Was kommt nach der Genderforschung?

Die Kategorie „Gender“ dominiert die Debatten in der akademischen Forschung seit gut 15 Jahren. Eingeführt wurde sie, inspiriert aus den USA, aus zweierlei Gründen: Von „Gender“ zu sprechen (statt von Frauen und Männern, von männlich und weiblich) sollte jedem Verdacht des Essenzialismus entgegentreten, also der Auffassung, es gebe „natürliche“ oder „wesensmäßige“ Eigenschaften der Geschlechter, die unveränderbar seien. „Gender“ hingegen verweist bereits als Begriff auf das sozial konstruierte Geschlecht, im Gegensatz zu „Sex“, dem biologischen, körperlichen Geschlecht.

UMS748sotheCasale.inddDer zweite Grund, warum seinerzeit aus der „Frauenforschung“ die „Genderforschung“ wurde, war der, dass die Forscherinnen hofften, auf diese Weise auch die Männer für ihre Arbeit und ihre Anliegen zu interessieren: Wenn es nicht mehr speziell um Frauen ginge, sondern um das Verhältnis der Geschlechter zueinander (also auch um Männer), dann, so die Vermutung, würden sich auch mehr Männer angesprochen fühlen. Dann stünde die feministische Forschung nicht länger in dem Ruf, lediglich partikulare „Fraueninteressen“ zu vertreten, sondern wäre als „allgemeine“, also alle betreffende Forschungsrichtung anerkannter.

Ein Sammelband zieht nun unter der Frage „Was kommt nach der Genderforschung?“ Bilanz. Autorinnen aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Fächern – Pädagogik, Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie – rekapitulieren, wie die Diskussionen um „Gender“ sich in ihren Fachrichtungen jeweils etabliert und im Lauf der Jahre gewandelt haben, um dann einen Blick in die Zukunft zu wagen. Da ich selbst die Universität genau damals, Anfang der 1990er Jahre, verlassen habe, fand ich es interessant zu erfahren, was seither dort passiert ist. Auch wenn die Beiträge für ein akademisches Publikum gedacht sind (mit dem entsprechenden, mühsam zu lesenden Sprachduktus), geben sie einen recht guten Überblick über die wichtigsten Etappen, die die Genderforschung seither genommen hat. Zumal sich die Beiträge immer wieder aus verschiedenen Perspektiven auf dieselben Schlüsseltexte beziehen.

Ausgehend von Judith Butlers Kritik an der Trennung von Gender und Sex (ihre These war, dass nicht nur „Gender“, sondern auch „Sex“, also das körperliche Geschlecht, sozial konstruiert sei) kam der so genannte „linguistic turn“, die Vorstellung, dass die Konstruktion von „Geschlecht“ allein in der Sprache stattfindet. Dem folgte dann der so genannte „cultural turn“, also die Erkenntnis, dass das „doing gender“, die Herstellung von Geschlecht, eine kulturell beeinflusste Angelegenheit ist, die in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich ausfällt. Dies führte dann zu Debatten über „intersectionality“, da untersucht werden musste, wie sich die Gender-Erfahrungen mit anderen Zuweisungen (Rasse, Klasse, Alter, sexuelle Orientierung usw) „kreuzen“. Daran schloss sich wiederum eine Debatte über „Identitätspolitik“ an, die um die Frage kreiste, inwiefern die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen (Frauen, Weiße, Reiche, Lesben) ein politisches Argument oder Motivation sein kann.

Tendenziell sind sich die Beiträge des Buches darin einig, dass diese Diskussionen grundsätzlich sinnvoll, notwendig und fruchtbar gewesen seien. Beklagt wird jedoch im Vergleich zur vorherigen „frauenidentifizierten“ Forschung, dass die Gender Studies eher „unpolitisch“ seien. Gerade angesichts zunehmender politischer Herausforderungen, internationaler Kriege und Wirtschaftskrisen und einem Auseinanderdriften der sozialen Schere fordern manche Wissenschaftlerinnen einen „sozial (re)turn“, also eine wieder stärkere politische Ausrichtung feministischer Forschung.

Die Frage ist nur: Wie kann die im Paradigma des „Gender“ gelingen? Zumal in einer Zeit, in der „Gender“ nicht mehr ein akademischer Fachbegriff ist, der bei aller Kritik durchaus auch die Funktion erfüllte, eingefahrene Klischees und fixierte Definitionen in Frage zu stellen, sondern ein politischer Jargonbegriff wurde, der die politischen Konzepte zur „Geschlechterfrage“ dominiert (etwa beim „Gender-Mainstreaming“ als politischer Vorgabe), dabei aber unter der Hand doch dazu tendiert, Frauenrollen zu fixieren, vor allem weil „Frausein“ im Interpretationsrahmen von „Gender“ notwendigerweise als auf das „Mannsein“ bezogen gedacht wird?

Hierzu fand ich in dem Band insgesamt wenige Anknüpfungspunkte. Auf jede Wendung im Denken schien mir die Dekonstruktion der soeben gewonnenen Einsichten gleich wieder auf dem Fuße zu folgen, was dem ganzen Unterfangen eine gewisse Belanglosigkeit zu geben scheint. Ist es wirklich sinnvoll, nun einfach nur nach dem nächsten „turn“ Ausschau zu halten? Da hilft es auch nichts, die Geschlechterverhältnisse nicht in fixem Sinne als „Untersuchungsgegenstand“, sondern als „epistemisches Ding“ zu verstehen (was in verschiedenen Beiträgen vorgeschlagen wird), also als vagen, undefinierbaren Sachverhalt, dessen Vagheit und Undefinierbarkeit beim Versuch, ihn zu verstehen, einkalkuliert werden muss. Wäre nicht vielleicht die ganze Herangehensweise grundsätzlich in Frage zu stellen? Ich glaube ja, dass sich die Kategorie der sexuellen Differenz auf einer viel tieferen Ebene ihrer Eingemeindung in das Unternehmen „Universität“ verweigert, einfach deshalb, weil sie einen Wendepunkt markiert, der jedes Streben nach „Universalität“ sinnlos werden lässt.

Einen interessanten Vorschlag macht Ida Dominijanni, Journalistin und Diotima-Philosophin, in ihrem Beitrag „Matrix der Differenz. Zum Unterschied zwischen gender und sexueller Differenz„. Dass ihr Beitrag hier abgedruckt ist, ist umso erfreulicher, als die Anregungen der „Italienerinnen“ ja gerade in Deutschland ansonsten vielfältige Wurzeln geschlagen und Früchte getragen haben (dieses Forum ist eine davon), während sie im akademischen Diskurs bislang so gut wie keine Rolle spielten. Dominijanni will die Anliegen des italienischen Differenzfeminismus mit dem Gender-Fokus der US-amerikanischen und deutschen Forschung vermitteln. Anders als Chiara Zamboni in ihrem Beitrag in diesem Forum, auf deren Text sie sich unter anderem bezieht, sieht Dominijanni nicht nur Unterschiede, sondern auch „wichtige Berührungspunkte“ zwischen dem italienischen Feminismus und dem Denken von Judith Butler etwa. Sie findet, dass „die gender theory und der Gedanke der sexuellen Differenz eine gemeinsame theoretische Agenda haben.“ (S. 166)

Die sexuelle Differenz, schreibt sie, sei kein Signifikat, sondern ein Signifikant (S. 148), was heißt: Die sexuelle Differenz ist nichts, dessen Bedeutung herauszufinden wäre, sondern im Gegenteil, sie selbst íst es, die Bedeutung stiftet. Gender-Forschung oder feministische Theoriebildung überhaupt hätte demnach nicht die Aufgabe, zu untersuchen, was „Frau“, „Mann“, „männlich“, „weiblich“ und so weiter ist oder wie und wodurch „Gender“ entsteht oder gemacht ist, sondern müsste der sexuellen Differenz gewissermaßen „bei der Arbeit zuschauen“ und die Veränderungen, die sie hervorbringt, begleiten, in Worte fassen, ihnen Sinn geben. Worum es geht, ist nicht eine weibliche „Identität“ (die seit Jahren abwechselnd dekonstruiert und dann wieder vermisst wird), sondern vielmehr weibliche „Subjektivität“.

Wir haben dieses Forum ja unter anderem deshalb „Beziehungsweise Weiterdenken“ genannt, weil wir glauben, dass das wichtigste Ergebnis der „Arbeit“ der sexuellen Differenz (insbesondere der Frauenbewegung) der vergangenen zwei Jahrzehnte war, zu zeigen und in die Praxis des alltäglichen politischen und privaten Lebens einzubringen, dass das „Subjekt“ nicht aufgrund von Standpunkten und Identitäten handlungsfähig ist, sondern nur in der Beziehung zu anderen. Ähnlich sieht es Dominijanni, die schreibt: „Der Schlüssel zu einer neuen Konstitution der Subjektivität, und, damit zusammenhängend, zu einer neuen Form des sozio-symbolischen Vertrags (ist) in der Struktur der Beziehung zu finden.“ (S. 162)

Die Fragmentierung der Identitäten im postmodernen Diskurs kann dem alten Subjektbegriff hingegen nur wenig entgegensetzen, weil „die postmoderne Ontologie des Subjekts es riskiert, die moderne politische Logik des Einen, die bekanntermaßen schon immer die Logik des Einen-Vielen sein konnte, in Form des fragmentierten und differenzierten Vielfältigen zu überbieten.“ (S. 160) Oder in einem Bild, in dem ich das gerne anschaulich mache: Die „bunte Vielfalt“ von Merci ist eben weit davon entfernt, wirkliche Differenz zu sein. Zwar schmecken die einen nach Haselnuss, die anderen sind Zartbitter, aber am Ende ist eben doch alles Schokolade. Echte Differenzen wie die zwischen, sagen wir: Zartbitterschokolade und einem Sportwagen lassen sich hingegen nicht sinnvoll auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die einzige Möglichkeit, sie zusammenzubringen, ist, eine Beziehung herzustellen – die Schokolade auf den Autositz schmieren, dem Kind ein Auto aus Schokolade schenken. Der Sinn von Beziehungen erschließt sich nicht abstrakt, sondern nur im konkreten Fall.

Diese „asymmetrische Differenz“, von der die Italienerinnen schon lange sprechen, in den Fokus zu nehmen wäre auch deshalb so wichtig, weil das oben angesprochene Scheitern des akademischen Diskurses keineswegs auf die Gender Studies begrenzt ist, sondern für die Universität insgesamt gilt. Dominijanni nennt dieses Phänomen das „Schielen“ unserer Epoche: Auf der einen Seite sind moderne Gewissheiten, selbstherrliche Subjekte, der Glaube an Gott, Gesetz und Vaterland in den Geisteswissenschaften längst ad acta gelegt und ganze Bibliotheken voller Bücher erklären, warum das so sein muss. Im Bereich der Politik hingegen, im wirklichen Leben also, sind diese Kräfte ungebrochen am Werk und werden sogar gefeiert. Ganz offensichtlich interessiert es sie gar nicht, dass sie wissenschaftlich längst dekonstruiert worden sind. Oder, in den Worten von Dominijanni: „Je gespaltener, differenzierter, aufgelöster und postmoderner das Subjekt auftritt, umso mehr erscheint es innerhalb eines demokratischen Horizonts, der zu einer Art unanfechtbarem Apriori erhoben wird, wenn nicht gar zu einer unbestreitbaren Religion, im alten Gewand der Individualität, der Rechte, der Repräsentation und der modernen Gleichheit.“ (S. 159)

Auch der vom Denken der „Italienerinnen“ inspirierte Feminismus hat natürlich nicht alle Probleme gelöst, und auch er wirft mehr Fragen auf als Antworten. Aber er hat, so Dominijanni, einen entscheidenden Vorteil, nämlich den, „diese relationale Subjektivität in der Praxis der Beziehungen zwischen Frauen erprobt zu haben. Diese hat neue symbolische Formen und soziale Vermittlungen erzeugt, die in der Gegenwart, jenseits der allgegenwärtigen juristischen Vermittlung, das heißt gegen die Verkürzung der Politik auf Fragen des Rechts und der Rechte, bereits wirksam sind.“ (S. 163).

Und was kommt also nun nach der Genderforschung? Trotz aller im Einzelfall wertvollen Einsichten, die das Nachdenken über Gender gebracht hat, ist das Wort in vielerlei Hinsicht problematisch. „Wenn der Begriff in Italien von Berufspolitikern, Frauen und Männern, gebraucht wird, so ist er nichts anderes als die politisch korrekte Version des alten Begriffs ‚Frauenfrage’, mit der gesamten Ladung an Selbstbemitleidung, Emanzipationismus, Paternalismus und Frustration, die dieser Begriff mit sich führt“ (S. 167), schreibt Dominijanni, und ich denke, in Deutschland ist es genauso. „Schließlich zeigt seine leichte (wenngleich fast immer enttäuschende) Aufnahme in die progressive Agenda seine Kompatibilität mit dem liberaldemokratischen Pluralismus: In einer Welt, in der sich die Demokratie in Quoten aufteilt, wenn sie nicht gerade mit Bomben exportiert wird, verweigert man niemandem, erst recht nicht dem schönen Geschlecht, eine Quote in einem Parlament oder in einem Verwaltungsrat.“ Und, möchte man anfügen, schon gar nicht in Deutschland, wo immer alles besonders ordentlich zugeht. Die „sexuelle Differenz“, schreibt Dominjianni, evoziert hingegen „etwas Unbeugsames und nicht Darstellbares, weil sie der politischen Rationalität die sexuelle und geschlechtliche Wurzel des menschlichen Zusammenlebens immer wieder präsentiert, wie ein verdrängtes Gespenst oder eine offene Rechnung.“

Rita Casale, Barbara Rendtorff (Hg): Was kommt nach der Genderforschung? Transcript Verlag, Bielefeld 2008, 26,80 Euro.

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