
Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, denn ich bezahle kaum noch etwas für die Medien, die ich nutze. Vor einigen Wochen habe ich die taz abbestellt, weil ich es nicht mehr ertragen habe, wie sich Berge ungelesenen Papiers ansammelten. Seither freue ich mich jeden Tag, wenn ich den Briefkasten aufmache und wieder keine Zeitung drinliegt. Ich halte nur noch Abos für Zeitschriften, die sehr selten erscheinen, am liebsten vierteljährlich, in großen Ausnahmefällen monatlich.
Öfter will ich einfach nichts zugeschickt bekommen. Denn wenn ich abends nach Hause komme und in den Briefkasten schaue, ist mein Informationsbedürfnis längst befriedigt. Ich habe ja schon den ganzen Tag über im Internet gelesen, darunter auch viele der taz-Artikel, die in der gedruckten Zeitung stehen würden. Die meisten von denen habe ich sogar schon gestern gelesen.
Aber ich habe dafür nichts bezahlt, während mir für das Abo jeden Monat was abgebucht worden ist. Und irgendwie finde ich das unterm Strich nicht richtig. Denn auch wenn Vertrieb und Produktion im Internet viel billiger sind als bei der gedruckten Zeitung, steckt in den Artikeln immer noch Arbeit und Know How drin. Und solange wir hier Kapitalismus haben, fände ich es besser, wenn ich dafür etwas bezahlen würde.
Okay, dachte ich anfangs, die taz hat ja jetzt dieses Bezahldings „Dieser Artikel ist mir was wert“, da gebe ich denen eben ab und zu was. Allerdings hat das nicht funktioniert. Eine ernsthafte Option ist dieser Bezahlvorgang (bei dem man zu Paypal weitergeleitet wird und mindestens 1 Euro bezahlen muss) nur, wenn man am Computer liest, also mit ordentlicher Tastatur und Maus, was ich aber nie mache. Ich lese unterwegs. Auf dem iPhone ist das Gefrickel unerträglich. Bis ich diese Anmelderei und Ausfüllerei (jedes Mal wieder einloggen) auf dem Miniscreen absolviert habe, weiß ich schon gar nicht mehr, warum ich den Artikel überhaupt lesen wollte.
Außerdem lese ich ja nicht nur Artikel aus der taz. Ich lese auch FAZ, Spon, SZ und massenweise Blogs. Soll ich jeweils einzeln herausfinden, wie bei denen Bezahlen geht? Warum sollte ich denn die einen bezahlen und die anderen nicht? Nur weil ich die einen früher zufällig mal abonniert hatte?
Als ich das Problem kürzlich beim Bier mit einem Freund besprach, stellte sich heraus, dass es ihm genauso geht. Wie ich liest er nur noch im Internet, also ohne zu bezahlen, aber nicht wegen einer ominösen „Gratismentalität“, sondern weil das Bezahlen so kompliziert über unmöglich bis absurd bepreist ist. Also überlegten wir uns, wie das sein müsste, damit es funktioniert, mit uns als Modellkundinnen.
Schnell war klar: Wir wollen keine Abos oder Flatrates. Ich will im Internet frei herumstromern, mal bei diesem Anbieter mal bei jener Anbieterin was lesen. Einen ganzen Haufen von Texten zu einem einzigen Bündel zu schnüren und das dann am Stück zu verkaufen ist in Zeiten des Papierdrucks notwendig gewesen, unter den Bedingungen des Internets ist es Unfug. Es gibt keinen sachlichen Grund dafür. Wenn wir für Medieninhalte bezahlen, so waren wir uns schnell einig, bezahlen wir pro einzelne aufzurufende Internetseite, also pro Artikel, nicht für Pakete.
Wenn ich also nun einen Artikel, den ich gerade lesen will, bezahlen soll, gibt es ja zwei Möglichkeiten. Entweder ich will genau diesen Artikel ganz unbedingt lesen. Dann kann der Bezahlvorgang so kompliziert sein wie er will, ich werde mich der Prozedur unterziehen. Wer in den 1980er Jahren per Uni-Fernleihe Aufsätze aus ausländischen Bibliotheken beschafft hat, ist da hart im Nehmen.
Die andere Möglichkeit ist, dass ich zwar irgendwie gerade neugierig auf diesen Artikel bin, aber genauso gut etwas anderes lesen könnte. Zum Beispiel einen von den tausend Texten, die ich schon längst mal lesen wollte, aber noch nicht dazu gekommen bin. In DIESEM Fall (also in 99,9999 Prozent aller Fälle) bin ich natürlich nicht bereit, komplizierte Prozeduren auszuführen, bevor ich mit dem Lesen anfangen kann. Denn all diese Prozeduren halten mich ja gerade von dem ab, wozu ich sowieso viel zu wenig Zeit habe: dem Lesen selbst.
Wenn ich für einen Artikel im Internet bezahlen soll, werde ich das nur tun, wenn es mit einem Klick geht. Mit EINEM Klick. Mehr Geduld und Zeit bringe ich nicht auf.
Aussehen müsste das dann etwa so: Wenn ich eine Seite ansurfe, die kostenpflichtig ist, poppt ein Fenster auf, auf dem steht: „Diese Seite aufzurufen kostet xx,xx Euro. Willst du das bezahlen? Ja/Nein“. Klicke ich JA, kann ich die Seite lesen, wenn NEIN, geht es zurück zur vorherigen Seite. Bezahlt wird vielleicht über Prepaid-Karten, die ich nach und nach verkonsumiere. (Was so ein Modell bildungsbürgerlichen Großtanten für Geschenkemöglichkeiten eröffnen würde!)
Ich bin ja in diesen Dingen technikmäßig Laiin, aber ich stelle mir das in Form eines Plugins vor, das in jede x-beliebige Internetseite eingebaut werden kann, unter Angabe eines Preises für das Aufrufen eben dieser Seite. Dabei ist alles möglich von 1 Cent bis nach oben offenen Eurobeträgen. Alle, die im Internet publizieren, müssten sich ganz einfach an das System anschließen können. So ein Modell wäre auch ein ideales Instrument zur Preisfindung – da könnten die „Marktkräfte“ sich tatsächlich mal nützlich machen. Meiner Meinung nach werden Bezahlmodalitäten, die komplizierter sind als das, nicht funktionieren. Also bitte erfinde und organisiere das mal jemand, damit mein schlechtes Konsumentinnengewissen beruhigt ist.
Man könnte natürlich einwenden, warum ich nicht einfach der taz regelmäßig einen größeren Betrag spende, wenn ich so ein schlechtes Gewissen habe. Aber das wäre aus meiner Sicht genau keine Lösung. Und zwar nicht nur, weil ich dann ja auch Spon, SZ, FAZ und den ganzen Bloggerinnen und Bloggern etwas geben müsste. Sondern vor allem, weil ich überhaupt keinen Grund habe, der taz irgendwas zu schenken (oder irgendeinem anderen Medienunternehmen).
Schenken und Tauschen sind zwei völlig verschiedene Sachen, das gehört nicht vermischt. Schenken ist schön, aber es ist auch kompliziert, hat mit Beziehungen und Bindungen zu tun. Ich habe nichts gegen das Schenken und Beschenkt werden, aber nicht bei jedem und überall. In vielen Bereichen schätze ich das Tauschen, und ich schätze dabei auch festgelegte Preise. Ich will mich in Punkto Medienkonsum nicht auf moralische Untiefen einlassen, will nicht dauernd überlegen, ob ich nun genug gespendet habe oder nicht. Ich will Medien konsumieren wie ich beim Bäcker Brötchen kaufe: Es steht ein Preis drauf, ich bezahle, fertig. Keine moralischen Appelle, keine philosophischen Erwägungen, sondern eine klare Abmachung: quid pro quo und tschüß.
So, wie es außerhalb des Internets ja auch ist: Da gibt es Dinge, die sind kostenlos (die Luft, der Regen, die schöne Aussicht) und andere, die kosten was (das Brötchen, das U-Bahn-Ticket, die neue Hose). An denen steht halt ein Preisschild dran, und wenn ich sie haben will, muss ich bezahlen, ansonsten gehe ich weiter.
Ich würde gerne verstehen, wieso das im Internet nicht möglich ist.

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