Anja Röhl, die Tochter von Klaus Röhl aus dessen erster Ehe und damit Stieftochter von Ulrike Meinhof, hat ihre Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. Mit dem Titel „Die Frau meines Vaters“ stellt das Buch Ulrike Meinhof ins Zentrum, doch eigentlich erfährt man mehr über das Lebensgefühl, die Szene, die Normalität des Alltags in den 1960er Jahren als über Meinhof.
Vor einigen Jahren hat Anja Röhl ihrem Vater Klaus Röhl pädophile Übergriffe vorgeworfen, die sie in diesem Buch auch wiederholt, aber das ist nicht das Zentrale. Deutlich wird generell, wie brutal Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten mit Kindern umgehen konnten, wie wenig ihre Bedürfnisse zählten, wie unverschämt egoistisch Erwachsene sein konnten, und vor allem Männer.
Ulrike Meinhof hat Anja Röhl als die einzige Erwachsene in Erinnerung, die sich für ihre Bedürfnisse und Anliegen interessiert hat. Damit liefert sie einen weiteren Baustein in der inzwischen fast schon endlosen Saga darüber, was für ein Mensch Ulrike Meinhof wohl gewesen ist. In den Augen des Kindes und der Jugendlichen Anja Röhl war Meinhof jedenfalls ein Lichtblick in trüber Umgebung, für die sich politisierende Jugendliche eine Inspiration.
Die große Stärke des Buches ist, dass Anja Röhl neben der subjektiven Schilderung ihrer Erinnerungen keine weiteren Spekulationen anstellt. Sie schreibt einfach auf, woran sie sich erinnert. Leider sind nicht wenige Passagen geschwärzt, weil Bettina Röhl, eine der Töchter von Meinhof und jüngere Halbschwester von Anja, dagegen geklagt hatte.
Anja Röhl: Die Frau meines Vaters, Edition Nautilus 2013, 18 Euro.

Was meinst du?