstsicherer als junge Männer. Natürlich kommt das mal vor, eine schüchterne junge Frau. Schüchterne junge Männer kommen aber mindestens ebenso häufig vor. Wenn ich all die jungen Frauen, die so im Laufe eines Tages an mir vorbeilaufen, beschreiben müsste, würden mir viele Vokabeln einfallen. „Schüchtern“ wäre nicht darunter.
Die Debatte ist noch aus einem anderen Grund aufschlussreich. Denn sie zeigt gewissermaßen in Reinform die Funktionsweise männlich dominierten Denkens: Sobald sich eine Differenz zwischen Frauen und Männern zeigt, darf diese Differenz nicht stehen bleiben, keine Leerstelle markieren, denn das wäre ja weibliche Eigenständigkeit. Die weibliche Differenz muss sofort einverleibt, also mit einem bestimmten Inhalt versehen werden. Dass der Inhalt „Schüchternheit“ in diesem Fall auch noch eher unplausibel ist, ist da nur ein Nebenaspekt.
Bei diesem Prozess der Einverleibung weiblicher Dissidenz in eine pseudoneutrale (männliche) Logik wirkt die Post-Gender-Idee der Piraten offensichtlich als Beschleuniger: Gerade weil das Wort „Frau“ abgelehnt wird, muss umso schneller etwas an dessen Stelle treten, muss die Leerstelle eine Bedeutung zugewiesen bekommen, mit dem paradoxen Ergebnis, dass die Zuweisung an die Frauen (sie sind „schüchtern“, von Ausnahmen natürlich abgesehen, aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regeln) nur umso klischeehafter ausfällt.
Deshalb bin ich ja so ein großer Fan des Wortes „Frau“: Im Unterschied zu allem anderen, was man über unsereins sagen kann, hat es den großen Vorteil, inhaltlich erst einmal überhaupt nichts zu bedeuten. Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. „Frau“ wird erst durch das Handeln und Sprechen (idealerweise von Frauen selbst) mit Bedeutung gefüllt. „Schüchtern“ hingegen ist, wie jedes andere „Ersatzwort“, bereits mit einem klaren Inhalt belegt.
Damit will ich nicht sagen, dass es nicht sinnvoll wäre, zu überlegen, inwiefern „Schüchterne“ in Parteidiskussionen besser einbezogen werden können, damit ihre oftmals wichtigen Beiträge nicht verloren gehen. Aber das alles hat nichts mit Frauen zu tun. Oder nicht mehr mit Frauen als mit Männern. Kurz und gut: Es ist keine Antwort auf den geringen Frauenanteil.
Ich bin der Ansicht, dass das, was hier als weibliche „Schüchternheit“ interpretiert wird (weil man die weibliche Differenz nicht aushält oder wahrhaben will), etwas anderes ist: Unlust, Desinteresse, Skepsis, Vorbehalte. Ein Bild, das in der Debatte oft benutzt wird, ist ja die berühmte „erste Reihe“, in die die Frauen nicht hinwollen. Genau. Aber warum nicht? Die Antwort „Weil sie schüchtern sind“ weicht dem Problem aus. Wäre das so, dann bräuchten sie ja nur mal eine Ermunterung, oder, wenn das nichts hilft, einen Arschtritt, oder, im äußersten Fall, eben eine Quote. Da wäre die Partei aber fein raus.
Könnte man den Fall auch noch anders lösen?
Wir (die Redakteurinnen des Internetforums bzw-weiterdenken) hatten vor einiger Zeit Frauen aus verschiedenen Organisationen und Institutionen zu einem Austausch eingeladen hatten. Es ging um die Frage: Wie werden wir „sichtbar und einflussreich, ohne uns anzupassen“? Die meisten der anwesenden Frauen hatten ihre jeweiligen politischen Anliegen bereits in der einen oder anderen Form „institutionalisiert“, also in eine Organisationsform gebracht, die mit der männergemachten Art gesellschaftlicher Organisation, mit der wir es nun einmal zu tun haben, irgendwie kompatibel ist.
Sie alle hatten dabei oft Schwierigkeiten, die „erste Reihe“ zu besetzen. Keine Frau wollte das machen. Das deutsche Recht erfordert aber genau das: Einen Vorsitzenden, einen Chef, einen Verantwortlichen, einen Repräsentanten. Aber viele Frauen wollen das nicht sein. Auch nicht in reinen Frauenorganisationen, wo der Grund ja nicht gläserne Decken oder männliches Konkurrenzgehabe sein kann. Bei den bei unserer Tagung versammelten Frauen kann es definitiv auch nicht „Schüchternheit“ gewesen sein, denn wir waren allesamt erfahrene politische Aktivistinnen.
Nein, ich glaube, viele Frauen (mehr Frauen als Männer) stehen einfach einer Repräsentationslogik, so wie sie für das männliche politische System typisch ist, skeptisch gegenüber: Diesem Prinzip von „Einer übernimmt ein Amt und spricht dann im Namen der Vielen“. Das ist immer ein Fake, eine Anmaßung, das funktioniert so nicht. Es ist ein Einfallstor für Macht und Hierarchien, also für Un-Politik. Die Politik der Frauen basiert auf anderen Regeln; auf dem Sprechen in erster Person, dem Von sich selbst ausgehen.
In Punkto „Vorsitz“ haben übrigens mehrere Frauen bei dieser Tagung erzählt, dass sie es bei ihren Vereinen und Projekten so machen: Es gibt nicht eine Sprecherin oder Vorsitzende, sondern alle sind es. Wer immer angefragt wird, „im Namen des Vereins xy“ zu sprechen, tut das eben. Jede Frau ist eine Vorsitzende, eine Präsidentin, eine Chefin, bei Bedarf. Wenn alle Vorsitzende sind, dann entziehen sich auch Frauen der Verantwortung nicht. Sie haben nichts dagegen, Entscheidungen zu treffen, sie wollen nur nicht die einzige sein, die das tut, und sie wollen es nicht an Stelle der anderen machen (die sich dann zum Beispiel zurücklehnen und stänkernde Tweets abballern, wenn der Chef mal was macht, was ihnen nicht passt).
Die Politik, so wie Frauen sie sich vorstellen und praktizieren, basiert nicht auf Wahlen, auf Hierarchie und Repräsentation, sondern auf Individualität, auf Vertrauen und Verantwortlichkeit. Auch ich bevorzuge diese Art von Politik, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie funktioniert. Besser funktioniert, als die Repräsentationslogik, nach der die Männer ihre politischen Institutionen geformt haben. Jetzt sind sie auch noch ganz stolz darauf, dass wir Frauen seit der Emanzipation auch dazu Zugang haben. Ich persönlich lehne dankend ab. Dann lieber zweite Reihe. Und Ihr könnt mir glauben: Mit Schüchternheit hat das aber auch gar nichts zu tun.


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