Gerade lese ich ein Buch, das österreichische Feministinnen anlässlich einer großen Demo zusammengestellt haben, mit der 2011 an eine wiederum andere große Frauendemo in Wien hundert Jahre zuvor, also 1911 erinnert wurde. Der Band versammelt zahlreiche Beiträge, die der Frage nachgehen, wie sich feministischer Aktivismus insbesondere seit dem Aufbruch der 1970er Jahre bis heute verändert hat und ist sehr empfehlenswert.
An dieser Stelle nur ein kurzer Ausschnitt aus dem Beitrag von Christina Thürmer-Rohr, der gegenwärtig besonders aktuell ist. Nicht nur, weil „Opfer-Abo“ (zurecht) zum Unwort des Jahres erklärt wurde, sondern auch, weil im Zusammenhang mit den Debatten über Alltagssexismus der Vorwurf immer wieder erhoben wurde, Frauen würden sich hier (oder andere Frauen) wieder mal zum Opfer machen. Thürmer-Rohr schreibt also:
Ein nicht auflösbares Dilemma liegt in der Qual dieses Einerseits-Andererseits, diesem Amalgam von Aufwertung und Opfersein. Das Wort „Opfer“ wurde in der Frauenbewegung einerseits unentbehrlich, um die Schäden der Gewalt unmissverständlich zu benennen, andererseits suggeriert es die Wehrlosigkeit der Betroffenen und kategorisiert sie als Menschen, die ihre Souveränität und Handlungsfähigkeit verloren haben. Einerseits ist es Ziel feministischer Politik, Frauen zu ermutigen, ihr Leben in eigene Regie zu nehmen, andererseits stehen die Auswirkungen der Gewalterfahrungen diesem Ziel entgegen. Einerseits kann die Gewaltgeschichte zur Wahrnehmung der Frauen als ihr Opfer zwingen, andererseits kann gerade diese Wahrnehmung zur Beherrschung der Gesamtperson anwachsen, so dass die Erfahrungen wesensbildend werden und in Opferidentitäten münden. Einerseits kann die Opfermentalität in eine weithin ignorante Gesellschaft ein wachsendes Unrechtsbewusstsein einbringen, andererseits wird mit dieser Viktimisierung den Tätern eine Macht zugeschrieben, die das gesamte weitere Leben der Opfer verdirbt und die Täterseite stärkt. Einerseits gibt es endlose Belege für die Vergeschlechtlichung der Gewalt, andererseits wird mit dieser Vorgabe vernachlässigt, dass auch Frauen Gewalt ausüben oder unterstützen können. (S. 109)
Genauso ist es eben, und niemand muss so tun, als wäre dieses Dilemma im Feminismus erstens unbekannt und könnte zweitens mit einem einfachen Trick („die Frauen nicht mehr zum Opfer machen!“) aufgelöst werden. Sondern wie in so vielen anderen Bereichen geht es eben auch bei der Frage, inwiefern Frauen Opfer oder Akteurinnen sind, nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl als auch.
Zum Weiterlesen: Birge Krondorfer/Hilde Grammel (Hg): Frauen-Fragen. 100 Jahre Bewegung, Reflexion, Vision. ProMedia, Wien 2012, 19,90 Euro.
Ebenfalls empfehlenswert in dem Zusammenhang finde ich den Artikel von Marita Blauth: Das Tun und Lassen im Gewaltdiskurs.

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