
Gestern und vorgestern nahm ich in Berlin an der Konferenz „Data Days“ teil, hörte interessante Vorträge darüber, was man mit Daten so alles machen kann, stellte mal wieder fest, dass es mir einfach nicht gelingt, mich vor Algorithmen zu fürchten, und konnte mich davon überzeugen, dass Veranstaltungen mit einem Männeranteil von über neunzig Prozent nicht nur ein Gerücht sind, sondern wirklich existieren. (Am zweiten Tag gab es eine schöne Keynote unter dem Motto „Vergesst Gleichstellung!“ von Teresa Buecker, die bald auch im Internet zu sehen sein soll).
Ich selbst nahm zusammen mit Teresa, Christoph Heil und Björn Böhning an einem Panel teil, bei dem es um „digitale Arbeit“ ging (also um die Frage, wie Computer und Internet sich auf Arbeitsabläufe auswirken, inklusive Entgrenzung von Raum und Zeit, Freizeit und Arbeit, Automatisierung und so weiter), und das leider zu kurz dafür war, wie interessant das Thema ist.
Erst am Ende fiel mir zum Beispiel auf, dass sich eine etwas unglückliche Formel eingeschlichen hatte, nämlich die, dass „digitale Arbeit positive wie negative Seiten hat.“ Ich sehe das nämlich anders. Ich glaube, dass digitales Arbeiten ausschließlich positive Seiten hat.
Die „negativen Seiten“, die wir beobachten – Burnout, Stress, (Selbst)Ausbeutung, you name it – sind doch nicht negative Seiten davon, dass Arbeitsprozesse digitalisiert wurden, sondern negative Seiten davon, dass Arbeitsverhältnisse kapitalistisch organisisiert sind. Welche negativen Aspekte sollte es denn haben, dass man mobil ins Internet kann? Mir fallen keine ein.
Die Diskussion drehte sich dann vorwiegend um die Frage, was Gewerkschaften oder Politiker gegen diese „negativen Seiten“ der Digitalisierung tun können. Etwas zu kurz kam für mich die Frage, was wir selbst einstweilen tun können (denn das Problem stellt sich ja hier und jetzt, und auf Lösungen von anderswo warten ist irgendwie keine Option).
Ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen, die natürlich immer nur begrenzt auf andere Kontexte übertragen werden können (vielleicht aber doch hier oder da), möchte ich einen Trick vorstellen, der mir ganz gut hilft, die „negativen Seiten“ der Digitalisierung zu minimieren.
Er heißt: Kapitulation. Die Digitalisierung macht ja nur wieder offensichtlich, was immer schon stimmte, aber im klassischen „Erwerbsarbeitsverhältnis“ künstlich qua „Arbeitsvertrag“ eingehegt wird: dass es immer viel mehr zu tun gibt, als man schaffen kann. Fragen Sie einen Bauern oder eine Hausfrau oder eine „selbstständige“ Unternehmerin. Und heutzutage auch so manchen Festangestellten. Zu kapitulieren (also den Anspruch, mit der Arbeit jemals fertig zu werden, von vornherein nicht zu haben), ist die einzig realistische Haltung.
Wir Menschen sind keine körperlosen Datensätze, sondern begrenzte Wesen aus Fleisch und Blut. Wir werden müde, kriegen Hunger, haben Migräne, müssen Scheißen. Klar kann ich das Handy auch noch mit aufs Klo nehmen und dort weiter E-Mails lesen (ich persönlich mache das übrigens). Aber ich sollte mir doch nicht einbilden, dass ich dadurch mehr geschafft kriegen würde. Ob ich das Handy mit aufs Klo nehme oder den ganzen Tag in der Ecke liegen lasse, macht letztlich keinen Unterschied in Bezug auf all das, was ich verpasse oder nicht tue. Begrenzt gegen Unendlich ist eine einfache logische Gleichung.
Das schließt vielleicht ein bisschen an den Vortrag von Kathrin Passig an. Sie zeigte, dass die heutige Klage über die „Informationsflut“, der wir ausgesetzt sind, nicht neu ist: Schon vor Jahrhunderten fanden Leute die paarhunderttausend Bücher, die es damals gab, viel zu viele. Alle Tools, die dann im Lauf der Zeit entwickelt worden sind, um der Informationsmasse beizukommen (Register, Index, Suchmaschinen, heute personalisierte Empfehlungen) erwiesen sich immer nur als zeitweise Lösungen. Wahrscheinlich werden immer weiter Tools erfunden werden, um eine Schneise in die Masse der Informationen zu schlagen, aber an ein Ende wird es nie kommen.
Auch hier ist der einzige Ausweg Kapitulation. Einfach nicht den Anspruch haben, alles Relevante und Interessante zu erfahren.
Vielleicht hilft es, sich zur Übung immer morgens Sätze wie „Kenn ich nicht“ oder „Hab ich nicht gemacht“ vor dem Spiegel laut aufzusagen. So lange, bis sich auch das kleinste Reststückchen Scham über diesen völlig natürlichen Zustand zerbröselt hat.
PS: Mir ist klar, dass hier noch ein paar Fragen offen bleiben, zum Beispiel wie wir die wirklich wirklich wichtigen Sachen trotzdem fertig kriegen. Vielleicht, indem wir einen Teil – sagen wir zwanzig Prozent – unserer Arbeitszeit dafür reservieren? Sicherlich sollten wir sehr viel genauer als bisher überlegen, was denn eigentlich „wirklich wichtig“ ist.
PPS: Gerade erinnert mich das auch noch an die „Vier-in-einem-Perspektive“ von Frigga Haug. Sie schlägt ja als Leitmodell für das Tätigsein vor, die 16 Stunden täglicher „Wachzeit“ folgendermaßen aufzuteilen: 4 Stunden Erwerbsarbeit, 4 Stunden Haus- und Fürsorgearbeit, 4 Stunden Freizeit, 4 Stunden kulturelles und politisches Engagement. Ich finde das Modell zu starr und wäre für viel mehr Flexibilität und das Setzen auf individuelle Vorlieben. Aber vielleicht ist das eine mögliche Formel: 2 Stunden „wirklich notwendige“ Dinge erledigen, 14 Stunden irgendetwas anderes machen oder auch nichts?
PPPS: Der Data-Days-Kongress hat mich übrigens auch wieder mal in meiner Überzeugung bestärkt, dass es keinen direkten Zusammenhang mehr gibt zwischen der Überlegung „Womit kann ich Geld verdienen?“ und der Frage: „Was könnte ich erfinden, damit das Leben und die Welt schöner werden?“. Stattdessen wird unglaublich viel menschliche Arbeitskraft auf Pillepalle wie „Wie krieg ich Leute dazu, auf Werbung zu klicken“ verschwendet. These: Arbeit und Einkommen zu trennen (Grundeinkommen) wäre nicht nur aus sozialpolitischer, sondern auch aus „innovationspolitischer“ Perspektive extrem sinnvoll.

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