Gestern war ein Tag, an dem ich mehrmals über das Thema „Frauenfeindlichkeit“ nachdachte, allerdings in ganz unterschiedlichen Varianten, weshalb ich das mal aufschreibe.
Episode 1: Frühstücksgespräche
Die erste Begegnung war am Frühstückstisch des Tagungshauses, in dem ich zu einem Wochenendseminar war. Ich hörte ein Gespräch mit zwischen zwei Frauen, bei dem die Ältere die Jüngere fragte, wie sie das eigentlich mit den Kindern organisiert habe, so ein ganzes Wochenende lang. Woraufhin die Jüngere etwas pikiert erwiderte: „Hätten Sie das einen Mann auch gefragt?“
Ich war etwas peinlich berührt von der Situation, wie immer, wenn ich die Auswirkungen der feministischen Revolution irgendwo in Aktion sehe, aber dann doch ein klein bisschen schief. Die Rückfrage der Jüngeren war ja ganz offenbar ein Ergebnis davon, dass wir die Aufspaltung in „Privat“ (Frauen) und „Beruflich/Öffentlich“ (Männer) und die damit verbundene Arbeitsteilung aufgekündigt haben. Sie bedeutete: „Solange Sie nicht die Männer ganz genauso für die Versorgung von Kindern zur Verantwortung ziehen, lassen Sie mich gefälligst mit solchen Fragen in Ruhe!“
Soweit so schön, aber ich fand die Situation eben doch etwas schief, und zwar deshalb, weil der patriarchale Kontext, der sozusagen die „Folie“ für diese Debatte ist, nicht sichtbar war. Da waren nur zwei Frauen, von denen die eine sich über das Alltagsleben der anderen erkundigte. Es ist doch schön, dass die Menschen, denen wir im öffentlichen Bereich begegnen, inzwischen mitbedenken, dass es auch noch einen privaten Bereich gibt, der uns Arbeit macht, und wenn wir darüber sprechen – anstatt wie früher die Männer einfach selbstverständlich davon auszugehen, dass jeder schon eine Hausfrau zuhause hat, die das für ihn erledigt.
Die Frage der Älteren, was mit den Kindern sei, ist nicht per se frauenfeindlich, sie ist es nur, wenn man einen patriarchalen Kontext voraussetzt. In einer postpatriarchalen Welt wäre das eine ganz normale Frage.
Episode 2: Ein Witz
Später am Tag zeigte mir ein Freund einen sexistischen Comic, über den ich aber trotzdem gelacht habe. In diesem Comic werden Frauen klischeehaft und dumm gezeigt – sie können einen Führerschein nicht von einem Spiegel unterscheiden – aber eben mit einer Pointe, die (finde ich) tatsächlich witzig ist.
Wie kann es sein, dass ich, die Feministin™, einen unbestreitbar frauenfeindlichen Witz dennoch lustig finde? Beim Nachdenken darüber kam ich (schon auf die Spur gebracht durch meine Überlegungen nach Episode 1) zu folgendem Ergebnis:
Ich finde den Witz deshalb lustig, weil ich ihn in einem postpatriarchalen Kontext wahrnehme. Oder anders: Ich sehe darin einen Witz über Frauen und nicht einen Witz, den Männer über Frauen machen.
Das ist so ähnlich wie beim Unterschied zwischen jüdischen Witzen und Witzen über Juden: Der jüdische Humor ist ja bekanntlich sehr ausgeprägt, und es gibt viele jüdische Witze, die sich auf Klischees über jüdisches Leben beziehen und dieses selbstironisch aufgreifen:
„Rabbi“, klagt Mandelkern, „im letzten Jahr allein habe ich Unglücksvogel zehntausend Rubel verloren. Und zweitausend davon waren zu allem hin meine eigenen!“ (Aus: Salcia Landmann: Der Jüdische Witz. Patmos, 2006).
Das Verhältnis der Juden zum Geld kann also sowohl Teil jüdischer Selbstironie als auch Teil antisemitischer Propaganda sein. Und ebenso kann das Verhältnis von Frauen zu Spiegeln und Schminke ein Thema weiblicher Selbstironie sein oder eben Anlass für sexistische Herabwürdigungen.
Es hängt also davon ab, wer einen solchen Witz wann und wie wem erzählt.
Episode 3: Platter Sexismus beim ZDF
Und dann kam abends noch über Twitter und Blogs der Hinweis auf eine (Achtung: Hier wird ein sexueller Übergriff gezeigt) Sendung in ZDF neo (ungefähr ab Minute 4-5), wo zwei junge Männer vor der Kamera eine Mutprobe daraus machen, einer Messehostess ohne deren Zustimmung an die Brüste und an den Hintern zu fassen und anschließend über die Reaktion der belästigten Frau zu lästern. Sie halten das für witzig.
Darüber gebloggt haben zuerst Der springende Punkt, dann Katrin Ganz, dann Helga Hansen, und vermutlich noch einige andere (und vielleicht gibt es auch noch weitere Aktionen).
Der offene Sexismus in dieser ZDF-Sendung hat, finde ich, eine ganz andere Qualität als die ersten beiden „Frauenfeindlichkeiten“, und warum?
Weil es hier gerade nicht mehr auf den Kontext ankommt. Eine solche Sendung ist in jeglichem denkbaren Kontext frauenfeindlich, denn es geht um keinerlei Inhalte mehr (Wer versorgt Kinder, wenn die Mutter arbeitet? Oder: Wieviel Zeit verwenden Frauen auf Körperpflege und Schönheitswahn?) sondern der einzige Inhalt und Zweck dieses „Witzes“ ist es, das Verhältnis von Männern zu Frauen als eines der Macht und der Dominanz darzustellen. Es geht um nichts anderes als darum, zu zeigen, dass Männer mit Frauen Dinge tun können, ohne sich um deren Zustimmung und Meinung zu scheren, und dass sich an ihrer Entschlossenheit, das zu tun, entscheidet, ob sie „richtige Männer“ sind oder nicht.
(PS 1: Warum regen sich eigentlich nicht mehr Männer öffentlich darüber auf?)
(PS 2: Interessant und besonders aufschlussreich fand ich in diesem Zusammenhang, wie der Mann, der die vom anderen Mann aufgegebene „Mutprobe“ ausführt, damit kokettiert, dass er selbst das unglaublich peinlich findet. Manche mögen darin eine Relativierung der Gewaltförmigkeit der Situation sehen, und spontan würde man vermutlich meinen, der „Schlimmere“ von beiden sei derjenige, der sich diese bekloppte Aufgabe ausdenkt. Ich glaube aber, der Schlimmere ist der, der „nicht die Eier hat“, eine solche Aufforderung abzulehnen, und der dann noch damit kokettiert, dass er ein gewisses Unbehagen am Tätersein fühlt: Wenn es Angst macht, ist es noch ein bisschen geiler, haha.)
Anders als die Sachverhalte in Episode 1 und 2 könnte so etwas wie Episode 3 in einer postpatriarchalen Welt nicht vorkommen. Es wäre sinnlos, undenkbar. Und deshalb kann ich darüber nicht lachen, auch nicht aus einer „postpatriarchalen Distanz“ heraus, sondern bin einfach nur angewidert.
PPPs:
Zu Episode 3 gibt es jetzt auch eine Beschwerde an den Fernsehrat, die ich mit unterschrieben habe. Ich bin mal gespannt, ob es darauf noch Reaktionen gibt…

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