In den derzeitigen Debatten über die homophobe Petition gegen den Bildungsplan in Baden Württemberg wird momentan ein Argument häufig vorgebracht, das mir ein wenig Unbehagen bereitet: Nämlich dass Homosexualität doch schließlich nicht ansteckend sei. Wovor haben denn diese Leute Angst, wird da gefragt, etwa dass die Behandlung verschiedener Lebens- und Begehrensformen im Schulunterricht ihre armen Kinder lesbisch und schwul macht?
Ich weiß nicht, ich finde das Argument zu defensiv. Es erinnert mich ein bisschen an die Argumentation vieler Frauenrechtlerinnen vor hundert Jahren, die auf den Vorwurf, das Frauenstimmrecht würde dazu führen, dass Frauen sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern, beschwichtigend abwiegelten und sagten: Keine Sorge, es wird sich überhaupt nichts ändern. Natürlich hat sich aber doch was geändert, und die Frage, wer genau sich wie um die Kinder kümmert, steht heute ja nicht zufällig ganz oben auf der gleichstellungspolitischen Tagesordnung.
Mit politischen Argumenten ist es meistens so, dass sie einerseits so und andererseits so zu verstehen sind. Natürlich sind emanzipierte Frauen keine Monstermütter, die ihre Kinder verhungern lassen. Aber ebenso selbstverständlich muss sich im Zusammenleben von Familien etwas ändern, wenn die Frauen ihre bisherigen Tätigkeiten neu sortieren.
Und so ist es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität auch. Natürlich werden Kinder nicht reihenweise homosexuell, nur weil das Thema im Unterricht behandelt wird. Aber ebenso natürlich werden diejenigen Jugendlichen, die anders begehren, als es die heterosexistische Norm vorgibt, durch eine größere gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität dazu ermutigt, diesen Neigungen nachzugehen, sich entsprechend auszuprobieren, ihr Begehren auszuleben. Und das ist doch schließlich auch der Sinn des Ganzen!
Mit diesen Gedanken im Kopf kam ich gestern über einen lesenswerten Blogpost, der über den Zusammenhang von Class, Race und sexuellem Begehren nachdenkt, auf einen anderen queeren Blog, dessen Autor das Mantra der rein biologischen Bedingtheit von sexueller Identität, das „Born this Way“, in Frage stellt. Er schildert, wie sein von der weißen Schönheitsnorm abweichender Körper durch rassistische Diskurse und mediale Repräsentationen auch hinsichtlich des sexuellen Begehrens geformt wurde.
Das sexuelle Begehren ist nicht einfach eine Folge biologischer Prädispositionen, bei denen dann nur die Alternative besteht, ob sie quasi „in natürlicher Reinform“ ausgelebt werden können oder unterdrückt werden müssen. Es ist bei sexuellen Identitäten wie bei allem, dass es sich nämlich um ein Wechselspiel zwischen Gegebenem und Erfahrenem handelt, dass subjektive Wünsche durch äußere Einflüsse geprägt, wenn auch natürlich nicht determiniert werden.
Deshalb wurden so viele Frauen in den 1970er Jahren lesbisch, und nicht nur, weil viele von ihnen endlich ausleben konnten, was immer schon in ihnen steckte, sondern auch, weil sie durch die feministischen Debatten in sich Wünsche entdeckten und formulierten (zum Beispiel den Wunsch, „frauenidentifiziert“ zu leben und den Beziehungen zu Frauen den Vorrang vor denen zu Männern zu geben), für die es vorher keine Sprache und keine (Vor)-Bilder gegeben hatte.
Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, und ich hoffe das auch sehr, dass eine Gesellschaft, in der mehr Lebensformen und Möglichkeiten sexueller Identitäten sichtbar sind, und die das alles auch in ihren Bildungsprogrammen zum Thema macht, auch in der Realität eine größere Vielfalt hervorbringen wird. Auch mehr offen lebende Lesben und Schwule.
Vielleicht bin ich auf das Thema aber auch nur deshalb so angesprungen, weil mir das Bild der Ansteckung in Bezug auf politische Diskurse generell gut gefällt. Auch die Liebe zur Freiheit ist nämlich ansteckend, wie Luisa Muraro einmal sagte. Und dass sich die Liebe zur Freiheit in all ihren Erscheinungsformen wie ein Virus unter uns ausbreiten könnte, das ist doch eine wunderbare Vorstellung!

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