Sicherheit und Unsicherheit sind die großen Themen des 21. Jahrhunderts. Vom Abbau der sozialen Sicherungsnetze über Terrorismus und Datensicherheit im Internet bis zu Finanzkrisen, Ölpest, Tsunami und Klimawandel. Unter dem Titel „Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert“ rollt ein neuer Sammelband das Thema auf. Er ist aus einer Ringvorlesung an der Berliner Humboldt-Uni hervorgegangen.
Im einführenden Beitrag zeigt Herfried Münkler aus ideengeschichtlicher Perspektive, wie sich im Übergang von Mittelalter zu Neuzeit der Umgang mit Gefahren verändert hat: nämlich weg von dem „die Sicherheit der Burg verlassenden und in die Welt hinausziehenden Ritter“, der bedingungslos agiert, hin zum „Risikokalkül des Kaufmanns“, der die Gefahren und das Wagnis „durch Berechnung zähmt“.
Eine interessante Analyse, die offensichtlich eng verknüpft ist mit Vorstellungen von Männlichkeit: „Den Helden interessiert der Sieg, den Kaufmann der Gewinn.“ Und die Frau? Wie ist sie von all dem betroffen, und vor allem, was denkt sie dazu?
Die Frage habe ich mir beim Lesen der sehr unterschiedlichen und teilweise disparaten Beiträge des Buches häufig gestellt, beantwortet wird sie aber nicht, da sich der Band ganz auf die männliche Ideengeschichte beschränkt. Das ist wohl auch der Grund, warum das Thema unter einer dualistischen Perspektive betrachtet wird – die Welt dualistisch, also in vermeintlichen Gegensätzen zu verstehen ist das wesentliche Merkmal der männlichen symbolischen Ordnung.
Die politische Herausforderung, so etwa Münklers Analyse, bestehe darin, „Kulturen der Sicherheit“ und „Kulturen des Risikos“ miteinander zu vermitteln. Eine reine Kultur der Sicherheit, die ein paternalistischer Staat gewährleisten soll, führe zu dem Dilemma, dass die Sicherheitserwartungen in der Bevölkerung immer weiter steigen, sodass sie am Ende nicht erfüllt werden können. Eine reine Kultur des Risikos hingegen tendiere dazu, die schädlichen Folgen und Konsequenzen auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Deshalb, so Münklers Schlussfolgerung, müsse man beides ausbalancieren, so „dass die sich selbst antreibende Spirale wachsender Sicherheitsbedürfnisse angehalten, wird, während gleichzeitig dafür gesorgt wird, dass die Kulturen des Risikos nicht hegemonial auf die sie umgebenden Welten der Sicherheit übergreifen.“
Das ist kurzfristig pragmatisch wahrscheinlich gar nicht falsch, allerdings spricht derzeit wenig dafür, dass dieser Balanceakt gelingen könnte, wie ein beliebiger Blick in die Zeitung zeigt.
Deshalb denke ich, dass wir zusätzlich auch den grundlegenden Wandel von der „Gefahr“ zum „Risiko“ noch einmal neu denken müssen. Was mir in Münklers Analyse fehlt, ist vor allem der Aspekt der Beziehung, oder konkret die Frage: Wer bezahlt den Preis? Um es an einem der im Band vorgestellte Beispiele selbst zu erläutern: Der Kaufmann, der fünf Schiffe von Indien nach Europa auf die Reise schickt, riskiert zwar den Verlust seines Vermögens. Für die Seeleute auf den Schiffen ist die Havarie aber kein Risiko, sondern weiterhin eine Gefahr, der sie sich – wie ehedem die Ritter – bedingungslos aussetzen: Geht das Schiff unter, sind sie zu hundert Prozent tot.
Die qualitative Veränderung, die die ideengeschichtliche Umwandlung von „Gefahren“ in „Risiken“ bedeutete (die sich am Beginn der Neuzeit vollzog und auch die rational-wissenschaftliche Epoche in Westeuropa einläutete), war schlichtweg deren Ökonomisierung: Indem man sich gegen Unglücksfälle versichert, kann man Verluste bis zu einem gewissen Grad abmildern. Doch das ist nur möglich, wenn man auch die damit einhergehenden Beziehungen abstrahiert. Man trauert nicht um die toten Matrosen, sondern verbucht sie als Verluste.
Die Betrachtung einer Unternehmung unter der Risikoperspektive (banal ausgedrückt in der betriebswirtschaftlichen Frage: Rechnet sich das?) ist also nur aus einer Herrschaftsperspektive möglich. Ihre Problematik kommt nur deshalb jetzt in die öffentliche Debatte, weil so langsam klar wird, dass diese monetäre Absicherung nicht mehr nur qualitativ, sondern auch quantitativ nicht mehr funktioniert: Der Schaden, der durch Ölkatastrophen wie jetzt im Golf von Mexiko oder durch die heutigen Finanzmarktblasen entsteht, ist schlichtweg nicht mehr bezahlbar. Das Konzept „Risiko kalkulieren“ hat sich längst ins Absurde gewandelt.
Was wäre aber die Alternative? Ich denke, ein erster Schritt wäre es, die Gegenüberstellung von „Risiko“ und „Sicherheit“, diesen alten Streit unter Männern (Abenteurern auf der einen, Spießbürgern auf der anderen Seite), aufzugeben. Münkler selbst legt dazu bereits eine Fährte, wenn er den Begriff der Geborgenheit einführt: „Geborgenheit bezeichnet einen Zustand, in dem Selbst und System nicht in einem Verhältnis der Komplementarität für die Herstellung von Sicherheit bzw. Sicherheitsgefühlen zuständig sind, sondern beides gegeben ist und durch eine übergeordnete Macht in Ordnung gehalten wird. In dieser Vorstellung von Geborgenheit werden immer auch Erinnerungen an eine glückliche und behütete Kindheit aufrechterhalten. Man kann darum auch von einer paternalistischen Sicherheit sprechen, wobei der familiale Vater durch den Landesvater, den Staat oder Gott abgelöst werden kann bzw. abgelöst werden muss.“
Aber: Ist es denn wirklich der Vater, der (ideengeschichtlich wie konkret) für kindliche Geborgenheit steht – oder ist es nicht vielmehr die Mutter? Immerhin befinden wir uns hier ja in der Analyse klassischer, patriarchaler Familienstrukturen, die mütterliche und väterliche Aufgaben strikt voneinander unterschieden haben. Und der Part des „Geborgenheit Gebens“ war eher der mütterliche, während der Part des Vaters eher das „Ordnung Schaffen“ war: Geborgen fühlte man sich im Schoß der Mutter, in den man sich flüchtete, um sich nach den väterlichen Stockschlägen auszuweinen.
Münkler beschreibt sehr zutreffend, welche fatalen Folgen das patriarchale, also vom pater familias abgeleitete Staatsverständnis hatte, das „zum Einfallstor für autoritäre politische Ordnung werden“ kann. Und weiter: „Hier liegt zugleich der Quellgrund für die zuletzt häufig apostrophierte Entgegensetzung von Sicherheit und Freiheit, die keineswegs prinzipieller Art ist, sondern aus bestimmten Sicherheitsvorstellungen erwächst.“
Die Frage müsste also nicht lauten, wie wir Sicherheit, so wie sie bisher definiert wurde (als möglichst große Risikominimierung), herstellen können, sondern ob wir nicht ein anderes Verständnis von Sicherheit erwerben könnten. Ein eher mütterliches als ein väterliches? Und: Müsste man dann nicht auch das Verständnis von Risiko und Freiheit verändern?
Der erste, wichtigste (und damit zusammen hängende) Schritt wäre es jedenfalls, die ideengeschichtliche Analyse nicht länger auf die Ideen von Männern zu beschränken, sondern auch die Ideen von Frauen zu Rate zu ziehen. Schließlich haben sie inzwischen nicht nur dem Patriarchat ihre Gefolgschaft aufgekündigt (das ja für Frauen durchaus nicht nur unterdrückerisch war, sondern auch den Schutz eines „goldenen Käfigs“ beinhaltete), sondern auch schon zahlreiche postpatriarchale Analysen und Ideen hervorgebracht.
Zum Beispiel wird in den meisten feministische Theorien längst die Gegenüberstellung von „Freiheit“ und „Sicherheit“ hinterfragt und grundsätzlich angezweifelt. Wie sich überhaupt gezeigt hat, dass wenn man den grundlegenden Dualismus von Mann und Frau nicht mehr akzeptiert, auch die meisten anderen vermeintlich grundlegenden Dualismen in sich zusammenfallen.
Wenn aber Freiheit nicht länger als Autonomie (also als „Selbstgesetzgebung“, als Unabhängigkeit und beziehungsloser Individualismus) verstanden wird, sondern als „Freiheit in Bezogenheit“, dann lässt sich der männliche Risikobegriff eigentlich nicht mehr aufrechterhalten, der für den eigenen Profit das Leid anderer in Kauf nimmt. Die Herausforderung bestünde also nicht darin, Sicherheit und Risiko gegeneinander „auszubalancieren“, sondern an einer Kultur zu arbeiten, die beides gar nicht mehr als Gegensätze versteht.
Ein guter Ausgangspunkt ist in der Tat die von der Mutter geschenkte „Geborgenheit“. Dabei können wir ja alle auf eigenen Erfahrungen zurückgreifen, schließlich sind wir alle Söhne und Töchter. Und schon eine oberflächliche Beobachtung kindlichen Verhaltens macht klar, dass Kinder keineswegs Sicherheit und Risiko gegeneinander abwägen, sondern dass beides für sie Hand in Hand geht: Gerade weil das Kind sich in Gegenwart der Mutter (und auch der „neuen“, also nicht patriarchalen Väter) geborgen und sicher fühlt, traut es sich, Risiken einzugehen. Allerdings nicht unbedingt die kalkulierenden Risiken des Kaufmanns, die das Leid anderer für den eigenen Vorteil in Kauf nehmen (Da würde die Mutter nämlich schimpfen). Die “Risiken”, die auf der Grundlage von Sicherheit im Sinne von Geborgenheit möglich werden, sind eher solche, bei denen das Terrain des Bekannten und des “Es-war-schon-immer-so” verlassen werden kann, um etwas Neues auszuprobieren. Der Mut zum Ungewissen.
Genau diese Art des Mut habens brauchen wir auch als Erwachsene. Nicht nur für Kinder hat das Sich etwas Trauen in erster Linie mit Vertrauen zu tun – nicht mit dem Blick auf eine Versicherungsprämie, die mich für eventuelle Verluste entschädigt, sondern mit dem Vertrauen auf jene Geborgenheit, die nur andere Menschen und die Beziehungen, die ich zu ihnen habe, mir gewähren können.
An diesem Risiko ist nichts Heldenhaftes und nichts Kaufmännisches. Und das ist auch gut so. Beides sind nämlich überkommene patriarchale Männerrollen, und weder Helden noch Kaufmänner sind in der Lage, uns heute weiter zu helfen. Auch nicht in einem „ausbalancierten“, vermittelten Zustand. Was wir hingegen brauchen, das sind mutige Menschen, die sich nicht am Überkommenen festklammern, sondern die Neues wagen.
Herfried Münkler, Matthias Bohlender, Sabine Meurer (Hg): Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert. Transcript, Bielefeld 2010, 26,80 Euro. Inhaltsverzeichnis (pdf)
Hier ein Vortrag von mir zum Thema “Mit (Un)Sicherheit leben”
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