Bevor ich‘s wieder vergesse, hier ein kleines Journal dessen, was mir in den letzten paar Tagen im Kopf herum ging.
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Bei meiner Präsentation zum Thema „Frauen- und Männerbilder in der Werbung“ zeige ich immer dieses schöne Motiv aus der Lufthansa-Werbung, das ich persönlich ganz schrecklich finde – eine meiner Thesen ist, dass das, was wir jeweils Schrecklich finden an Werbung, sehr unterschiedlich ist und es schwer ist, objektive Kriterien für die Schrecklichkeit von Werbung zu begründen, und dass es vielmehr darum geht, in konkreten Situationen das persönliche Urteil selbstbewusst zu vertreten. So auch am Freitag abend in Unna.
Hinterher kam eine Frau auf mich zu und erzählte von einem Paarseminar, das sie kürzlich besucht habe. Es seien hauptsächlich „moderne Paare“ dort gewesen (ich nehme an, heterosexuelle), bei denen beide berufstätig sind. Ein häufig von den Frauen genanntes Problem sei dabei angesprochen worden: Dass sie nämlich das Gefühl haben, nicht nur im Beruf „stark“ sein zu müssen, sondern auch zuhause, dass also ihr Image der „starken, erfolgreichen Frau“ auch von ihren Ehemännern zuhause weiter hochgehalten werde, während sie dort eigentlich emotionalen Rückhalt und Unterstützung brauchen.
Dieses Bild der Lufthansa, wo die Frau auch einmal „schwach“ den Kopf an einer starken Schulter ausruhen darf, so die Vermutung meiner Gesprächspartnerin, hätte den Frauen in diesem Seminar sicher gut gefallen. Interessant. Ist das Problem der Frauen heute vielleicht gar nicht mehr, dass ihnen die Rolle der Schwachen zugewiesen wird, sondern dass ihnen dauernd die Rolle der Stärkeren zugewiesen wird?
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Im Zug fand ich dann die Zeit, die taz vom 8. März nachzulesen, darin den Artikel „Morgen verlass ich ihn“, in dem ein Psychologe erläutert, warum seiner Meinung nach Frauen so ein Problem damit hätten, klare Grenzen in Beziehungen zu ziehen. Gestolpert bin ich über folgenden Absatz:
Im Radio appellierte Wolfgang Krüger einmal an die Frauen: „Verliebt euch, aber verliert dabei nicht den Verstand.“ Damit meinte er, dass Frauen enge Bindungen mit Männern eingehen, aber trotzdem darauf achten sollen, sie selbst zu bleiben. Nach der Sendung schrillten im Studio die Telefone, die Frauen waren empört: Wenn wir uns verlieben, riefen manche in den Hörer, dann wollen wir uns auch verlieren, anders geht das doch gar nicht. Wolfgang Krüger sagt: „Das nenne ich Unterwerfung.“
Ich finde das Quatsch. Ich behaupte, es ist aus einer bestimmten männlichen Sicht Unterwerfung, und weil diese männliche Sicht in unserer Gesellschaft auch im Bezug auf Liebesdinge vorherrschend ist, entstehen den Frauen dadurch Nachteile. Aber an und für sich haben die Frauen natürlich vollkommen recht: „Wenn wir uns verlieben, dann wollen wir uns auch verlieren, anders geht das doch gar nicht.“ Genau, anders geht das gar nicht. Let’s deal with it.
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In Göttingen fragte mich eine Teilnehmerin in der Diskussion, warum ich dauernd von Frauen und Männern spreche und nicht, wie sie bevorzuge, von „weiblich bzw. männlich sozialisierten Menschen“.
Mir ist dieser Sprachgebrauch natürlich auch schon oft begegnet, aber ich empfinde dabei immer ein gewisses Unbehagen, wenn mir natürlich auch die Absicht dahinter klar ist, nämlich wegzukommen von einem essenzialistischen Verständnis von Frau-/Mannsein bei gleichzeitiger Anerkennung und Berücksichtigung faktischer – eben ansozialisierter – Unterschiede. Doch dieses Unbehagen war immer eher diffus geblieben.
Jetzt musste ich die Frage aber nunmal beantworten, und dabei fiel mir dann eben auch ein, was mich daran stört: Ich betrachte mich nämlich nicht als bloßes Ergebnis meiner Sozialisation. Und auch wenn man alles Ansozialisierte von mir substrahieren würde, würde nicht ein irgendwie geschlechtsloses „Gefäß“ übrig bleiben, sondern etwas, das ich vorläufig „weibliche Subjektivität“ nenne. Meiner Ansicht nach vollzieht sich das Werden eines Menschen in einer ständigen Wechselbeziehung zwischen mir und den äußeren Einflüssen, die mich prägen, ich bin diesen Einflüssen nicht einfach ausgeliefert, sondern es gibt etwas, das auf sie antwortet. Und mir ist es wichtig, dass auch dieses „Gegenüber“, das da mit meiner Sozialisation quasi in Kommunikation tritt, nichts Ungeschlechtliches ist, sondern ein weibliches Gegenüber.
Woraufhin diese Teilnehmerin dann den Einwand vorbrachte, dass man aber auch den herrschenden Subjektbegriff problematisieren muss, der ja auch „männlich“ geprägt ist, womit sie natürlich vollkommen recht hat. Umso wichtiger ist es aber meiner Ansicht nach, von einer „weiblichen Subjektivität“ auszugehen, auch wenn sie sich nicht klar definieren lässt, und nicht nur von durch Sozialisierung hervorgebrachter Weiblichkeit.
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Nach meinem letzten Vortrag heute morgen in Wunstorf bot mir eine Teilnehmerin netterweise an, mich im Auto mit zum Bahnhof zu bringen. Dabei erzählte sie mir von einem Kabarettprogramm, in dem der Kabarettist (dessen Namen ich wieder vergessen habe), als running gag den zu der Zeit noch nicht erfolgten, aber bereits sehnlichst erwarteten Rücktritt von Christian Wulff hatte, unter anderem mit der Pointe: „Hätte Wulff nur halb so viel Eier in der Hose wie Margot Kässmann, wäre er schon längst zurück getreten.“
Not funny, sage ich. Margot Kässmann hat keine Eier in der Hose, das ist ja grade der Punkt. Solange wir solche Pointen plausibel finden, ist noch viel Arbeit am Symbolischen zu leisten.
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Auf der Rückfahrt dann weiter taz-Lektüre, dabei ein Streitgespräch über Karrierechancen von Frauen unter der Überschrift „Chef wird man auf dem Herrenklo“ zwischen der Politikwissenschaftlerin Monika Schulz-Strelow und der Managerin Marianne Heiß. Letztere erklärte die Abwesenheit von Frauen aus Führungspositionen in der Wirtschaft so:
Ich habe einige Kolleginnen gesprochen, die eingestehen, dass sie nicht in die erste Reihe wollen. Sie wollen ihr geregeltes Leben nicht gegen mein ungeregeltes tauschen: um fünf aufstehen, um den ersten Flieger zu bekommen, und am Montag nicht wissen, ob man am Mittwoch in Amsterdam, Athen oder Paris sein wird. Haben wir genug Frauen, die so arbeiten wollen? Das glaube ich nicht.
Sicher hat sie mit der Beobachtung Recht, dass viele Frauen das nicht wollen. Aber so wie sie es hier erzählt, klingt es, als wären sie einfach zu faul. Das ist aber am Punkt vorbei. Frauen sind nicht faul, und wenn es etwas Wichtiges zu tun gibt, sind sie natürlich bereit, morgens um fünf Uhr aufzustehen. Der Punkt ist, dass sie es DAFÜR nicht tun wollen. Aus Gründen, die es eben zu untersuchen und nicht hinzunehmen gilt.

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