Nachdem ich gestern etwas über die Piratenpartei und ihr Frauenproblem geschrieben habe (und ich war nicht die Einzige, einen Überblick gibt die Mädchenmannschaft) ergab sich in den Kommentaren die Frage bzw. die Vermutung, dass der Frauenanteil in den Landesvorständen deutlich höher sei und daher die Abwesenheit von Frauen auf der Bundesebene entweder doch ein Zufall oder eben einfach Ausdruck einer anderen Prioritätensetzung seitens der Piratinnen.
Das wäre eine interessante These, und deshalb bin ich der Sache nachgegangen. Ich fand im Piratenwiki diese Übersicht über die Besetzung der Landesvorstände der Piratenpartei und habe nachgezählt und komme auf einen Frauenanteil von 15 Prozent. Mir erscheinen die Angaben nicht veraltet, das Datum der jeweiligen Wahlen steht ja dabei. Ich habe die Frage gestern abend und heute früh nochmal über Twitter verbreitet, um das aufzuklären, aber keine anderen Daten bekommen. Jemand antwortete mir, der Frauenanteil sei in den in letzter Zeit neu gewählten Vorständen über 50 Prozent, allerdings ohne Belege.
Ich wollte eigentlich das Thema Piraten jetzt auch mal wieder verlassen, aber das Phänomen, dass viele dazu tendieren, den Frauenanteil in einem Gremium, einer Gruppe, einem Verein zu überschätzen, bezieht sich nicht nur auf die Piraten, sondern ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen. Eine Zeitlang habe ich mal eine kleine Statistik geführt über die Zusammensetzung von Frauen und Männern in Veröffentlichungen, auf Rednerlisten, in Vorständen und so weiter und kam dazu, dass der Frauenanteil heute normalerweise (also nicht durch Quoten verändert) zwischen 20 und 30 Prozent rangiert. Aber dass dieser Anteil regelmäßig überschätzt wird, wenn man nicht genau nachzählt.
Meine These ist also: Dreißig Prozent Frauen ergeben heute bei uns eine gefühlte Gleichberechtigung. Fünfzig Prozent Frauen ergibt eine gefühlte weibliche Dominanz, jedenfalls bezogen auf solche Orte, die historisch männliche Orte sind, also die ursprünglich unter Ausschluss der Frauen zustande gekommen waren, wie Parteien, Universitäten, bestimmte Berufsgruppen und so weiter. (In traditionell „weiblichen“ Szenarien wie unter Krankenschwestern oder Erzieherinnen ist es umgekehrt, sogar noch krasser, da gelten manchmal schon Männeranteile von zehn Prozent als gefühlte „Gleichberechtigung“).
Ich habe auch eine These dazu, woran das liegen könnte: Eine in der Soziologie verbreitete Annahme ist ja, dass ab einem Anteil von dreißig Prozent etwa „Minderheiten“ jeglicher Art sich nicht mehr so einfach in die vorherrschende Kultur integrieren lassen, sondern sich durch ihre Anwesenheit diese Kultur grundlegend und radikal verändert. Ich stimme dieser Annahme zwar nicht hundertprozentig zu. Denn es spielen noch andere Faktoren mit. Eine starke, selbstbewusste Frau mit dezidiertem Veränderungswillen kann auch Sachen grundlegend anstoßen, wenn der Frauenanteil niedriger ist. Andererseits ist ein höherer Frauenanteil auch keine Garantie für eine grundlegende Veränderung, denn es kann auch sein, dass das speziell solche Frauen sind, die gar keine Ambitionen haben, etwas zu verändern.
Doch trotz dieser Fragezeichen ist wohl an dieser Theorie prinzipiell etwas dran. Wenn wir „Gleichberechtigung“ der Geschlechter nicht nur aus formalen Gerechtigkeitsgründen fordern, sondern damit gesellschaftsverändernde Hoffnungen verbinden (was das Anliegen von Feministinnen ist, jedenfalls der meisten), müssen wir also versuchen, diese Grenze zu überschreiten. Also die Grenze, ab der die Anwesenheit von Frauen tatsächlich noch etwas anderes in der Dynamik der Organisation bewirkt als einfach nur die Anwesenheit von Frauen.
Deshalb habe ich einen Vorschlag: Wir sollten nachzählen. Überall. Um verlässliche Zahlen darüber zu haben, wie hoch der Frauenanteil und der Männeranteil (und ggfs. der Anteil „anderer“ Geschlechter) an den Orten, an denen wir selbst aktiv sind, faktisch ist. Und das dann mit dem „gefühlten“ Anteil abgleichen. Und dann darüber diskutieren, was sich jeweils daraus schließen lässt, und welche Möglichkeiten es gibt, das zu verändern. Diese Maßnahmen müssen nicht überall gleich sein und Quoten sind dabei nur eine Option unter vielen.

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